Petina Gappah – Die Farben des Nachtfalters

gappah-farben-nachtfalterJ. M. Coetzee findet laut Buchumschlag: „Petina Gappah ist eine glänzende Erzählerin.“ Und ich als autoritätshörige Person, die ich nun mal bin, dachte mir: „Ok, wenn der das sagt, dann stimmt es bestimmt.“ Und weil Coetzee ein Ehrenmann ist, dem man vertrauen kann, ist die simbabwische Petina Gappah natürlich wirklich eine glänzende Erzählerin, wenn man das so formulieren will.

„Die Farben des Nachtfalters“ (warum man diesen kitschigen Titel statt des viel schöneren Titels „The Book of Memory“ gewählt hat, wird wohl das Geheimnis des Verlags bleiben) enthält die fiktiven Aufzeichnungen von Memory, die zu Unrecht wegen Mordes zum Tode verurteilt worden ist und deswegen im Gefängnis Chikurubi in Simbabwe lebt. Insofern ist der Roman eine fiktive Biographie, die zu klären versucht, wie es so weit kommen konnte, wie es gekommen ist. Und insofern ist der Roman eine Geschichte über das Leben in einem simbabwischen Frauengefängnis unter der Willkür und Gewalt der Aufseherinnen, unter menschenunwürdigen Bedingungen, unter ständiger Beobachtung und vor allem: Abgeschnitten von der Außenwelt. Und gerade deshalb ist die jüngste Geschichte Simbabwes ständig präsent in diesem Roman, weil sie für die inhaftierten Frauen, die immer nur bruchstückhaft von Neuigkeiten erfahren, so eine wichtige Rolle spielt, zum einen da diese auf eine Amnestie durch eine neue Regierung hoffen, zum anderen da eben Neuigkeiten Mangelware sind. Wer also einen Roman sucht, in dem man etwas über das Leben in Simbabwe in den letzten Jahrzehnten erfährt, sollte hier zugreifen.

Aber es ist eben nicht nur eine Lebens- und Gefängnisgeschichte, die hier erzählt wird, sondern auch eine Familiengeschichte, denn die Frage, die Memory erörtert – nämlich wie es so kommen konnte, dass sie zu Unrecht zum Tode verurteilt worden ist –, greift zurück bis in die Kindheit, die Memory mit ihrer Familie und den Geschwistern, die nicht verstorben sind, in einem Township verbracht hat, bis sie im Alter von neun Jahren an einen Weißen, Lloyd, verkauft wird – den sie dann später ermordet haben soll. Und so erzählt „Die Farben des Nachtfalters“ auch in mehrfacher Hinsicht von Diskriminierung: Denn Memory ist ein Albino, und somit eine Außenseiterin. Ihre eigene Mutter betrachtet sie als Fluch und sucht unterschiedliche Wunderheiler auf, die sie von dem Makel der hellen Haut ihrer Tochter befreien sollen (hier erhält man auch einen Einblick in unterschiedliche Formen von Religion und Spiritualität in Simbabwe, von der Flusstaufe mit Exorzismus bis zum Geist-Medium). Und als Memory aus ihrer Familie herausgerissen wird, um zu Lloyd zu ziehen, wird das Machtgefälle zwischen Weiß und Schwarz in der ehemaligen Kolonie Rhodesien vollends deutlich: Vom Township wechselt sie in ein großes Herrenhaus, besucht eine gute Schule, kann ihre Fähigkeiten entfalten und später im Ausland studieren. Überhaupt ist sozialer Aufstieg für die Schwarzen in diesem Roman nach wie vor nur durch die Hilfe von Weißen möglich, dies betrifft auch einen Künstler, der nur das Land verlassen und international Karriere machen kann, indem er eine Deutsche heiratet. So sehr auf der einen Seite Kämpfe um die Landreform und Gewalt gegen weiße Grundbesitzer um sich greifen, so tief verwurzelt ist immer noch die Macht der Weißen und die Bereitschaft von Teilen der schwarzen Bevölkerung, diese als Autoritäten anzuerkennen, ehrfürchtig zu Memory aufzuschauen, weil sie mit Weißen in einem großen Haus gelebt hat, oder einen weißen Prediger als göttlichen Gesandten anzusehen. In der Geschichte Memorys spiegelt sich die Geschichte eines Landes, das mit den Folgen des Kolonialismus zu kämpfen hat: Da sind die von Kolonialherren zerstörten heiligen Stätten der einheimischen Ethnien, da ist die Korruption in der Regierung, da ist das Ringen der schwarzen Mehrheitsbevölkerung um politischen Einfluss und Aufstiegschancen. Und Memory als Albino steht zwischen allem: Aufgewachsen im Township und bei Weißen, weiß und schwarz gleichzeitig ist sie Grenzgängerin und Außenseiterin, blickt von außen auf all das, und ist eben gerade deshalb eine so gelungene fiktive Erzählerin. Und erzählt so nicht nur von der Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, sondern auch aufgrund von Geschlecht und sexueller Orientierung, gerade indem das Leben von inhaftierten Frauen und Wärterinnen und deren Geschichten mit einfließen.

Zum einen macht neben der eigentlichen Geschichte, die erzählt wird, also der Einblick in die jüngste Geschichte Simbabwes und seine Gesellschaft „Die Farben des Nachtfalters“ zu einem lesenswerten Buch. Zum anderen ist da aber die mythologische Bedeutungsebene, die Petina Gappah – die eben genau deswegen wirklich eine „glänzende Erzählerin“ ist – in die Geschichte einfließen lässt. Der Roman erzählt nicht einfach nur eine Lebensgeschichte in Simbabwe. Indem er den griechisch-antiken Mythos von den Erinnyen, den Rachegöttinnen, mit dem simbabwischen Glauben an Ngozi, Rachegeister, parallelisiert, indem er von Religiosität und Aberglaube und deren Bedeutung für das Leben der Menschen erzählt, und zeigt, wie Psychose und Aberglaube eins sein und das Leben steuern können, stellt er die oben genannte Frage: Wie es mit Memory so weit kommen konnte. Ob es ein Schicksal gibt oder alles Zufall ist. Und der Roman zeigt, wie eine falsche Annahme, ein Irrglaube, ein einziges falsch gedeutetes Ereignis zu einem  Schicksal werden können – und wie dieses Schicksal, die eigene Lebensdeutung, zusammenbrechen kann, wenn man mit einer anderen Deutung dieses einen Ereignisses konfrontiert wird. Und wie man dann weitermacht.

„Heute habe ich über den Birkenspanner nachgedacht. Genau wie dieser Nachtfalter musste ich meine Gestalt, meine Farbe ändern, um mich meiner Umgebung anzugleichen. Ich bin genau wie er blindlings hin und her geflattert, habe immer wieder die Farbe gewechselt im Besterben, mich anzupassen, zu überleben. Vielleicht ist das ja schon genug – dass ich mich fürs Überleben entschieden habe. Dafür, wieder von vorne anzufangen, ob hier drin oder dort draußen, aber stets im Bewusstsein der Wahrheit. Vielleicht reicht das ja schon.“ (S. 337)

Lest dieses Buch. Petina Gappah ist eine fantastische Erzählerin, manch einer würde vielleicht sagen: eine glänzende.

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4 Gedanken zu „Petina Gappah – Die Farben des Nachtfalters

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Petina Gappah – Die Farben des Nachtfalters – #Literatur

  2. literaturreich

    Ich habe mir das buch letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse gekauft, weil Petina Gappah so interessant und sehr sympathisch darüber erzählt hat. Ich sehe, ich muss es endlich mal lesen. Und das mit den deutschen Titeln, nicht nur bei diesem Buch, ist mir auch ein Graus. Nicht nur, dass es verfremdet, es werden dadurch oft völlig falsche Leser herangezogen, die von den Büchern dann meist enttäuscht sind. Verstehe ich seit Jahren nicht, wer diese Titel, aber fast durch alle Verlage hindurch, verzapft. Viele Grüße, Petra

    Antwort
  3. Pingback: Blogbummel Januar 2017 – buchpost

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