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Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt

Koehler Raketen

Alle lieben Karen Köhler und ihren Kurzgeschichtenband „Wir haben Raketen geangelt“, wie es scheint. Ich nicht.

In allen Geschichten geht es um Damen in existenziellen Krisensituationen – in fast allen Fällen führt das dann zu irgendeinem Selbstfindungsgeschwurble, ständig ist irgendwer auf der Suche nach sich und seiner inneren Einheit. Mal ist es die Krebserkrankung, mal eine ungewollte Schwangerschaft oder ein sexueller Missbrauch – diese tatsächlich schweren Schicksalsschläge stehen wie selbstverständlich neben der Trennung vom Freund und werden in ähnlicher Weise (literarisch) bearbeitet. Zum Glück wird am Ende fast immer alles gut, das innere Gleichgewicht ist hergestellt, der Schicksalsschlag überwunden. Würde man eine dieser Geschichten verfilmen, käme dabei eine Kreuzung aus einem beliebigen Film von Doris Dörrie und einem Film wie „Die Dienstagsfrauen“ heraus – ein bisschen Problematik hier, ein bisschen Spiritualität da und plötzlich fühlen sich alle wie neugeboren.

Im Zentrum aller Probleme steht immer irgendwie dann doch die Beziehung zu irgendeinem Mann, an der sich die stets weibliche Protagonistin abarbeitet. Erstaunlich mittelständisch-deutsch, dass sich alle anderen Probleme von Frauen anscheinend darauf reduzieren lassen.

Wirklich schlimm fand ich aber diese Esoterik-Schiene, die sich durch alle Geschichten zieht. So werden in „Il Comandante“ Krankheiten in Steine gepresst, in „Cowboy und Indianer“ wird eine „Träne der Mutter Erde“ hin- und hergereicht und die Protagonistin versucht ihren Begleiter durch Licht-Klimbim vom Fieber zu heilen („Ich lege meine Hände auf seinen Körper und stelle mir vor, dass goldenes Licht herauskommt und ihn heilt.“, S. 70), allenthalben spazieren die Figuren in irgendwelche Kirchen und zünden ein Kerzlein an, ohne dass irgendeine reflektierte Religiosität zu erkennen wäre, vielmehr erwartet man eine „Erleuchtung“ (S. 88), ein bisschen Vulgär-Buddhismus gehört ja zur gängigen deutschen Patchwork-Spiritualität der „jungen Erwachsenen“. Vermutlich soll diese Erleuchtung dann das sein, was Köhler allenthalben in Kalenderweisheiten auszudrücken versucht, die Geschichten finden nämlich ihre Höhe- und Wendepunkte immer wieder in Erkenntnissen wie: „Man muss erst mal werden, wer man ist.“ (S. 81), „Und dann, als alles still wird in mir, als der Augenblick sich in seiner tiefsten Bedeutung vor mir auffächert, finde ich Frieden.“ (S. 120) oder man erhält gar tiefschürfende Erkenntnisse am Vesuv: „Dann stand ich am Kraterrand und hatte plötzlich eine Ahnung von der Fragilität der Dinge. Gleichzeitig fühlte ich eine immense Kraft in mir aufsteigen. Irgendetwas an diesem Vulkan war weiblich und männlich zugleich und bildete eine Einheit.“ (S. 98) Na Donnerwetter. Da hilft es eben auch nichts, wenn Köhler an einer Stelle selbstironisch schreibt „Hört sich an wie ein Kalenderspruch.“ Ja, das tut es. Das geht schon hin und wieder, aber doch nicht pausenlos, und nicht in einer so platten Sprache. In „Polarkreis“ wird dann auch noch ein Blumenkranz geflochten, während die Protagonistin durch die norwegische Wildnis wandert (und natürlich in eine Kirche geht), man hat den Eindruck, man läse das Drehbuch zu einem Musikvideo irgendeiner total hippen Indieband. Obwohl die Lektüre der Geschichten ansonsten eher an das Hören von Bands wie „Sportfreunde Stiller“ oder „Wir sind Helden“ erinnert, insbesondere letztere haben mit ihrem Song „Guten Tag“ genau das gemacht, was Köhler hier seitenweise plattwalzt. Das Buch zu lesen ist wie diesen Song auf Endlosschleife hören müssen: Unerträglich. Die genannten Bands spielen schrabbelige Musik, die Sänger singen ein bisschen schief, die Texte sind ein bisschen dümmlich, aber die große Hörerschaft findet das total sympathisch, ehrlich, bodenständig und ungekünstelt. Ähnlich finden wohl viele Köhlers Geschichten tiefsinnig und die Sprache („Der Motor motorte herum.“ S. 63) gar poetisch. Mir geht es da wie mit den Sportfreunden Stiller: Ich erkenne in dem Schiefen, Unfertigen, Schlichten, „gewollt Kunstlosen“ eben keine Kunst sondern nur das eben Benannte. Ich empfinde eine platte Thematik in einer platten Sprache auch nicht automatisch als total „authentisch“. Das ist nicht meine Tasse Tee, das ist mir zu mittelmäßig und ja, auch zu biedermeierig, diese Selbstfindungsproblematik. Walser zum Beispiel schreibt auch ständig über seine Alt-Herren-Selbstfindungsprobleme, aber er benutzt dazu wenigstens eine Sprache, die es wert ist, gelesen zu werden. Das hier ist ein Buch für um die 30-Jährige, die zu einem beliebigen Holi-Fest in Berlin gehen, um sich mal wieder richtig zu spüren, während ein Besuch in der Oper ihnen viel zu „spießig“ wäre, und die denken, bunte Ringelstrümpfe hätten bei erwachsenen Menschen etwas mit Individualität und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit zu tun, während high fashion total oberflächlich ist. Für mich ist das eher so: