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Mechthild Borrmann – Die andere Hälfte der Hoffnung

Borrmann Hälfte der Hoffnung

Vermutlich ist es ein bisschen unfair der Autorin wie diesem Buch gegenüber, wenn ich mich zu „Die andere Hälfte der Hoffnung“ äußere, denn es handelt sich um einen Krimi. Und Krimis lese ich praktisch nie, weil sie mich fast immer langweilen. Das Buch landete trotzdem in meinem Besitz, da ich die Thematik interessant fand, aber gut gegangen ist das Experiment nicht.

Borrmann erzählt die Geschichte einer Überlebenden des Reaktorunfalls von Tschernobyl. Schon allein das wäre vermutlich genug Stoff, um einen guten Roman darüber zu schreiben. Aber darum ging es der Autorin ja leider gar nicht, also hat sie das gleich mit einem anderen Knaller-Thema zusammengewurstet: Besagte Überlebende hat nämlich eine Tochter, die mitsamt einer Freundin unauffindbar in Deutschland verschwunden ist, da sie von einem Ring von Menschenhändlern an Zuhälter verkauft wurde. Nachdem man mit so seichten Themen die Tschernobyl, Menschenhandel und Prostitution aber nicht vernünftig 320 Seiten füllen kann, muss noch ein Fass aufgemacht werden: Gesucht wird besagte Tochter von einem Mitglied der ukrainischen Miliz, dessen Ermittlungen durch die Korruption in seinem Land erheblich erschwert werden. Potzblitz, wir fassen zusammen: Er geht um Tschernobyl, Menschenhandel, Prostitution und Korruption. Dieses Buch ist quasi die eierlegende Wollmilchsau.

Dass eine angemessene, nicht im bloßen Klischee verbleibende Auseinandersetzung mit dieser Fülle an schwierigen Themen in nur einem Buch und auf nur 320 Seiten schwer ist, lässt sich erahnen. Borrmann versucht aber leider nicht einmal, über irgendeine Plattitüde hinauszukommen, bei ihr verkommen all diese menschlichen Katastrophen zur bloßen Kulisse für den Spannungsaufbau. Zu einer Auseinandersetzung mit auch nur einem dieser Themen, aus der der Leser irgendeinen neuen Gedanken mitnehmen könnte, kommt es nirgends, die Kulisse bleibt vollständig austauschbar. Das finde ich sehr bedauerlich, denn hier werden einige der schwierigsten Themen aufgegriffen und verkommen zum bloßen Effekt. Den Problemen, dem menschlichen Schicksal, von dem erzählt wird, wird das Buch nicht gerecht. Letztlich liest es sich, wie sich ein Tatort ansehen lässt: Schon irgendwie spannend, auch ganz unterhaltsam, aber irgendwie auch austauschbar, oft zu platt und letztlich wär’s auch nicht schlimm gewesen, wenn man ihn diesen Sonntag mal verpasst hätte.

Hinzu kommen die sprachlichen Plattheiten. Allenthalben hört Walentyna, die Tschernobyl-Überlebende, irgendwo eine Elster krächzen:

„Eine Elster sitzt auf dem Zaun. Ihr Gefieder leuchtet metallisch grün in der Morgensonne, die weißen Flügelspitzen liegen wie Schneereste an ihrem Körper, und sie ruft ihr eilig aneinandergereihtes „schäck-schäck-schäck“ in den Garten. In den letzten beiden Tagen hat es geschneit, und die Temperaturen sind in den Plusbereich gestiegen. Das wenige Herbstlaub, das der Frost den Bäumen gelassen hat, schimmert in der Mittagssonne.“ (S. 129)

Ja, das sind schon malerische, sprachgewaltige Beschreibungen. So stimmungsvoll wurden selten Hauptsätze monoton aneinandergereiht. Das Schaf, mit dem der Schäfer natürlich immer spricht, heißt selbstverständlich Trine (wie sonst), der alte Hund hieß Bella und der neue Collie wird Kolja genannt. Schade, dass nicht noch die Kuh Berta und der Wellensittich Hansi vorkommen. Vielleicht im nächsten Roman. Ärgerlich finde ich – man möge mir meinen Hang zur sprachlichen Erbsenzählerei bitte verzeihen – den Anfang von Kapitel 22, S. 173:

„Diejenigen, die keine Verwandten hatten, wo sie unterkommen konnten, wurden in einer geräumten Militärkaserne untergebracht.“

Die Verwendung von „wo“ in dieser Satzkonstruktion sehe ich vielen Menschen nach, nicht aber solchen, die ihr Geld mit sprachlichen Machwerken verdienen. Man möchte es durchstreichen und „bei denen“ darüber schreiben.

Insgesamt kann man „Die andere Hälfte der Hoffnung“ schon lesen, wenn man nett unterhalten werden will, denn das leistet dieses Buch, und nur geringe inhaltliche wie sprachliche Ansprüche mitbringt. Man kann aber auch gleich den „Tatort“ anschauen. Oder einfach stattdessen ein gutes Buch lesen.