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An African City

Eine junge Frau, die jahrelang in Amerika gearbeitet hat, kehrt zurück nach Ghana, um dort zu arbeiten und um dort ihre große Liebe wiederzusehen. Zurück in Ghana trifft sie sich regelmäßig mit ihren Freundinnen in Bars und Restaurants. Auch diese haben eine Zeit im Ausland verbracht und sind jetzt „back home“ – und sie reden über das, was ihnen in Ghana auffällt, über die Liebe, über Arbeit und über Sex. Wer sich jetzt an eine Mischung aus „Sex and the city“ und Adichies „Americanah“ oder Selasis „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ erinnert fühlt, liegt damit wohl genau richtig, denn genau das soll die Webserie „An African City“ auch sein: „Sex and the city“ für kosmopolitische Afrikanerinnen. Die Serie ist merkbar eine low-budget-Produktion, aber trotzdem ist es sehenswert, wenn hier über Korruption, Gleichberechtigung, Schönheitsideale und AIDS, um nur einige der Themen zu nennen, gesprochen wird. Und sowohl Selasis als auch Adichies Roman kommen auch tatsächlich in der Serie vor, wenn Figuren der Serie eben genau diese Bücher in der Hand halten und sie lesen („Ghana must go“ sieht man in Episode 3, „Americanah“ in Episode 7).

Und es ist doch interessant, wie hier kulturelle Repräsentation in Literatur und dann im Netz dazu beitragen, dass eine Gruppierung global sichtbar wird. Das sind Dinge, die auch Literatur bewirken kann, wenn sie eben eine Form ist, in der Menschen von sich hören lassen können.

Natürlich gibt es aber auch berechtigte Kritik nicht nur an dieser Serie, sondern auch an den Büchern, die Autoren wie Adichie, Selasi oder Cole schreiben: Sie repräsentieren eben nur die Teile Afrikas, die es sich überhaupt leisten können, ins Ausland zu gehen, zu studieren, Bücher zu schreiben und zurückzukehren, und also: Die Oberschicht. Die Art und Weise, wie Afrika dargestellt wird – und das wird gerade in der Serie mit ihren Überspitzungen deutlich – ist eben eine sehr westliche: Man findet alle Klischees, die man als in den westlichen Industrienationen sozialisierter Mensch eben so von Afrika haben kann und es wird all das kritisiert, was aus westlicher Sicht so zu kritisieren wäre, eine andere Sicht wird nicht dargestellt. Afrikanische Blogs kritisieren daher wohl auch zurecht, dass Afrika hier zu genau dem Klischee verkommt, das der Westen von ihm haben will, dass eben stärker afrikanisch geprägte Kultur und Sichtweisen nicht zum Ausdruck kommen und eben nur die Probleme der afrikanischen Oberschicht zum Ausdruck kommen, nicht die der Unterschicht – diese wird nur durch den Blick der Oberschicht repräsentiert.

Das ist natürlich alles bestimmt richtig und man sollte es im Kopf haben, wenn man Bücher von den genannten Autoren liest oder diese Serie ansieht – aber wer wäre ich, Afrikanerinnen vorzuwerfen, sie wären nicht afrikanisch genug. Und trotz der Kritik sind die genannten Bücher und solche Serien doch ein Schritt, um einen Kontinent, der vom Westen mitunter noch mit Klischees assoziiert wird, die eher der Kolonialzeit entstammen, in einem anderen Licht zu sehen, denke ich. Insofern: Schaut euch diese wirklich ganz kurzweilige Serie ruhig mal an, gerade dann, wenn ihr Bücher von Adichie, Selasi oder Cole lest.

Und zur Serie geht es hier: http://www.anafricancity.tv/

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Taiye Selasi – Diese Dinge geschehen nicht einfach so

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Wer mein Geschreibe hier schon etwas länger liest, weiß, dass ich literarische Vorurteile habe. Und: Ich habe davon echt viele. Oft kaufe ich Bücher schon nicht, weil irgendjemand auf der Buchrückseite oder -vorderseite sie empfiehlt. So wollte ich beispielsweise „Stoner“ von John Williams kaufen, habe dann im Buchladen gesehen, dass man ausgerechnet Tom Hanks (warum eigentlich? Warum sollte ich dessen Urteil über Bücher eigentlich interessanter finden als das etwa meiner Nachbarin?) mit seiner Empfehlung dieses Buches auf dem Buch verewigen musste. Und da wollte ich es schon nicht mehr lesen, denn auch wenn ich Tom Hanks primär aus „Forrest Gump“ und natürlich persönlich überhaupt nicht kenne, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir eine große Schnittmenge gemeinsamer Vorlieben haben – um ehrlich zu sein kann ich mir ihn nur immer beim Pralinen- und Shrimps-Essen vorstellen, „Forrest Gump“ sei Dank, zudem wiederholt er dabei penetrant die Sätze „Ich bin klein kluger Mann, aber ich weiß, was Liebe ist“ und „Meine Mama hat gesagt, das Leben sei wie eine Schachtel Pralinen“. Übrigens mag ich keine Pralinen.
„Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ wird jedenfalls von der Autorin von „Eat, pray, love“ empfohlen und hätte ich mal meinen literarischen Vorurteilen Glauben geschenkt, hätte ich gewusst, dass das damit schon nichts für mich ist, weil die Autorin von „Eat, pray, love“ sicher nicht dieselben Bücher mag wie ich.

Zur Sache: Nachdem „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ schon einen gewissen Hype hinter sich hat und jeder schon bestimmt drölfhundert Besprechungen gelesen hat, hier nur noch einmal in Kürze: Es handelt sich um die Familiengeschichte einer über den Globus – sofern man Afrika, England und die USA als „Globus“ bezeichnen möchte – verteilten Familie mit afrikanischen Wurzeln, die anlässlich der Beerdigung des Ehemannes und Vaters Kweku in Ghana zusammentrifft. Die Darstellung einer entwurzelten Familie auf der Suche nach Heimat und mit ihrem Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg ist dabei überaus gelungen und klug beobachtet und dargestellt, und das stellt tatsächlich den Punkt dar, der das Buch wirklich lesenswert macht. Die Probleme, die hier glaubwürdig geschildert werden, sind die aller gesellschaftlichen Aufsteiger – ob nun mit Migrationshintergrund oder ohne –, die eben zu keinem Milieu ganz gehören und sich nach nichts mehr sehnen, als danach, irgendwo dazuzugehören, irgendwo angekommen zu sein, nicht mehr beweisen zu müssen, dass man mir Recht hier oder dort ist, und sei es nur sich selbst.

Leider hält aber Selasi die Spannungen, die sie so aufbaut, selbst nicht aus, und so müssen natürlich bis zum Buchende alle Leiden gestillt und jeder Kratzer mit einem Pflaster überklebt sein: Dass das hart am Folklore-Kitsch und Lächerlichen vorbeischrammt, wenn die Ehefrau eine Erscheinung ihres verstorbenen Ehemannes ausgerechnet durch dessen Pantoffeln haben muss, um sich mit ihm zu versöhnen (hätte das Buch nicht auf ohne diese Versöhnung auskommen können?) oder die jüngste Tochter, die zeitlebens darunter leidet, kein großes Talent zu haben, sich urplötzlich als Reinkarnation der eigenen Tante und als begnadete Tänzerin herausstellt. Und der große Bruder findet seine Heimat natürlich – schnief – in der Liebe. Am Ende sind alle glücklich und der Leser kann versöhnt das Buch zuschlagen, denn er wurde tatsächlich gut unterhalten und hat bald darauf alles auch wieder vergessen. Ein Happy End ist schön, ein Happy End tut niemandem weh, und deswegen ist es leider ein bisschen seicht. Ein bisschen weniger Auflösung, ein bisschen mehr Auseinandersetzung mit den vorhandenen Spannungen hätte dem Buch für mein Empfinden gut getan.

Als nervig empfand ich zudem oft Selasis Schreibstil, insbesondere in dem Teil des Buches, der Kwekus Tod darstellt: Hier versucht die Autorin, durch ständiges Wiederholen derselben Sachverhalte in immer ähnlich-anderen Formulierungen, die Zeit extrem zu dehnen, um Kwekus Sterben wie in Zeitlupe darzustellen. Das ist eine nette Idee, die mich so genervt hat, dass ich das Buch fast abgebrochen hätte. Kleine Kostprobe dazu? Bitte sehr, der Anfang von Kapitel 3 liest sich so:

Tautropfen auf Gras.

Tautropfen auf Grashalmen, wie Diamanten, großzügig verstreut aus der Tasche eines Elementargeistes, der zufällig vorbeikam und mit leichten, geschmeidigen Schritten durch Kweku Sais Garten ging, kurz bevor Kweku selbst dort erschien. Der ganze Garten glitzert, blinzelt und kichert, wie Schulmädchen, die verlegen verstummen, wenn der Liebste sich nähert. Glitzernder Mangobaum, Herrscher, strotzend im Zentrum, mit den kräftigen, leuchtend grünen Blättern und den leuchtend gelben Früchten; glitzernder Brunnen, jetzt voller Risse und umgeben von Unkraut, das Weiß blüht, aber die Statue steht noch da, die »Mutter von Zwillingen«, iya-ibeji, ein Geschenk für seine Ex- frau Folasadé, jetzt verlassen im Brunnen, mit ihren handgemeißelten Zwillingen; glitzernde Blumen, die Folasadé an ihren Blüten, ihren Gesichtern erkennen konnte, die englischen Namen, die lateinischen Namen, eine Million verschiedener Rosatöne; leuchtender Himmel, das weiche Grau des Südens ohne Sonnenlicht, glitzernde Wolken an den Rändern.

Glitzernder Garten.

Glitzernd nass.

Was natürlich noch auf keinen Fall vergessen werden darf und ständig betont werden muss, wenn man über das Buch spricht, ist, dass die Autorin gut aussieht und in Oxford und Yale studiert hat, das ist nämlich für das Buch mindestens genauso wichtig wie die Meinung von Tom Hanks für „Stoner“. Tatsächlich erklärt das aber vielleicht das große Selbstbewusstsein, mit dem Taiye Selasi sich in Verbindung zu dem von ihr im Roman erwähnten Achebe bringt. Das ist das einzige, was ich aus dem Buch wirklich längerfristig mitgenommen habe: Es hat mich an „Alles zerfällt“ erinnert, das hier schon viel zu lange ungelesen herumliegt. Ansonsten ist „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ ein kluger und sicher schöner Roman, von dem man sich gut unterhalten lassen kann, mir war er aber ein bisschen zu schön.