Siegfried Lenz – Der Überläufer

Lenz ÜberläuferTatsächlich ist die deutsche Literaturgeschichte gar nicht so reich an Soldatenfiguren, obwohl es ja durchaus immer genug Soldaten gegeben hätte und die vermutlich auch immer ausreichend Erzählstoff geboten hätten. Dass wir vor 1900 Soldatenfiguren – als Soldaten, nicht als edle Heerführer wie Wallenstein oder als Vertreter der (preußischen) Oberschicht – fast nur bei Jakob Michael Reinhold Lenz und bei Büchner finden, hat wohl poetologisch-ästhetische Gründe: Deren Elend war dann doch zu elendig für die betuchtere, gebildete Leserschaft. Literatur, die sich mit dem Krieg selbst und den Soldaten darin beschäftig, entsteht dann vor allem mit den beiden Weltkriegen, insbesondere Borcherts „Draußen vor der Tür“, aber auch Bölls „Wo warst du, Adam?“ sind inzwischen nahezu klassische Beispiele dafür. Praktisch zeitgleich zu dem Titel Bölls entstand um 1951 der eigentlich zweite Roman von Siegfried Lenz, „Der Überläufer“.

Und dessen Entstehungsgeschichte, die im Nachwort des Bandes dargestellt wird, ist fast spannender als der Roman selbst: Das Manuskript wurde nämlich deswegen trotz eines existierenden Verlagsvertrages nicht gedruckt und dann im Archiv vergessen, weil die Geschichte um einen deutschen Soldaten der Wehrmacht, der an der Ostfront zur Roten Armee überläuft, um sein Leben zu retten, und der später aus der Sowjetzone in den Westen flieht, um abermals sein Leben zu retten „im politischen Klima der Adenauer-Zeit und angesichts der bedrohlichen Verhärtung zwischen den Westmächten und dem Ostblock schlicht unvorstellbar ist“ (S. 347). Gerade angesichts dieser Handlung ist es aber bedauerlich und nicht ganz nachvollziehbar, warum in der nun gedruckten Fassung der von Lenz selbst sehr treffend hinzugefügte Untertitel „Der Tod macht die Musik“ (S. 358) weggelassen wurde, trifft dieser doch genau das Verhalten der Überläuferfigur, um die es geht: Walter Proska eignet sich nicht dafür, für irgendwelche Ideen heroisch in den Tod zu gehen, sondern sein Verhalten wird maßgeblich von dem Versuch geleitet, den eigenen Tod zu vermeiden. Deswegen erschießt er andere Soldaten, bevor sie ihn erschießen können – ganz im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten in der Wehrmacht, Willi, den alle nur als „Schwein“ bezeichnen und der durchaus auch einfach aus Grausamkeit und Verrohung heraus tötet – und deswegen läuft er über, als ihm keine andere Möglichkeit bleibt.

Keiner der Soldaten, auf die man in Lenz‘ Roman trifft, scheint sonderlich von hehren Propagandaidealen, wie sie das Naziregime ja gerne vermitteln wollte, beeindruckt – keiner weiß so recht, warum er in diesem Krieg ist – im Gegensatz zu den entschlossen wirkenden russischen Partisanen -, keiner fühlt sich der „Klicke“, die für diesen Krieg verantwortlich ist, irgendwie verpflichtet oder gar verbunden – Proska bezeichnet sie sogar ganz offen als „böse“, und schiebt ihr damit all das Böse zu, das er tut –, jeder wäre lieber wo anders und vor allem: Eigentlich geht keiner von ihnen davon aus, den Krieg zu überleben. Lenz stellt hier mit all seiner Sprache, die sich einerseits durch eine große Einfachheit, gleichzeitig aber durch einen an manchen Stellen nahezu expressionistischen Bilderreichtum auszeichnet, der dann doch wieder an „Draußen vor der Tür“, das ja auch expressionistische Züge hat, erinnert, Krieg und seine Folgen für die Soldaten so dar, wie er ist: Trostlos, hoffnungslos und verrohend, als Trauma, das man, auch wenn man es überlebt, nie wieder los wird:

„Wir werden immer hier bleiben, Baffi. Und wenn man uns zurückholt, werden wir uns an kein anderes Nest gewöhnen können. Wer die Rokitno-Sümpfe geschluckt hat, kann sie nie wieder ausspucken. Wer diese Luft einmal geatmet hat, dem bleibt sie in den Lungen stecken. Wir werden nie mehr freikommen, nie mehr.“ (S. 127)

Nicht alle Soldaten werden dadurch aber zu Überläufern. Zu dem sich anpassenden, biegsamen Proska stellt der so groß gewachsene wie geradlinige Zwiczosbirski eine Gegenfigur dar. Er hat seinen eigenen Willen und seine eigenen Entscheidungen, für die er auch Konflikte mit seinen Vorgesetzten einzugehen bereit ist, er hat sich trotz des Krieges menschliche Gefühle wie Freundschaft und Solidarität bewahrt, immer wieder wird auf seine Gutmütigkeit hingewiesen. Wie wenig er bereit ist, eine einmal getroffene Entscheidung zurückzunehmen, und welchen Preis er dafür zu zahlen auch bereit ist, wird in seinem Kampf mit einem alten Hecht deutlich, den er unbedingt fangen will. Diesen Kampf kann und will er auch dann nicht aufgeben, wenn er sich selbst dadurch in Lebensgefahr bringt, und er führt in den vorübergehenden Wahnsinn. Proskas Überläufertum steht hier geradliniger Wahnsinn gegenüber. Im Gegensatz zu Proska scheint Zwiczosbirski nicht zur Roten Armee überzulaufen, sondern in Kriegsgefangenschaft zu geraten – Jahre später sieht Proska ihn oder glaubt, ihn zu sehen, allerdings lehnt dieser jeden Versuch der Kontaktaufnahme durch Proska ab. Der Überläufer Proska ist sozial von dem, dessen Trauma er teilt, isoliert, wie er von allen Menschen in der Sowjetzone isoliert ist. Wer selbst keine Solidarität zeigt, erfährt auch keine – und so ist es erstaunlich, dass er durch seine Mitarbeiter vor der Verhaftung gewarnt wird und so in den Westen fliehen kann.

Vervollständigt wird diese soziale Isolation durch die Trennung von der Schwester, dem einzigen noch lebenden Familienmitglied. Der Versuch, zu ihr Kontakt auszunehmen, ihr eine große Schuld zu gestehen, die Proska auf sich geladen hat, scheitert: Der Brief mit dem Geständnis, den Proska ihr schickt, hält er bald wieder als unzustellbar in den Händen – der „Assistent des Gewissens“ (S. 298) kann sein Gewissen nicht erleichtern.

„Der Überläufer“ ist ein Buch über den Krieg und seine psychischen wie sozialen Folgen, darüber, wie man überlebt, wenn man ständig den Tod vor Augen hat. Wer Lenz mag und sich dafür interessiert, wie Literatur mit existentiellen Krisen umzugehen vermag, wird hier ein sehr interessantes Buch finden. Wer eine flotte Geschichte mit viel Gefühl und Spannung erzählt bekommen will, wird enttäuscht werden.

Schade, dass der Roman nicht 1952 veröffentlich wurde – er wäre für die damalige Zeit interessanter gewesen, als er es vielleicht für die heutige ist.

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4 Gedanken zu „Siegfried Lenz – Der Überläufer

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  2. Constanze Matthes

    Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen, nicht nur weil ich die Bücher von Lenz sehr mag und schätze. Der Roman braucht keine großen aufgebauschten Szenen, um das Grauen des Krieges darzustellen, dass jeder involviert ist und von einer Sekunde auf die andere getötet werden kann. Am Ende fand ich es indes schade, dass die Nachkriegszeit nicht mehr Raum einnahm. Interessant auch, dass mit „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann zwei Romane in relativ kurzem Abstand veröffentlicht wurden, die das Thema Desertion behandeln. Viele Grüße

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  3. Kastanie

    Ich finde es auch schade, dass das Buch erst postum erschienen ist. Aber besser spät als nie. Erstaunlich, dass Lenz den Verriss dieses Lektors, der übrigens eine Nazivergangenheit hatte, die aus mir unverständlichen Gründen nicht im Nachwort erwähnt ist, so gut wegstecken konnte. – Ich war etwas enttäuscht, dass der zweite Teil (der Überläuferteil) nicht so überzeugend wie der erste Teil (der Partisanenteil) erzählt ist. Auch der Nachkriegsteil wirkt seltsam schematisch, obwohl das Kafkaeske darin mir als Stilmittel gefallen hat. Aber trotzdem ein lesenswertes Buch, das sehr eindringlich die Sinnlosigkeit von Kriegen verdeutlicht.

    Antwort

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