Ian McEwan – Kindeswohl

McEwan Kindeswohl

Manchmal wird man ja von Leuten eingeladen, die kennt man gar nicht weiter. Zum Beispiel von Arbeitskollegen, die man kaum kennt, irgendwie aber ganz nett findet. Und da steht man dann vor diesem Problem: Man weiß praktisch nichts über sie, muss sich jetzt aber beispielsweise ein Geburtstagsgeschenk überlegen. Was soll man also mitbringen? Ein Fläschchen Wein? Zu abgedroschen. Eine Blumenvase? Schwierig, am Ende gefällt sie nicht. Genau für diese Fälle hat Ian McEwan jetzt die Lösung: Man bringt einfach seinen Roman „Kindeswohl“ mit.

In diesem geht es um eine Richterin am Familiengericht. Neben alltäglichem Scheidungskrimskrams hat sie auch mit Kindern zu tun, deren Eltern oder die selbst aus religiösen Gründen nicht eben vernünftige Entscheidungen treffen wollen. Diese Fälle setzen ihr sehr zu, da sie sich über den Willen von Eltern (und Kindern) hinwegsetzen muss, wenn sie das für geboten erachtet, und danach mit den von ihr verursachten Folgen und eventuellen weltanschaulichen Anfeindungen leben muss. Und so steht die ohnehin bereits etwas angeschlagene Richterin Fiona Maye in „Kindeswohl“ vor der Aufgabe, gleichzeitig eine schwere Ehekrise sowie die eigene Kinderlosigkeit zu verkraften und über einen fast volljährigen Zeugen Jehovas zu urteilen, der aus religiösen Überzeugungen eine Bluttransfusion ablehnt. Sie versucht, sich den Folgen, die ihre Entscheidung nach sich zieht, zu entziehen, verliert dabei aber zwischenzeitlich die Kontrolle.

All das ist schön erzählt, gut geschrieben, gut recherchiert und könnte so viele schwierige Fragen aufwerfen. Ich habe das Buch auch gerne gelesen. Danach habe ich aber eigentlich alles gleich wieder vergessen, was passiert ist. McEwan erzählt für meinen Geschmack sehr steril: Man sieht seinen Figuren zu, hat aber eigentlich nichts mit ihnen zu tun. Das Schicksal der Figuren hat mich nicht weiter beschäftigt, weder intellektuell noch emotional. Ich wurde gut unterhalten, insgesamt war die Handlung aber selten überraschend. Und irgendwie war am Ende auch alles dann doch nicht ganz so schlimm.

Ian McEwan hat hier alles richtig gemacht, leider ist „Kindeswohl“ für mich aber trotzdem ein verzichtbares Buch. Eines, das man ohne Probleme den Arbeitskollegen, die man eigentlich gar nicht kennt, schenken könnte. Es ist niveauvoll und gut genug, um nicht brüskierend zu wirken, gleichzeitig aber auch irgendwie gleichgültig genug, um niemandem weh zu tun. Schade eigentlich, aber auch nicht wirklich schlimm. Es ist eben irgendwie egal.

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4 Gedanken zu „Ian McEwan – Kindeswohl

  1. buchrevier

    Klasse! Genauso geht es mir auch immer nach der Lektüre von McEwan-Romanen. Allerdings auch bei John Irving und McCarten-Romanen. Anspruchsvoller Mainstream – Ex und hopp!

    Antwort
  2. Pingback: [Kulturgeschwätz] Ian McEwan – Kindeswohl - #Literatur | netzlesen.de

  3. karu02

    Danke für die Warnung, so wird wenigstens mein Noch-zu-lesen-Stapel nicht höher. Manche Autoren schreiben zu viel, Mc Evan gehört dazu. Er war früher besser.

    Antwort

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