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Abbas Khider – Ohrfeige

Khider OhrfeigeIn seinem nun mehr vierten Roman „Ohrfeige“ erzählt Abbas Khider von der Zeit vor und nach dem 11. September und von Karim, einem Asylsuchenden aus dem Irak, der weniger aus Gründen politischer Verfolgung als vielmehr aus dem Wunsch nach Normalität und klarer Identität aus Bagdad flieht – aufgrund einer hormonellen Störung sind Karim während der Pubertät Brüste gewachsen, er fürchtet nun den Militärdienst im Irak und sexuelle Gewalt durch andere Männer, zudem möchte er ein „normaler Mann“ sein, kein Zwitterwesen. Im Ausland möchte Karim entsprechend vor allem durch eine Operation zu einer klaren männlichen Identität finden. Davon – und von dem Scheitern dieses Versuches an der entmenschlichten deutschen Bürokratie, das zu einer anstehenden weiteren Flucht nach Finnland führt – erzählt der Protagonist in der Binnenhandlung, deren Rahmen ein Besuch bei seiner Sachbearbeiterin Frau Schulze darstellt, die er geohrfeigt und an ihren Stuhl gefesselt hat, damit sie ihm nun einmal zuhören muss. Vielmehr als darum, ihr seine Geschichte zu erzählen, scheint es Karim aber um die Rückgewinnung seiner Individualität und Identität zu gehen, er möchte, dass Frau Schulz ihn als individuellen Menschen wahrnimmt, nicht, dass sie ihn versteht, denn er spricht mit ihr auf Arabisch und weiß, dass sie ohnehin durch Welten getrennt sind. Indem Karim also im Raum der entindividualisierenden Bürokratie zu seiner Muttersprache zurückkehrt, nimmt er sich seine sprachliche Identität zurück. Allerdings – und hier zeigt sich tatsächlich Abbas Khider meiner Meinung nach auf dem Höhepunkt seiner Erzählkunst – findet dies alles nur in Karims drogenberauschter Phantasie statt: Auch die Rückeroberung der Individualität bleibt utopische Sehnsucht, in der Realität scheitert sie.

Utopie und Heterotopie

Objekt der Sehnsucht von Karim und den mit ihm befreundeten Exilirakern Salim und Rafid ist eine normale individuelle soziale Identität. Wie stark dieser Wunsch utopischen Charakter hat, wird deutlich, wenn sich die Gruppe Niederhofen an der Donau nähert, einem als Idyll beschriebenen Ort, in dem das bürokratische Verschicken der Asylsuchenden nach diversen Erstaufnahmelagern vorerst ein Ende finden soll. Doch das Idyll hält nicht, was es im ersten Moment verspricht: Es wandelt sich vielmehr schnell zum Albtraum durch die neuen Mitbewohner in der Asylbewerberunterkunft, Heimat wird es nie. Denn was den Asylsuchenden nicht bewusst war, ist, dass für sie in Deutschland keine Utopie vorgesehen wird, sie werden abgedrängt in die Heterotopie, also an Orte, die nicht nach den gefühlt mehrheitgesellschaftlichen Regeln funktionieren, sondern nach eigenen Regeln: Flüchtlingsunterkünfte bezeichnet Marc Augé als Nicht-Orte, also als Orte wie Bahnhöfe, Flughäfen oder Supermärkte, die keine individuelle Identität zulassen, keine sozialen Beziehungen schaffen und keine gemeinsame Geschichte kennen: „So wie ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet ist, so definiert ein Raum, der keine Identität besitzt und sich weder relational noch als historisch bezeichnen lässt, einen Nicht-Ort.“ (Marc Augé: Nicht-Orte, S. 83) Während der Besitzer einen deutschen Passes seine Individualität und Identität während des Aufenthalts am Bahnhof nur vorübergehend abgibt, ist es dem Flüchtling ab dem Zeitpunkt seiner Aufnahme im Asylbewerberheim unmöglich, aus eigener Kraft eine Individualität zu erlangen, soziale Beziehungen aufzubauen und eine Geschichte im Land zu gewinnen. Er ist eine Verwaltungsnummer, so, wie es Karim Frau Schulze vorwirft, kein Individuum. Er ist nicht Teil der Gesellschaft, da das System der Verwaltung von Asylbewerbern ihm jede Teilhabe verweigert – durch die Form seiner Unterbringung, durch die Ausstattung mit knappen finanziellen Mitteln und fehlende Arbeitsmöglichkeiten, durch das Vorenthalten von sprachlicher Teilhabe. Er bleibt gefangen in Durchgangsstationen, Nicht-Orten, immer mit dem Gefühl, hier nur vorübergehend in einer Durchgangsstation untergebracht zu sein. Und so verwundert es denn nicht, dass Karims letzte bürokratische Station eine – wie er und der Sachbearbeiter ausdrücklich annehmen – provisorische Unterbringung in einem Obdachlosenheim, ebenfalls einem Nicht-Ort, ist. Das, was Karim wollte, bekommt er nicht: Eine individuelle Identität. Er bleibt ein Reisender. Dies zerrüttet ihn, der ja trotz allem eine individuelle Identität hat, auch wenn er sie nicht sein darf, und seine Freunde so sehr, dass sie alle letztlich resigniert den Zustand der Anonymität sogar vorziehen: Wunschort ist schon bald eine Stadt mit möglichst hohem Migrantenanteil, also ein Ort, in dem sie in der ihnen bürokratisch zugewiesenen Nicht-Individualität unbehelligt verbleiben können. Wie stark individuelle Identität und Ort verbunden sind, zeigt sich auch darin, dass Karim letzter Wunsch ist, „nach Hause“ zu gehen – ob damit allerdings die „Heimat“ Bagdad gemeint ist, die ein paar Seiten zuvor noch als „ewiger Albtraum“ (S. 213) bezeichnet wurde, ist zu bezweifeln: Vor allem handelt es sich beim „Zuhause“ um einen Ort des Ankommens, einen Ort der Identität.

Fanatismus und Wahnsinn

Welche Folgen die Zerrüttung durch das Vorenthalten von Identität für den Einzelnen hat, zeigt Khider klar am Beispiel von Ali und Rafid. Schon seit es das Phänomen islamistischer Radikalisierung in der deutschen Gesellschaft gibt, gibt es dafür die Erklärung, dass diejenigen Teile der Gesellschaft sich radikalisieren, denen die Gesellschaft keinen Platz gibt oder die die Gesellschaft nicht in ihrer Individualität anerkennen will, also beispielsweise junge Männer, die aufgrund ihres Migrationshintergrundes in der Schule, im Privaten und auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt wurden, weil sie eben nicht als individuelle Bewerber, sondern als Vertreter eine abgewerteten Bevölkerungsgruppe abgekanzelt werden. Zu ähnlichen Phänomenen kommt es auch bei zweien der Figuren im Roman Khiders, beschleunigt durch das Eintreten des Irak-Krieges, der die Existenz in der Fremde durch Sorge um die Familie, die Zukunft und Wut über die politische Ohnmacht noch einmal verstärkt – alles Faktoren, die Individualität und Teilhabe direkt berühren.
So wendet sich Ali, zuvor ein ruhiger, etwas kauziger junger Mann, nun dem radikalen Islam zu und damit von seinen bisherigen Freunden ab – auch vermeintliche Freundschaft scheitert, da ein Nicht-Ort eben keine sozialen Beziehungen zulässt (weswegen die einzelnen Figuren des Romans auch kaum etwas über die anderen wissen). Rafid, der zuvor nicht religiös war, wird verrückter Verschwörungstheoretiker, der die baldige Wiederkehr des 12. Imam vorhersieht und in allen Menschen Feinde desselben vermutet und deswegen zur Waffe gegen Frau Schulze greift. Gewalt, die aus der Zerrüttung des Individuums resultiert, sieht von außen wie Islamismus aus, ist aber Wahnsinn aus Verzweiflung und Isolation. Einer Isolation, die nun ins Vollkommene gesteigert wird und in die endgültige Entindividualisierung führt, denn Rafid wird in eine Psychiatrie eingewiesen, die von Karim als noch leerer als das Asylbewerberheim wahrgenommen wird, und unter Medikamente gesetzt, die ihn völlig von der Außenwelt abschneiden. Am Ende steht sein Schweigen, im scharfen Kontrast zu der Bedeutung, die das Wort zuvor für ihn hatte: Er war Schriftsteller und als einziger der deutschen Sprache fähig und also zur Kommunikation mit den Deutschen in der Lage. Welche zentrale Rolle Sprache für Rafid hat, wird auch in seinem Wahnsinn deutlich, denkt er doch, er könne durch das Duschen mit fremdsprachigen Büchern die Wörter und Sprache über die Haut in sich aufsaugen. Am Ende hat die Bürokratie ihn vollständig entindividualisiert: Er ist zwar in Sicherheit, da er nicht abgeschoben werden kann, von seinem Ziel aber so weit entfernt wie nie.

Metaphysik und Leben

In welchem Maße gerade Rafids Wahnsinn eine Folge von und ein sich-Auflehnen gegen die Sinnlosigkeit des Wartens an provisorischen Nicht-Orten ist, wird auch daran deutlich, dass Rafid das symbolische Steinigen des Teufels, zentraler Bestandteil der muslimischen Pilgerfahrt nach Mekka, auf den Niederhofener Dom überträgt: Indem er in seinem Wahn seine vollständig sinnlose Reise zur Pilgerfahrt macht, und die Pilgerfahrt ist eine extrem mit (religiösem) Sinn aufgeladene Form der Reise, versucht er, sich aus der unverschuldeten Identitätslosigkeit zu befreien, sich und seinem Dasein wieder einen Sinn zu geben. Religion bietet aber keinen Ausweg, sie ist bei Khider eine Wahnvorstellung und somit Extrakt der Sinnlosigkeit.
Dies spiegelt sich auch darin, dass Karim Frau Schulze, seine Sachbearbeiterin, mit einer „Göttin“ vergleicht, da sie über die Schicksale ihrer „Fälle“ wie eine Göttin entscheidet. Auch hier ist das Religiöse nichts Rettendes, sondern Symbol gerade für das Fehlen von Sinn.
Wie düster dieser Roman unter all seiner humorvollen Formulierungen ist, wird aber schon sehr viel früher deutlich: Karim hatte eine große Liebe, ein taubstummes, sanft und rebellisches, vor allem aber sehr schönes Mädchen namens Hayat, wobei Hayat „Leben“ heißt. Hayat wurde als 13jähriges Mädchen vergewaltigt und ermordet – dass das auf einer übertragenen Ebene bedeuten muss, dass Karim, der damals 12 Jahre alt war, damit das Leben und das Glück selbst verloren hat und im Grunde alles Folgende dies nicht mehr wiederbringen kann, bestätigt sich darin, dass kurz darauf seine Identitätskrise mit dem Wachsen der Brüste beginnt.

Die Nutznießer der Krise

Innerhalb des Romans gibt es zahlreiche Nutznießer, die aus der verzweifelten Situation der Geflüchteten, aus ihrer Isolation Profit zu schlagen wissen. Die einen sind selbst Migranten und verdienen entweder durch „Vermittlungsdienste“ (Arbeit, Ehe, Schlepper etc.), also indem sie für die Isolierten Kontakte herstellen, Geld oder sie nutzen das Bedürfnis nach Nähe zur persönlichen emotionalen oder sexuellen Befriedigung wie Karims Freundin Lada. Ebenso gibt es aber auch Nutznießer unter den Deutschen, und zwar strukturell auch hier in sexueller Hinsicht, indem sie die Asylbewerberunterkünfte wie Bordells nutzen.
Hinzu kommt aber auch eine andere Form des Profitschlagens aus der Krise anderer, die mit Beginn des Irakkrieges deutlich wird: Die Demonstrationen gegen diesen Krieg, die Karim und Rafid besuchen, werden von allen möglichen Gesinnungsträgern genutzt, um die eigenen Überzeugungen und Anliegen kundzutun, von national Gesinnten wie von Kapitalismuskritikern (zwischen denen ja häufig die Übergänge fließend sind). Hier wird auch noch einmal deutlich, wie weit den Geflüchteten Individualität abgesprochen wird, reißt doch eine Deutsche die Deutungshoheit über das Regime Saddam Husseins an sich und erklärt den beiden Exilirakern, wie sie diesen wahrzunehmen haben – womit beiden erneut das Recht auf eine eigene Biographie und Weltsicht abgesprochen wird.

Interessanterweise passiert aber gerade auf einer ganz anderen Ebene, nämlich der der Rezeption des Romans „Ohrfeige“ von Abbas Khider selbst, etwas strukturell ganz ähnliches: Der Roman, an dem Khider vor vier Jahren, also fern von der heutigen sog. Flüchtlingskrise, zu schreiben begonnen hat, wird heute radikal unter dem Eindruck der tagespolitischen Ereignisse wahrgenommen. Alle Nase lang wird die „Aktualität“ des Romans gelobt, es ist (mal wieder) der „Roman der Stunde“. Wir erinnern uns: Der letzte „Roman der Stunde“ erschien vor fünf Monaten, es war Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“, dem man noch mit Recht vorwarf, er stelle nur die Perspektive der Deutschen auf die Asylbewerber dar, lasse diese aber nicht selbst zu Wort kommen. Khider wollte nun gerade diesen Mangel beheben: So wie seine Hauptfigur Karim will, dass man ihm endlich zuhört, wollte Khider endlich die Perspektive der Geflüchteten selbst zu Wort kommen lassen, wollte, dass diese in ihrer Individualität wahrgenommen werden. Betrachtet man die Reaktionen auf sein Buch, so ist das leider nicht immer gelungen, ohne dass dies Khiders Schuld wäre, denn ein allgemeinmenschliches Moment fehlt in diesem Roman weitgehend, es geht hier tatsächlich um die konkrete Situation männlicher Geflüchteter in Deutschland, nicht um Heimatlosigkeit an sich o.ä. (was dem Roman leider ein gewisses Verfallsdatum gibt). Zwar wird immer wieder lobend bemerkt, dass nun eben endlich doch die Perspektive der Geflüchteten selbst zu Wort komme – das, wovon erzählt wird, nämlich von Entindividualisierung im oben aufgezeigten Stil, ist daneben aber in einigen Rezensionen eigentlich praktisch uninteressant. Die kritische Kraft dieser Perspektive eines Geflüchteten verpufft, wenn sie ignoriert wird. Und so ist es nicht einfach nur albern, wenn Sebastian Hammelehle im Spiegel schreibt – und der Hanser-Verlag das auch noch als wichtiges Statement aufnimmt: „Erst war der Flüchtling Opfer, nun ist er Täter. ‚Ohrfeige‘ fügt beide Bilder zusammen. Damit ist der deutschsprachige Flüchtlingsroman in der Realität angekommen, seine Figuren sind Individuen, widersprüchlich, Menschen – wie wir.“ Vielmehr ist es Zeichen dessen, wogegen sich der Roman eigentlich wehrt: Hier werden der Roman und seine Hauptfigur nicht als Individuum wahrgenommen, sondern sie werden erneut entindividualisiert, Karim ist „wie wir“, also irgendwie ganz gleich mit uns, seine Situation ist nicht von der unseren irgendwie different, sondern er ist eben widersprüchlich und damit so wie alle. Der Geflüchtete wird so zum Medium der Selbstbespiegelung, der Selbsterkenntnis, obwohl er in diesem Roman ja genau das nicht sein soll. Wo Hammelehle hier auf den ersten Blick etwas richtig verstanden zu haben scheint, nimmt er die kritische Spitze des Romans eben nicht ernst. Und ganz unabhängig davon ist es schon erstaunlich, dass man hier über die Schubladen „Opfer“ und „Täter“ nicht hinaus kommt und nach der Lektüre eines Buches auf einmal überrascht feststellt, dass alle Menschen Individuen sind.

[Nachtrag 14.2.2016, 20:40 Uhr: Dass es aber noch schlimmer geht, zeigt Irmtraud Gutschke in ihrer Rezension vom 15.2.2016 (die schon am 14.2.2016 online erschien) in „Neues Deutschland“, in der sie schreibt: „Abbas Khider ist wie sein Ich-Erzähler einst durch mehrere Länder aus Saddam Husseins Irak geflohen. Anders als Karim Mensy konnte er jedoch in Deutschland bleiben und hat seit 2007 die deutsche Staatsbürgerschaft. »Ohrfeige« ist bereits sein dritter Roman. In einem exzellenten Deutsch geschrieben.“ Dabei geht es noch nicht einmal um die Banalität, dass man leicht hätte herausfinden können, dass es nicht der dritte Roman ist, sondern der vierte, sondern um diese paternalistische Art, mit der man immerhin einem Schriftsteller lobend mitteilt, dass er aber gut Deutsch spreche. Eine Bemerkung, die bei einem Schriftsteller, dier Meier oder Müller hieße, nie in der Rezension stünde, dort würde man die literarische Qualität seiner Sprache besprechen, nicht aber die Frage, ob er der deutschen Sprache mächtig ist und in welchem Ausmaß. Gutschke schreibt eben nicht „In einer exzellenten Sprache“ oder geht näher auf die Literarizität der Sprache ein (die ja vorhanden ist!), sondern schreibt „In einem exzellenten Deutsch“. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll ob solch mangelnder Reflexionsfähigkeit einer Journalistin einer linken Zeitung, der man durchaus mehr kritisches Bewusstsein abverlangen dürfen muss.]

Der Körper der Frau

Kein Lobeslied ohne Wehmutstropfen, und wer meine Beiträge liest, weiß eben, dass ich auf die Frauenfiguren immer besonders achte: Auffällig bleibt leider auch im vierten Roman Khiders, dass Frauen in seinem literarischen Universum eine recht untergeordnete Rolle spielen. Sie tauchen am Rande auf, wenn sie Glück haben, haben sie sogar eine allegorische, handlungstragende Bedeutung, für die Handlung sind sie aber Statisten oder Objekte, die durchweg durch ihr Aussehen oder ihr Verhältnis zum Mann bestimmt sind, oder eben Mütter/Schwestern sind. Schon in „Der falsche Inder“ hat Khider eben primär zwischen zwei Arten Frau unterschieden – „Ziegenschönheiten“ und „Kuhschönheiten“ – und auch in „Ohrfeige“ ist die ganze Sache nicht wesentlich weiter gekommen. Wird die Situation der männlichen Asylbewerber hier ausführlich dargestellt, sogar auf das Problem der Prostitution hingewiesen, so ist die Darstellung der Situation weiblicher alleinstehender Asylbewerberinnen doch sehr geschönt: Sie werden hier durch männliche Begleiter beschützt und überhaupt würde ohnehin keiner der männlichen alleinstehenden Asylbewerber sie anfassen, weil man sowas ja eben nicht macht. Ein Blick in die großen Erstaufnahmelager Deutschlands oder die Studie zur Lebenssituation von Frauen in Deutschland durch das BMFSFJ zeigt, dass gerade alleinstehende Flüchtlingsfrauen in ganz massivem Maße Opfer sexueller Gewalt werden, sowohl durch andere Asylbewerber als auch durch auf unterschiedliche Art erzwungene Prostitution, wer sich dahingehend informieren möchte, wird beispielsweise über die Bayernkaserne München genug Artikel finden. Das wird in diesem Roman einfach weggewischt, und wenn man schon die Realitätsnähe des Romans loben will, muss man eben auch das mitbedenken. Man könnte auch fragen, warum es unbedingt eine Sachbearbeiterin, also eine Frau, sein muss, die imaginär geohrfeigt wird, von jemandem, dessen primärer Wunsch das Erlangen einer „normalen männlichen Identität“ ist. Khider hätte auch einen männlichen Sachbearbeiter wählen können. Es bleibt abzuwarten, ob die Frauen jemals aus ihrer Nebenrolle in Khiders Romanen heraustreten werden, ob er vielleicht sogar irgendwann einen Roman schreibt, in dem es um eine Frau geht. Nicht, dass Khider mit seinem literarischen Umgang mit Frauen alleine wäre, das hier beschriebene Phänomen ist ja in der deutschen Literatur durchaus nach wie vor verbreitet, auch unter Autorinnen.

Abbas Khider – Brief in die Auberginenrepublik

KhiderBrief

Der 27-jährige Salim hat mit seinen Freunden im Irak verbotene Bücher gelesen, was Grund genug für das Regime unter Saddam Hussein war, ihn als politisch gefährlich einzustufen und gefangen zu nehmen. Salim gelang die Flucht nach Libyen, eins jedoch hat ihm nie Ruhe gelassen: Er wollte seiner früheren Freundin und bis heute Geliebten Samia, die ebenfalls zu dem Kreis der verbotene Bücher lesenden Freunde gehörte, einen Brief schreiben. Dies ist jedoch auf legalem Wege nicht möglich, da ein Brief von einem politisch Verfolgten Samia in große Gefahr brächte – zwei Jahre und eine größere Summe Geldes hat es Salim gekostet, seinen Brief auf einem Schmugglerweg in den Irak zu schleusen.

Eben dieser Weg des Briefes strukturiert den Roman: Der Brief geht durch viele Hände, durch die Hände derer, die den Brief jeweils etappenweise bis nach Bagdad schmuggeln. Jedes Kapitel erzählt die Geschichte einer anderen Person, die diesen Brief in die Hände bekommt, womit jedes Kapitel in gewisser Weise für sich steht. Dadurch lernt der Leser ganz unterschiedliche Figuren kennen, die zu dem Regime ihres jeweiligen Heimatlandes ganz unterschiedliche Einstellungen haben, so dass ein facettenreiches Panorama von Regimetreuen wie -kritikern zu Wort kommt. Bemerkenswert dabei ist, dass alle Figuren – politisch Verfolgte ebenso wie Polizisten, Folterer wie Gefolterte – ganz einfach als Menschen dargestellt werden, ohne jede Wertung oder auffällige Sympathielenkung. So vermeidet der Autor es, platt oder moralisierend zu wirken, und zeichnet ein vielfältiges, interessantes Bild von der Gesellschaft des Nahen Ostens. Interessant ist auch, dass praktisch alle Figuren des Romans Bezug auf die westlichen Länder, insbesondere auf die USA nehmen und ihre Hoffnungen, ihre Wut, ihre enttäuschten Hoffnungen zum Ausdruck bringen. Das  ist für den Leser sehr aufschlussreich und hilft, die Haltungen der Menschen im Nahen Osten in dieser Hinsicht besser zu verstehen (in ganz ähnlicher Weise aufschlussreich ist hier auch der letzte Roman des Autors, „Die Orangen des Präsidenten“, der ebenfalls sehr lesenswert ist).

Interessant ist auch die sprachliche Gestaltung des Romans: Freilich ist die Sprache insgesamt als eher schnörkellos und schlicht zu bezeichnen, dennoch gelingt es Khider gut, die Sprache dem (Bildungs-)Stand der jeweiligen Figur anzupassen und deutliche stilistische Unterschiede zwischen innerem Monolog, gesprochener Alltagssprache und dem Liebesbrief herzustellen.

„Brief in die Auberginenrepublik“ ist ein gutes, interessantes, unterhaltsames Buch, das man ruhig mal lesen kann, allerdings mochte ich „Die Orangen des Präsidenten“ lieber – am besten wäre es also, gleich alle beide zu lesen. Die Bezeichnung als „Meisterwerk“, die ja bereits fiel, ist aber überzogen.