Geschwätz: Das (neue) literarische Quartett

Das bibliophile soziale Netzwerk wurde gestern vom Donner gerührt: Das ZDF will das literarische Quartett neu auflegen. Sofort wird über die Besetzung spekuliert, über die inhaltliche Füllung, jeder hat seine Wünsche, jeder seine Vorlieben und natürlich wüsste wiedermal jeder am besten, wie dieses Format zu gestalten sei oder aber wie es auf gar keinen Fall aussehen darf. Ich bin mir da nicht so sicher, zum Glück muss ich ja aber auch nicht festlegen, wer da über was in welcher Art sprechen wird. Mir stellen sich nur ein paar grundsätzliche Fragen:

Für was und wen brauchen wir heute ein literarisches Quartett?
Wie muss dieses gestaltet sein, damit überhaupt jemand zuschaut?

Im Gespräch als ein Viertel des Quartetts ist ja Harald Schmidt. Das führte zu einem Aufschrei im sonst ach-so-demokratischen „Alle Meinungen sind wertvoll, alle Literatur ist gleichwertig“-Internet der Bücherfreunde. Der soll was zu Literatur sagen? Kann der das überhaupt? Versteht der was von Büchern? Kann der überhaupt lesen? Und überhaupt, der macht ja nur Altherrenwitze. Nun kann ich mich persönlich in Bezug auf den Humor Harald Schmidts nicht beklagen, im Gegenteil, ich wüsste nicht, was an halbwegs niveauvollerem Humor seit Schmidt im deutschen Fernsehen noch übriggeblieben bzw. nachgekommen sei. Ich weiß nicht, ob wir hier über Stefan Raab oder über Mario Barth oder sonst einen der TV-Spaßmacher reden müssten. Mit „Altherrenwitz“ bringe ich Schmidt nicht in Verbindung, eher mit „Ironie“. Davon abgesehen hatte ich immer den Eindruck, es handle sich um einen intelligenten, gebildeten Menschen. Warum soll der sich nicht qualifiziert zu Literatur äußern können? Zumal es doch durchaus denkbar sein könnte, dass Schmidt eher die Rolle eines Moderators übernehmen soll. Allemal: Eine Sendung unterhaltsam und schwungvoll moderieren, ein Gespräch leiten, lenken und am Laufen halten könnte er wohl eher als einer der derzeit im Fernsehen tätigen Literaturkritiker/innen, soweit ich das nach meiner Vorstellungskraft beurteilen kann. Und: Wenn nicht Schmidt, wen sollte man dann als Moderator für eine solche Sendung wählen? Im Rückgriff auf die beiden oben genannten grundsätzlichen Fragen: Vermutlich müsste ein literarisches Quartett, damit es heute gesehen wird, unterhaltsam sein. Wie damals auch. Und ja, „unterhaltsam“ war das alte literarische Quartett, es war keine abgehobene Altherrenrunde, auch wenn das manch einer heute so darstellen möchte. Ich kann mir vorstellen, dass Harald Schmidt das – als niveauvolle Unterhaltung – leisten könnte. Und eben da beißt sich ja die entrüstete Internetgemeinde selbst den Schwanz ab: Einerseits wünscht man sich „keine abgehobenen Gespräche“ (die ich, nebenbei, in keinem mir bekannten Fernsehformat, das sich mit Literatur beschäftigt, bisher gehört habe, zumal doch bitte das Sprachniveau der Redner dem Gegenstand angemessen sein sollte) – andererseits ist Harald Schmidt dann wieder nicht qualifiziert. Ja, was wollen die Leute denn nun? Promovierte Literaturwissenschaftler mit einer Zusatzausbildung im Bereich Jux und Dollerei?

Und dann die andere Frage: Für wen oder was braucht man ein literarisches Quartett, also ein Fernsehformat, das sich mit Literatur auseinandersetzt? Für den Austausch über Literatur? Das wohl kaum, denn zumindest mir antworten im Menschen im Fernsehapparat nie, wenn ich ihnen eine Frage stelle. Da bräuchte man dann wohl ein interaktives Sendeformat, und ich bin mir unsicher, ob das ZDF diesen Weg gehen möchte. Also: Wofür? Die einzige Antwort, die mir einfällt, ist die, dass in dieser Sendung eben Bücher besprochen und empfohlen oder verrissen werden – man braucht Literatursendungen also als Werbeplattform, Forum für Kritik und Entscheidungshilfe. Nun wurden ja bereits Rufe laut, die befürchten, dass dort nur über sog. „hohe Literatur“ gesprochen werden könnte, stattdessen möchte man endlich mal eine Sendung, in der die gesamte Spannbreite des Buchmarktes, inklusive eBooks und Hörbücher, abgebildet werde. Das ist eine ehrenwerte, sehr demokratische Forderung. Allein: Braucht der Krimimarkt, das Jugendbuch, der Young-adult-Markt, der historische Roman – braucht der eine breite mediale Werbeplattform? Oder verkaufen sich diese Bücher nicht auch so? Sind Krimifans wirklich daran interessiert, einer Sendung zuzuschauen, in der über die Qualität des Krimis XY gesprochen wird? Oder Jugendliche, die sich Diskussionen über Jugendbücher ansehen? Was nehmen die daraus mit – eine Kaufempfehlung, Floskeln für die literarische Diskussion mit Gleichaltrigen? Wenn in einer Sendung über Literatur eben über Bücher diskutiert werden soll, wenn es eben keine reine Werbesendung in der nacheinander vier Leute irgendein Buch vorstellen, das sie „gern gelesen haben“, sondern wenn diese Sendung auch ein Forum für Kritik sein soll, dann muss die Literatur das doch eben auch hergeben und die Leserschaft des Genres das überhaupt sehen wollen. Und zudem: Ein Nischendasein in Bezug auf die Verkaufszahlen führt ja nicht der historische Roman, sondern eben die sogenannte „hohe Literatur“. Ich würde es begrüßen, wenn ab und an ein Gedichtband besprochen würde – vielleicht würden dann auch ab und an Menschen Gedichtbände kaufen, nicht nur dann, wenn mal einer einen Preis gewinnt. Wenn ich mit der Büchhändlerin meines Vertrauens spreche, erzählt die mir nicht, dass sich der lustige Frauenroman XY so schlecht verkauft, sondern dass nur wenige Kunden anspruchsvolle Literatur gekaufen. Braucht also nicht eben genau diese Gattung eine Sendung, die sie ins Bewusstsein der Menschen rückt und die vielleicht sogar vermitteln kann, warum auch „anstrengende Bücher“ das Leben bereichern? Sicher, mit diesen Büchern beschäftigen sich bereits die laufenden Fernsehformate, die sich derzeit mit Literatur befassen. Aber ist das nicht vielleicht mit gutem Grund so? Gibt es nicht vielleicht einen Grund dafür, dass man die eine Literaturform massiv bewirbt und die andere nicht – sei es der, dass diese Form es vielleicht besonders nötig hat, oder vielleicht der, dass diese Literatur vielleicht eben eine Diskussion überhaupt hergibt, oder vielleicht der, dass die sog. „hohe Literatur“ vielleicht doch eine Qualität besitzt, die ein historischer Roman von Tanja Kinkel nicht hat? Das ist nicht sehr demokratisch, ich weiß, und wie geschrieben, ich halte die eher demokratische Forderung für berechtigt und ehrenwert. Aber mit welchen Grund werden Opern subventioniert und Discos nicht? Unabhängig von jedem Geschmacksurteil: Vielleicht weil sie es wert sind, da zu sein, und weil sie im Gegensatz zur Disco ohne Subventionen nicht mehr da wären. Vielleicht ist es mit der abgehobenen Literatur ja genauso. Vielleicht täusche ich mich aber auch.

Dient ein Fernsehformat dazu, Leute zum Lesen zu bewegen? Also fangen Menschen, die nicht lesen, damit an, weil im Fernsehen Bücher besprochen werden? Das kann ich mir schlecht vorstellen, ich denke, dass diese Leute das Format gar nicht ansehen werden. Das Argument, durch eine breitere Auswahl literarischer Genres könnte man durch eine solche Sendung vielleicht mehr Menschen für das Lesen begeistern, halte ich für nicht ganz realitätsnah. Eine Sendung, die sich von vorn herein nur mit Büchern befasst, wird von Leuten angesehen werden, die so etwas sehen wollen – also von Bibliophilen. Wenn man die anderen erreichen will, muss man Buchempfehlungen in andere Sendeformate einbinden und da natürlich auch eine größere Bandbreite an Literatur vorstellen, so dass für jeden etwas dabei ist. In dieser Form funktionieren ja die Buchempfehlungen von Karla Paul im ARD Buffet: Da kommen dann Leute, die eigentlich nur neben dem Essen den Fernseher laufen haben, dank solcher Tipps vielleicht auf die Idee, mal ein Buch zu kaufen. Das ist aber nicht mit dem Publikum vergleichbar, das eine Neuauflage des literarischen Quartetts hätte.

So oder so: Ich lasse mich überraschen von dem, was da kommt, und hoffe vor allem auf eins: Auf unterhaltsame, anregende Diskussionen über Bücher. Nur eins ist sicher: Marcel Reich-Ranicki wird wohl nicht mehr mitreden. Der hätte diesen Posten, äh, Preis aber ohnehin abgelehnt.

Advertisements

11 Gedanken zu „Geschwätz: Das (neue) literarische Quartett

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Geschwätz: Das (neue) literarische Quartett - #Literatur | netzlesen.de

  2. Bersarin

    Literatur im Fernsehen ist immer Unterhaltung; in die Tiefe gehen läßt sich in diesem Medium selten. Wer vorher nicht las, wird in der Tat auch nach solchen Sendungen nicht zum Vielleser mutieren. Dennoch: Damit es für die Freundinnen und Freunde der Literatur jedoch gute Unterhaltung wird, ist Harald Schmidt die erste und die besten Wahl. Ich will auf dem Stuhl keine dröge Iris Radisch sehen, keinen freundlichen, liebenswerten aber irgendwie doch langweiligen Hubert Winkels und auch nicht die Plaudertasche Denis Scheck. Eine gute Besetzung wäre zudem der Blogger Bersarin. Der würde mit harten Thesen und elitärem Gestus gut für Provokation sorgen, zumal ich während der Sendung darauf bestünde, Alkohol zu mir nehmen zu dürfen und zudem mir das Privileg ausbedingen würde, was sonst nur Helmut Schmidt zusteht, während der Sendung zu rauchen.

    Ob Marcel Reich Ranicki nicht mit dabei sein wird, ist allerdings noch nicht ganz ausgemacht.

    Antwort
      1. Bersarin

        Nein, nein, nein. Das kann man sprachgewandt und mit Sprachkraft viel besser inszenieren. Metaphernaxt höchstens. Ich stelle mir da eher Karl Kraus vor. Nicht schreien und toben. Sondern gezielt den Dummrotz, das Dumpfbatzige und die Dampfplauderer:innen aufspießen.

        Aber die Youtube-Szene ist zugegebenermaßen lustig und spiegelt den Geist der Zeit wider.

  3. J. Kienbaum

    Wer Harald Schmidt gehört hat, wenn er über Bernhard oder Walser redet, der weiß: Harlad Schmidt kann Literatur.
    Ferner verweise ich auf das wundervolle, hochintelligente und unterhaltsame TV-Interview, das er mit Gerd Voss geführt hat. 1 Stunde pures Niveau – auf beiden Seiten. Schmidt ist o.k. Bloß keine Löffler, keine Radisch, keinen Mangold oder andere Feuilleton-Größen; die sind immer so bierernst und nehmen sich (und ihrer Überzeugungen) oft zu wichtig. lg_jochen

    Antwort
  4. atalantes

    Ein schöner, leidenschaftlicher Kommentar, mich hat es nach dieser Nachricht auch direkt in den Fingern gejuckt.
    Es wäre von Vorteil für den Literaturbereich im Deutschen Fernsehn, wenn ein paar neue Gesichter die Diskussion beleben würden. Nicht’s gegen Herrn Scheck, aber er macht ja jetzt auch Druckfrisch in Lesenswert. Mich würde es aber sehr freuen, wenn ich die aus dieser Sendung entflohene Thea Dorn in einer neuen Diskussionsrunde sehen würde und den vom Schweizer Fernsehn geschassten Stefan Zweifel, dazu noch Daniela Strigl und Paul Jandl. Das wäre für mich eine Wunschbesetzung für eine Neuauflage des Literarischen Quartetts.

    Antwort
  5. Zeilenkino

    Daniela Strigl würde ich mir ebenfalls wünschen. Dass sie klug über Literatur im Fernsehen reden kann, hat sie ja hinlänglich bewiesen. Und ich möchte auch keine Empfehlungssendung, sondern leidenschaftliche Debatten über Literatur – und Kritik.

    Außerdem wäre ich durchaus für eine breitere Literaturwahl – also nicht nur Krimis und Jugendbücher, aber auch mal Genreliteratur, die fernab der Fitzeks und Funkes häufig ein Nischendasein fristet. Allerdings würde das natürlich eine Redaktion und Besetzung erfordern, die mal fernab der Suhrkamp- und Hanser-Bücher sucht.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Daniela Strigl kenne ich nur vom letztjährigen Bachmannpreis, da fand ich aber, dass sie ein paar mal zu oft platte, mitunter auch dumme Dinge gesagt hat. Wäre nicht meine Traumbesetzung.

      Antwort
  6. Stephanie Jaeckel

    Allein die Vorstellung, dass über Literatur gesprochen und eben nicht geschrieben wird, finde ich gut. Schmidt auch. Selber gucke ich kein Fernsehen. Aber ich kenne durchaus Leute, die sich vom alten Literarischen Quartett zu der einen oder anderen Lektüre verleiten ließe. Wäre ja nicht das schlechteste. Und: Die Auswahl dürfen die Vier dann selber auswählen. Ist doch das Spannende, was sie uns da vorsetzen. Demokratische Auswahlkriterien halte ich für langweilig. Die sollen über die Bücher reden können, die ihnen auf der Seele brennen. Oder die sie verabscheuen.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s