Zur Kritik des normierten Lesens II: Einige Ergänzungen

Vor knapp zwei Jahren schrieb ich aus einer aktuellen Diskussion auf social media heraus den Text „Zur Kritik des normierten Lesens“ (zu finden hier oder auf 54books, wo er zuerst erschien), der sich mit der Abwertung bestimmter Lektürepraktiken eines eher genuss- und kompensationsorientierten, häufig als „weiblich“ kodierten Lesens beschäftigt hat. Dieser Text ist deutlich öfter gelesen worden, als ich das erwartet hatte, verlor damit seinen ursprünglichen Diskussionskontext und war schon damals eigentlich ergänzungsbedürftig und zu pauschal für diese vom Anlass losgelöste Rezeption, weil er so tut, als gäbe es milieubedingtes, habituelles Lesen nur in der Oberschicht und als gäbe es Dünkel gegenüber andere Lektürepraktiken nur „von oben“. Daher nun ein ergänzendes, vielleicht etwas differenzierteres Nachdenken über die Lesegewohnheiten und Schichtzugehörigkeit, über Distinktion und Kommunikation, ausgehend von einigen längeren Zitaten aus Jost Schneiders „Sozialgeschichte des Lesens“ von 2004. Auch dieser Text wird natürlich schon ergänzungsbedürftig sein, wenn er online geht, und das ist doch schön, vielleicht schreibe ich dann irgendwann noch Teil III und so geht das dann ewig weiter.

Denn natürlich ist jede Lektürepraxis habituell und milieubedingt, damit auch in gewisser Weise normiert, auch die der Mittel- und Unterschicht, und natürlich lehnen Vertreter/innen dieser Milieus die Lektürepraxis oberer Milieus genauso ab, es gibt also auch Dünkel „von unten“. Dabei ist sich eigentlich niemand der Milieubedingtheit der eigenen Lesegewohnheiten so richtig bewusst, erkennt sehr deutlich die Fehler der anderen Milieus, nie aber die eigenen – man selbst ist sich immer sicher, für „alle“ sprechen zu können, beurteilen zu können, was „alle“ lesen wollen, objektive, allgemeingültige Urteile fällen zu können. Einen verzerrten Blick auf die Realität haben immer nur die anderen.

Das Thema ist nun wieder erstaunlich aktuell geworden durch die Debatten um den Roman „Stella“ von Takis Würger, der hier aber nur als Aufhänger eine Rolle spielen soll, nicht so sehr als Roman selbst. Die Gruppe der Berufsleser/innen in der feuilletonistischen Literaturkritik kritisierte den Roman scharf , die Gruppe der Berufsleser/innen im Buchhandel verteidigte ihn ebenso heftig, beide Gruppen werfen sich wechselseitig vor, eher aus ökonomischen bzw. machtpolitischen denn aus literarischen Interessen zu urteilen: Die Literaturkritik wirft den Buchhändler/innen vor, sie verteidige einen Roman, der ihnen Umsätze beschert, die Buchhändler/innen werfen der Literaturkritik vor, sie mache sich künstlich wichtig. Diese Vorwürfe – die einen in ihrem Elfenbeinturm sind realitätsfern und blasen sich nur auf, die anderen in ihren Läden haben keine Ahnung und wollen nur Geld verdienen – sind relativ klassisch und wie Moritz Baßler in seinem so zutreffenden wie interessanten eher grundsätzlichen Artikel erläutert auch Zeichen eines zerbrochenen Konsens über Kriterien der Literaturkritik und Zeichen eines Funktionsverlustes von Literaturkritik, oder vielleicht eher: von einer bestimmten Lesepraxis.

Funktionsverlust der Höhenkammliteratur

Nun kann man freilich und mit Recht sagen: Moment, diesen Konsens, den gab es nie, über Kriterien der Wertung wurde immer gestritten, und eine Funktion hatte hohe Literatur und ihre Kritik sowieso noch nie für alle. Das stimmt und stimmt nicht. Denn es war eben einmal anders. Bis zum Beginn des demokratischen Zeitalters hatte hohe Literatur eben durchaus eine gesellschaftliche Funktion und einen sozialen Ort: Sie war die gelehrte Literatur der Bildungseliten, des Bildungsbürgertums, diente diesem zur Selbstvergewisserung, und hatte darüber hinaus gerade im bürgerlichen Zeitalter der 19. Jahrhunderts zunehmend die Funktion, nationale Identität zu repräsentieren.

Die Höhenkammliteratur war die Literatur des Bildungsbürgertums genauso wie die Repräsentationsliteratur die Literatur des Besitzbürgertums war, die sich mit der Höhekammliteratur in vielem überschneidet, allerdings skandalöse und gegen öffentliche Moral verstoßende Werke der Avantgarde aussortiert hatte, und genauso wie die Unterhaltungsliteratur der Mittelschicht und die Kompensationsliteratur der Unterschicht zugehörig war. Nun haben sich im demokratischen Zeitalter und in diesem insbesondere beschleunigt ab den 1960er Jahren diese Schichten in Milieus ausdifferenziert, die sich oft den einzelnen Schichten noch zuordnen lassen – das Bildungsbürgertum aber hat sich weitgehend aufgelöst.

Die Folge ist, dass die Höhenkammliteratur mit der weitgehenden Auflösung des Bildungsbürgertums seinen sozialen Ort verloren hat – und ohnehin nach der Zeit des Nationalsozialismus und mit dem Fraglichwerden nationaler Identität ihre Funktion zur Stiftung derselben. Höhenkammliteratur gehört seither zu den Gattungen der Literatur, die milieuübergreifend gelesen werden – genauso wie Kinder- und Jugendliteratur und Pornographie übrigens. Denn die hohe Literatur ist inzwischen die Gattung, die vor allem von Berufsleser/innen gelesen, gepflegt und vermittelt wird: Also von Bibliothekar/innen, Literaturwissenschaftler/innen, Übersetzer/innen, Autor/innen, Feuilletonjournalist/innen, Lehrer/innen etc., die alle gemeinsam eine spezifische Bildungslaufbahn durchlaufen haben, die sie vor allem zu einer spezifischen, philologisch geprägten Lektürepraxis befähigen.

Dank Bildungsexpansion und der Möglichkeit sozialen Aufstiegs ist nun die Gruppe der Berufsleser/innen keine, die einem homogenen Milieu zugehört – wenn es auch innerhalb der Berufsgruppen Schwerpunkte gibt, die dann wiederum für spezifische milieugeprägte Vorlieben sorgen, dazu gleich noch mehr. Berufsleser/innen, die selbst aus Milieus der Oberschicht stammen, werden eher im Bereich des Journalismus und der Literaturproduktion zu finden sein, Berufsleser/innen aus Milieus der Mittel- und Unterschicht eher unter den Lehrer/innen und Bibliothekar/innen. Und den Buchhändler/innen, die freilich – da es ein Ausbildungsberuf ist, der aber mitunter eben auch von Akademiker/innen ausgeübt wird – noch einmal in sich eine heterogene Gruppe sind. So oder so: Die hohe Literatur hat keinen gewachsenen Ort innerhalb der kulturellen Vorlieben eines Milieus, dient keinem Milieu zur Bestätigung des eigenen Habitus, weder zur Repräsentation, noch zur Unterhaltung, noch zur Kompensation. Sie gehört zu einer gemischt besetzten Berufsgruppe, von der sie mit einem durch Bildung erworbenen Lesemodus gelesen wird. Indem Höhenkammliteratur keinen sozialen Ort mehr hat, hat sie auch keine gesellschaftliche Funktion mehr.

„Während die Gelehrten des feudalistischen und die Bildungsbürger des bürgerlichen Zeitalters eine für die Pflege der Hochkultur zuständige und in dieser Funktion wahrgenommene und anerkannte Gesellschaftsschicht bildeten, ist die Hochkultur im 20. Jahrhundert gleichsam der festen sozialen Heimat in dieser oder jener Gesellschaftsschicht beraubt und unter den in verschiedenen Milieus lebenden Berufslesern ausgestreut worden. Diese Loslösung hat einen Nachteil und einen großen Vorteil.

Der Nachteil besteht in einem offenkundigen Funktionsverlust. Es gibt in der Gegenwart keine soziale Schicht mehr, deren Angehörige sich hauptsächlich über ihre Teilhabe an der nationalen und internationalen Hochkultur definieren. Das gilt auch für die beiden Oberschichtmilieus, deren Lektürepräferenzen zwar relativ große Überschneidungen mit dem offiziellen Kanon aufweisen, deren Leseintentionen und Rezeptionsstile jedoch nicht bzw. nur partiell die moderne wissenschaftliche Texterschließungspraxis der Berufsleser nachahmen. Von vereinzelten Enthusiasten und Individualisten abgesehen, die es in allen Gesellschaftsschichten geben kann, sind es nur die Berufsleser, die historisch-kritische Ausgaben benutzen, systematisch bibliographieren, Sekundärliteratur auswerten und ihre eigene Textdeutung in die Interpretationsgeschichte des jeweiligen Werkes einordnen.“ (Schneider: Sozialgeschichte des Lesens, S. 421f.)

Freilich äußert sich diese Lesepraxis in den verschiedenen Berufsgruppen unterschiedlich: Ein/e Literaturwissenschaftler/in zieht Forschungsliteratur heran, ein/e Feuilletonjournalist/in in geringerem Ausmaße auch, ein/e Deutschlehrer/in verwendet vielleicht eher Lektüreschlüssel und Überblickswerke. Gemeinsam ist dieser Gruppe aber ein Überblick über Literaturgeschichte, ein Überblick über literaturwissenschaftliche Methodik und das Lesen mit einem interpretierenden Blick, der auch daraus resultiert, dass einfach sehr viele andere Werke gelesen worden sind, mit denen man ein Buch vergleichen kann – und aus dem Wissen, dass so ein Vergleich überhaupt erkenntnisfördernd sein kann. Es ist eine Lektürepraxis von philologisch geprägten Viellesern, die vom Text abstrahieren wollen, um diesen zu deuten.

Mein Urteil ist immer zweimal objektiver als deins.

Aber: Indem Höhenkammliteratur von einer Berufsgruppe gepflegt und vermittelt wird, die aus unterschiedlichen Milieus zusammengesetzt ist, herrscht eben in anderer Weise als noch im bürgerlichen Zeitalter, in der hohe Literatur zum Bildungsbürgertum gehörte, auch kein Konsens über Kriterien mehr. Denn die Berufsleser/innen bringen alle eine Prägung aus ihrem Milieu mit und verwechseln diese mit einem objektiven Urteil und Geschmack. Jedes Lesen ist milieugebunden und da die meisten Leute sich auch noch vorwiegend in ihrem eigenen Milieu bewegen, also nur von Leuten umgeben sind, die einen ähnlichen Habitus haben, denkt auch jede/r Leser/in, sie/er würde für „alle“ Leser/innen sprechen, ihr/sein Urteil wäre objektiv und sie/er könne festlegen, was alle lesen wollen und sollen. Es ist „fast allen Literaturformen ihre enge Gebundenheit an bestimmte Bildungs- und Gesellschaftsschichten nicht bewusst. […] Zwar gibt es keinen kulturellen Determinismus, d. h. im Prinzip könnte jedes Individuum jeden Text rezipieren (und produzieren). Aber de facto existiert eine enge Verknüpfung zwischen der Position im sozialen Raum und deren Rezeptionsgewohnheiten.“ (Schneider: Sozialgeschichte des Lesens, S. 453)

Und diese enge Verknüpfung findet sich auch innerhalb der heterogen zusammengesetzten Gruppe der Berufsleser/innen und führt eben dazu, dass nun in anderer Weise als früher wechselseitiges Unverständnis und kein Konsens mehr bezüglich der Kriterien literarischer Wertung und der Bewertung von Lektürepraxen besteht als zu einer Zeit, in der hohe Literatur noch einen sozialen Ort hatte.

„Dabei kann es offenbar zu unterschiedlich großen Diskrepanzen zwischen einerseits dem milieuspezifischen und andererseits dem berufsspezifischen Rezeptionsverhalten kommen. Relativ große Übereinstimmungen zwischen milieu- und berufsspezifischen Rezeptionsroutinen gibt es bei den beiden Oberschichten, also bei Berufslesern aus dem konservativ-gehobenen und aus dem technokratisch-liberalen Milieu, die fast nur ‚ihr Hobby zum Beruf zu machen‘ brauchen, um als Berufsleser zu reüssieren. Schon geringer sind die Überschneidungen bei Angehörigen des aufstiegsorientierten, des alternativen und des hedonistischen Milieus. Und markante Diskrepanzen gibt es bei Berufslesern aus den restlichen Milieus, zu deren Habitus es ja gehört, literarische Werke ganz überwiegend zu Unterhaltungs- und Kompensationszwecken zu rezipieren. Übrigens hat sowohl die Diskrepanz wie die Übereinstimmung ihre spezifischen Nachteile. Denn der Berufsleser aus den Oberschichten läuft Gefahr, seine milieu- und habitusbedingte Affinität zur kanonisierten Literatur mit einem angeborenen persönlichen Gespür für Qualität zu verwechseln, seine habitualisierte Lektürepraxis der methodisch-wissenschaftlichen Texterschließungsarbeit überzuordnen und damit letzten Endes seinen Beruf wie ein bloßes Hobby zu betreiben. Umgekehrt kann eine besonders große Diskrepanz zwischen milieu- und berufsspezifischer Lektürepraxis die Empfindung erzeugen, dass die Hochliteratur und die Literaturwissenschaft künstliche Welten sind, deren vermeintliche Abgehobenheit dann in übertriebener Weise als Funktionslosigkeit beklagt und/oder als Autonomie gefeiert wird.“ (Schneider: Sozialgeschichte des Lesens, S. 421)

Und so können sich dann Berufsleser/innen mit unterschiedlicher sozialer Herkunft wechselseitig vorwerfen, keinen Geschmack zu haben oder aber im Elfenbeinturm zu wohnen, wobei alle denken, dass sie wirklich im Recht sind und für wirklich alle und objektiv sprechen können, sich dabei aber nicht dessen bewusst sind, dass sie einfach nur ihrem milieubedingten Habitus folgen. Verschärft werden die wechselseitigen Verständnisschwierigkeiten durch Entwicklungen im literaturwissenschaftlichen Bereich, die ja die Lektürepraxis der Berufsleser/innen prägen. Hier hat man die Interpretation aus dem Werk und der Biografie des Autors heraus hinter sich gelassen, bezieht neue Kontexte, Begriffs- und Motivgeschichten mit ein, erklärt die/den Autor/in für gar nicht so wichtig:

„Aus der Sicht des Laien handelt es sich bei diesen wissenschaftlichen Textdeutungen oft um Überinterpretationen. Denn vor dem Hintergrund alltäglicher Kommunikationserfahrungen muss es unmöglich erscheinen, dass ein Autor alles das gemeint haben könnte, was der Philologe in das Gesagte oder Geschriebene hineinliest. Dieses Hineingelesene wird aber eben vom heutigen Berufsleser nicht mehr auf ein ursprünglich Gemeintes zurückbezogen. Aus seiner Sicht wächst dem Autor sein Wort gleichsam über den Kopf und verselbstständigt sich. Das macht die wissenschaftliche Textauslegung […] zu einem vergleichsweise einsamen Geschäft, weil die literarische Kommunikation anders als in den genuinen literarischen Kulturen der einzelnen Milieus nicht mehr als medial vermittelter Austausch mit einem menschlichen Gegenüber, sondern als Rede über ein eigentlich stummes Gebilde aufgefasst wird, in dem sich eher der Leser als der Autor wiederspiegelt.“ (Schneider: Sozialgeschichte des Lesens, S. 426)

Auch dieser Aspekt gegenwärtiger Deutungspraxis, die sich dann eben auch in feuilletonistischer Literaturkritik niederschlägt, führt dazu, dass Leser/innen und Buchhändler/innen zum Teil nicht verstehen, was eigentlich an Takis Würgers „Stella“ so schlimm sein soll. Für viele Menschen ist diese Art, Geschriebenes abstrahierend vom Gemeinten und vom Schreibenden und eher ausgehend von übergeordneten Strukturen und Diskursen zu verstehen, kontraintuitiv.

Öfter mal offener lesen

Lesegewohnheiten sind also immer habituell geprägt. Die Abneigung der einen gegenüber der scheinbar langweiligen, lebensfernen, irgendwie verkopften, mit Augenrollen „künstlerisch“ genannten Lektüre der anderen ist strukturell identisch mit der Abneigung dieser anderen gegenüber der gefühlsduseligen, verkitschten, unterreflektierten Lektüre der einen. Hinter beiden Formen der Abneigung steht vor allem die Fremdheit gegenüber einem anderen Habitus und einer zugehörigen Lesepraxis, die man nicht erlernt hat, die man nicht verstehen kann.

Die einzigen, die in ihrem Leben wirklich mehrere Lesegewohnheiten kennenlernen, sind Bildungsaufsteiger/innen, die den Habitus und die Lektürepraxis ihres Milieus verlassen müssen, um in ein höheres Milieu mit seinem Habitus und seiner Lektürepraxis aufzusteigen. Jemand aus einem Unterschichtmilieu, die/der es bis zum Germanistikprofessor/in schafft, liest am Zielpunkt seiner Karriere anders als am Anfang – ähnliches gilt für Feuilletonjournalist/innen, nicht ganz so groß muss die Diskrepanz bei Bibliothekar/innen und Lehrer/innen sein, wenn sie auch dort deutlich werden wird.

Nun verliert man aber bekanntlich nichts, wenn man sich für Neues öffnet, sondern man gewinnt etwas – und das gilt für beide Richtungen. Es lohnt sich für Menschen aus Oberschichtmilieus, sich einmal ernsthaft mit Lektüre und Lesepraxis anderer Milieus auseinanderzusetzen, genauso wie sich Aufstieg durch Bildung lohnt, und zwar nicht nur finanziell, sondern vor allem weil es den Horizont erweitert. Und insofern – aber nur insofern – haben diese ganzen Artikel im Feuilleton von Kindern aus Akademikerhaushalten, in denen sie auf einmal Hochkultur für langweilig erklären und lieber irgendeinen Rapper bejubeln, eine wirkliche Berechtigung. In Wahrheit sind solche und ähnliche kritische Artikel immer Abrechnungen mit dem eigenen Milieu, über das man sich erheben will, indem man sich zur kritischen Avantgarde erklärt, auch wenn diese Artikel bisweilen in dem Gestus geschrieben werden, dass man selbst ja gar nicht versnobt und abgehoben ist, sondern im Gegenteil ist man irgendwie besonders offen für die Kultur anderer Milieus und besonders dünkelbefreit. Das sind diese Artikel aber eben oft genug nicht, vielmehr sind sie Ausdruck einer anderen Form von oberschichtsspezifischer Distinktion: Es geht dabei zum einen um ein Abrechnen mit der eigenen Herkunft, perfiderweise geht es aber unbewusst (Habitus geht einem eben in Fleisch und Blut über, wird zum Instinkt) auch darum, sich von sozialen Bildungsaufsteiger/innen abzugrenzen. Denn – das kann man bei Bourdieu schon lang und breit nachlesen – die Bildungsaufsteiger/innen, nicht die Mitglieder der Oberschicht, sind es, die Hochkultur besonders ernst nehmen, die sie sich mit besonderem Fleiß aneignen, und sich deswegen gegenüber den Kindern der Oberschicht unterscheiden, da letztere all dieses kulturelle Kapital ererbt haben und über es mit Leichtigkeit, Eleganz und einer gewisser Distanziertheit verfügen können. Sie müssen nicht beweisen, dass sie kulturelles Kapital haben, ihnen ist das Selbstbewusstsein eigen, es zu haben, weswegen sie es mit Gewinn an symbolischem Kapital verleugnen können. Der Bildungsaufsteiger kann das nicht, er muss ständig beweisen, dass er was gelernt hat.

Es sind eben oft auch Akademiker/innen, die die Nase rümpfen über Leute, die sich vor ihrem Bücherregal fotografieren, es sind oft auch Akademiker/innen, die es langweilig finden, wenn jemand ihrem Eindruck nach zu bemüht mit Zitaten um sich schmeißt, es sind oft auch Akademiker/innen, die lieber Performance als immer dieselben Klassiker im Theater sehen wollen, weil die, ja die hat man doch schon so oft gesehen, das ist doch langweillig. So denkt nur jemand, für den all das selbstverständlich und bekannt ist. Und man macht es damit nolens volens denen schwer, für die all das erstrebenswert und neu ist. Es gibt Jugendliche, für die sind ihre Deutschlehrer/innen Vorbilder, genauso belesen wollen sie mal sein, und sie werden dann meist: Deutschlehrer/innen. Wenn die eigenen Eltern Professor/innen sind und man selbst einen schmissigen Feuilletonartikel darüber schreiben kann, in dem man irgendeine kulturelle Veranstaltung oder eine Veröffentlichung dafür rügt, langweilig und irgendwie im „Proseminararbeits-Stil“ zu sein, dann findet man dieses ganze Lehrerding und überhaupt strebsames Bildungsbemühen natürlich: kleinbürgerlich. Das ist nachvollziehbar, aber eben kein Zeichen für Dünkellosigkeit und offenes Denken, sondern ein Distinktionsgebaren das so alt ist wie die Entstehung einer in Schichten gegliederten Gesellschaft.

Sie machen damit sozialen Bildungsaufsteiger/innen, denen man ihre Pedanterie und ihren Fleiß, ihre fehlende Eleganz und Lockerheit im Umgang mit Kulturgütern sowie im sozialen Umgang eben anmerkt, zusätzlich schwer, haben diese Leute sich doch oft genug schon gegen ihr eigenes Milieu, dem sie entwachsen wollen, durchzusetzen:

„Generell ist […] noch einmal anzumerken, dass die Lockerung der Rezeptionsstandards nach unten hin erheblich leichter ist als nach oben hin. Es gibt Schichten, in denen es üblich und schicklich, wenn nicht sogar als Ausweis von Fortschrittlichkeit und Dünkellosigkeit ist, unter dem eigenen Niveau zu bleiben. Doch umgekehrt ist es nahezu unmöglich, das durch soziale Position und Bildungsstand markierte Niveau zu übertreffen, und zwar nicht nur aufgrund wirklicher Bildungsbarrieren, sondern auch aufgrund der Repressalien der ‚Standesgenossen‘, die darin Anzeichen von Überheblichkeit oder Wichtigtuerei erblicken. […] Über den schichtspezifischen geistigen Verhältnissen zu leben, provoziert gesellschaftliche Sanktionen. Dazu kommen – wiederum früher erheblich häufiger als heute – drastische materielle Ausschlussmechanismen wie z. B. hohe Buchpreise, Bekleidungsvorschriften im Hoftheater usw.“ (Schneider: Sozialgeschichte des Lesens, S. 453f.)

Jemand, der durch Bildung aufsteigt, sich kulturelle Welten erschließt, die ihm davor nicht offen standen, gewinnt dadurch. Man wird nun einmal nicht dümmer durch Bildung, man wird auch nicht dümmer durch Beschäftigung mit Hochkultur. Es lohnt sich daher, Hochkultur, Aufstieg durch Bildung und als piefig empfundene Bildungspedanterie nicht abzuwerten, um cool und vermeintlich dünkellos zu sein. Es lohnt sich sogar, für sie einzutreten, sie zu vermitteln und sie möglichst vielen Menschen, die keinen Zugang zu diesen Dingen haben, nahe zu bringen. Es gibt schlicht keinen Grund, sie augenrollend als langweilig wegzuwischen, nur weil man selbst in der glücklichen Situation ist, das alles längst zu kennen, es sich nicht erst erarbeiten zu müssen gegen das eigene wie das fremde Milieu. Und gleichzeitig hat Kritik an einem tatsächlich immer wieder mal anzutreffenden bornierten Habitus in Oberschichtsmilieus – die sich auch in den Gruppen der Berufsleser finden – ihre Berechtigung, denn auch diese Milieus verlieren nichts, wenn sie versuchen, Verständnis und Interesse für andere Lebensstile und ihre Kulturgüter zu erwerben. Nur: Bei dieser Kritik sollte man eben nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und entweder Hochkultur per se für überholt und langweilig erklären, oder – durchaus auch aus einem Paternalismus gegenüber der Unterschicht, in der „man eben so ist“, die man nicht an denselben Maßstäben messen darf wie andere, heraus – die Gewaltverherrlichung und Misogynie eines Musikers übersehen, den man feiert, weil man so beschäftigt damit ist, sich selbst als progressiv wahrzunehmen, weil man im Gegensatz zu allen anderen Leuten aus dem eigenen Milieu einen Künstler aus einem anderen Milieu gut findet.

Es gibt einen Dünkel „von unten“ und eben leider auch „von oben“ gegenüber Hochkultur. Beide Formen tragen nicht zu größerer Offenheit und zu Aufstieg durch Bildung bei. Es gibt auch einen Dünkel „von oben“ gegenüber den Lebensstilen und kulturellen Praxen weiter unten stehender Milieus. Dieser trägt genauso wenig zu Offenheit und der Ermöglichung von Bildungsgerechtigkeit bei. Egal von wo man kommt und wie man geprägt ist: Eine kritische Reflexion des eigenen Habitus, des eigenen Dünkels und eine Offenheit für andere Dinge schadet niemandem, sondern hilft allen. Das gilt auch für Leute, die das Feuilleton nicht lesen, aber sehr genau wissen, dass sie es nicht lesen, weil es ohnehin langweilig ist. Ja, es macht ab und zu Mühe, man muss sich erst einlesen, man muss rausfinden, wessen Texte man gerne liest, man kann vielleicht nicht gleich das erste Mal, wenn man Feuilleton-Artikel liest, gleich allem folgen und versteht nicht, warum das relevant sein soll. Aber es lohnt sich, Feuilleton zu lesen, man wird dadurch nicht dümmer, und man lernt auch, die Debatten – die relevant sind, sofern man gern über Kultur nachdenkt – zu verstehen und zu verorten. Umgekehrt lohnt es sich, auch mal Privatfernsehen zu schauen, Schlager zu hören oder einen Groschenroman zu lesen und hier eigenständige kulturelle Praxen wahrzunehmen und zu entdecken. Weder die Hochkultur noch Repräsentationskultur noch die Unterhaltungskultur noch die Kompensationskultur sind dabei frei von allerlei Unschönem. Nicht alle Kulturgüter tragen zur Mündigkeit bei – und ja, hier ist anteilig die Hochkultur den anderen Kulturformen eben schon überlegen und das sollte man auch anerkennen können. Es gibt aber eben auch Kulturgüter der Hochkultur, die vielleicht wirklich überschätzt oder schwierig sind. Darüber muss man dann kritisch diskutieren. Genauso wie über Unterhaltungskultur. Nur: Pauschales abwerten und wegwischen sind dabei genauso wenig hilfreich wie allzu gutwillig-paternalistisches Hinwegsehen über Kritikwürdiges.

Wenn es ein goldenes Zeitalter für die deutschsprachige Literatur gegeben hat, dann das 20. Jahrhundert – und hoffentlich auch das 21. Jahrhundert. Warum? Weil nie die Alphabetisierungsrate so hoch war, nie so viele Menschen lesen und an literarischer Kommunikation teilhaben konnten. Nur: Gerade auch deswegen, wegen des sozialen Wandels, der das ermöglicht hat, hat hohe Literatur ihre Funktion verloren und ist ein Konsens über ihre Bewertung in neuer Weise verloren gegangen. Wenn man mit dem breiten Publikum, das potentiell da sein könnte, gelungen kommunizieren will, wenn man Literatur vermitteln will, wird man vielleicht ab und an viel niederschwelliger ansetzen müssen, viel mehr grundsätzlich erklären müssen und viel weniger Konsens voraussetzen können, als man das derzeit tut. Freilich haben die feuilletonistischen Literaturkritiker/innen ihre Verrisse über Würgers „Stella“ ausführlich begründet – aber eben nur für Eingeweihte, die bestimmte Kriterien zur Bewertung und Deutung von Literatur kennen und teilen. Auch in der Frage, wie man mit dem Thema „Holocaust“ literarisch angemessen verfahren kann und wie viel Vorsicht hier walten muss, kann leider – und das ist das sehr viel ernsthaftere Problem als die Frage nach der Verständlichkeit von Literaturkritik – nicht unbedingt ein gesellschaftlicher Konsens vorausgesetzt werden (zumindest nicht in einem Land, in dem wohl 40% der 14-jährigen nicht wissen, was „Auschwitz“ sein soll).

In Wahrheit bräuchten wir viel mehr Bildung. Noch viel mehr als wir schon haben.

Und was soll jetzt der Vorteil sein?

Oben in einem Zitat aus dem Buch von Schneider war die Rede davon, dass der Funktionsverlust der Höhenkammliteratur einen Vor- und einen Nachteil habe. Dargestellt wurde bislang nur der Nachteil. Was soll also der Vorteil sein?

„Der besagte Funktionsverlust bringt andererseits, wie oben kurz erwähnt, unzweifelhaft einen großen Vorteil mit sich. Denn die in die Obhut von Berufslesern gegebene literarische Hochkultur verliert ihre Schichtspezifik, öffnet sich also den Erfahrungen, Ansichten und Lebenseinstellungen der unterschiedlichsten sozialen Milieus. Nach der Ständeklausel fällt nun auch die nirgends explizit formulierte, aber durchaus wirksame ‚Klassenklausel‘. Und eine ‚Milieuklausel‘ entstand erst gar nicht. Dies bedeutet einen entscheidenden Schritt in Richtung auf eine wirkliche Autonomisierung sowohl der Hochliteratur als auch der Literaturwissenschaft. Autonomie meint hierbei nicht das, was Kant und Hegel darunter verstanden und was sich im nachhinein als Verabsolutierung der dem bildungsbürgerlichen Habitus entsprechenden Rezeptionshaltung entpuppte […]. Autonomie meint vielmehr die freie, von den Dispositionen spezieller Schichten unabhängige, thematische und stilistische Öffnung und Ausdifferenzierung der Hochliteratur und Literaturwissenschaft.“ (Schneider: Sozialgeschichte des Lesens, S. 422)

Ich bin mir ehrlich gesagt unsicher, ob Schneider hier Recht hat. Es gibt eine langsame Öffnung zu neuen Themen und Gruppen, das schon, aber ich glaube, er unterschätzt hier, dass der Buchmarkt eben auch ein Markt ist. Und ich würde die Kunstautonomie, die Schneider hier verabschiedet, doch aus unterschiedlichen Gründen – insbesondere aus dem heraus, dass der Buchmarkt ein Markt ist – dringend verteidigen wollen. Aber dennoch wäre es doch schön, wenn er mit seiner Idee hier recht hätte: Dass der Funktionsverlust, der Verlust eines festen Ortes der Hochliteratur dazu führen kann, dass sie Literatur für alle wird.

Das wäre schön. Aber: Ohne Bildung, ohne Vermittlung wird das von alleine wohl nicht passieren.

 

[Beitragsbild von Elijah O’Donnell auf unsplash.com]

4 Gedanken zu „Zur Kritik des normierten Lesens II: Einige Ergänzungen

  1. dj7o9

    Was für ein Text – komme gerade aus dem Rausschreiben und Nachdenken gar nicht mehr raus. Respekt und ganz liebe Grüße von einer Bildungsaufssteigerin aus prekären Umfeld – die jetzt besser versteht, warum mir Bildung und Kultur wohl so wichtig sind.

    Antwort
  2. literaturliebhaberblog

    Vielen Dank für die erhellende soziologische Analyse. Die Therapie, sich nach allen Seiten zu öffnen, finde ich nicht so zwingend. Ermuntern Sie lieber die Leser nach oben, denn nach unten geht’s von selbst, da sorgt schon die Schwerkraft (Trägheit, Schwierigkeit der Erfassung komplexer Sprache und Inhalte, Degeneration) dafür. Auch die Fähigkeiten des sog. „Berufslesers“ verkümmern schnell, wenn er zu viele Abstecher nach unten macht. Besser, man bleibt auf der Höhe, auf die Gefahr hin, als Streber, Ehrgeizling oder Überangepaßter kritisiert zu werden. Literaturliebhaber.

    Antwort
  3. Pingback: Meine Woche | Binge Reading & More

  4. gerlintpetrazamonesh

    Es wäre natürlich auch ein wünschenswerter, nicht eben leicht leistbarer (ich tu mir schwer mit einfachen Sätzen, die mir dann selbst noch gefallen sollen!) Auftrag an den Autor, auch einfachst zu konsumierende Literatur, Ge- und Verbrauchsliteratur die auch ein erschöpfter U-Bahn-Passagier im überfüllten Raum nach angestrengter, fremdbestimmter Arbeit noch lesen mag und kann, da sein Lesevermögen eben auch trotz Alphabetisierung begrenzt ist und der Übung mangelt, noch gerne konsumiert mit ansprechenden, auch kritischen Inhalten zu füllen und nicht nur Klischees aneinanderzureihen. Schön wär’s.

    Antwort

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