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Philipp Krömer – Ymir

Krömer YmirSchöpfung scheint eine recht ungemütliche Angelegenheit zu sein, zumindest jenseits der Bibel. Was am Anfang der Bibel nach „Gott räumt auf“ aussieht – am Anfang war Tohuwabohu, dann fängt Gott an, Ordnung zu machen – ist in der heutigen Naturwissenschaft mit Lärm verbunden („Urknall“) und in den meisten antiken Schöpfungsmythen mit dem Kampf zwischen unterschiedlichen Gottheiten. Im alten Babylonien mussten im ursprünglichen Götterkampf Abzu und Tiamat dran glauben, im antiken Griechenland ist die Geschichte der Weltentstehung voller Väter, die ihre Söhne fressen, und voller Söhne, die ihren Vätern dafür den Schädel einschlagen.

Wie ich nun durch die Lektüre von Philipp Krömers „Ymir“ lernen durfte, ist auch in der germanischen Mythologie die Schöpfung der Welt eine recht blutige Angelegenheit, schließlich wurde die Welt aus dem Körper des Riesen Ymir erschaffen, der zuvor von Odin erschlagen wurde. Wenn wir nun also beispielsweise Bäume fällen, schneiden wir quasi Ymir die Haare.

Der brave Bürger

Dieser Mythos erweist sich in Krömers Roman auf skurrile Weise als wahr: Der Erzähler berichtet davon, zur Zeit des Nationalsozialismus Teil eines dreiköpfigen Expeditionsteams gewesen zu sein, das auf Island eine Höhle erkunden soll. Das Team, das schon recht früh den Verdacht hat, es hier mit einer anatomischen Reise durch Ymirs Körper zu tun zu haben, entdeckt in den tiefen von Ymirs Gedärm den Urarier, eine Art blinden, blonden Yeti, nur um diesen gleich auszurotten, und stirbt leider, mit Ausnahme des Erzählers selbst, in den tiefen von Ymirs Innereien. Gegliedert ist der Roman entsprechend nach den Organen, die die drei Forscher durchwandern, wobei am Kapitelanfang jeweils durch eine anatomische Zeichnung aus einem Lehrbuch zur Naturheilkunde von 1938 angezeigt wird, wo in Ymirs Kadaver sich die Erzählung gerade befindet. Begleitet werden diese Kapitelanfänge jeweils von ironisch passenden Zitaten aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“, doch dazu später mehr.

Nun kann man wohl ein Buch, das seine Handlung zur Zeit des Nationalsozialismus verortet und sich mit nordischer Mythologie und Wagner beschäftigt, kaum lesen, ohne nach einer Bewertung von eben diesem zu suchen. Krömer erzählt hier eben nicht nur von einer skurrilen Wanderung durch die nordische Mythologie, sondern er karikiert die politische Haltung und die ästhetische Ideologie der intellektuell-künstlerischen „Elite“ zur Zeit des Nationalsozialismus.

Denn es stirbt nicht nur der Vertreter des Regimes, „KleinHeinrich“ in Persiflage auf Heinrich Himmler genannt, schon hierin also Karikatur, als erstes, sondern auch der zweite überzeugte Vertreter nationalsozialistischer Esoterik, Ästhetik und Ideologie, „VonUndZu“, wird im wahrsten Sinne des Wortes sein Ende in der germanischen Mythologie finden. Überleben wird ausgerechnet ein Mitläufer, der Erzähler, der als verarmter Schriftsteller die Karrierechance, die Himmler ihm bot, eben an dieser Expedition teilzunehmen und über diese zu berichten, eher aus pragmatischen Gründen als aus Überzeugung nutzt. Er bezeichnet sich über weite Strecken des Romans hin als „braven Bürger“, eine Selbstzuschreibung, die immer wieder aufgegriffen wird, um das Ausführen von Befehlen zu rechtfertigen – aber eben auch eine Selbstzuschreibung, die von Anfang an gebrochen wird. So denkt sich der Erzähler, als er einen Rückzugsbunker für die NSDAP-Elite besichtigt:

„Sich so hinter seinen Mannen zu verstecken (in einem Bunker unter der Erde), ist das nicht ein bisschen – feige? Spreche ich aber nicht aus.

‚Vertrauensbeweis‘, sagt Schnurri und ich nicke (als braver Bürger).“ (S. 63)

Der Mitläufer und „brave Bürger“ wird aber, als er die Gesellschaft der Ur-Arier kennenlernt, die ihn und VonUndZu freundlich aufnehmen, zu einem Mann mit Überzeugungen, der sich gegen Befehle stellt oder doch zumindest behauptet, das zu tun, denn was nun an der Geschichte wahr und was erfunden ist, bleibt durch vielfältige Brüche im Erzählverhalten offen: Der Erzähler ist strikt entschlossen, die Existenz der Gemeinschaft der Ur-Arier geheim zu halten und davon später von nichts zu berichten, um diese zu schützen – natürlich berichtet er aber eben dann durch seine Rolle als Erzähler in diesem Buch doch davon. Zudem rächt er sich recht grausam an VonUndZu, der für den Tod der gesamten Gemeinschaft der Ur-Arier verantwortlich ist, und verhält sich auch damit nicht systemkonform. Am Ende überlebt also einer, dem menschliches Verhalten wichtiger ist als das Erfüllen von Befehlen oder der Glaube an die nationalsozialistische Ideologie.

„Alle tot“, schreie ich. „Dabei war das doch die einzig mögliche aller besten Welten!“ (S. 184)

Indem Leibniz‘ Theodizee anzitiert wird, wird nicht der Traum von 1000-jährigen Reich als die einzig mögliche beste Welt bezeichnet, sondern die tierische Gemeinschaft der Ur-Arier, die die Fremden ohne alle Vorurteile aufnimmt und versorgt.

Brüchige Mythologie, brüchige ästhetische Ideologie

Aber auch der kulturelle Überbau des Nationalsozialismus wird durch den Kakao gezogen: Die Geschichte vom nordischen Schöpfungsmythos wird schlampig und mit albernen Versprechern erzählt, am Anfang der Expedition erbrechen sich alle Teilnehmer im Flugzeug und kotzen damit in Ymirs Hirnschale, aus der der Himmel gemacht ist:

„Wo kommen die drei Burschen auf einmal her? Wenn man fragen darf!“ (Als Oberstudienrat darf man natürlich.)

„Sie entstammen in direkter Linie Ymirs Milchkuh Audhumla. Aus einem Stein leckt sie Burri, dessen Sohn Burr mit der Tochter des Riesen… äähm …“

„Ja?“

„Lückenhaft, Karl! Also zurück zur Erschaffung der Welt. Ich hoffe, du hast gelernt.“

„Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,
aus dem Blute das Brandungsmeer,
das Gebirg aus den Knochen“
„Na also, Karl, sagt der die Edda her wie seinen Goethe.“
„die Bäume aus dem Haar,
aus der Birnschale der Himmel.“
„Aus der?“
„Äähm HIRNschale.“
„Das will ich meinen.“ (S. 38)

Noch deutlicher wird die Ironisierung nationalsozialistischer Ästhetik, wenn die Erzählung Ymirs Innereien erreicht hat. Schon auf der Grenze zu diesen verschmäht der nordische Typ, in der Rasseterminologie der Nazis gesprochen, die nordische Kost, den Gammelhai, und kann so gar nichts mit seinen Wurzeln anfangen. Im Darm Ymirs deckt der homosexuelle Erzähler das Homoerotische hinter dem Männlichkeitskult und der Sportbegeisterung des Nationalsozialismus auf, wenn er durch den nackten VonUndZu, in den er verliebt ist, „an Riefenstahls Olympiafilm“ (S. 159) erinnert wird. Vor allem aber erweist sich der Ur-Arier, Stammvater der „Herrenrasse“, als wenig edel, er riecht nach nassem Hund (S. 145) und ist dazu auch „behaart wie ein – Pekinese“ (S. 149), gleicht mehr einem Hund als einem Mensch. Da er im lichtlosen Inneren von Ymirs Gedärm lebt, hat er keine Augen, dafür aber ein überaus gut entwickeltes Gehör, das VonUndZu mit dem nach nationalsozialistischem Empfinden Gipfel deutscher Kunst, also mit Richard Wagner, konfrontiert – das Abspielen von „Tristan und Isolde“ führt zum Tod aller Ur-Arier. Richard Wagner hat sie umgebracht.

Das Gesamtkunstwerk und irritierendes Erzählen

Eben dieser, also Richard Wagner, strebte ja nun nach dem sog. „Gesamtkunstwerk“, seine Oper sollte alle Kunstformen, Musik, bildende Kunst (im Bühnenbild) und Literatur (im Libretto) zu etwas Höherem, Größeren vereinen. In seinem Aufsatz „Gesamtkunstwerk und Identitätssystem“ bestimmt Odo Marquard aber nicht allein in der Vereinigung der Kunstformen das Wesen des „Gesamtkunstwerkes“, sondern es überschreitet auch die Grenze „von Kunst und Wirklichkeit; denn zum Gesamtkunstwerk gehört die Tendenz zur Tilgung der Grenze zwischen ästhetischem Gebilde und Realität.“ Marquard unterscheidet im Folgenden dann unterschiedliche Typen des Gesamtkunstwerkes, wobei er Richard Wagners Verständnis des Terminus „Gesamtkunstwerk“ dem „direkt positiven Gesamtkunstwerk“ zuordnet, das eben unterschiedliche Kunstformen zu vereinen suche. Von diesem unterscheidet er das „direkt negative Gesamtkunstwerk“, in dem „alle Einzelkünste in einem Antikkunstwerk zerstört [werden], um dadurch die Dignität der Wirklichkeit zu gewinnen“, ferner „bei dem – zur Erschütterung der vorhandenen Gesellschaft – alle etablierten Kunstarten gesamtästhetisch durch einen großen Anti-Akt zerstört werden, um die politischrevolutionäre Wirklichkeit zu gewinnen“.

Nun lässt sich genau dies auf den Roman „Ymir“ anwenden. Dieser ist oberflächlich betrachtet ein direkt positives Gesamtkunstwerk, denn der Roman besteht ja nicht nur aus Text, erzählt also nicht nur etwas, sondern er wird, wie oben bereits angesprochen, von thematisch passenden Bildern aus einem medizinischen Lehrbuch von 1938 begleitet, hier verbinden sich also Literatur und – wenn man so will – bildende Kunst. Dabei bleibt es aber nicht, denn zum einen wird durch das wiederholte Zitieren und Variieren des Librettos zu Richard Wagners „Tristan und Isolde“, manchmal gar in einer die Aussprache des Singens nachahmenden Form, die Musik als Kunstform mit in die Literatur integriert:

„Miild und laaise
wiie er lächelt,
wiie das Aauge
hoold er ööffnet,
seehr ihrs Frohoinde?
Seeht ihrs niiecht?“ (S. 188)

Hinzu kommt der Einbezug von Geräuschen durch die Veränderung von Schriftgrößen:

„Immer leiser tönt seine Stimme, die da ruft: „ich hasse dich ich hasse dich ich hasse dich!“ (S. 188)

Krömer verbindet also Literatur, Zeichnung und Akustik zu einem Gesamtkunstwerk und überschreitet die Grenze zwischen Kunstwerk und Realität, wenn er gleich zu Beginn des Romans den Leser in die Realität des Romans hineinnimmt, indem er eine besondere Erzählsituation erschafft:

„Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese Seite als schwere Eichentüre zu begreifen. Und anzuklopfen.
Klopfen Sie!“ (S. 9)

So der Beginn des Romans. Immer wieder wird diese künstliche Realität aufgegriffen, wenn die Erzählung unterbrochen wird, um den Leser anzusprechen und ihn wieder in die künstlich erschaffene Erzählsituation hineinzunehmen. Das ist schon verdammt clever gemacht.

Aber es ist eben kein „direkt positives Gesamtkunstwerk“, sondern ein „direkt negatives Gesamtkunstwerk“, denn tatsächlich ist all das eben etwas irritierend: Am Ende stehen die Zeichnungen von Hunden, die für ein Experiment festgeschnallt wurden, nachdem die hundeähnlichen Urarier in einem Experiment umgebracht wurden, manche der Zeichnungen sind etwas eklig (zumindest ich sehe auch Zeichnungen von offenen Brüchen nicht so gerne) oder befremdlich, die Nachahmung von Lauten und Tönen irritiert beim Lesen, da sie ungewohnt ist, und tatsächlich untergräbt der Erzähler seine eigene Glaubwürdigkeit und die Glaubwürdigkeit des Erzählten nicht nur im Verlauf des Romans, sondern insbesondere am Ende so massiv, dass man am Ende nicht mehr weiß, was nun zumindest die erzählerische Realität ist und was nicht. Die etablierten Kunstarten, die hier verbunden werden, werden also zerstört, um eine politische Wirklichkeit – die Lächerlichkeit des Nationalsozialismus in seinen politischen, ideologischen und ästhetischen Idealen – zum Ausdruck zu bringen. Kompositorisch und erzählerisch bewegt sich „Ymir“ damit auf einem so hohen Niveau, wie wohl eben nur ganz wenige Romane, und hinterlistiger wurde der Nationalsozialismus wohl in der Gegenwartsliteratur nie kritisiert.

Allein: An emotionaler Tiefe fehlt es bei allem Witz und aller Kunstfertigkeit des Erzählens hier dann leider doch, es ist ein Roman, bei dessen Lektüre man aus dem Staunen nicht heraus kommt und bei dem ich mich immer wieder darüber gefreut habe, wie abgefahren (pardon, das ist das treffendste Wort, das mir einfällt, bin ja kein Dichter) hier erzählt wird. Irgendwie getroffen hat er mich aber leider nicht, und das wäre mir dann bei Literatur doch wichtig. Wie dem auch sei: Krömer sollte man im Auge behalten, man weiß ja nicht, was der als nächstes anstellt.

 

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom homunculus-Verlag als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.