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Karen Duve – Macht

Duve MachtJenseits der Migrationsliteratur bewegt sich die zeitgenössische deutsche Literatur vor allem im deutschen Mittelstand und kreist um seine Probleme und Problemchen. Manches ist wirklich schlimm, das meiste irgendwie nur langweilig-traurig, alles aber auf jeden Fall eher neuer Realismus als Naturalismus. Und schon seit langer Zeit wünsche ich mir dringend einen Neo-Naturalismus, also Autoren, die wirklich in die letzten Winkel unserer Gesellschaft kriechen und genau das abbilden: Die Altersarmut, die Mütter, die ihre Babys totschütteln, die Leute, die den ganzen Vorgarten voll Gartenzwerge stellen und nach Feierabend ihre Frau schlagen, was auch immer, jedenfalls echte Missstände und die echten Abgründe deutscher Doppelmoral. Das findet man ja tendenziell höchstens in Krimi und Thriller, aber dort ist es ja aber eher Effekt und Mittel zum Zweck als selbst das Thema. Und da hat mir Karen Duve den Gefallen getan, zumindest einen Teil dieses Wunsches zu erfüllen: Zwar ist „Macht“ kein naturalistischer Roman, sondern eine Zukunftsvision und damit näher am utopischen Genre oder dem Science-fiction-Genre, aber immerhin rückt sie einen dieser Spießbürger ins Zentrum, einen, der nach außen vor Idealen nur so strotzt, der aber im eigenen Keller jede Menschlichkeit ablegt.

Zukunftsvision als Experimentierfeld

Duve entwirft in „Macht“ letztlich eine Utopie vor apokalyptischem Hintergrund: Es herrscht sog. „Staatsfeminismus“, wobei das eben nicht bedeutet, dass Frauen regieren, sondern lediglich, dass eine Frauenquote von 40% eingehalten wird. Es gibt für alles Gleichstellungsbeauftragte, Förderprogramme für Benachteiligte – vor allem junge Männer –, die Demokratie ist „kontrolliert“ insofern als Politiker vor ihrer Zulassung u.a. psychologische Tests durchlaufen müssen, zum Schutz der Umwelt darf jeder Bürger nur so viel Benzin verbrauchen und Fleisch essen, wie es sein CO2-Konto zulässt. Der Alterungsprozess wurde durch ein Medikament aufgehoben, das zwar hochgradig krebserregend ist, dennoch gewährt das den Menschen ein langes, beschwerdefreies Leben in Jugend. Zumindest so lange ihnen dafür noch Zeit bleibt, denn den Prognosen im Buch zufolge hat die Welt aufgrund der Klimakatastrophe vermutlich noch rund 5-10 Jahre. Wie weit der Klimawandel bereits fortgeschritten ist, wird an langen Hitzeperioden, Hochwasser und Wirbelstürmen, aber auch am Aussterben mehrerer Tierarten, am Wuchern von genmanipuliertem Raps und etwa der Ausbreitung giftiger Algen deutlich. Gerade vor diesem Hintergrund ist schwer zu beurteilen, inwiefern es sich bei Duves Staatsentwurf um eine positive oder eine negative Utopie handelt, erschwert wird dies zusätzlich durch die Tatsache, dass das Buch aus der Perspektive eines Protagonisten erzählt wird, der den Frauen und also auch dem „Staatsfeminismus“ nicht eben wohlwollend gegenüber steht. Hinzu kommen in heutiger Zeit gar nicht mal so unrealistisch wirkende wiederholte Berichte von Grenzmauern, an denen hunderte Flüchtlinge erschossen werden. Letztlich geht es Duve aber auch gar nicht darum, einen möglichen Staat zu entwerfen, der in der Lage wäre, mit den Problemen der Zukunft klarzukommen, sie nutzt ihre Zukunftsvision vielmehr als Experimentierfeld, um gedanklich durchzuspielen, wie die Welt wohl auf all diese Probleme und politischen Veränderungen reagieren würde und vor allem: Wie einzelne auf den Verlust jeder Zukunftsperspektive reagieren. Und ihr Urteil ist: Schlecht. Denn Moral lässt sich staatlich nicht verordnen – ein Problem, das wir gerade in der ganz realen Öffentlichkeit breit beobachten dürfen, wo die Forderung nach Offenheit, Mitmenschlichkeit und Toleranz von Menschen, die sich selbst tatsächlich gerne als Schlechtmenschen sehen wollen, verpönt wird und auf sog. „Gutmenschen“ allein deswegen herabgeblickt wird, weil sie moralisch richtig handeln wollen. Und eben das passiert im Roman auch: Religiöser Fanatismus islamistischer wie fundamentalchristlicher Art blüht auf, gewalttätige Rockergruppen wollen die Tiere retten und die Frauen stürzen, eine Massenbewegung von Maskulinisten namens MASKULO zieht grölend und in Eintracht mit Rechtsradikalen durch die Straßen, um die Frauen zurück an den Herd zu drängen. Witzig ist hier, wie parallel Duve die „MASKULO“-Bewegung zur PEGIDA-Bewegung gezeichnet hat, beide Bewegungen zeichnet ja nicht nur die Frontstellung gegen die vorherrschende Politik und eine problemlose Verbindung auch mit Rechtsradikalen aus, sondern wie Pegida so ist auch MASKULO nicht nur eine männliche Bewegung, sondern auch eine der gebildeten, berufstätigen Mittelschicht (vgl. S. 355). So einseitig das alles scheint, muss man Duve schon zugestehen, dass sie die Realität zwar überspitzt, nicht aber an ihr vorbeigeschrieben hat.

Der Protagonist als Psychopath?

Vor allem werden die Folgen des gegenwärtigen Welt- und Gesellschaftstandes aber an der Figur des Protagonisten, Sebastian Bürger, durchgespielt. Früher war dieser selbst Umweltaktivist und trat für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein – jetzt, wo eine Zukunft aufgrund der ökologischen Entwicklung unmöglich geworden ist und die Frauen zunehmen gleichberechtigt sind, sind all diese Ideale in ihr Gegenteil umgeschlagen: Seine Frau hält er im Keller gefangen, er demütigt und vergewaltigt sie regelmäßig. Aber auch andere Frauen, die seine Schwiegermutter, die seine Kinder groß zieht, versucht er zu unterdrücken, denn

Ich bin lange genug von Frauen und ihren blöden Argumenten manipuliert worden. Ich habe ein Recht darauf, die letzten paar Jahre vor dem Weltuntergang in Frieden zu verbringen. (S. 29)

Nach außen bleibt er dabei aber stets der Saubermann, der sich für Umwelt und Tiere einsetzt und zur richtigen Zeit auch das Richtige zur Gleichberechtigung der Frau zu sagen weiß. Sebastian Bürger ist kein Psychopath, auch wenn das die schlüssigste Erklärung für sein Verhalten wäre: Er handelt reflektiert und rational und vor allem verfügt er durchaus über Empathie. Gerade das macht ihn als Figur so schwer zu ertragen, dass man die Situation nicht damit kleinreden kann, dass er gestört und damit schuldunfähig wäre – er weiß genau was er tut und er will genau das, was er tut. Er ist weinerlich, selbstmitleidig, narzisstisch und egozentrisch – aber er ist nicht vermindert schuldfähig. Und das ist eine Spitze, die Duve dem Leser zumutet: Den Gedanken, dass es Menschen gibt, die Böses tun, ohne dass man das mit einer psychischen Störung kleinreden könnte. Und dass es eben oft genau die Leute sind, von denen man es nicht erwartet, weil sie nach außen wie unbescholtene, ordentliche Bürger (man beachte den Nachnamen der Figur) wirken. In der Figur des Protagonisten hat der Verlust der Zukunft zum Leben nach dem reinen Lustprinzip geführt: Er baut sich ganz bewusst regressiv die Welt seiner Kindheit wieder auf, indem er sein früheres Elternhaus kauft und wieder so herzustellen versucht, wie es zur Zeit seiner Kindheit war, und er lebt seine Lust an Macht aus.

Macht ist, so Foucault, eine Form der Beziehung, die einzelnen Individuen die Möglichkeit gibt, über das Handeln anderer Individuen zu bestimmen. Und genau so ist auch Macht in Duves Roman konzipiert: Das, was Sebastian Bürger so ungemein befriedigt, ist das Gefühl, das er aus der Beziehung zu seiner gefangenen Frau zieht: Sie muss tun und lassen, was er möchte, darin besteht ihre Beziehung. Und Macht ist – man blicke auf den Titel – das zentrale Thema des Romans: Was passiert eigentlich mit einem Durchschnittsbürger, wenn er das Gefühl hat, dass jemand über ihn Macht ausübt, den er aus irgendeinem Grund ablehnt? Wenn ihm die Kontrolle über die Zukunft abhanden kommt? Duve zufolge: Er tritt nach unten, er sucht sich jemanden, den er treten kann, er versucht selbst, Macht über jemanden zu haben, um sich nicht so ohnmächtig zu fühlen. Dass Duve mit dieser Diagnose auch an der Wirklichkeit nicht völlig vorbeischreibt, ist leider bei einem Blick in die Zeitung offensichtlich. Ein deutlicher Wirklichkeitsbezug wird ja durch Duve selbst schon auf der ersten Seite des Romans hergestellt, wenn sie aus einem Herrenmagazin recht eindeutige Passagen zitiert. Man denke bitte an die derzeit immer wieder auch durch Deutschland ziehenden sog. „Pick Up Artists“, die sich für eine Legalisierung von Vergewaltigungen aussprechen – es ist eben nicht aus der Luft gegriffen und überzogen herbeifantasiert, was Duve hier schreibt. Darauf weist auch die Domina Karolina Leppert in einem Interview mit dem Tagesanzeiger hin, wenn sie einen Zusammenhang herstellt zwischen dem Trend zur Demütigung der Frau in der gegenwärtigen Pornographie und der zunehmenden politisch-wirtschaftlichen Gleichberechtigung der Frau.

Kritik am Faktischen wie am Potentiellen

Ihre Zukunftsgesellschaft nutzt Duve nicht nur als experimentelles Setting, sondern auch als Setting für Kritik an bereits gegenwärtig Gegebenem wie zukünftig Möglichem. So verbirgt sich in dem verjüngenden Medikament „Ephebo“ eine Kritik am Jugendwahn der Gesellschaft, aber auch an dem nur oberflächlichen Feminismus des Zukunftsstaates: In „Macht“ werden Menschen, die die krebserregenden Tabletten nicht nehmen und also altern, ausgegrenzt, sie werden als Zumutung empfunden. Auch Frauen haben – Staatsfeminismus hin oder her – vor allem jung und attraktiv zu sein und dafür bereitwillig ihre Gesundheit zu ruinieren. Und so wie Tierschutz und Vegetarismus zur Staatsräson und zum guten Ton gehören, ist auch Misanthropie durchaus salonfähig: Nicht nur Sebastian Bürger, der bis zum Schluss durchaus mit Tieren, nie aber mit Frauen Mitgefühl zeigt, tut sich leichter damit, sich für die Rechte von Tieren als die von Menschen einzusetzen, auch seine Freundin Elli ist in „Wirklichkeit […] eigentlich froh, dass die Menschen jetzt aussterben“, denn was „sie den armen Tieren angetan haben – ich kann kaum atmen, wenn ich daran denke.“ (S. 136). Ein Schelm, der sich hier nicht an die gar nicht so selten anzutreffende Art Mensch erinnert fühlt, die zwar Hunde aus Spanien einfliegen lässt, um die armen Dinger zu retten und zu adoptieren, die aber gleichzeitig gerne an der Grenze auf Flüchtlinge schießen lassen würde. Auch nicht viel mehr Sympathie hat aber Duve für die Macher von Fleischmagazinen (vgl. S. 101), die angesichts des Elends der Tiere und der ökologischen Katastrophe, die durch den Fleischkonsum mitausgelöst wurde, immer noch das Schlachten und Fleischessen zelebrieren. Auch hier: Zeitschriften wie BEEF gibt es ja wirklich.

Redundanz und Vorschlaghammer

All das liest sich recht flüssig, wenn auch nicht immer spannend und vor allem nicht immer so, dass man gerne weiterlesen möchte, weil einem diese Kellerfolterszenen schon irgendwann auf den Magen schlagen. Hinzu kommt, dass Duve ihre Kritik und ihre Botschaft nicht eben subtil, sondern eher mit dem Vorschlaghammer formuliert und dann auch noch immer und immer und immer wieder wiederholt. Auch die sprachliche Gestaltung des Romans ist zwar der Art des Protagonisten, der ja gleichzeitig der Ich-Erzähler ist, völlig entsprechend, aber trotzdem nervig: Wörter wie „zack“ (S. 32) und „Glücksflash“ (S. 45) brauche ich eben beim Lesen nicht unbedingt. Aber wie geschrieben: Die Sprache passt zum Erzähler, insofern ist das immerhin stimmig.

Natürlich kommen Männer in diesem Roman sehr schlecht weg (es gibt durchaus auch männliche Figuren, die ganz gut wegkommen und auch negativ gezeichnete Frauenfiguren, beispielsweise Barbro) und natürlich ist vieles überzogen – völlig an der Realität geht der Roman aber eben leider nicht vorbei. Man könnte Sebastian Bürger, wenn man ihn als Psychopathen sehen wollte, durchaus in die Tradition von Woyzeck oder Bahnwärter Thiel stellen, also von anderen Figuren, die durch ihre Lebensumstände in den Wahnsinn getrieben werden und ihre Frauen umbringen. Man kann das aber auch lassen. So oder so muss man aber, bevor man den Roman mit dem Gedanken „Die Duve hasst Männer eben, das ist wieder typisch für diese Moralistinnen“ abtut, zumindest einmal die Frage im Kopf beantworten: Wie würde ich diesen Roman beurteilen, wenn ihn ein Mann geschrieben hätte?

Auch wenn ich verstehe, dass Duve durch ihr Zukunftssetting eben ihre Kritik an der Gegenwart breiter aufstellen kann, indem sie auf Folgen unseres gegenwärtigen Verhaltens in der Zukunft hinweist, wünsche ich mir immer noch jemanden, der einen naturalistischen Roman schreibt. Einen, der schon deswegen trifft, weil ihn nicht schon der ganze Erzählkontext als Fiktion ausweist.

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