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Jonathan Crown – Sirius

9783462046786Zunächst muss man diesem Buch zugutehalten, dass es in keiner Weise so getan hat, als wäre es etwas anderes als trash. Da ist das Cover, das auch zu einem schlechten Science-fiction-Film aus den 80ern passen könnte, die Idee, aus der Sicht eines Hundes zu schreiben – all das lässt nicht erwarten, dass da irgendwas besonders Tiefgründiges dahintersteckt. Aber es hätte ja wenigstens geistreich oder witzig sein können. Oder zumindest niedlich.

Jonathan Crown erzählt hier die Geschichte einer jüdischen Familie, die nach der Reichskristallnacht nach Amerika emigriert – aus der Sicht des jüdischen Foxterriers Levy aka Sirius aka Hercules aka Hansi, denn dieser Hund ist Schauspieler und wechselt im Verlauf des Romans mehrfach die Rollen. Es handelt sich nämlich auch noch um einen hochintelligenten Hund, der nicht nur jedes Wort versteht, denkt und handelt wie ein Mensch, sondern darüber hinaus sogar schreiben kann. Potzblitz. Leider ist das Buch aber dann wirklich so schlecht, wie es diese Kurzzusammenfassung der Handlung erwarten lässt.

Ich bin mit auch gar nicht so sicher, ob hier nicht einfach ein Fehler im Verlag unterlaufen ist und ob dieses Buch nicht eigentlich als Kinderbuch konzipiert war, denn sowohl die Handlung als auch die Sprache des Autors passen eher zu einem Buch, das man im Alter unter 12 Jahren liest. Jonathan Crown lehnt die Verwendung von einem komplexeren Satzbau anscheinend grundsätzlich ab, er reiht mit einer bemerkenswerten Penetranz Hauptsätze aneinander – hin und wieder findet sich allerdings auch mal ein Relativsatz, Adverbialsätze sind seltener. Herr Crown findet außerdem wohl auch, dass zu viel Abwechslung im Wortschatz den Leser nur unnötig von der Handlung ablenkt. Dadurch liest sich der Roman aber immerhin recht schnell durch.

Ich bin ja gewillt, dem Buch wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert zuzusprechen. Das hilft aber wenig, denn zur unterkomplexer Handlung und Sprache kommt noch ein derart seichtes Weltbild hinzu, dass man sich wirklich fragt, an welche Zielgruppe sich dieses Buch richten soll. Da ist zum Beispiel das Ende, das wirkt, als wäre es von Postkarten mit Lebensweisheiten inspiriert: Der Foxterrier Sirius ist endlich wieder in Berlin und unterhält sich dort mit seinem liebsten Pipi-Baum über seine Sehnsucht nach Amerika:

„Verstehe“, sagt der Baum. „Jetzt bist du zu Hause, endlich, und trotzdem hast du Heimweh.“
„Ja“, sagt Sirius, „ist das nicht verrückt?“
„Überhaupt nicht“, sagt der Baum. „Heimat ist nicht der Ort, wo deine Geschichte begann. Heimat ist der Ort, wo deine Zukunft anfing.“
„Versteh ich nicht“, sagt Sirius.
„Heimat ist der Ort, wo dein Herz ist“, sagt der Baum.
„Mein Herz?“, fragt Sirius.
„Ja“, sagt der Baum. „Wo ist dein Herz zu Hause?“
„Bei den Menschen, die ich liebe“, sagt Sirius.

Ja, das ist wirklich herzergreifend. Aber Achtung, es geht noch rührender: Sirius aka Hansi begleitet ja auch eine Zeit lang Adolf Hitler, so trifft er ihn auch nach dem Attentat durch den Kreis um Stauffenberg. Und da macht das sensible Tier einige Beobachtungen:

„Hansi“, ruft der Führer, wenn er des Nachts im Lehnstuhl sitzt und vor sich hingrübelt. Wer sonst ist bereit, ihm so geduldig das Ohr zu leihen? Im Schein der Glühbirne lässt der Feldherr noch einmal seine größten Triumphe Revue passieren, erläutert die Frontlinien vergangener Jahre, schwelgt in Erinnerungen. Manchmal weint er auch hemmungslos.

Das Hunderl hat Mitleid mit dem kranken, alten Mann, dessen Welt gerade zusammenbricht.

Auch wenn gleich darauf der jüdische Foxterrier in Hansi wieder erwacht und Hansi sich für diese Gedanken gerne selbst an die Gurgel gehen würde: Jonathan Crown fand ja offensichtlich, dass das eine adäquate Art ist, sich der Geschichte zu nähern. Ich kenne Kinderbücher, die das angemessener hinkriegen. Schön und gut, wenn man sich diesem Abschnitt der Geschichte mit einer gewissen Leichtigkeit nähern möchte – aber Hitler als armer, gebrochener, bemitleidenswerter Mann? Da bin ich raus.

Bei aller Hundeliebe: Das ist Mist.

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