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Haruki Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

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Murakami muss man ja schon fast allein deswegen mögen, weil über ihn schon seit Jahren so schön gestritten wird. Ist das eigentlich Kunst oder ist das Kitsch, ist das jetzt tiefsinnig oder banal, sollte er einen Nobelpreis kriegen oder nicht – da ist doch wenigstens was los in der literarischen Welt.

Sein inzwischen ja auch schon nicht mehr ganz neuer Roman handelt von einem typischen erste-Welt-Problem, nämlich in gewisser Weise von Selbstfindung und der Überwindung spätkindlicher Traumata. Tsukuru Tazaki, die Hauptfigur des Romans, wurde vor etlichen Jahren aus heiterem Himmel aus dem Kreis seiner besten Freunde verstoßen, und seither – ach je – kann er nicht mehr vertrauen und nicht mehr lieben. Und nicht nur das, nein, der Junge hat es wirklich schwer, denn schon immer hat er das Gefühl, nichts Besonderes zu sein. Und selbstverständlich wird er am Ende erkannt haben, dass dem nicht so ist und sein Problem wird er auch gelöst haben und ist das nicht schön, so viel Selbstverwirklichung.

Der Plot ist wirklich unerträglich und man könnte allen Kritikern Murakamis zustimmen, dass das natürlich banaler Kitsch ist – und trotzdem läge man meiner Meinung nach damit sehr weit daneben. Denn Murakami führt diese banale Kiste in einer so stimmungsvollen und vielschichtigen Art und Weise aus, dass das, worum es geht, praktisch nebensächlich wird. Der Roman ist wie ein gordischer Knoten, voller Fäden, die ins Nichts führen und aus denen man sich dann selbst etwas stricken kann, wenn man möchte. Getragen wird dies von einer ruhigen, melancholischen Grundstimmung, der man sich selbst dann nicht entziehen kann, wenn man so ungern irgendwelche Stimmungen in irgendetwas wahrnimmt wie ich.

Das Leben ist eine ziemlich banale Sache, so ist das nun mal. Aber Murakami erzählt banale Dinge so, als ob sie voll tiefer Bedeutung wären – und eben darum ist er nicht Rosamunde Pilcher. Es gibt hier keine einfachen, vorgegebenen Lösungen und Wege, sondern es gibt ein reiches Angebot an Fäden, an denen man ziehen kann, ohne dass man das Gefühl hätte, aus dem Roman schlau zu werden. Und eben deswegen ist es ein Buch, das man mit Gewinn liest und das den Leser noch lange nach der Lektüre begleitet.

Und ob das jetzt Kunst ist oder Kitsch, das zeigt die Zeit.

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