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Donna Tartt – Der Distelfink

Distelfink

„Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“ – da sind sich Hippokrates, Donna Tartt und der Protagonist ihres Romans „Der Distelfink“ wohl einig. Theodor Decker verliert in diesem dicken Bestseller im Alter von 13 Jahren seine Mutter, stiehlt ohne weitere Absichten das berühmte Gemälde „Der Distelfink“ von Carel Fabritius und wird von da an mehr oder weniger von diesem Bild geleitet, von dem Wunsch, es zu besitzen, zu verbergen, zu bewahren – und gleichzeitig: es zurückzugeben. Das Kunstwerk scheint ihm wichtiger als sein eigenes Leben, mit dessen Verlust verliert auch sein Leben scheinbar seinen Sinn, denn letztlich ist dieses Gemälde unsterblich, ewig – im Gegensatz zur Existenz Theo Deckers.

Sein Leben meint es nicht sehr gut mit ihm, man durchleidet mit Theo einen Abwärtsweg und hofft seitenlang schlichtweg, dass der Bub auf die richtige Spur zurückfindet. Denn genau dies gelingt Donna Tartt: Sie erzählt eine Geschichte, die man lesen will, mit der man mitfiebert und die man gar nicht aus der Hand legen will. Damit ist wohl auch der große kommerzielle Erfolg des Romans zu erklären.

Dabei geht Tartt sehr detailliert vor: Mit einer soziologisch brillanten Beobachtungs- und Darstellungsgabe führt sie den Leser in die obersten und untersten Gesellschaftsschichten Amerikas, stellt ihm einen nahezu verzaubert wirkenden Antiquitätenladen vor Augen, zeigt ihm (in mehrfachem Sinne) eine Welt hinter der Welt. Daher rühren wohl auch die in der Presse mehrfach gezogenen Vergleichslinien zu Charles Dickens.

Vor allem aber an diesem metaphysischen Anspruch, das Leben hinter dem auf den ersten Blick Sichtbaren, die Welt hinter der Welt darzustellen, droht der Roman aber auch zu scheitern. Über weiter Strecken ist dies durchaus gelungen: „Der Distelfink“ enthält beispielsweise wunderbare Passagen über Kunst und antike Gegenstände, auch einige nahezu philosophische Stellen über das Leben und das Schicksal. Aber eben nur einige: Insbesondere gegen Ende ergeht sich die Autorin vor allem durch den Mund Boris‘ in lebensphilosophischen Überlegungen über Gut und Böse und über das Schicksal, die nicht nur gewollt, sondern auch platt wirken. Nur mit Müh‘ und Not reißt der Schluss hier das Ruder noch einmal herum. Es wäre schön gewesen, wenn Donna Tartt es ihren Lesern zugemutet hätten, sich all dies, was hier so mit dem Vorschlaghammer auf den Punkt gesprochen wird, aus der Handlung und deren Darstellung zu erschließen – denn das Erzählen von Geschichten liegt der Autorin deutlich mehr als das explizite Formulieren von Gedanken zu Gut und Böse.

Dennoch habe ich das Buch mit großer Freude gelesen und mit dem Gefühl, dass ich dieses Buch noch einmal lesen würde, aus der Hand gelegt – und dieses Gefühl hat man ja nicht bei jedem Buch. „Der Distelfink“ erzählt eine Geschichte, die den Leser unweigerlich in ihren Bann zieht. Ob das Donna Tartt zu künstlerischer Unsterblichkeit verhelfen wird, ob es sich wirklich um ein „Meisterwerk“ handelt, wie einige Kritiker meinen, wird sich weisen – möglich ist es. Genauso möglich ist es allerdings, dass es sich hier lediglich um wirklich gut gemachte, anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur handelt. Allein: Wen kümmert’s, solange es ein gutes Buch ist?