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Janne Teller – Komm

Teller Komm

Janne Teller geht mir auf die Nerven, es tut mir sehr leid, das zu schreiben. Sie ist der Bono unter den Autoren, wenn ich ihre Bücher lese, sehe ich sie immer vor mir: Mit erhobenem Zeigefinger, gerunzelter Stirn und einem strengen „Da denk jetzt mal drüber nach“-Blick.

In „Komm“ wird der innere Monolog eines Verlegers dargestellt, der vor der Frage steht, ob er einen Roman veröffentlichen darf, der sich zwar wohl sehr gut verkaufen wird, aber eine vertraulich erzählte Geschichte einer weiteren Autorin seines Verlages thematisiert. Es geht also um die Frage danach, was Kunst darf und letztlich um die Frage, was wichtig ist im Leben, denn selbiger Verleger denkt nicht nur über die Veröffentlichung des Manuskriptes, sondern gleich über sein ganzes Leben nach. Gespiegelt wird dieser Denkprozess in einer Rede, die selbiger Verleger verfassen soll.

Janne Teller wälzt in ihren Büchern – auch in ihren Jugendbüchern – immer die ganz großen Fragen hin und her. Und es gelingt ihr dabei, dass man mitdenkt, dass man selbst anfängt, über ihre ganz großen Fragen nachzudenken. Aber so sehr ihre Bücher auch immer so tun, als würden sie offen enden und eben zwar einen Denkprozess anstoßen, diesen aber nicht lenken, so sehr tun sie eben dies doch. Und dieser pädagogische Impetus geht mir auf die Nerven. Genauso wie die Überfrachtung einer Fragestellung mit allen Sinnfragen der Welt: Natürlich hängen die Fragen nach dem richtigen Handeln und nach einem gelungenen Leben unmittelbar aneinander. Aber wenn man diese Verbindung so wenig subtil deutlich macht, empfinde ich das als ähnliche Gängelung wie die Reaktion „Die Kinder in Afrika wären froh, wenn sie das essen dürften, die hungern nämlich“ auf die Bemerkung, dass jemand keine Blutwurst mag. „Komm“ hinterlässt bei mir den Eindruck, dass die Autorin mich als Leser nicht für eben schlau hält, sondern für jemand, den man richtig ordentlich mit der Nase auf die Dinge stoßen muss, weil‘s dem Leser sonst am Ende nicht auffällt, was wichtig ist im Leben.

Hinzu kommt der Schreibstil: Ich finde ihn unerträglich schlicht und redundant. Ganz so schlimm wie in ihrem Jugendbuch „Nichts“ ist es in „Komm“ nicht, aber dennoch wirken ihre Bücher auf mich immer wie nicht zu Ende geschriebene Buch-Skizzen oder Entwürfe.

„Wer hat die Verantwortung, wenn er sie nicht übernimmt?
Was ist ein Roman im Quadrat?
Was ist das Viereck Autor, Verlag, Vermittler, Leser im Quadrat?

Liegt es immer in der Verantwortung anderer, dass die Welt so aussieht, wie sie aussieht?

Die Welt ist, wie sie ist!

Wie wird die Welt, wie sie ist?

Man ist genötigt, praktisch zu sein!

Sich zu arrangieren.

Ist man das?“

(S. 142)

Sicher, Teller schreibt eben so, weil es ihr darum geht, einen Denkprozess anzuregen und zu leiten. Erstaunlicherweise schafft sie es ja dennoch, irgendwie Grundzüge einer Geschichte zu erzählen und eine gewisse Atmosphäre aufzubauen. Aber ich frage mich trotzdem, ob das Aufwerfen all dieser Fragen nicht auch in einer gut erzählten, schön geschriebenen und vielleicht sogar unterhaltsamen Geschichte möglich wäre – Beispiele für Literatur, die große Fragen in eben dieser Form diskutiert, gibt es schließlich. Dieses ständige Umstellen von Wörtern in ähnlichen Sätzen, dieses regelmäßige Abwechseln von Ausrufezeichen, Punkt und Fragezeichen, das wirkt alles so überpädagogisch und ist nebenbei eben für meinen Geschmack öde zu lesen. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass die Stellen, die mich in diesem Buch am nachhaltigsten gedanklich wie emotional angeregt haben, die Zitate aus Strindbergs „Das rote Zimmer“ und Manns „Doktor Faustus“ sind.

Viele Leute finden Janne Tellers Bücher großartig und daher kann ich jedem nur empfehlen, sich selbst ein Bild von diesem Roman (oder dieser Novelle?) zu machen, zumal „Komm“ inzwischen als Taschenbuch erhältlich und sehr schnell zu lesen ist. Ich habe – bei allen Büchern der Autorin – das Gefühl, dass Janne Teller es sich zu leicht macht: Sowohl in Bezug auf ihr Ziel, als auch in Bezug auf die ästhetische Gestaltung ihrer Bücher. Vor allem aber wünsche ich mir von einem Autor, der ein Buch schreibt, um komplexe, wichtige Fragen aufzuwerfen, dass er auch seinem Leser zutraut, zwischen den Zeilen zu lesen und Fragestellungen hinter Geschichten selbst zu erkennen und anhand des Erzählten zu reflektieren. Sonst ist das irgendwie so:

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