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Kevin Powers – Die Sonne war der ganze Himmel

IMG_0794 Große Katastrophen sind ein interessanter Stoff für Literatur: Warum schreibt ein Autor über etwas, das so schlimm ist, dass es eigentlich nicht in Worte gefasst werden kann? Das Akt des Erzählens wird bei solchen Stoffen zu einem Akt des Ordnens, ein Stück weit zu einem Akt des Bearbeitens, vielleicht sogar des Bewältigens – wenn die Katastrophe überhaupt bewältigt werden kann.

Obwohl Kevin Powers selbst als Soldat im Irak war, ist „Die Sonne war der ganze Himmel“ nicht einfach ein Erfahrungsbericht, es ist ein schmerzvolles Kunstwerk, bei dem auch gar nicht das Entscheidende ist, ob das Erzählte exakt so passiert ist – eben weil es exakt so passiert sein kann und ständig so passiert. Der Roman ist Reflexion auf ein Trauma, es ist der Versuch, weiterzumachen, wenn man das Unerträglichste gesehen und getan hat: Zwei junge amerikanische Soldaten, der 21-jährige John Bartle und der 18-jährige Daniel Murphy, werden gemeinsam mit dem 24-jährigen Sergeant Sterling zum Kriegseinsatz in den Irak geschickt – und nur einer von ihnen kehrt zurück. Nun muss John Bartle in einen Alltag zurückfinden, in den er nicht mehr hineinpasst, in eine Gesellschaft, der er nichts mehr sagen kann, weil er alles Menschliche hinter sich lassen musste, um zu überleben. Wie soll man da zurückfinden in die Normalität?

Den Verlust der menschlichen Normalität und das Ringen darum, diese zumindest im Kleinen wiederzuerlangen strukturiert Powers in kapitelweisen Vor- und Rückblenden, wobei abwechselnd von der Zeit vor bzw. nach dem Einsatz im Irak im Jahr 2004 und von dem Einsatz selbst erzählt wird. Dabei bedient Powers alles Stereotype, die man von einem amerikanischen Kriegsroman erwartet: Männlichkeit, Fluchen, gutaussehende Sanitäterinnen – er psychologisiert sie aber so, dass nichts von Kriegsromantik bleibt, und er verwendet derart gezielt eine poetische, anfangs fast lyrische Sprache, die vor allem eine Aussage des Protagonisten unterstreicht: Dass man das, was im Krieg geschieht, unmöglich in Worte fassen kann. John Bartle kann nach seiner Rückkehr aus dem Irak die Fragen seiner Mutter nicht beantworten und Kevin Powers gehen die Metaphern aus – der Protagonist verliert seine Menschlichkeit, wird zur Kriegsmaschine, und ebenso verliert die Sprache ihre Blumigkeit. Der Krieg hat nichts, was man schönreden könnte – eine Aussage, die der Roman inhaltlich wie sprachlich vermittelt. Die Katastrophe kann nicht bewältigt werden, weil man ihr keinen Sinn geben kann, auch und schon gar nicht im Nachhinein.

Ein berührendes, wichtiges Buch, vielleicht eines der besten, die ich dieses Jahr gelesen habe: uneingeschränkte Empfehlung.

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