Archiv der Kategorie: Zu- und vorhandenes Zeug

Junge hyperbolische Literatur? Eine Überlegung im Anschluss an den Text von Daniel Heitzler im Bachmann-Wettbewerb 2019

Es ist bemerkenswert, dass mit Daniel Heitzler ein Autor am Bachmann-Wettbewerb teilnahm, der noch nie zuvor etwas veröffentlich hatte. Allerdings ist das eben nicht bemerkenswert, weil das in den vorherigen Jahren nie vorgekommen wäre, sondern weil es so exakt zum Selbstanspruch des Autors in seinem Videoporträt und dem Anspruch seines Textes passt (zu Videoporträt, Text und Jurydiskussion hier entlang). Heitzler ist der jüngste teilnehmende Autor, laut eigener Aussage war ihm der Wettbewerb noch vor einiger Zeit eigentlich „größtenteils unbekannt“, er hat noch nichts veröffentlicht und wo andere Autor/innen in Grübeln und Skrupel verfallen würden, macht er einfach. Und genau so ist sein Text: Das ist kein Text, der zu Understatement oder vorsichtigem Abwägen neigt. Da wurde jedes Wort lieber einmal mehr aufgeblasen als dass bescheiden Relativierungen und Brechungen eingebaut worden wären. Da wurden lieber noch ein paar mehr ungewöhnliche Adjektive und Formulierungsschleifen eingebaut, als dass Heitzler der alten Forderung, dass man Adjektive und (vermeintlich) Überflüssiges immer streichen müsse, gefolgt wäre (der beispielsweise Tom Kummer im Wettbewerb und in seinem Schreiben folgt).

Hellhörig kann man dann werden, wenn Daniel Heitzler in seinem Videoporträt sagt: „Es ist mir ein persönliches Anliegen und ich finde es auch superinteressant, sich auch wieder mehr zu trauen, auch vielleicht von sich selbst mehr zu erwarten als man leisten kann, auch sprachlich. Ja, ich finde es einfach nur ein bisschen schade, dass zum Beispiele gerade die deutsche Literatur, dass die in letzter Zeit irgendwie mehr auf ner Art ironischer Stimmung basiert als auf wirklichem Spaß an der Sprache und an Konstruktionen und an waghalsigen Ideen.“ Das sagt Heitzler, und wirkt dabei lustigerweise bemerkenswert bescheiden. Und es ist deswegen spannend, dass er seinen Schreibstil so verortet und diese Diagnose der deutschen Gegenwartsliteratur gegenüber formuliert, weil diese Position in den letzten ein bis zwei Jahren ja schon vertreten wurde, und zwar bekanntlich prominent von dem Berliner Literaturkollektiv „Rich Kids of Literature“, vor allem in dem Manifest „Ultraromantik“ des zugehörigen Autors Leonhard Hieronymi, und auf der anderen Seite und in ganz anderer Form von Simon Strauß.

Was die Texte von Heitzler, Hieronymi und Strauß tatsächlich verbindet, ist der Mut zum Pathos, zum Überbordenden, zur großen Geste, zum großen Anspruch, dazu, ab und zu völlig over the top zu sein. Hier wird nicht jedes Wort, jeder Gedanke, jeder Satz bis ins letzte vorsichtig abgewogen, hier geht es um einen Gefühlsausdruck, um eine Geste, um eine Wirkung. Um Texte ohne jedes Understatement und ohne irgendein Sicherheitsnetz gegenüber dem Vorwurf, überzogen zu sein. Was die Texte dieser Autoren verbindet ist zudem die Reaktion, die ihnen dafür entgegengebracht wird: Häufig wissen weder die Literaturkritiker noch die Leser/innen im Internet so ganz genau, ob das jetzt ernst gemeint ist oder Ironie sein soll, die Texte sorgen für Irritation. Bei Strauß‘ letztem Buch „Römische Tage“ kam Iris Radisch zu dem Schluss, es sei doch etwas viel Festtagsrhetorik, so wirklich ernst kann sie die Emphase wohl nicht nehmen. Ähnliche Reaktionen wurden dem Text von Heitzler im Rahmen des Bachmann-Wettbewerbs entgegen gebracht, insbesondere im Netz, ähnliche Reaktionen wurden Hieronymi für seine „Ultraromantik“ entgegen gebracht: Die verwunderte Frage, ob der das ernst meine, was er da schreibt, ob man das ernst nehmen müsse oder ob das Ironie sei. Immer wieder liest man auch Einwände wie: Das ist hohl, leer, abgenutzt, Kitsch, das sind Worte und Ansprüche, die zu groß sind, in ihrer Absolutheit nicht mehr passen. Gemeinsam ist den Texten aller drei Autoren auch das Überschreiten der Grenze zwischen U und E – die Texte sollen Spaß machen, lustig sein oder ergreifen oder etwas ganz anderes, auf jeden Fall wollen sie erst affektiv und nicht erst philologisch-intellektuell erfasst werden. Die Lesenden sollen erst mal etwas empfinden, nicht mit dem Bleistift Notizen am Rand machen und alles entschlüsseln (das können sie auch, aber es nicht der einzige und unmittelbar zuerst naheliegende Zugang zum Text). Es geht nicht um das ausgeklügelte literarische Konstrukt, um Literatur mit ganz, ganz großem L (übrigens auch bei Strauß nicht). Das, was beispielsweise der Text von Katharina Schultens im Bachmann-Wettbewerb 2019 wollte, eine Verbindung von U und E, von Hochliteratur und Phantastik, die konsequent durchgeformte Hochliteratur nahe der Lyrik ist, das wollen diese Texte gar nicht.

Ein Unterschied zwischen Hieronymi und Heitzler einerseits und Strauß andererseits ist, wie konsequent die Absage an die Ironie gemeint ist – Strauß meint das ernst, Hieronymi und Heitzler meinen auch das noch ironisch. Und wo Strauß vor allem Versatzstücke der Hochkultur mit Emphase verbindet, um daraus Gefühlsappelle an die Leser/innen zu formen, verbinden Hieronymi und Hietzler Genre, bisweilen Trash und kanonisierte Literatur, vermutlich mit einem weniger programmatischen inhaltlichen Ziel als Strauß (Europa, Bezug zum Historischen, Aufwertung von Gefühl und Imagination), sondern eher vielleicht aus Spaß an Anarchie. Beides bildet so auf seine Weise einen Hybrid aus U und E.

Hier entsteht schon etwas Neues, womit man vermutlich rechnen sollte. Tatsächlich ist der Text von Daniel Heitzler im Wettbewerb völlig anders als der von Yannic Han Biao Federer, der Gegenwart und Gefühle (es geht im Text um Trennung) in genau der ironischen Brüchigkeit, in dem Understatement erzählt, von der Heitzler sich abwenden will. Das, was da entsteht, irritiert deswegen so, weil es in der Ballung und in dem Selbstbewusstsein lange nicht da war, vielleicht seit dem Expressionismus nicht mehr: Große Geste, großes Pathos, große Ansprüche, große Formulierungen. Man muss sich davon nicht angesprochen fühlen und kann befremdet davor stehen. Man kann an der Postmoderne hängen und das entsprechend oder ganz grundsätzlich unangebracht finden, welcher Absolutheitsanspruch hier aufgerufen wird, kann die Frage stellen, ob das nicht stärker durchdacht sein müsste, nicht doch hier und da vorsichtiger. Ob nicht das Leise, Kleine, Gewöhnliche auch einen Wert und eine Größe hat. Diese Fragen stelle ich zumindest (das ist den Leser/innen, die frühere Texte von mir zu ein paar der genannten Autoren gelesen haben, vermutlich bekannt; Edit 1.7.2019: Es sei aber noch angemerkt, dass „Römische Tage“ von Strauß in vielem leiser und vorsichtiger ist als der Vorgänger „Sieben Nächte“). Aber man wird das, was da entsteht, ernst nehmen müssen. Denn zum einen entsprechen auch diese Texte einem Bedürfnis, das offensichtlich da ist. Und vielleicht ist das ein Ansatz einer Literatur, die sich von postmoderner Theorie abwendet, und die jetzt wohl langsam entstehen wird, weil sie wohl langsam entstehen muss, weil es ja immer irgendeine Entwicklung geben muss.

Vielleicht täusche ich mich da aber auch.

(Beitragsbild von Christian Joudrey auf Unsplash)

Zur Kritik des normierten Lesens II: Einige Ergänzungen

Vor knapp zwei Jahren schrieb ich aus einer aktuellen Diskussion auf social media heraus den Text „Zur Kritik des normierten Lesens“ (zu finden hier oder auf 54books, wo er zuerst erschien), der sich mit der Abwertung bestimmter Lektürepraktiken eines eher genuss- und kompensationsorientierten, häufig als „weiblich“ kodierten Lesens beschäftigt hat. Dieser Text ist deutlich öfter gelesen worden, als ich das erwartet hatte, verlor damit seinen ursprünglichen Diskussionskontext und war schon damals eigentlich ergänzungsbedürftig und zu pauschal für diese vom Anlass losgelöste Rezeption, weil er so tut, als gäbe es milieubedingtes, habituelles Lesen nur in der Oberschicht und als gäbe es Dünkel gegenüber andere Lektürepraktiken nur „von oben“. Daher nun ein ergänzendes, vielleicht etwas differenzierteres Nachdenken über die Lesegewohnheiten und Schichtzugehörigkeit, über Distinktion und Kommunikation, ausgehend von einigen längeren Zitaten aus Jost Schneiders „Sozialgeschichte des Lesens“ von 2004. Auch dieser Text wird natürlich schon ergänzungsbedürftig sein, wenn er online geht, und das ist doch schön, vielleicht schreibe ich dann irgendwann noch Teil III und so geht das dann ewig weiter.

Denn natürlich ist jede Lektürepraxis habituell und milieubedingt, damit auch in gewisser Weise normiert, auch die der Mittel- und Unterschicht, und natürlich lehnen Vertreter/innen dieser Milieus die Lektürepraxis oberer Milieus genauso ab, es gibt also auch Dünkel „von unten“. Dabei ist sich eigentlich niemand der Milieubedingtheit der eigenen Lesegewohnheiten so richtig bewusst, erkennt sehr deutlich die Fehler der anderen Milieus, nie aber die eigenen – man selbst ist sich immer sicher, für „alle“ sprechen zu können, beurteilen zu können, was „alle“ lesen wollen, objektive, allgemeingültige Urteile fällen zu können. Einen verzerrten Blick auf die Realität haben immer nur die anderen.

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Das „Jahr der Autorinnen“, seine Deutung und eine Rückfrage

Bemerkenswert viele der großen Literaturpreise sind dieses Jahr an Autorinnen vergeben worden, stellte Dirk Knipphals am 8.12. in der TAZ fest. „Was ist da geschehen?“, fragte er sich, und leider versuchte er dann, diese Frage auch noch zu beantworten, was vielleicht besser unterblieben wäre.

Knipphals resümiert zutreffend, dass den Preis der Leipziger Buchmesse dieses Jahr Esther Kinsky für „Hain“, den Deutschen Buchpreis Inger-Maria Mahlke für „Archipel“, den Büchnerpreis Terézia Mora, den Wilhelm-Raabe-Preis Judith Schalansky für „Verzeichnis einiger Verluste“, den Bachmannpreis Tanja Maljartschuk erhalten habe. Das trifft zu, ja. Später wird noch erwähnt, dass Lucy Fricke den Bayerischen Buchpreis für „Töchter“ erhalten habe. Andere Preise könnte man ergänzen: Der aspekte-Preis beispielsweise ging an Bettina Wilperts Debüt „nichts, was uns passiert“. Weiterlesen

Der Worte sind noch nicht genug gewechselt: Über Narration und Subversion

„Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloß interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt mißlang. […] Praxis, auf unabsehbare Zeit vertagt, ist nicht mehr die Einspruchsinstanz gegen selbstzufriedene Spekulation, sondern meist der Vorwand, unter dem Exekutiven den kritischen Gedanken als eitel abzuwürgen, dessen verändernde Praxis bedürfte.“ (Adorno: Negative Dialektik)

Es gibt Karrieren von „geflügelten Worten“, die ich noch nie so ganz nachvollziehen konnte. Beispielsweise verstehe ich nicht, warum das Faust-Zitat „Der Worte sind genug gewechselt / Laßt mich auch endlich Taten sehn!“ so beliebt werden konnte – zusammen mit all seinen weniger der Literatur entlehnten Geschwisterformulierungen im Stile von: „Nicht nur quatschen, sondern machen“. Ich bin diesen Sätzen gegenüber skeptisch, obwohl ich natürlich weiß, dass Worte schon auch umgesetzt werden müssen, dass Handeln also nicht obsolet ist, im Gegenteil. Und ich könnte meine Skepsis mit der Sprechakttheorie begründen, aber das ist mir zu naheliegend.

Ich möchte meine Skepsis gegenüber der Behauptung, es sei irgendwann „genug“ geredet, es seien „nur“ Worte, und diese kleinen, weichen Worte würden weniger zählen als die große, starke, harte Tat, anders begründen: Durch den Rückgriff auf Erzählungen, auf Mythen. Die Menschen haben ja immer schon das Mittel des Erzählens gewählt, um sich die Welt zu erklären, und ich hoffe, dass die ganze Tragweite dieses Satzes am Ende meines Textes deutlich werden kann. Vielleicht ist das ein Bekenntnis, wer weiß, aber ich glaube, dass Tatsachen in höherem Maße durch Worte geschaffen werden als durch Taten, der Wortverwandtschaft zum Trotz, dass das kleine, weiche Wort es ist, das die Welt erfasst und erschafft, dass Worte die Welt und die Existenz in ihren Grundfesten verändern können, dass ihm die Tat immer erst nachfolgt, dass man im Wort die Welt überwinden kann, während man sich im Handeln nur in sie verstricken kann. Weiterlesen

Worüber man spricht

Manchmal versagt man ja völlig. Oder zumindest ich tue das. Ich habe einen Bekannten, den ich eigentlich gar nicht so gut kenne, ein Freund von Freunden eben, der mich eigentlich immer, wenn ich ihn treffe, mit irgendwelchen relativ langweiligen Klischees über Frauen nervt. Und man sagt dann so, was man eben so sagt: Dass das Quatsch sei, dass das nicht witzig sei, dass man selbst das anders sehe. Neulich traf ich ihn zufällig auf der Straße, und kurz bevor wir uns verabschiedeten näherte sich eine Gruppe schwarzer Jungs dem Ort, an dem wir standen, was er – übrigens: promovierter Historiker, falls immer noch jemand meint, derlei Geschwätz käme nur von Leuten, die es gar nicht besser wissen können – mit „Oh, schau mal, Schokos“ kommentierte. Und ich schaute ihn nur ungläubig an und sagte: Nichts. Er redete einfach weiter, und ich hatte nichts gesagt. Und ich war danach eigentlich wütender auf mich als auf ihn. Man kann andere ja in der Regel nicht ändern, man kann ihnen nur widersprechen, aber für das eigene Verhalten kann man etwas. Und da habe ich versagt.

Ich weiß nicht so genau, warum man manchmal etwas sagt und manchmal nichts. Ich darf mich aber nicht vorschnell von dem Verdacht gegen mich selbst lossprechen, dass es mir leichter fällt, bei Sprüchen über Frauen klar zu reagieren als bei Sprüchen, die mich selbst nicht betreffen, sondern andere. Und ich vermute, ähnliches gilt für öffentliche Debatten: Dass die Frage danach, was sagbar und unsagbar ist, eine Frage der Macht ist, ist ja sei Foucault bekannt. Aber dass das, worüber man spricht, welche Themen wiederholt aufgegriffen und debattiert werden, auch eine Frage der Sensibilisierung und der persönlichen Betroffenheit ist, ist eben gerade Journalisten aus der agenda setting-Forschung vermutlich deutlicher bekannt als mir. Weiterlesen

Die Kirche im Dorf und den Messias in der Bibel lassen / über Simon Strauß und den TAZ-Artikel von Alem Grabovac

[Dieser Text wurde von mir als Leserbrief an die TAZ geschrieben und dort auch – selbstverständlich ob der Länge stark gekürzt – als Leserbrief abgedruckt. Ich habe ein bisschen etwas verändert, vor allem zwei längere, jeweils durch eckige Klammern gekennzeichnete Passagen gegen Ende ergänzt, und hoffe, dass durch diese deutlich wird, warum ich das hier geschrieben habe und jetzt zusätzlich in vollständiger Länge online stelle. Der Text spiegelt, wie immer auf 54books, meine Position und nicht die meiner Mitblogger, die mit dem Thema gar nicht befasst sind.]

Am 08.01.2018 erschien in der TAZ der Artikel „Treibstoff für die Reaktionären“ von Alem Grabovac, in dem Simon Strauß doch recht heftig angegriffen – und ich halte dieses für das richtige Verb, nicht „kritisieren“ – wurde, in dem die apokalyptische Vision beschworen wurde, Simon Strauß könne der „Messias der deutschen Literatur“ werden, was deswegen schrecklich wäre, weil er angeblich im Gewand der Romantik Pamphlete der Neuen Rechten schreibe. Der Artikel war mit „Debatte zum Schriftsteller Simon Strauß“ überschrieben und ich möchte das Wort „Debatte“ gerne ernst nehmen und dem etwas entgegnen. Der Artikel kämpft gegen einen Strohmann, was deswegen unschön ist, weil der Autor seine Zeit und seine Intelligenz auf jemand hätte investieren können, der wirklich rechts ist, davon laufen derzeit ja genug herum, statt sich ein Feindbild zu konstruieren, das vor allem auf einer nur sehr kursorischen, doch recht großzügig Passagen weglassenden Lektüre der Texte von Simon Strauß beruht. Weiterlesen

Baby, we’re the new (ultra)romantics (nur ich halt wieder nicht)

„Sobald man denkt, früher sei alles besser gewesen, wird die Gegenwart second hand und man selbst wird vintage – für Kleidung ist das okay, aber für Menschen nicht so toll.“ (Karl Lagerfeld)

Endlich gibt es wieder Überlegungen dazu, wie Literatur sein sollte. Ich frage mich ja schon ständig, wo die eigentlich bleiben, die großen literarischen Programme und Entwürfe der Gegenwart. Leider verstehe ich sie jetzt, wo sie anzurollen scheinen, nicht, denn leider fühle ich halt in der Regel eher nicht so viel, weil ich leider kein Herz habe. Und soweit ich das sehe, ist es vor allem das Bedürfnis nach mehr Gefühl, mehr Leidenschaft und weniger Distanz, die das Nachdenken über literarische Programmatik anleitet. Das ist ein Anliegen, das ich nicht teile (aber vielleicht überzeugt mich ja mal jemand?), hinzu kommt, dass ich vieles leider nicht verstehe, weswegen ich hier lediglich meine Bedenken zum Ausdruck bringen kann. So viel habe ich verstanden: Es geht oft um Bäume und Wälder.

Vor ein paar Wochen berichtete jedenfalls der Guardian über die Zombieapokalypse der Romantik in der deutschen Literatur: Ausgehend von Byung-Chul Han, Simon Strauß und Leonhard Hieronymis „Ultraromantik“ wird hier behauptet, die „Merkel generation” wäre „engaged in a controversial revival of romanticism“. Das ist so interessant wie verwirrend, und lustigerweise: in dieser Zusammenstellung so falsch wie richtig. (Byung-Chul Han werde ich im Folgenden ignorieren, da hier ja schon alles Wesentliche zu ihm gesagt worden ist.)

Ich bin mir sehr sicher, dass in diesem Artikel Ideen in einen Topf geworden werden, die eigentlich sehr deutliche Unterschiede aufweisen. Verbindend ist aber doch, und darauf möchte ich im Folgenden ein bisschen rumkauen, das selektive Anknüpfen an Element der Epoche der Romantik.

Interessant ist dabei zunächst einmal, dass – wenn dem so wäre, dass junge Autoren (ich sehe bislang hier nur Männer, rein deskriptiv, nicht wertend: daher hier maskulinum) hier wirklich sich unter das Dach „Romantik“ stellen – das wohl zum einen ein Zeichen dafür wäre, dass die Romantik jetzt wirklich tot ist, zum anderen dass es das erste Mal in der Literaturgeschichte wäre (oder übersehe ich etwas?), dass sich eine literarische Strömung bewusst nach einer Epoche benennt, die keine 200 Jahre rum ist und die eben nicht groß wiederentdeckt werden muss (wie die mittelalterliche Literatur durch die Romantik). Wenn dem so wäre, wäre es doch zunächst einmal sehr bedauerlich, dass sich junge Leute (mal so ganz mütterlich dahergemeint) nicht einmal die Prägung eines eigenen Begriffs zutrauen. Das Eigene, Neue, „noch nie Dagewesene“ traut man sich anscheinend nicht zu, man orientiert sich lieber zurück, in die Vergangenheit. Allein an diese kann man anknüpfen, aus dieser kann man Hoffnung schöpfen, nicht etwa aus einer auf die Zukunft gerichteten Utopie, auch nicht aus sich selbst, aus der eigenen Gegenwart.

Das ist denn wohl auch irgendwie typisch für eine Zeit, die zur Retrotopie neigt, in der Walter Benjamins Engel der Geschichte sich umgedreht hat: „Nunmehr kehrt er der Vergangenheit den Rücken und blickt entsetzt in Richtung Zukunft. Seine Flügel werden von einem Sturm nach hinten gedrückt, der einem imaginierten, antizipierten und vorauseilend gefürchteten höllischen Morgen entstammt und ihn unaufhaltsam auf das (im Rückblick, nach seinem Verlust und Verfall) paradiesisch erscheinende Gestern zutreibt.“ (Zygmunt Bauman: Retrotopie, S. 9). Wo die Gegenwart als unbefriedigend, die Zukunft als Alptraum erscheint, entstehen „Retrotopien“: „Visionen, die sich anders als ihre Vorläufer [die Utopien] nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit“ (ebd., S. 13).

Kennzeichnend für die in die Vergangenheit verlagerte Utopie ist zudem eine selektive Erinnerungskultur (ebd, S. 19f.): Die Vergangenheit wird nicht mehr in ihrer Komplexität wahr- und ernstgenommen, es werden nur einzelne Elemente herausgegriffen. Und das passiert hier.

“’In Germany, we have a tendency to focus on romanticism’s perversion rather than its original promise,’ replied Strauss when confronted with the criticism. ‘But there was something powerful in the Romantic movement’s origins: an attempt to explore humanity in its inner form, to search inside ourselves for hidden currents. It was a rejection of uptightness and Biedermeier conformity.’ [hier kurz Verwirrung von meiner Seite aus: War Biedermeier nicht nach der Romantik? Habe ich da was verpasst, gibt’s da eine Theorie, die ich nicht kenne? ICH LIEBE (auch ohne Herz) THEORIEN!]

‘Romanticism should be like religion in that way: an individual affair, rather than the opium for the masses it became under National Socialism.’”

Natürlich ist die Perversion der Romantik aber in ihrem Ursprung selbst angelegt, das lässt sich ja nun schlechterdings nicht dadurch ändern, dass man es einfach ignoriert. Vielmehr wird man, wenn man die Perversion vermeiden will, diese sehr gut kennen und sehr ernst nehmen müssen. Gerade dann, wenn man es mit Demokratie und Europa und dem ganzen Kram ernst meint, was Strauß ja tut (ich sehe keinen Grund, das in Zweifel zu ziehen, auch wenn es dem Artikel zufolge ja Kritiker geben soll, die das tun). Man wird sich sehr genau überlegen müssen, bis wohin die Grenzen der Harmlosigkeit gehen und welche Geister man beschwört, bevor man sie dann am Ende nicht los wird (Maximal erwartbar jetzt, aber es gibt trotzdem keinen Grund, dahinter zurückzugehen: „Es gibt nichts Harmloses mehr. […] Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt; noch das unschuldige Wie schön wird zur Ausrede für die Schmach des Daseins, das anders ist, und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält. Mißtrauen ist geraten gegenüber allem Unbefangenen, Legeren, gegenüber allem sich Gehenlassen, das Nachgiebigkeit gegen die Übermacht des Existierenden einschließt.“ Minima Moralia, 5; Adorno mag ich übrigens da am liebsten, wo er albern ist, z.B. weil er wegen ein paar Studenten die Polizei ruft.).

Und nicht weniger selektiv ist die Erinnerungskultur der „Ultraromantik“ (von Leonhard Hieronymi, erschienen im Korbinian Verlag), wenn diese auch an und für sich eben nicht der Versuch ist, die Romantik als Epoche wiederzubeleben, und eben nicht von Zukunftsangst geplagt wird. Vielmehr will man hier lediglich die Leidenschaftlichkeit, die Empfindungen der Romantik wiederbeleben wider das gegenwärtig herrschende „inoffizielle Ekstaseverbot“ (S. 7), und diese verbinden mit Elementen des Science Fiction-Genres zu einer „romantische[n] Variante des Cyberpunk“ (S. 18). „Ultraromantik“ ist also keine Retrotopie, im Gegenteil: wenn man sich einen Satz wie „Die Gegenwart nicht zu wollen, muss bedeuten, der Zukunft eine Chance zu geben“ auf die Fahnen schreibt, dann richtet man durchaus seine Hoffnung auf die Zukunft. Wobei: Kann man bei „eine Chance geben“ wirklich von „Hoffnung“ sprechen? Wenn die Zukunft hier eine Chance haben soll, muss sie zumindest an die längst vergangene Vergangenheit anknüpfen. Man verklärt nicht eine vergangene Epoche im Ganzen, die man wiederbeleben möchte. Aber man greift eben selektiv Elemente aus dieser Epoche heraus, die man sich offensichtlich aus sich selbst, der Gegenwart oder vor allem: aus der Zukunft selbst allein heraus zu greifen nicht zutraut. Dass man darüber dann indirekt die Epoche der Romantik ebenso verklärt, wie wenn man sie zur Retrotopie gemacht hätte, liegt auf der Hand, schließlich findet hier auch keine kritische Reflexion des eigenen Vorgehens, der eigenen Auswahl statt.

Aber an Reflexion, insbesondere an theoretischer Durchdringung fehlt es ohnehin (pardon) – und gerade das ist sehr unromantisch, immerhin ist es gerade ein Kennzeichen der Romantik, tatsächlich die Kultur und Wissenschaft in all ihren Bereichen ergriffen und geprägt zu haben und nahezu übertheoretisiert gewesen zu sein. Dass das ignoriert wird, scheint dem geschuldet, dass es hier ja eben um eine Priorisierung des Gefühls geht, weswegen man vielleicht von vorn herein wenig Interesse an Theorie hat (dies ist eine Vermutung meinerseits, denn ich sehe in der „Ultraromantik“ keine Ebene theoretischer Reflexion und auch nicht das Streben, an theoretische Reflexion anzuknüpfen): Aber das ist dann eben vielleicht „Sturm und Drang“, aber eben nicht: Romantik, wenn es um die bloße Emphase geht. Dann hat man sich in der Epoche geirrt. Und das ist ein Einwand, den man nicht mit „wir wollen aber doch gar keine neue Periode der Romantik“ (vgl. S. 18) wegwischen kann, denn abgesehen davon, dass man sich hier in den eigenen Ausführungen widerspricht, wenn man anmerkt „[v]ielleicht ist die neo- oder neu-romantische Epoche der Literatur die sich im Aufbau befindliche aktuelle fantastische Literatur und heißt Ultraromantik“ (S. 21) und die „Ultraromantik“ damit eben doch zur Neu-Romantik macht, hat man sich nun einmal entschieden, sich im Namen selbst auf die Romantik zu berufen, und muss sich dann vielleicht doch die Frage gefallen lassen, ob man hier die richtigen Assoziationen gewählt hat.

Zudem: Über das selektive Herausgreifen einzelner Elemente der Romantik knüpft man hier nun eben nicht minder an auch die problematischen Elemente der Romantik an als oben benannt. Ohne Bedenken benutzt man hier wieder Begriffe wie „Wahrheit“, „Erleuchtung“, schreibt Sätze wie „Ein Wald ist nicht nur ein Wald, er ist immer auch das Konglomerat eines ganzen millionenjährigen Seelenlebens“ (alles S. 7), was voraussetzt, dass es Ganzheit, Kohärenz geben muss, ohne die es weder Wahrheit noch Ultra-Wahrheit gibt. Und in einer Welt der reflexiven Moderne im Sinne Ulrich Becks, in der der Mensch eben die Folgen seines Handelns weder vorhersehen, noch kontrollieren kann, indem vielmehr die Folgen des eigenen Handelns die Absicht des Handelns ständig unterlaufen (man will sauberen Strom und bekommt Tschernobyl), und in einer solchen Welt leben wir nach wie vor, kann es meiner Ansicht nach keinen Rückfall hinter Dürrenmatts Ausführungen in den „Theaterproblemen“ geben. Weil es keine Schuld, keine Verantwortung mehr geben kann, wo keiner mehr die Folgen des eigenen Handelns absehen kann. Und das kann nach wie vor nur im Bruch, in der Distanzierung dargestellt werden. Eine Literatur, die die Distanzierung im großen Gefühl aufheben statt ausdrücken will, harmonisiert über die Brüchigkeit der Welt hinweg und ist damit: Regress.

„Die Macht Wallensteins ist eine noch sichtbare Macht, die heutige Macht ist nur zum kleinsten Teil sichtbar, wie bei einem Eisberg ist der grösste Teil im Gesichtslosen, Abstrakten versunken. […] Sichtbar in der Kunst ist das Überschaubare. […] Sichtbar, Gestalt wird die heutige Macht nur etwa da, wo sie explodiert, in der Atombombe, in diesem wundervollen Pilz, der da aufsteigt und sich ausbreitet, makellos wie die Sonne, bei dem Massenmord und Schönheit eins werden. Die Atombombe kann man nicht mehr darstellen, seit man sie herstellen kann. Vor ihr versagt jede Kunst als eine Schöpfung des Menschen, weil sie selbst eine Schöpfung des Menschen ist. Zwei Spiegel, die sich ineinander spiegeln, bleiben leer. […] Die Tragödie überwindet Distanz. […] Die Komödie schafft Distanz […] Die Tragödie setzt Schuld, Not, Mass, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weissen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt. Es geht wirklich ohne jeden. Alles wird mitgerissen und bleibt in irgendeinem Rechen hängen. Wir sind zu kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in die Sünden unserer Väter und Vorväter. Wir sind nur noch Kindeskinder. Das ist unser Pech, nicht unsere Schuld: Schuld gibt es nur noch als persönliche Leistung, als religiöse Tat. Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe, wie ja die apokalyptischen Bilder des Hieronymus Bosch auch grotesk sind. Doch das Groteske ist nur ein sinnlicher Ausdruck, ein sinnliches Paradox, die Gestalt nämlich einer Ungestalt, das Gesicht einer gesichtslosen Welt, und genau so wie unser Denken ohne den Begriff des Paradoxen nicht mehr auszukommen scheint, so auch die Kunst, unsere Welt, die nur noch ist, weil die Atombombe existiert: aus Furcht vor ihr. Doch ist das Tragische immer noch möglich, auch wenn die reine Tragödie nicht mehr möglich ist. Wir können das Tragische aus der Komödie heraus erzielen, hervorbringen als einen schrecklichen Moment, als einen sich öffnenden Abgrund, so sind ja schon viele Tragödien Shakespeares Komödien, aus denen heraus das Tragische aufsteigt. Nun liegt der Schluss nahe, die Komödie sei der Ausdruck der Verzweiflung, doch ist dieser Schluss nicht zwingend. Gewiss, wer das Sinnlose, das Hoffnungslose dieser Welt sieht, kann verzweifeln, doch ist diese Verzweiflung nicht eine Folge dieser Welt, sondern eine Antwort, die er auf diese Welt gibt, und eine andere Antwort wäre sein Nichtverzweifeln, sein Entschluss etwa, die Welt zu bestehen, in der wir oft leben wie Gulliver unter den Riesen. Auch der nimmt Distanz, auch der tritt einen Schritt zurück, der seinen Gegner einschätzen will, der sich bereit macht, mit ihm zu kämpfen oder ihm zu entgehen. Es ist immer noch möglich, den mutigen Menschen zu zeigen.“ (Friedrich Dürrenmatt: Theaterprobleme, S. 44-49; ja, ich musste das so lange zitieren.)

Wer an die großen Kohärenzen der Romantik anknüpfen will, wird sich nicht nur die Frage gefallen lassen müssen, ob er damit der Gegenwart gerecht wird, die eben nicht kohärent ist, sondern muss sich auch die Frage stellen lassen, ob die Annahmen einer romantischen Ästhetik harmlos sind. Ich bin mir ehrlich nicht sicher, wie die „Ultraromantik“ sich zu diesen Fragen verhalten möchte, aber vielleicht erfahre ich das ja irgendwann. Vielleicht auch nicht.

Und damit ist ja noch nicht einmal die Frage gestellt, die auch noch zu beantworten wäre: Zieht man sich hier nicht aufs Deutsch-Provinzielle zurück, bastelt man hier wieder seine eigene kleine deutsche Literaturströmung, die nichts mit Weltliteratur zu tun hat, weil diese aktuell ganz andere Themen, Probleme und Motive behandelt? Die deutsche Literaturgeschichte ist nicht eben reich an Weltliteratur, in der globalisierten Welt, in der wir leben, wird sich aber vermutlich noch weniger als in vorangegangenen Jahrhunderten ein literarisches Programm entwerfen lassen, das nicht einmal darüber nachgedacht hat, was eigentlich sonst so weltweit in der Literatur passiert (dass es vielleicht tatsächlich in Teilen der Alterskohorte der in den 1980ern Geborenen ein Bedürfnis nach einem Neuaufguss der Romantik geben könnte, kann durchaus sein, das möchte ich hier nicht in Abrede stellen – wenn ein Thema sogar Taylor Swift-fähig ist, ist es vermutlich auch mehrheitsfähig). Migration – und dieses Thema spielt als Migration zwischen den Planeten ja auch für eine ultraromantische Literatur, soweit ich das sehe, eine Rolle – ist seit einem Jahrhundert fortwährend Thema der Weltliteratur. Man wird nicht von „Heimat“ und „Sehnsucht“ schreiben können, ohne das bedacht zu haben, man wird in einer Zeit, in der „Heimat“ literarisch längst fluide geworden ist, nicht einfach fordern können, dass „eine Figur in einem ultraromantischen Werk […] niemals ihre Heimat“ leugnet (S. 18), es sei denn, man ignoriert völlig, dass diverse Figuren der Literatur im Zeitalter transkontinentaler Migration, in dem wir leben, nicht einmal wissen, wo genau „Heimat“ liegt. Und das hat nichts mit Leugnung sondern schlicht mit den Brüchen der Gegenwart (s.o.) zu tun. Leben ist heute halt urban, und man geht nicht mehr so oft rechtschaffen in Wäldern spazieren. Wenn man solche Dinge ignoriert, läuft man dann nicht Gefahr, die sehr provinzielle Literatur eines sehr sicher lebenden Milieus zu schreiben?

Die Gesellschaft der reflexiven Moderne ist eine Weltrisikogesellschaft (jaja, Beck wieder). Eine ultraromantische Literatur, die Elemente der Romantik (kann diese anders verstanden werden als technikkritisch?) aufgreifen will, sie mit Elementen der technikorientierten Science Fiction verbinden will und die „die Zukunft will“, wird, will sie an der Gegenwart nicht völlig vorbeigehen und bloßer Ausdruck von Emphase sein, bedenken müssen, dass Technik riskant, in ihrer Handhabung völlig kontingent und damit für viele Menschen eben eher ein Grund für Zukunftsangst als für Zukunftssicherheit ist.

Auch wenn Technikfolgenabschätzung heute unmöglich geworden ist, wäre der Verzicht auf den Versuch, die Risiken technischer Innovationen bei deren Entwicklung abzuschätzen, grob fahrlässig. Und genauso fahrlässig wäre doch ein selektiver Neuaufguss von Elementen der Romantik, die eben hier wie dort ihre Risiken in sich tragen, ohne ein genaues Wahrnehmen und Bedenken dieser Risiken. Wenn man so will, wünsche ich mich schlicht, wenn es stimmt, dass die Romantik derzeit von einigen jungen Autoren zu neuem Leben erweckt wird (aller hyperironischer „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen“-Rhetorik zum Trotz; und pardon my Flachwitz, aber beim Autor/der Autorin des Hyperironie-Artikels wird demnächst vermutlich das 18. Jahrhundert anrufen, es will seinen Genie-Kult zurück; ich werde eben das Gefühl nicht los, dass man hier wirklich Sturm und Drang und Romantik verwechselt), dass Ästhetikfolgenabschätzung betrieben wird. Vielleicht ist die Romantik ja sogar irgendwie zukunftsfähig, keine Ahnung – aber ich fände es schön, wenn das ein bisschen genauer und weniger selektiv bedacht würde.

Und, nebenbei: Es ist mir schleierhaft, warum man, wenn man so unbedingt aus der Distanziertheit des Konstruktivismus hinaus möchte, wenn man wieder Ganzheit und Gefühl und Beziehung und all dieses Gedöns will, nicht an die eine allheilbringende Theorie, die doch längst auf dem Markt ist, anknüpft, die schon ständig in allen Disziplinen hoch- und runterrezipiert wird: Hartmut Rosa hat doch „Resonanz“ längst geschrieben. Warum entwickelt eigentlich keiner eine Poetik der Resonanz? Da könnte man auch ganz viel fühlen und hätte den theoretischen Firlefanz dazu schon. Die Ultraromantik hätte zwar Probleme mit ihrem Verlangen nach Schnelligkeit, ist doch Resonanz irgendwie das Gegenstück zu Beschleunigung, aber romantischer als bei Rosa wird es dafür vermutlich aktuell nicht mehr werden:

„Bringt man zwei Stimmgabeln in physische Nähe zueinander und schlägt eine davon an, so ertönt die andere als Resonanzeffekt mit. Wenn Subjekte also im Sinne der Leitthese dieses Buches auf Resonanzerfahrungen hin angelegt sind, so können sie darauf hoffen, als ›zweite Stimmgabel‹ von etwas Begegnendem zum Klingen gebracht zu werden – oder aber im Sinne der ›ersten Stimmgabel‹ so lange zu suchen, bis sie ›Widerhall‹ finden.“ (Hartmut Rosa: Resonanz, S. 211f.)

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Die Welt als Klangschale. Aber die Theorie wird ja als der Ansatz gehandelt, um die Entfremdung der Spätmoderne zu überwinden, setzt also da an, wo man hier wohl analog ein literarisches Gefühlsdefizit wahrnimmt, und wäre wenigstens keine verkürzte Rezeption von einer vergangenen Epoche, die ja mit etwas, mit dem man hier heute gar nichts mehr am Hut haben zu wollen scheint, sehr viel anfangen konnte: Mit Distanzierung, mit Brechung, mit Ironie. Romantische Literatur ist voll davon, es wimmelt nur so von Spiegelungstechniken und mise en abyme. Romantik ohne Distanzierung ist keine Romantik, vermute ich. Habe ich schon angemerkt, dass ich glaube, dass man hier Sturm und Drang und Romantik verwechselt?

Aber was verstehe ich schon davon. Eigentlich verstehe ich weder das Anliegen von Strauß und/oder Hieronymi, noch ihre jeweiligen Ansätze. Und bei Hartmut Rosa habe ich auch meine Zweifel. Aber ich hänge halt auch noch am Absurden, am Grotesken, ich hänge immer noch an Dürrenmatt und am Konstruktivismus fest, vielleicht bin ich konservativ. Vielleicht liegt es daran, dass ich Theologin bin, und dann eh immer die Welt unter dem eschatologischen Vorbehalt stehen muss, so dass es nichts Ganzes geben kann (man muss ja immer seinen Sprechort klären). Vielleicht bin ich auch nur immer aus Prinzip dagegen. Wer weiß. Wie auch immer: Ich finde es schön, dass wieder literarische Programme entworfen werden, ich freue mich, wenn darüber wieder diskutiert wird. Das finde ich (ganz ironiefrei) sehr sympathisch, das zumindest wenigstens endlich mal ein paar Leute wieder was wollen. Auch wenn ich nichts davon verstehe. But the kids will have their say: