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Zum Weltfrauentag – Was mich diese Woche so alles gestört hat.

Mittwoch war Weltfrauentag und ich habe viele lustige Glückwunsch-Bildchen bekommen. Stefanie Sprengnagel hat zum 8. März etwas anderes bekommen – eine Hetzkampagne in der Krone. Die Folgen kann man auf ihrem facebook-Profil nachlesen (eine Zusammenfassung der Ereignisse kann man auch hier lesen), das geht von Beschimpfungen bis zu dem Wunsch, die möge doch vergewaltigt werden, und lustiger weise wurde sie nun von facebook für 30 Tage gesperrt – nicht die Leute, die da gegen sie hetzen. Man könnte ja meinen, dass irgendwer aus diesem spaßigen Literaturbetrieb, der die Möglichkeit hat, medienwirksam zu publizieren, so zum Beispiel irgendein Feuilleton-Fritze oder so, dazu mal Stellung beziehen könnte, wenn mit einer Autorin so umgegangen wird. Da ist man doch bei jedem Zeichner von Karikaturen, dem irgendwas angedroht wird, sonst auch recht schnell mit dem abgelutschten Voltaire-„Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen.“-Gelaber zur Stelle. Warum eigentlich bei Sprengnagel nicht? Weil das nicht so schlimm ist, wenn man einer Frau wünscht, dass sie vergewaltigt ist, oder weil sie zu links, zu feministisch ist, oder weil sie ja nur so eine Frau ist, die im Internet schreibt? Nur um das mal festzuhalten: Stefanie Sprengnagel hat in den letzten Jahren in Punkto „öffentlich Diskurse führen“ und „Sozialkritik“ definitiv mehr Mut und mehr Engagement bewiesen als das Feuilleton von FAZ, SZ und der Zeit zusammen. Man muss nicht alle Debatten, die sie lostritt, sinnvoll finden, man muss nicht alle ihre Standpunkte teilen – aber man könnte ja mal ihr Recht dazu, dies zu tun, verteidigen, und ihren Mut, das in einem Österreich, das in weiten Teilen Hofer für wählbar hält, zu machen, zu schätzen wissen. Wenn man von „engagierter Literatur“ spricht, schätze ich, dass wir inzwischen von Sprengnagel reden müssen. Dass das Feuilleton hier schweigt, zeigt für mein Empfinden viel deutlicher als die Anzahl der Autorinnen auf den Shortlists zu Literaturpreisen, welche Bedeutung eine Frau, zumal dann, wenn sie sich klar für Frauenrechte einsetzt, für den Literaturbetrieb hat. Das ist schon eher peinlich.

Und dann war Freitag in München im Literaturhaus die Lesung der Chamisso-Preisträger Senthuran Varatharajah, Barbi Markovic und Abbas Khider. Und mal abgesehen davon, dass der Moderator der Lesung fahrig und unvorbereitet wirkte, hat er Varatharajah tatsächlich gefragt, wie das denn sei, mit so einem Namen, der den Leuten hier so schwer falle, in Deutschland als Autor zu leben. So eine Frage führt natürlich unter dem kulturbürgerlichen Publikum zu einem erlösenden „Hühühü“, hat man doch selbst noch auf der Toilette kurz vor Beginn der Lesung Witzchen über die Unaussprechbarkeit dieses Namens („Wie soll man das aussprechen? Valalalala?“ „Hühühü“) gemacht und sieht jetzt „Hach, wie drollig, sogar der Mann vom SZ-Feuilleton findet den Namen schwierig, na dann hatte ich ja Recht mit meinem harmlosen Späßchen, hühühü“. Keine Ahnung, wieso diese Leute, wenn sie Namen, die nicht „Müller-Lüdenscheit“ lauten, so ulkig finden, zu einer Chamisso-Preis-Lesung gehen, und keine Ahnung, wie diese Leute es verarbeiten, wenn Varatharajah darauf mit Recht antwortet, nachdem er seit 33 Jahren in Deutschland lebe, könne er wohl mit Recht auch sagen, dass sein Name ein deutscher Name sei. Insgesamt hätte ich mir gewünscht, dass jemand, der eine Veranstaltung im Umkreis des Chamisso-Preises moderiert, ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl zeigt und solche Fettnäpfchen meidet. Noch viel mehr hätte ich mir gewünscht, dass Leute, die Witze über Namen machen, bitte zu Hause bleiben, statt zu meinen, sie wären allein deswegen schon irgendwie frei von Ressentiments, weil sie zu dieser Lesung gehen.

Am allermeisten hätte ich mir aber gewünscht, dass sich der Moderator wenigstens vor der Veranstaltung auch nur den Wikipedia-Artikel zu Barbi Markovic durchgelesen hätte, denn hier war die Veranstaltung wirklich beschämend: Er stellte sie mit ihrem Namen vor, nannte den Titel des Romans, bat sie, den Roman hochzuhalten und sagte „und das Cover macht ja auch schon Interesse auf mehr“. Er hätte ja auch „darin kann man gedruckte Wörter und Sätze lesen“ sagen können. Mal abgesehen von dann folgenden random-Fragen wie der danach, warum sie sich „Barbi“ nenne und nach ihrem Geburtsort (beides hätte er im Wikipedia-Artikel nachlesen können, beides hätte Teil seiner Vorstellung der Autorin sein können), verstand er mitunter offensichtlich die Antworten der Autorin nicht. Zum Beispiel wenn diese ihm erklärte, wie sie Verfahren von Döblin aus „Berlin Alexanderplatz“ zu aktualisieren und zu radikalisieren versucht habe, woraufhin er quasi die Frage nochmal stellte, die sie damit eigentlich gerade beantwortet hatte. Oder dann, wenn diese die Superkraft der „Auslöschung“ erklärte, die die Superheldinnen in „Superheldinnen“ eben haben und mit der diese eine Person aus ihrer jetzigen Existenz in eine glücklichere verpflanzen können. Daraufhin fragte der Moderator, ob sie nicht dasselbe tue, wenn sie Texte von Thomas Bernhard oder Döblin popkulturell verfremde, also, ob sie die Texte und die Figuren damit auch in eine glücklichere Existenz verpflanze. Hätte er zugehört, als die Autorin aus „Superheldinnen“ vorgelesen hatte, hätte er hören können, dass sich die Figuren in diesem Roman einsam und unglücklich fühlen – insofern blieb der Autorin, die bei all dem wirklich sehr gefasst blieb, ja nichts anderes übrig, als ihm zu sagen, dass dies ein interessanter Gedanke sei, den sie aber nicht gehabt habe. Er hätte ja wenigstens in die Bücher der Autorin, mit der er da sprechen sollte, hineinlesen können. Dem Fass den Boden ausgeschlagen hat der Abschluss der Lesung, bei der sich der Moderator bei der Autorin und den Autoren bedankte, vor dem Sagen ihres Nachnamens „Barbi [lange, peinliche Pause] Markovic“ aber so lange zögerte, dass man den Eindruck bekam, dass er gerade ernsthaft überlegen musste, wie diese Frau da überhaupt heißt. Es war furchtbar peinlich. Es hätte vermutlich viele interessante Fragen gegeben, die man Barbi Markovic hätte stellen können – zu ihrer Arbeitsweise, zu ihrer Sicht auf Sprache, zu ihrer Sicht auf das Thema „Stadt“, aber dazu hätte man vorher recherchieren müssen, und wenn man das halt nicht tut, kann man keine interessanten Fragen stellen. Und wenn man das nicht kann, dann kommt halt nur Quark raus, dann bekommt der Zuhörer den Eindruck, dass der Moderator nichts über die Autorin weiß, und dann ist vor allem der Interviewteil zu der einen Autorin, die dort war, sehr viel kürzer als der zu den beiden Männern.

Internationaler Weltfrauentag hin und her: Die Gleichberechtigung der Frau im Literaturbetrieb hängt nicht einzig und allein an der Zahl der Auszeichnungen, die an Frauen vergeben werden, oder der Zahl der Nominierungen weiblicher Autorinnen. Daran auch, ja, das ist auch wichtig. Aber es hängt auch daran, wie man eigentlich damit umgeht, wenn eine Frau öffentlich angegangen wird (siehe Stefanie Sprengnagel), und ob jemand, der eine Lesung moderiert, sich auch mit der einen Frau (Barbi Markovic), die auch liest, auseinandergesetzt hat, oder doch lieber nur mit den beiden Männern, und ob die Redezeiten hier gleichmäßig verteilt sind. Da ist noch viel zu tun.

P.S.: Der Auszug aus „Superheldinnen“ von Barbi Markociv, den die Autorin vorgelesen hat, hat mir übrigens sehr gut gefallen, auch die Idee hinter ihrem anderen Buch, „Ausgehen“, finde ich spannend. Ich habe mir beide Bücher bestellt, und wenn ich jemals dazu komme, sie zu lesen, dann kann man das dann irgendwo hier lesen.

Stefanie Sargnagel – In der Zukunft sind wir alle tot

Sargnagel ZukunftEs ist gar nicht so leicht, über Stefanie Sargnagels neues-altes Buch „In der Zukunft sind wir alle tot“ zu schreiben – wenn man da ernsthaft heranginge und es als Literatur im klassischen Germanistikstudiums-Sinne behandeln würde, würde man dem Ganzen nicht gerecht, denn eine Autorin, die selbst nie irgendwas ernsthaft macht (oder sich so inszeniert), kann wohl kaum wollen, dass sie ernsthaft analysiert wird. Man kann sie schon zur Aphoristikerin verklären, man kann aber auch einfach schreiben: Da ist eine junge Frau, die einen riesen Spaß dran hat, so zu tun, als wäre ihr alles richtig egal, da ist eine junge Frau, die sich selbst zur Kunstfigur macht, und dabei so witzig und klug ist, wie es der ein oder andere Journalist, der über sie schreibt, und vor allem ihre Kritiker gerne wären.

Da ist zum einen dieses Buch, das bereits 2014 erschienen ist und nun vom Mikrotext-Verlag in einer aktualisierten, erweiterten Fassung veröffentlicht wird und dessen Titel ja nach wie vor großartig ist, weil er genau diese Brechung vollzieht, die Stefanie Sargnagel ständig bemüht: Da wird das Große, Hoffnungsvolle, die „Zukunft“ aufgegriffen und gleich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: „sind wir alle erfolgreich“ wäre positiv, „sind wir alle unglücklich“ wäre weinerlich, „sind wir alle tot“ ist einfach eine nicht ganz angenehme Tatsache, die man aber wohl nicht abstreiten kann. Diese kurzen, in sich gebrochenen Kommentare hat Stefanie Sargnagel so weit perfektioniert, dass sie mit ihnen nicht nur eine recht große Fangemeinschaft auf facebook um sich sammeln, sondern inzwischen auch eben drei Bücher damit veröffentlichen konnte. Wie auch die anderen Bücher besteht auch „In der Zukunft sind wir alle tot“ aus gesammelten Facebook-Statusupdates, thematisch sortiert nach solchen, die um die Tätigkeit Stefanie Sargnagels im CallCenter kreisen und (also neuen, erweiterten Teil des Buches) solchen, die um die sog. „Flüchtlingskrise“ 2015 herum entstanden sind. Im ersten Teil, „Rufnummernauskunft, Stefanie Fröhlich, was kann ich für Sie tun?“, sind Statusupdates von 2013 bis 2014 versammelt, in denen Sargnagel abwechselnd ihren Lebensstil und ihren Job als einzig möglichen feiert oder als „Todesstrafe“ und „Hölle“ beklagt. Sie bringt damit wohl – wie schon in den letzten Büchern – durchaus treffend das Lebensgefühl und Dilemma einer Situation, in der viele aus dem einen oder anderen Grund in miesen Jobs feststeckende Jungakademiker sich befinden, auf den Punkt. Viele dieser hier gesammelten Nachrichten sind witzig, andere leider ein bisschen zu selbstmitleidig. Insgesamt macht Sargnagel hier genau das, was sie im Vorwort bereits ankündigt: Sie stellt einerseits fest, dass ein normaler 40-Stunden-Job „mein persönlicher Untergang gewesen“ wäre, andererseits bezeichnet sie ihre Lohnarbeit eben als „Sweat Shop“. Das ist alles so lesenswert, wie ihre vorherigen Bücher, aber eben auch auf Dauer ein bisschen langweilig, weil das, was Sargnagel macht, wenig Überraschendes und wenig Varianten zulässt. Dass man aber das, was Stefanie Sargnagel eben wirklich bis zur Kunstform perfektioniert hat, verkennen würde, würde man es als bloße Witzelei abtun, wird an solchen Zweizeilern deutlich, die zeigen, dass Sargnagel eine in ihrem Spott durchaus scharfe Beobachterin und Analytikerin ihrer Generation ist:

„Ok, ich probier auch mal irgendetwas zu unserer Generation zu sagen: Sie ist mit dem Irrglauben aufgewachsen, man hätte die Pflicht, im Leben glücklich zu sein.“ (S. 68)

Sehr viel besser und variantenreicher, großartig beobachtet und wirklich witzig ist der zweite Teil des Buches, „Refugee McMoments“, der Statusupdates aus dem Jahr 2015 versammelt und hier eine Willkommenskultur kommentiert, die Flüchtlingshilfe zum lifestyle-Happening macht – freilich ohne die Willkommenskultur an und für sich abzulehnen. Da sind zum einen die, die ihr eigenes Helfen permanent selbst dokumentieren und im Internet herumposaunen müssen, für die Sargnagel ein

„Ich mach T-Shirts ‚Flüchtlingsstrom 2015 – ich war dabei‘“ (S. 81)

und ein

„Ich will auch einen 15-jährigen Mohammed kennenlernen und mich anfreunden oder einer traurigen Oma Taschentücher geben oder ein Kinderlachen auslösen und so was, wie das, was ihr alle postet. Oida, ich verpass alle Refugee McMoments die ganze Zeit wegen meiner 50 Jobs“ (S. 81)

übrig hat. Und da sind die, die sich in dieser Situation, wo eben auf einmal alle sich mal kurzfristig nahezu darum streiten, auch mal ein Wasserfläschchen reichen zu dürfen, damit brüsten, dass sie ja schon viel länger Flüchtlingshilfe leisten und deswegen viel besser sind als alle anderen:

„Ich mochte Flüchtlingshilfe lieber, als sie noch mehr Underground war.“ (S. 96)

Und da sind natürlich die, die die Willkommenskultur ablehnen, die eine bedrohliche Zukunft durch zuwandernde IS-Terroristen oder wachsenden Rechtsradikalismus beschwören, die Sargnagel auch nicht besser wegkommen lässt:

„Ich weiß jetzt auch nicht mehr, ob man jetzt zum Salafismus oder zum Nationalsozialismus wechseln muss, um eine halbwegs komfortable Zukunft zu haben. Ich üb erst mal Landschaftsmalen.“ (S. 96)

Wie Sargnagel hier rundum Watschen verteilt, ohne dabei irgendwann politisch fragwürdig zu werden, ist schon wirklich lesenswert, und zeigt, dass Sargnagel eben dann, wenn es nicht um sie selbst und ihr Leben, sondern Politik und Gesellschaft geht, zu ihrer wirklichen Form aufläuft. Daher ist es sehr erfreulich, dass Mikrotext die alte Ausgabe von „In der Zukunft sind wir alle tot“ um eben diese Anmerkungen zur sog. „Flüchtlingskrise“ erweitert hat.

Und da ist ja aber eben nicht nur das von Sargnagel Geschriebene, da ist auch sie selbst, als den Kulturbetrieb vorführende Kunstfigur. Da sind Journalisten, die meinen, sie sähen schlauer aus als sie, wenn sie versuchen, ihr möglichst „krasse“ Geschichten zu entlocken, und da sind Kulturmenschen, die meinen, sie wären irgendwie intellektuell überlegen und witziger als sie, wenn sie sie zum Bachmannpreis einladen, über den sie sich letztes Jahr schrieb, er sei wie „Deutschland such den  Superstar für Streber“. Wer ihr Vorstellungsvideo gesehen hat, weiß, dass sie eigentlich jetzt schon gewonnen hat, und dass eine 20-minütige Jurydiskussion über ihren Text, sollte dieser im Stile des Videos gehalten sein, eigentlich nur peinlich für die Jury werden kann, denn entweder man redet darüber gar nicht oder die Interpretationen werden ähnlich unfreiwillig komisch wie bei Hape Kerkelings „Hurz“. Was zumindest die Kunstfigur Stefanie Sargnagel von Literatursendungen hält, kann man ebenfalls in „In der Zukunft sind wir alle tot“ lesen:

„Gestern habe ich wieder diese Literatursendung ‚er.lesen‘ geschaut. Das ist so eine Sendung, in der sich alte affige Männer treffen und ihre Lieblingsthemen sind, dass ‚Neger‘ ein tolles Wort ist und Feminismus irgendwie lächerlich.“ (S. 35)

Vielleicht hat Stefanie Sargnagel aber auch einen ernst gemeinten Text beim Bachmannpreis eingereicht. In Wahrheit kann das niemand einschätzen, weil sie eben einfach macht, was sie will. Auch deswegen hat sie schon jetzt gewonnen.

Wenn Dana Buchzik Ende letzten Jahres über Sargnagel schrieb, ihre Bücher würden nicht verlegt werden, wenn sie 20 Jahre älter wäre, so unterschätzt sie diese Figur, die eben über generationsbezogene Themen hinaus durchaus eine politisch-gesellschaftliche Beobachtungsgabe hat und der man auch eine Fähigkeit zur Weiterentwicklung zusprechen sollte. Stefanie Sargnagel ist eine großartige Kommentatorin. „In der Zukunft sind wir alle tot“ ist eine Sammlung witziger, bissiger und genauer Analysen zum beginnenden 21. Jahrhundert. Ich weiß noch nicht, ob es Literatur ist oder eher ein Zeitdokument. Aber das muss ja nichts schlechtes sein, im Gegenteil: Pointiertere Kommentare zum Zeitgeschehen findet man in keiner Zeitung, schon gar nicht in den Onlinezeitungen, die eigentlich genau für die Generation gemacht wären, zu der Sargnagel gehört.

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Mikrotext als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.