Norbert Gstrein – Eine Ahnung vom Anfang

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Geschichten mit Bombendrohungen können bestimmt spannend sein. Diese ist es nicht. Und trotzdem gehöre ich zu denen, die dieses fürchterlich langweilige Buch gelesen haben, als wäre es eben genau das nicht: langweilig. Zugegebenermaßen habe ich über gut die ersten 80 Seiten gedacht, dass ich das Buch lieber im Zug liegen lasse, weil es so fürchterlich langweilig ist. Aus irgendeinem Grund, der mir auch nicht ganz klar ist, hat es mich dann aber gepackt. Diese ganzen Figuren, die ich fürchterlich abstrus finde, waren auf einmal interessant, dieser Daniel, auf den ich als sein Mitschüler mit U-Hakerln geschossen hätte, hat mich tatsächlich beschäftigt. Und das ist doch nun wirklich kurios. Kurios, wenig aussagekräftig und irgendwie wirr wird auch diese „Rezension“, schuld daran ist natürlich das Buch, um das es geht.

Norbert Gstreins „Eine Ahnung vom Anfang“ handelt von einem Lehrer, der versucht, über den Selbstmord seines Bruders hinwegzukommen, unter anderem indem er seinen Lieblingsschüler Daniel in einem „Experiment“ mit denselben Büchern versorgt, die er auch seinem Bruder zu lesen gab. Selbiger Lieblingsschüler beschäftigt aber nicht nur ihn, sondern auch den Religionslehrer und insbesondere einen missionarischen Reverend aus Amerika. Alle gemeinsam oder auch alle ohneinander suchen sie nach tiefen Wahrheiten, nach Sinn, nach sich selbst. Als Jahre später eine Bombendrohung mit einem Aufruf zur Umkehr am Bahnhof des Dorfes gefunden wird, sind sich alle schnell einig, dass nur Daniel dahinter stecken kann. Sein Lehrer wird angefeindet, er soll Daniel mit seinen Büchern auf den falschen Weg gebracht haben.

Das ist ja nun das erste zentrale Thema des Romans: Es ist ein Roman über das Lesen, über die Macht von Büchern. So glaubt der Protagonist doch selbst, seinen Bruder durch die Lektüre, die er ihm empfohlen hat, in den Selbstmord getrieben zu haben und vermutet er daher doch, wie andere auch, dass die Bücher auch schuld sind an Daniels wirrem Lebensweg. Das zweite Thema ist die Suche nach einem übergeordneten Sinn, nach sich selbst, nach einer höheren Macht. Und diese Suche wird – so lese ich den Roman – enttäuscht. Das Leben ist nun mal leider erstaunlich banal, die großen Katastrophen gehen vorbei und danach geht es weiter wie zuvor – auch für den Lehrer, der am Ende des Buches sein Leben am Fluss wieder aufnimmt, wiederum in Begleitung eines Jungen, dessen er sich annimmt. Anscheinend haben seine Bücher weder seinen Bruder in den Tod, noch Daniel auf Abwege geführt. Gemeinsam ist den männlichen Figuren des Romans – dem Lehrer, Daniel, dem Reverend – ihr Bedürfnis nach Überinterpretation der Wirklichkeit und ihrer eigenen Bedeutung. Alles, was geschieht, wird bis zur Verschwörungstheorie gedeutet, die Wirklichkeit wird grundsätzlich auf die eigentliche Wirklichkeit dahinter hin befragt und natürlich hat alles etwas mit einem selbst zu tun. Unvorstellbar, dass die Bombenandrohung einfach einen banalen Hintergrund haben könnte, nein, selbstverständlich war es der Lieblingsschüler Daniel, der noch dazu von irgendjemandem auf diesen (Ab)Weg geführt wurde. Und so badet der Lehrer in narzisstischer Selbstschau, alles hat mit ihm zu tun, alles ist interpretationsbedürftig, sogar das Verhalten der Kollegen und Schüler: Wenn sie sich auffällig verhalten, wollen sie ihm damit etwas sagen, wenn sie sich unauffällig verhalten, wollen sie ihm selbstverständlich auch etwas sagen, da sie sich ja dann auffällig unauffällig verhalten.

Dem entspricht eine übertriebene, stellenweise fast schon gestelzte Sprache, die die einfachsten Dinge völlig übersteigert beschreibt: Vom Entkorken einer Weinflasche bis zum Hinunterlaufen einer Straße gibt es nichts, was man nicht vollkommen übertrieben umschreiben könnte.

Und somit ist die Gegenfigur zum Lehrer, die so oft gesucht wird, meiner Lektüre nach weder der Reverend (so der Spiegel) noch Agatha (so hier), sondern Daniels Jugendliebe Judith, die in Bezug auf ihren Sohn vom Lehrer fordert: „Keine Bücher, die er unbedingt lesen muss. Keine Theorien über Sinn und Unsinn des Lebens. Keine unnötigen Kompliziertheiten, wenn im Grunde alles einfach ist. […] Du nimmst alles viel zu ernst. […] Vielleicht kannst du irgendwann einsehen, dass es Dinge gibt, für die du nicht verantwortlich bist und die vielleicht nicht einmal etwas mit dir zu tun haben.“

Am Ende steht eine Absage an den tieferen Sinn und die permanente Interpretation der Wirklichkeit. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders gemeint. Man wird aus diesem Buch nicht ganz schlau. Unabhängig davon, ob es sich bei „Eine Ahnung vom Anfang“ um ein wirklich gutes Buch handelt – um das beurteilen zu können, verwirrt es mich zu sehr –, eines ist das Buch sowie sein Autor bestimmt: Unterbewertet.

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2 Gedanken zu „Norbert Gstrein – Eine Ahnung vom Anfang

  1. karu02

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn es mir ähnlich erging und mich leicht verwirrt zurück ließ. Es steht so unglaublich viel zwischen den Zeilen, was alles mit gelesen werden will.
    Am Ende müsste man eigentlich noch mal von vorn beginnen.

    Antwort

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