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Selim Özdogan – Wieso Heimat, ich wohne zur Miete

oezdoganheimatEs gibt in der Literaturgeschichte ja Romane, die davon handeln, dass eine etwas naive Figur in die Welt hinausgeschickt wird, die aus irgendwelchen Gründen etwas realitätsfern aufgewachsen oder eben geworden ist: Das ist schon im mittelhochdeutschen Epos mitunter so (zum Beispiel im Parzival), aber auch im neuzeitlichen Roman (Simplicissimus), im Roman der Aufklärung (J. K. Wetzels „Belphegor“), usw. usw. Natürlich ist das ein Muster, das prominent auch in der Literatur anderer europäischer Länder auftritt, berühmt ist da ja Voltaires „Candide“, in dem eben dieser Candide durch widrige Umstände in die Welt hinausgestoßen wird, nachdem er aufgewachsen ist im Glauben, in der besten aller möglichen Welten zu leben. In diesen Romanen geht es gar nicht so sehr um eine plausible, unterhaltsame Handlung, es geht mehr um philosophische Fragen: Sowohl der „Belphegor“ als auch der „Candide“ sind geschrieben worden, um zu überprüfen, ob ein optimistisches Weltbild bzw. der Glaube an die beste aller Welten realistisch oder einfach naiv ist. Und in dieser Tradition steht „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ von Selim Özdogan. Und es ist mir wichtig, diese Tradition der europäischen, vor allem auch deutschen Literaturgeschichte hier so zu betonen, in der ich diesen Roman sehe, weil das erneut zeigt, wie kurz eigentlich die Schublade der sog. „Migrationsliteratur“ greift, in die man Özdogan aufgrund seines Namens und aufgrund der Handlung des Romans vorschnell stecken könnte, um der Geschichte, die hier erzählt wird und dem Autor eine einfach Identität („Migrationshintergrund“) überzustülpen. Dabei entzieht sich der Roman eben dem und jeder einfachen Kategorienzuordnung: Es ist eine Geschichte über einen deutschen jungen Mann mit einem türkischen Vater, der in Deutschland lebt und in die Türkei reist. Es ist eine deutsche Geschichte über einen Deutschen, erzählt mit dem Mitteln einer deutschen und europäischen Erzähltradition. Und darin spielt Migration nur insofern eine Rolle, als die deutsche Mutter mit ihrem Kind aus der Türkei nach Deutschland gezogen ist. Ich möchte das hier so betonen, weil ich oft das Gefühl habe, dass Autoren, die nicht Meier oder Müller heißen, abgesprochen wird, sie würden „deutsche“ Geschichten in einer „deutschen“ Literaturtradition schreiben und als würden sie per se irgendwie exotische „Migrationsliteratur“ schreiben. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich hier verständlich ausdrücke, aber ich hoffe, ihr ahnt, was ich meine.

Um mal vorne anzufangen und zum Thema zurückzukommen: „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ erzählt von Krishna Mustafa, einem Kind einer deutschen Mutter, die ihre Kleinbürgerlichkeit mit einer Menge alternativen Lebensstils zu überdecken versucht, und eines türkischen Vaters, der dagegen seine Kleinbürgerlichkeit eher zur Tugend zu stilisieren versucht – und natürlich hat das Kind dann eben diesen Doppelnamen, in dem all das irgendwie zusammengefasst wird und der sich schon jeder Identitätszuschreibung entzieht, weil er so viele kulturelle Assoziationen, die aber gar nichts mit der geographischen Herkunft irgendeiner Figur zu tun haben müssen („Krishna“), verbindet. Nachdem Krishna Mustafa die ersten Lebensjahre in der Türkei verbracht hat, hat sich seine Mutter vom Vater getrennt und ist nach Deutschland gezogen, weil dort die Schulen, die Krishna Mustafa besuchen kann, viel besser sind. Und natürlich geht er dann auf eine Waldorfschule. So wächst er in einer alternativen Lebenswelt auf, fern kapitalistischer Bosheiten wie Coca Cola und des gemeinen Leistungsdrucks, und bewahrt sich wohl auch deswegen eine bemerkenswerte kindliche Naivität und Heiterkeit. Bis sich Laura von ihm trennt, weil er seine Identität noch nicht gefunden habe und kein Verhältnis zu seinen Wurzeln habe. Unter der Annahme, dass Laura damit recht habe, dass der Mensch also irgendwie eine Identität brauche und irgendwelche Wurzeln finden müsse, reist Krishna Mustafa nach Istanbul, um seinen Vater und seine Wurzeln zu finden. Dabei kommt es zu allen möglichen Verwicklungen – er versteckt sich bei Regen in einem Waffengeschäft und nimmt dort eine Waffe in die Hand, wird dabei aber fotografiert und gilt fortan in Deutschland als islamistischer Terrorist –, die vor allem dazu dienen, diese Fragestellung zu überprüfen: Was ist Identität, ist sie so wichtig, wie nehmen wir Kulturen war, gibt es so etwas wie kulturelle Wurzeln?

Interessant an so einem Vorwurf wie „du hast deine Identität nicht gefunden, du hast kein Verhältnis zu deinen Wurzeln“ ist ja, dass das vermutlich ein Vorwurf ist, den Leute, die im Kindesalter von Berlin oder Wien nach Konstanz gezogen sind, nicht hören dürften, sondern eben nur Leute, die irgendwie einen „Migrationshintergrund“ haben. Darin spiegelt sich die Idee, dass Identität mit Nationalität in Verbindung steht, dass ein Teil individueller Identität die nationale Identität sein muss, und das irgendwie auf zauberhafte Art der Geburtsort mit der eigenen Identität zusammenhinge, oder die Nationalität eines Elternteils. Konsequent dekonstruiert also Özdogan erst einmal die Idee der nationalen Identität, indem er historische wie zeitgenössische Zuschreibungen durchspielt und überprüft, und das von unterschiedlichen Seiten aus: Da finden sich Gespräche darüber, dass einige Türken denken, die Araber wären alle dreckig und könnten sich nicht benehmen (S. 45) – ein Vorurteil, das ja auch einige Deutsche gegenüber Ausländern ganz generell hegen –, da wird das Bild, das Deutsche von der Türkei oder dem „Orient“ haben auf seinen Wahrheitsgehalt abgeklopft, aber auch das Bild, das Türken von Deutschen haben. So stellt sich beispielsweise heraus, dass Bauchtanz eben nicht „typisch Orient/Türkei“ ist, sondern lediglich „typisch Touristenfolklore“, dass der deutsche Blick auf türkische Politik oder beispielsweise die Proteste im Gezi-Park ein stark vereinfachter oder mitunter stark romantisierter ist – aber auch, dass die Deutschen eben nicht alle kalt zueinander sind. Mitunter reißt der Autor hier vielleicht fast zu viele Themen an, manchmal hat man schon beim Lesen eher das Gefühl „Ok, das Thema wollte er jetzt halt auch noch ansprechen“, als dass sich das gerade wirklich aus der Handlung oder der Psychologie der Figuren ergeben hätte. Aber interessant ist das ja trotzdem allemal. Und, was daran auch deutlich wird: Der Roman ist recht gesprächslastig, viele der Themen, die hier diskutiert werden, können gerade eben dann, wenn so viele Aspekte untergebracht werden sollen, gar nicht so sehr über eine Handlung als eben mehr über Gespräche einbezogen werden. Darauf muss man sich einlassen.

Genauso muss man sich auf die Konzeption der Hauptfigur, Mustafa Krishna, eben einlassen, auch wenn einen diese manchmal in all der kindlichen Naivität und Fröhlichkeit, mit der die Figur herumläuft, ziemlich nervt. Aber ich denke, eben das ist gewollt – nicht nur aufgrund der Erzähltradition, in der ich eben den Roman sehe, sondern auch aufgrund des Themas des Romans: Es ist nahezu unmöglich, sich mit einer so unbedarften Figur wie Krishna Mustafa zu identifizieren, immer wieder denkt man sich: „Das meint der doch jetzt nicht ernst?“ oder „Ist der jetzt echt so blöd?“, und fällt damit aus der Identifikation mit der Figur heraus. Und genau das ist ja eigentlich nicht nur konsequent, sondern auch sehr geschickt, wenn es in dem Roman letztlich darum geht, dass „Identität“ als festes Konzept Unfug und Zuschreibungen sowieso quatsch sind: Die Hauptfigur verweigert dem Leser die Identifikation und Festlegung. Der Leser kann über das nachdenken, was die Figuren sagen, bleibt immer in einer gewissen Distanz, aber er findet eben keine Identität, mit der er sich verbinden könnte. Das mag manche Leser nerven, ich finde es aber ziemlich gut gemacht. (Was mich mehr gestört hat, war, dass das Buch eben an manchen Stellen lustig ist und ich doch keinen Humor habe und Witze bei mir beim Lesen wirklich fast nie zünden – da geht es aber anderen ja anders.) Die Hauptfigur verweigert aber nicht nur dem Leser die Identifikation, sie verweigert auch alle Identitätszuschreibungen durch andere: Wenn Mustafa Krishna Opfer von racial profiling wird und immer wieder im Zug von der Polizei kontrolliert wird, nimmt er das pragmatisch und mit Humor und fährt eben in Badehose Zug, lässt das aber nicht als rassistische Zuschreibung an seine Identität heran – ganz im Gegensatz zu seiner Freundin Laura. Wenn er in den deutschen Medien aufgrund eines Fotos und eines Youtube-Videos zum islamistischen Terroristen gemacht wird, nimmt er das eher als Kuriosum hin und sieht es nicht als Identitätszuschreibung, der gegenüber er seine wahre Identität klarstellen müsste, auch wenn alle Freunde und Verwandte aus Deutschland ihn bitten, doch das Bild, das von ihm in den Medien entstanden ist, zu korrigieren.

(Und jetzt kommt der Spoiler, attenzione!) Und am Ende steht dann eben die Erkenntnis, dass der Vorwurf, den Laura ihm gemacht hat, ja dass die ganze Annahme, es gäbe konkrete, feste Identitäten, die irgendwie mit irgendwelchen „Wurzeln“ zusammenhängen, falsch ist – weil Identität immer ein Konstrukt ist, weil nationale Identitäten immer Konstrukte sind, die von unterschiedlichen Positionen aus ganz unterschiedlich konstruiert werden. Wichtiger als die Frage nach der Identität ist die nach den Lebensumständen. So heißt es im Epilog:

„Krishna Mustafa wird noch einige Zeit brauchen zu verstehen, dass die Frage nach der kulturellen Identität auch eine Ausweichstrategie ist. Denn die eigentlichen Fragen lauten: Unter welchen Bedingungen lebt du dort, wo du lebst? Wie ist das Geld verteilt, wie die Chancen und wie wird das begründet?“ (S. 242)

Und genau deswegen bin ich ganz froh, dass es ein Buch wie dieses in Zeiten gibt, in denen Politik in den USA und Europa maßgeblich auch Identitätspolitik ist, in denen europaweit „identitäre Bewegungen“ wachsen, die eben (nationale) feste Identitäten wieder für wichtig und für irgendwie festschreibbar oder erhaltenswert halten. Dabei sind Identitäten Konstrukte, und Konstrukte sind individuell, und es wäre wünschenswert, wenn wir einfach jeden seine Identität selbst konstruieren lassen würden, statt ihn (und uns selbst!) auf irgendwas festzulegen. „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ ist ein Roman, auf den man sich eben in mehrfacher Hinsicht einlassen muss – aber gemessen an dem, was dieser Roman will, ist er echt gut.