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Ahmed Khaled Towfik – Utopia

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Nimmt man an, dass Literatur einen Rückschluss auf den Diskurs oder zumindest die gesellschaftliche Stimmung, aus der sie entstammt, zulässt, dann sieht in Bezug auf Ahmed Khaled Towfiks „Utopia“ dieser Rückschluss zappenduster aus, zumal der Autor sich laut der dem Buch vorangestellten Bemerkung „der baldigen Existenz dieses Ortes gewiss ist“.

Towfik, ein ägyptischer Autor, entwirft in seinem literarisch für meine Begriffe nur mäßig gelungenen „Utopia“ eine Welt im Jahr 2023, in der die reichen Ägypter sich in Kolonien an der Küste von den Armen abgrenzen, sie leben dort in Hülle und Fülle und völliger Sinnlosigkeit, die die Jugendlichen mit Drogenrausch und jeder Form von Exzess zu kompensieren suchen. Die Königsdisziplin dessen ist es, sich in die Gebiete der Armen zu schleichen, dort einen der Armen einzufangen, ihn zu quälen, zu töten und als Souvenir der Jagd ein abgetrenntes Körperteil der Leiche mit in die Kolonie zurückzubringen. Eben um dies zu tun macht sich ein junger Mann aus der Kolonie in Begleitung einer „Freundin“ (sofern man von Freundschaft in dieser Gesellschaft sprechen kann) auf, er gerät allerdings im Gebiet der Armen in Gefahr und wird durch einen der Armen gerettet und zur Kolonie zurückgebracht, wofür er sich auf seine Art und Weise revanchiert, was zu einem Aufstand der Armen führt. All dies wird abwechselnd aus der Sicht des Reichen und des Armen erzählt

Leider ist das Buch insgesamt genauso platt, wie sich der Plot schon anhört, auch sprachlich fand ich vieles eher befremdlich, und nachdem allerlei Grausamkeiten passieren, die auch noch recht derb dargestellt werden, ist die Lektüre nur in Maßen ein Vergnügen. Genau das soll sie aber wohl auch – dem Thema angemessen – gar nicht sein. Interessant ist der Roman dennoch, lässt er doch einen Blick auf das politische Weltbild des Autors zu: So ist es gewiss auch eine politische Aussage, wenn die Kolonien der Reichen von ausgemusterten Marines beschützt werden. Ein Umstand, der vom Autor für politische Aussagen genutzt wird:

Mike war bei den Marines und hat Anfang dieses Jahrhunderts in Vietnam gekämpft. Nein, Entschuldigung – im Irak! Die beiden Länder verwechsle ich immer. Beide sind weit weg und abgelegen, und die Amerikaner haben dort schreckliche Erfahrungen gemacht. Einmal, als wir gerade Phlogistin nahmen, sagte Mike zu mir: „Im Irak haben wir den Fehler gemacht, uns zu sehr unter die Bevölkerung zu mischen. Aber das haben wir schnell korrigiert. Wir zogen uns aus den Städten in abgeschlossene, befestigte Basen zurück, um mehr Präsenz rund um die Ölquellen zu zeigen.“
„Nach meinen Informationen habt ihr im Irak eine Niederlage einstecken müssen“, warf ich ein.
Mike lachte laut, holte dann tief Luft und sagte: „Du redest wie ein Europäer. Wir haben den Krieg angefangen, um den Tyrannen zu stürzen, das Öl unter Kontrolle zu bringen und dieses reiche Land zu zerschlagen. Schön, und all das haben wir Punkt für Punkt erledigt. Soll man das anders nennen als Sieg?“
(S. 30)

In diesem Sinne ist dieser unschöne Roman doch interessant, als er einen Einblick in die Sicht auf die eigene Kultur sowie die Einschätzung der politischen Geschehnisse zulässt.

Prinzipiell nicht uninteressant ist auch die Spiegelung der Hauptfiguren: Dem Paar der Reichen steht ein Geschwisterpaar der Armen gegenüber, anhand derer untersucht wird, ob es in einer völlig verrohten Welt, in der insbesondere die Armen permanent mit Tieren verglichen werden und die Reichen sich wie Tiere verhalten, so etwas wie Menschlichkeit überhaupt noch möglich ist, ob es so etwas wie „Werte“ und Würde noch gibt. Hier haben alle Figuren ihre spezifischen Funktionen: Das arme Mädchen steht für Reinheit, der arme Mann für Bildung und Menschlichkeit, die beiden reichen Eindringlinge jeweils wohl für das Gegenteil.

Aber Tatsache ist: Ich will kein Blutvergiessen. Ich will keine Toten.
Das ist der entscheidende Punkt. Das Einzige, was mit zeigt, dass ich noch ein Mensch und keine Hyäne bin.
(S. 127)

Als Antwort auf die von ihm aufgeworfene Frage antwortet Towfik wohl mit einem „Jain“, immerhin scheint es zum ersten erfolgversprechenden Aufstand der Armen gegen die Reichen zu kommen und selbst der reiche junge Mann ist durch das, was er getan hat, zumindest verunsichert, wenn man auch nicht gerade davon sprechen kann, dass er Gewissensbisse hätte. Auffällig ist auch die Rolle, die dem Lesen zugesprochen wird, beide Hauptfiguren haben im Gegensatz zu den anderen Bewohnern ihrer Bezirke jeweils sehr viel gelesen. Auch die Bedeutung des Lesens gerade für so etwas wie Bildung zur Menschlichkeit, wie sie unser Bildungssystem so gerne annimmt, wird hier diskutiert.

Gedanklich und von der Konzeption her ist „Utopia“ ein spannender Roman, gerne gelesen habe ich ihn aber nicht. Es ist kein schlechtes Buch, es ist nur eben sehr eigen geschrieben und an mehreren Stellen hätte ich mir mehr Subtilität gewünscht, sprachlich wie handlungslogisch. Aber ich schätze, Towfik wollte hier eben genauso grob, nahezu abstoßend schreiben wie die Welt, die er beschreibt, grob und abstoßend ist. Dennoch würde ich die Lektüre empfehlen, wenn man das Buch gerne als Zeitdokument lesen möchte (das man sicher auch stellenweise kritisch hinterfragen muss). Towfik jedenfalls nutzt seine Figuren, um sehr unverblümt seinem politischen Unmut Luft zu machen:

Aber es hatte besorgniserregende Indizien gegeben, und die hätten alle beachten sollen. Wenn man bemerkt, dass es nach Rauch riecht, und die Leute in seiner Umgebung nicht warnt, hat man sich gewissermassen der Brandstiftung mitschuldig gemacht.
Wenn ich die Presse der ersten zehn Jahre dieses Jahrhunderts durchsehe, rieche ich sehr viel Rauch. Der Geruch entströmt dem Zeitungspapier. Warum also hatte niemand etwas getan?
(S. 134)

Nachdem ich nicht so recht weiß, was ich von dem Roman halten soll, wäre ich hier um eine Diskussion in den Kommentaren wirklich dankbar.