Ha Jin – Verraten

img_3174Ha Jin ist quasi eine literarische Jugendliebe von mir, als ich so 17 oder 18 war, habe ich viele seiner Bücher gelesen und sehr gerne gemocht. Als dann „Verraten“ 2015 erschien, habe ich mich darüber sehr gefreut, es gleich gekauft und dann natürlich ewig lange nicht gelesen. Irgendwas ist ja immer. Aber jetzt habe ich es endlich geschafft.

„Verraten“ ist die Geschichte von Gary Shang und seinen Familien, denn Gary führt gezwungenermaßen ein Doppelleben: Er hat sich in jungen Jahren als Spion für die chinesische kommunistische Partei in die amerikanische Botschaft eingeschlichen, und als sich diese mit dem Sieg der Kommunisten in China erst nach Japan und schließlich nach Nordamerika zurückzieht, geht Shang auf Befehl der Partei mit, um schließlich als wichtiger Spion innerhalb der CIA China zu dienen. Seine chinesische Frau, mit der er, kurz bevor er seine Arbeit in der amerikanischen Botschaft aufgenommen hat, durch seine Eltern verheiratet worden ist, hat er nur wenige Tage lang kennengelernt und dann, trotz einiger Versuche und wiederholter Bitten an die Parteiführung, nie wiedergesehen. Dass sie ihm Zwillinge geboren hat, hat die Partei Shang lange verheimlicht, dafür hat sie ihm empfohlen, in Amerika eine neue Familie zu gründen, was Shang dann auch getan hat. Die Tochter aus dieser Ehe ist die Erzählerin des Romans, die zum einen von ihren Recherchen über ihren Vater und ihrem Leben, zum anderen aber ausgehend von Tagebüchern des Vaters dessen Leben erzählt.

Und so erhält der Leser einen Überblick über die Geschichte Chinas seit den 1950er Jahren bis heute. Man erfährt sowohl von den Kämpfen der kommunistischen Partei, der Kollektivierung und der durch den „Großen Sprung nach vorn“ ausgelösten Hungersnot wie von dem angespannten Verhältnis Chinas zu Sowjetunion und USA wie von aktuellen Problemen Chinas: Belastete Lebensmittel und giftiges Milchpulver kommen hier genauso vor wie die Benachteiligung der chinesischen Landbevölkerung, Korruption und die Kritik junger Chinesen an dem zensierten Internet.

pine2c_plum_and_cranesVon alle dem erzählt Ha Jin in der ihm eigenen, sehr kargen Sprache, die mich immer an die alten chinesischen Gemälde, die man so kennt, erinnert: Mit ein paar klaren Pinselstrichen entstehen in diesen Landschaften, so wie Ha Jin mit ein paar wenigen, ruhigen Worten Geschichten zeichnet. Manche Formulierungen (die ich mir leider nicht notiert habe) sind leider etwas redundant oder schief, wobei man hier vermutlich die Übersetzung zumindest mitverantwortlich machen muss.

Wer einen spannenden Spionageroman oder gar einen Thriller erwartet, kennt Ha Jin nicht: Er entwirft – wie in allen seinem Romanen – Gesellschaftsbilder, dabei geht es weder um Spannung noch um Rührung. Und wie auch in „Warten“ und in „Kriegspack“ zeigt er auch in „Verraten“ vor allem, wie individuelles Lebensglück durch den chinesischen Staat zerstört wird, trotz aller Langmut und aller Redlichkeit der Figuren. „Verraten“ ist vor allem ein Buch, das sich sehr deutlich gegen einen unkritischen chinesischen Patriotismus wendet:

„Sei kein blinder Patriot wie Gary“ (S. 260),

ist der Rat, den die Erzählerin ihrem Neffen gibt – und ist die Botschaft, die Ha Jin durch sein Buch zieht. Gary Shang, zerrissen zwischen zwei Ländern und zwei Familien, hat sein Leben lang loyal und geduldig einem Land gedient, das ihn willentlich ausgenutzt und um sein Lebensglück gebracht hat, das ihn „verraten“ hat. Freiheit und Unabhängigkeit ist in diesem Roman dann auch für junge Chinesen nur zu haben, wenn sie China verlassen und sich von diesem Land lösen. Insofern ist das Buch auch ein Votum für Amerika, seine Freiheit und seinen Individualismus. Hier spiegelt sich vielleicht auch ein bisschen die Biografie des Autors – Ha Jin war ja selbst während der Kulturrevolution Soldat in China und emigrierte später in die USA.

Angesichts der nach wie vor herrschenden Verhältnisse in China, die ja eben auch thematisiert werden, ist „Verraten“ ein gutes, mutiges und wichtiges Buch, das so von Ha Jin wohl kaum hätte veröffentlicht werden können, wenn er noch in China leben würde. Wer sich für die jüngste Geschichte Chinas interessiert und noch keine großen Vorkenntnisse hat, dem sei dieser Roman empfohlen. So gut wie „Warten“ ist es leider nicht, aber trotzdem: Ein gutes Buch, das ich gern gelesen habe. Bei dem ich mir aber fast sicher bin, dass viele es – eben weil es ein sehr ruhiges, nüchternes Buch ist – langweilig finden würden. So habe ich es aber nicht wahrgenommen.

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Ein Gedanke zu „Ha Jin – Verraten

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