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Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael: Nach dem Boom

nach-dem-boomZu den oft vorgebrachten Klagen der letzten Zeit gehört es, dass es Union und SPD an politischem Profil fehle, dass sich Mitte-rechts und Mitte-links nicht mehr unterscheiden lassen würden und beide Volksparteien eben zu einem kaum mehr Bezug hätten: dem Volk. Auch darauf, so meinen manche Beobachter politischer Entwicklungen, sei das Erstarken einer Partei wie der AfD zurückzuführen, denn wo die Union nicht mehr konservative, sondern sozialdemokratische Politik betreibe, sei rechts von ihr ein Platz frei geworden. Dass eine solche Analyse der aktuellen Parteienlandschaft zu kurz greift, macht die Lektüre von „Nach dem Boom“ deutlich, einem Essay von Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael, Professoren für Neuere und Neueste Geschichte in Tübingen und Trier, die ihre Expertise für jüngste Zeitgeschichte in zahlreichen Veröffentlichungen unter Beweis gestellt haben.

Im Zentrum des Bandes stehen die Jahrzehnte zwischen den 1970er Jahren und dem Jahr 1995, die der These der Autoren zufolge eine Epoche des Übergangs von der stabilen, von fordistischer Produktionsregie und dem rheinischem Kapitalismus geprägten Nachkriegsordnung hin zu einer neoliberalen Wirtschaftsordnung darstellen (S. 26). Doering-Manteuffel und Raphael sehen diese vom Zerfall des internationalen Währungssystems 1971/72, dem Ölpreisschock 1973/74 und den darauf folgenden Konjunkturschwankungen eingeläutete und alle westeuropäischen Länder ergreifende Phase des Wandels bestimmt von einem „Strukturbruch“, der „sozialen Wandel von revolutionärer Qualität mit sich gebracht“ habe (S. 28): Die genannten Entwicklung hin zu einer Wirtschaftsstruktur, die die Autoren im Anschluss an M. Castells und P. Windolf sowie C. Deutschmann als „digitalen Finanzmarkt-Kapitalismus“ (S. 26f.) bezeichnen, geht auch mit einem tiefgreifenden Wandel kultureller Gewohnheiten und Alltagsroutinen sowie der Entstehung eines erweiterten europäischen Wirtschaftsraumes einher.

Dennoch ist die Bezeichnung der Epoche ab den 1970er Jahren als eine Phase des Übergangs ernst zu nehmen, denn obwohl die Autoren den Terminus des Strukturbruchs wählen, weisen sie doch darauf hin, dass einige Institutionen und Strukturen weiterhin Bestand haben, die in der Phase zwischen 1945 und den langen 1960er Jahren entstanden sind, so etwa im Bereich sozialstaatlicher wie demokratischer Verfasstheit oder der Bildungs- und Forschungsinstitutionen. Die Epoche „nach dem Boom“ „zeigt sich [daher] noch janusgesichtig als Mischung von altvertrauten und neuartigen Strukturen“ (S. 28).

Daraus ergibt sich, dass eine Analyse dieser Jahrzehnte nur mit einem geweiteten Blick auf die dynamischen Wechselwirkungen von Politik, Ökonomie, Bildung, Wissenschaft und Religion erfolgen kann, wobei das Nebeneinander nationaler Besonderheiten in den für den gesamten westeuropäischen Raum nachzuzeichnenden Entwicklungen zu berücksichtigen ist und sozialwissenschaftlich erhobene Daten wie Thesen genau überprüft werden müssen. Diesen Grundannahmen gemäß untersuchen Doering-Manteuffel und Raphael zunächst in Abgrenzung zur Phase der Nachkriegsordnung die von zunehmender Individualisierung und Deregulierung der Märkte geprägte Epoche ab den 1970er Jahren (S. 33-74). Sie zeichnen dabei den Niedergang einer keynesianischen Konsenspolitik nach, der von einer Krise traditioneller Industrien begleitet wird und zu dem Erstarken monetaristischer Vorstellungen führt, die mit dem Ausbau des tertiären Sektors einhergehen. Die so aufgewiesenen wirtschaftlichen, politischen wie gesellschaftlichen Veränderungen lassen sich mit einem Blick auf die sie reflektierend begleitenden sozialwissenschaftlichen Theorien bestätigen. Indem Konzepte von der Modernisierungstheorie über die Theorie des „Dritten Weges“ bis zur aktuellen Diskussion um Beschleunigung, Flexibilität und flüchtige Moderne kritisch überprüft werden (S. 75-107), wird nicht nur die sozialpsychologische und kulturelle Dimension des Wandels klarer erfasst, sondern wird auch augenfällig, dass sich zuvor über historische Analyse gewonnene Beobachtungen mit jeweils zeitgenössischen soziologischen Überlegungen interdisziplinär in Einklang bringen lassen. Abgeschlossen wird der Band mit der Frage nach Feldern für eine das Dargestellte weiterführende zeithistorische Forschung (S. 108-137), wobei etablierte Themen wie der Aus- und Umbau der westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten oder Folgen der Arbeitsmigration sowie neue Forschungsfelder wie Geschlechterordnung und Körperbilder oder neue Formen der Sinnsuche als Arbeitsschwerpunkte vorgestellt werden.

Die Loslösung der zeitgeschichtlichen Bearbeitung von Dekaden oder Einzeldaten und Wendung hin zu einer problemgeschichtlichen Herangehensweise, die die Autoren vollziehen (S. 25f.), scheint unerlässlich und richtig, wenn zeitgeschichtliche Forschung das Verständnis der Gegenwart durch eine Analyse ihres Gewordenseins schärfen möchte. Angesichts der komplexen Verstrickung von unterschiedlichen politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozessen, die historischen Wandlungsprozessen immer eigen ist, haben sich Doering-Manteuffel und Raphael mit gutem Grund für eine interdisziplinäre Ausrichtung ihres Essays entschieden, durch dessen Verbindung historischer und sozialwissenschaftlicher Herangehensweisen ein weiterer und vertiefterer Einblick in die Epoche „nach dem Boom“ möglich ist. Zu hinterfragen wäre allerdings die Wahl des Begriffs „Strukturbruch“, der eher einen plötzlichen und vollständigen Umbruch als den von den Autoren nachgezeichneten Wandel suggeriert und damit das von den Autoren immer wieder herausgestellte „Janusgesichtige“ der Epoche terminologisch zu überlagern droht. Zudem ist die starke Konzentration auf Westeuropa gerade dann kritisch zu überdenken, wenn es um die Phase der zunehmenden Globalisierung geht: Dass die Bedeutung außereuropäischer Märkte nicht in den Blick genommen und das Zusammenbrechen des Systems der Kolonisation mit seinen die westeuropäische Wirtschaft bis heute prägenden Folgen und Strukturen lediglich kurz erwähnt, nicht aber einbezogen wird, mag der Kürze der Darstellung wie der Ausrichtung auf die BRD geschuldet sein, ist aber dennoch ein Desiderat. Zu weiten wäre zudem der Blick auf Migration, ist doch die Phase nach 1970 nicht nur die Zeit der im Band genannten Arbeitsmigration, sondern auch die des Aufkommens transkontinentaler Flucht.

Trotz dieser wünschenswerten Erweiterungen ist „Nach dem Boom“ von Doering-Manteuffel und Raphael eine für die Kürze des Bandes bemerkenswert tiefgreifende, erkenntnisreiche Analyse der jüngsten Zeitgeschichte, was gewiss auch auf die Fähigkeit der Autoren zur pointierten Formulierung zurückzuführen ist. Es gelingt überzeugend, die Jahrzehnte zwischen 1970 und 1995 als einen zusammengehörigen Zeitraum des westeuropäischen Wandels vorzustellen, ohne dabei nationale Besonderheiten in seinem Verlauf zu nivellieren. Dass die Entwicklungen, die in der Epoche „nach dem Boom“ angestoßen wurden, und die Strukturen, die sich in dieser Zeit herausbildeten, bis in die Gegenwart fortwirken, machen die Autoren in einem der dritten, nach dem Lehmann Brothers-Kollaps erschienen Auflage vorgestellten Vorwort „nach dem Crash“ deutlich (S. 7-24): Die Weltwirtschaftskrise erweist sich als Folge und damit als Bestätigung der Annahmen zu einem „digitalen Finanzmarkt-Kapitalismus“. Ähnliches gilt für die eingangs erwähnten jüngsten Veränderungen in der Parteienlandschaft: Der Übergang vom keynesianischen Konsens zum monetaristischen Individualismus und die ihn begleitende Auflösung des Gegensatzes zwischen „links“ und „rechts“ führt auf lange Sicht zur „Erosion etablierter Volksparteien und Partizipationsformen“ (S. 18). Die Politik von Union und SPD gleicht sich dahingehend, dass beide versuchen, eine Politik des „dritten Weges“ zu gehen – und der Platz, den die AfD einnimmt, ist nicht einfach der „rechts von der Union“, sondern der des radikalen Neoliberalismus.

[Diese Rezension ist ein „Abfallprodukt“ aus meiner beruflichen Tätigkeit, aber ich dachte, vielleicht will sie ja irgendwer lesen – obwohl ich nicht wüsste, wer das sein sollte.]

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