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Das kleine bisschen Exotismus

Buchcover sollen Leseanreize bieten, sollen den Leser neugierig auf das Buch machen. Sie müssen also etwas Wesentliches über das Buch darstellen, das dem potentiellen Käufer schon auf den ersten Blick sagt, ob das Buch für ihn interessant ist oder nicht. Das bedeutet, dass Cover sich stark auf leicht Verortbares konzentrieren müssen, schließlich wollen die wenigsten Kunden im Buchladen erst einmal eine ausführliche Bildinterpretation durchführen. Sie arbeiten mit dem, was der Kunde kennt, und das bedeutet dann zwangsläufig auch: Mit Stereotypen. Buchcover können also mitunter eine Menge darüber verraten, wie eine Gesellschaft ein bestimmtes Phänomen sieht und verortet. Und da wäre doch die Frage interessant: Was verraten eigentlich Buchcover über das deutsche Bild von anderen Ländern und Kulturen?

Ich habe jetzt nicht vor, hier eine wissenschaftlich belastbare Studie durchzuführen, ich werfe nur mal ein paar Thesen in den Raum. Dazu beschränke ich mich auf zwei Länder, die zum westlichen Kulturkreis gehören, Deutschland und England, und auf ein paar Länder/Kontinente, die eben nicht zu diesem Kulturkreis gehören, Indien, China, Japan und Afrika. Ich habe dazu schlichtweg auf Amazon unter „Gegenwartsliteratur“ jeweils nach diesen Ländernamen gesucht und die Buchcover, die auf den ersten beiden Seiten angezeigt wurden, sofern sie nicht nur einfarbig o.ä. waren, benutzt. Ich habe versucht, die Buchcover nach Motivähnlichkeiten zu gruppieren.

Werfen wir also zuerst einen Blick auf Bücher, die bei der Suche nach „Deutschland“ gefunden wurden:

deutschland

Von Deutschland zeichnen die Buchcover ein recht buntes Bild: Wir haben Bilder von Straßen und Reisen, von deutschen Einwohnern – wobei diese hier mehrheitlich männlich ist, was später noch eine Rolle spielen wird –, es gibt abstrakte Muster, Buchcover mit Vögeln und Städten und ein bisschen Landschaft (Meyerhoff, Kirchhoff). Das Buchcover zum Roman von Kracht passt nirgendwo so recht dazu. Deutschland, da gibt es weiße Einwohner – zumindest sind nur solche zu sehen – und es gibt Städte und Straßen und Natur.

Schon ein bisschen anders, aber noch ähnlich, sieht es in England aus:

england

Bei den Buchcovern, die Suchergebnis auf die Anfrage nach „England“ waren, lassen sich schon eher klare Muster erkennen: England hat Küsten und Schifffahrt, zudem ein paar typische Bauwerke und Touristenattraktionen (Cover von Bryson und Barnes), man trinkt dort gerne Tee. Auffällig ist die häufige Verwendung von „dem einsamen Haus in einer rauen Landschaft“ oder dem Herrenhaus in einer weiten, parkähnlichen Landschaft, hier zeigt sich schon ein deutlicher romantisiertes Bild von England. Die unteren beiden Reihen von Buchcovern sind dagegen bis auf das Buch von Cornwell überhaupt nicht einheitlich: Sie könnten auch auf Büchern, deren Handlung in anderen Ländern situiert ist, zu sehen sein. England ist also, gemessen an seinen Buchcovern, ein recht vielseitiges Land: Es gibt Liebe, es gibt Gewalt, es gibt Männer und Frauen, alle sind aber weiß, es gibt alte Häuser und Geschichte, es gibt einsame Häuser und raue Natur, es gibt Technik und Tourismus.

Man sollte meinen, all das gäbe es auch in Japan, einem hoch technisierten Land.

japan

Nun, ein Buchcover, das deutlich macht, dass es in Japan Städte und Technik gibt, war tatsächlich dabei, das Cover zu „Shinjuku Paradise“. Ansonsten: Schriftzeichen, Mangas, Muster alter Holzschnitte, Bäume mit buntem Laub, Katana, Kois, Zenmönche, asiatische Frauen. Zeichen einer technisierten Industrienation fehlen meist, dafür werden exotische Stereotype bemüht, die in einigen Aspekten eher auf das Japan des Kaiserreichs verweisen als auf das heutige Japan. Eine Ausnahme bilden hier übrigens die Buchcover zu den Romanen von Murakami, die ich deswegen nicht mit dazu genommen habe, diese fallen durchweg aus dem Muster. Auch weggelassen habe ich aber Bücher, die irgendwas mit „Geisha“ im Titel haben, diese zeigen überraschenderweise alle japanische Frauen. Dennoch, zusammenfassend: Schon die Buchcover, die für Bücher mit einem Bezug auf Japan gewählt wurden, sind deutlich exotischer, Technik und Moderne fehlen weitgehend.

Noch deutlicher wird das beim Nachbarland China:

china

Eine Ausnahme bilden hier Ruges „Follower“ und die untere Hälfte von „Goodbye Chinatown“, die ein modernes Stadtbild zeigen. Ansonsten sieht das Land mit dem großen Wirtschaftswachstum hier aus wie im vorletzten Jahrhundert: Landschaftsbilder mit Muster, alte chinesische Bauwerke, Segelboote, Folklore und chinesische Frauen, viel rot (mal traditioneller chinesischer Stoff, mal mit Gesicht im Stoff), Schriftzeichen. Noch auffälliger hier als bei den Buchcovern mit Japan-Bezug ist, dass es nun deutlich mehr Buchcover mit Frauen als mit Männern darauf gibt. China ist hier: Exotisch, wie aus dem Reisekatalog, stereotyp.

Das nimmt noch zu, wenn man sich die Buchcover, die die Suche nach „Indien“ ergab, ansieht:

indien

Eine deutliche Ausnahme hier bildet das Buchcover zu „So eine lange Reise“, das vorwiegend Männer zeigt. Ansonsten scheint es in Indien aber nur Frauen und Kinder zu geben, zudem viele Elefanten, Gewürze, Muster, blühende, idyllische Landschaften und ein paar eindrucksvolle alte Bauwerke. Technik, Moderne – gibt es in Indien nicht. Hier sieht alles noch aus wie zu den guten alten Kolonialzeiten. Kein Mensch, der bei Trost ist, stellt sich Indien heute noch so vor.

Das Beste kommt aber natürlich zum Schluss: Die Buchcover, die man sieht, wenn man nach „Afrika“ sucht, sind eigentlich schon eine ziemliche Frechheit:

afrika

In Afrika gibt es: Kinder, Frauen, genau eine Art von Landschaft mit einer einzigen Baumart, die auf jedes Buchcover muss, und wilde Tiere. Heinz Strunk kann da dann über diesen Kontinent drüber fliegen, auf dem all das (Baum, wilde Tiere, Lehmhütte) zu sehen ist, Technik gibt es nämlich hier nicht, die haben nur die ehemaligen Kolonialherren, während die Afrikaner ja noch in Lehmhütten hausen. Männer gibt es hier nicht. Städte nicht, Autos nicht, und alles ist voller Savanne und Akazien. Das ist exakt das Afrikabild, dass es seit den Kolonialzeiten gibt, das Disney befördert hat („Die Wüste lebt“, „König der Löwen“), das bis heute die Tourismusbranche bedient, und offensichtlich nicht nur sie, sondern auch die Buchbranche.
(Nebenbei: Die Buchcover der Bücher von Adichie und Owuor sehen einander halt auch auffällig ähnlich. Ein Schelm, der da denkt, hier habe man die Akazie einfach durch afrikanisch-anmutende Stoffmuster ersetzt.)

Wenn man sich Buchcover so anschaut, merkt man eben schon, dass der deutsche Blick auf andere Länder, Kontinente und Kulturen mitunter ein sehr eurozentristischer ist, der der Vielfalt, die es so gibt auf diesem Globus, nicht gerecht wird. Auch auffällig ist, dass die Buchcover sehr homogene Ethnien zeigen: In Deutschland und England nur Weiße, in China und Japan sehen die Menschen asiatisch, in Indien indisch, in Afrika eben dunkelhäutig aus (mit einer Ausnahme hier). Das letzte Mal, als ich in München und London war, sah es dort irgendwie bunter aus. Dabei bedingen sich natürlich Buchmarkt und Kunden gegenseitig: Die Buchcover werden so gestaltet, dass der Kunde mit seinem verkürzten Weltbild sie verorten kann. Der Punkt ist aber halt: Damit verfestigen sich eben auch solche verkürzten Weltbilder.

Nachtrag, 11.9.2016: Ich wurde darauf hingewiesen, dass hier bereits etwas ähnliches geschrieben und gemacht wurde, mit den Schwerpunkten Südasien, Afrika, arabische Frauen und englischen Buchcovern. Vielen Dank für den Hinweis!

Nachtrag am 11.10.2016: Ich wurde (schon am 1.10.2016, tut mir leid wegen der Verspätung) auch auf diesen Artikel, der ähnliche Beobachtungen macht, hingwiesen. Auch hier: Vielen Dank!

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