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Franz Friedrich – Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr

FriedrichMeisenDie Gefahren der Sprachlosigkeit: Der Blick verklärt sich, wird schwärmerisch und sentimental oder schlägt ins Gegenteil um, wird bösartig und ungerecht. (S. 50)

Würde ich mir dieses Zitat zu Herzen nehmen, so dürfte ich über dieses Buch, das mich letztlich irgendwie rat- und damit sprachlos zurückgelassen hat, gar nichts schreiben. Denn so richtig verstanden habe ich dieses Buch nicht, aber vielleicht liegt das daran, dass es mich auch gar nicht so richtig interessiert hat. Wie man aber auch an diesem Zitat merkt, schreibt Franz Friedrich eben einfach sehr schön, weswegen ich gerne bereit bin, ihm all mein Unverständnis und all seine Albernheiten nicht zu krumm zu nehmen und auch sein nächstes Buch wieder zu lesen. Aber ich fange wohl besser vorne an:

Franz Friedrichs „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ ist ein Roman, dessen Handlung auf mehreren Zeitebenen angeordnet ist, zwischen denen immer wieder Querbezüge und Verbindungslinien existieren. Der gemeinsame Fluchtpunkt aller Zeitebenen ist die finnische Insel Uusimaa, auf der Lapplandmeisen erst das Singen unterlassen, um später doch wieder damit anzufangen. So begleitet der Leser 1997 die Dokumentarfilmerin Suanne Sendler bei ihren Dreharbeiten zu „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ in Finnland, 2007 die junge Amerikanerin Monika, die in Berlin ihre Doktorarbeit schreiben will, bis ihr ihr Visum entzogen wird und sie Trost bei einem finnisch singenden Chor findet, und 2017 einen jungen Dokumentarfilmer, der in die Fußspuren Susanne Sendlers tritt, um die nun wieder singenden Meisen auf Uusimaa zu filmen, wozu er erst durch ein merkwürdig zerfallenes dystopisches Europa reisen muss. Das wirkt alles wie ein bisschen zurück-zur-Natur in Zeiten einer europäischen Wirtschaftskrise und schon das ist mir zu biedermeierig. Da denke ich automatisch an junge Menschen mit Fusselbärten/-haaren, die nach Berlin ziehen und sich auf dem Balkon selbstversorgermäßig mit Gemüseanbau beschäftigen und wenn ich sowas denke, schaltet mein Gehirn immer gleich ab, da mag ein Buch noch so gut sein.

Trotz der Querverbindungen zwischen diesen Zeitebenen und Handlungssträngen laufen diese weitgehend unverbunden nebeneinander. Hier und da werden mystische Verbindungslinien angedeutet, zum Beispiel in den Legenden um die Lapplandmeisen und die Insel Uusimaa, aber nachdem mir das zu esoterisch war, habe ich das beim Lesen großzügig ignoriert. Überhaupt hatte ich leider mit dem Buch ein Problem: Es handelt viel zu oft von Natur und Natur, insbesondere in Form von langen Naturschilderungen, gehört nun mal aber nicht zu meinen Interessensschwerpunkten (das ist übrigens auch der Grund, warum ich Adalbert Stifter nicht lesen kann, bei der Beschreibung des dritten Kieselsteines, an dem er vorbeispaziert, schlafe ich immer schon). Die gesamte Handlung um Susanne Sendler fand ich deswegen leider fürchterlich langweilig, die Schilderung eines Urlaubs des jungen Filmemachers in einer Waldhütte fand ich Ikea-kitschig und den Gipfel der Albernheiten stellten dann Monikas Fantasien über prähistorische Riesenbiber dar, die die Welt retten. Unerträglich fand ich das – ich nehme an oder hoffe zumindest ironisch gemeinte – völlig überzogen kitschig-harmonische Schlusstableau.

Dennoch muss es ja einen Grund dafür geben, dass ich das Buch ganz gelesen habe. Und der liegt darin, dass Franz Friedrich nicht nur hervorragend mit Sprache umzugehen weiß, sondern auch ein sehr genauer und interessanter Beobachter ist, weswegen sein Roman aller meiner inhaltlichen Langweile zum Trotz einfach sehr schön zu lesen ist.

Er sah seine Tochter nach der Geburt, ein Wesen, geborgen aus einer unterirdischen Welt, heiß und verschmiert wie ein Grubenarbeiter, der die Dunkelheit und Enge seines Schachtes verlassen hatte. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, als hätte sie in ihrem vorherigen Leben etwas umklammert gehalten, eine Spitzhacke oder den Griff einer Lore, und als wüsste sie nun, zu Tage, mit diesen Fingern nichts mehr anzufangen. (S. 23)

Großartig fand ich auch die Beobachtungen des akademischen Milieus, beispielsweise wenn Monika von ihrer Doktormutter darüber informiert wird, dass es nicht zum intellektuellen Habitus passe, ein Sonnenstudio zu besuchen, weil man damit den Eindruck erwecke, dass man sich für so oberflächliche Dinge wie das eigene Aussehen interessiere. Interessant ist auch, wie Friedrich durchaus auch gelungen versucht, filmische Techniken wie Schnitt oder Zoom in Sprache zu übersetzen.

„Die Meisen von Uusimaa“ würde ich jedem empfehlen, der sich mit Naturschilderungen und Büchern mit extremer (innerer wie äußerer) Handlungsarmut anfreunden kann und der sich für einen experimentellen Roman interessiert, der viel Freiheit für eigene Interpretationen lässt. Diese Freiheiten wollte ich lieber nicht nutzen, weil ich das eben alles nicht so spannend fand, und wenn ich etwas nicht so spannend finde, werde ich denkfaul. Dann habe ich auch keine Lust, mir zu überlegen, was jetzt hier ironisch ist (vermutlich einiges) und was nicht. Spannend finde ich aber unbedingt das sprachliche Talent und die Beobachtungsgabe des Autors, und solange es im nächsten Buch nicht wieder um Natur, Vögel und prähistorische Biber geht, bin ich wieder dabei.