Archiv der Kategorie: Will man lesen

Blogbuster: Leseprobe aus „Air“ von Lukas Vering

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Inzwischen sind stehen ja drei Titel für die Longlist des Blogbuster-Preises 2017 fest – der Kaffeehaussitzer hat sich entschieden und heute auch Mareike von Bücherwurmloch – und da Lukas Vering und ich trotzdem vor haben, auf dem Glücksschwein nach vorn zu reiten (ja, stellt euch das ruhig bildlich vor!), hat Lukas Vering nicht nur hier ein handgemaltes Video als Teaser für seinen Roman zur Verfügung gestellt, sondern auch erlaubt, dass ich eine Leseprobe aus dem Roman online stelle.

Hier könnt ihr also in den Anfang des Romans „Air“ von Lukas Vering reinlesen:

LESEPROBE 1

Eine zweite Leseprobe aus der zweiten Hälfte des Romans wird im März kommen.

Und dann reiten wir auf dem Glücksschwein nach vorn!

 

 

 

 

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Petina Gappah – Die Farben des Nachtfalters

gappah-farben-nachtfalterJ. M. Coetzee findet laut Buchumschlag: „Petina Gappah ist eine glänzende Erzählerin.“ Und ich als autoritätshörige Person, die ich nun mal bin, dachte mir: „Ok, wenn der das sagt, dann stimmt es bestimmt.“ Und weil Coetzee ein Ehrenmann ist, dem man vertrauen kann, ist die simbabwische Petina Gappah natürlich wirklich eine glänzende Erzählerin, wenn man das so formulieren will.

„Die Farben des Nachtfalters“ (warum man diesen kitschigen Titel statt des viel schöneren Titels „The Book of Memory“ gewählt hat, wird wohl das Geheimnis des Verlags bleiben) enthält die fiktiven Aufzeichnungen von Memory, die zu Unrecht wegen Mordes zum Tode verurteilt worden ist und deswegen im Gefängnis Chikurubi in Simbabwe lebt. Insofern ist der Roman eine fiktive Biographie, die zu klären versucht, wie es so weit kommen konnte, wie es gekommen ist. Und insofern ist der Roman eine Geschichte über das Leben in einem simbabwischen Frauengefängnis unter der Willkür und Gewalt der Aufseherinnen, unter menschenunwürdigen Bedingungen, unter ständiger Beobachtung und vor allem: Abgeschnitten von der Außenwelt. Und gerade deshalb ist die jüngste Geschichte Simbabwes ständig präsent in diesem Roman, weil sie für die inhaftierten Frauen, die immer nur bruchstückhaft von Neuigkeiten erfahren, so eine wichtige Rolle spielt, zum einen da diese auf eine Amnestie durch eine neue Regierung hoffen, zum anderen da eben Neuigkeiten Mangelware sind. Wer also einen Roman sucht, in dem man etwas über das Leben in Simbabwe in den letzten Jahrzehnten erfährt, sollte hier zugreifen.

Aber es ist eben nicht nur eine Lebens- und Gefängnisgeschichte, die hier erzählt wird, sondern auch eine Familiengeschichte, denn die Frage, die Memory erörtert – nämlich wie es so kommen konnte, dass sie zu Unrecht zum Tode verurteilt worden ist –, greift zurück bis in die Kindheit, die Memory mit ihrer Familie und den Geschwistern, die nicht verstorben sind, in einem Township verbracht hat, bis sie im Alter von neun Jahren an einen Weißen, Lloyd, verkauft wird – den sie dann später ermordet haben soll. Und so erzählt „Die Farben des Nachtfalters“ auch in mehrfacher Hinsicht von Diskriminierung: Denn Memory ist ein Albino, und somit eine Außenseiterin. Ihre eigene Mutter betrachtet sie als Fluch und sucht unterschiedliche Wunderheiler auf, die sie von dem Makel der hellen Haut ihrer Tochter befreien sollen (hier erhält man auch einen Einblick in unterschiedliche Formen von Religion und Spiritualität in Simbabwe, von der Flusstaufe mit Exorzismus bis zum Geist-Medium). Und als Memory aus ihrer Familie herausgerissen wird, um zu Lloyd zu ziehen, wird das Machtgefälle zwischen Weiß und Schwarz in der ehemaligen Kolonie Rhodesien vollends deutlich: Vom Township wechselt sie in ein großes Herrenhaus, besucht eine gute Schule, kann ihre Fähigkeiten entfalten und später im Ausland studieren. Überhaupt ist sozialer Aufstieg für die Schwarzen in diesem Roman nach wie vor nur durch die Hilfe von Weißen möglich, dies betrifft auch einen Künstler, der nur das Land verlassen und international Karriere machen kann, indem er eine Deutsche heiratet. So sehr auf der einen Seite Kämpfe um die Landreform und Gewalt gegen weiße Grundbesitzer um sich greifen, so tief verwurzelt ist immer noch die Macht der Weißen und die Bereitschaft von Teilen der schwarzen Bevölkerung, diese als Autoritäten anzuerkennen, ehrfürchtig zu Memory aufzuschauen, weil sie mit Weißen in einem großen Haus gelebt hat, oder einen weißen Prediger als göttlichen Gesandten anzusehen. In der Geschichte Memorys spiegelt sich die Geschichte eines Landes, das mit den Folgen des Kolonialismus zu kämpfen hat: Da sind die von Kolonialherren zerstörten heiligen Stätten der einheimischen Ethnien, da ist die Korruption in der Regierung, da ist das Ringen der schwarzen Mehrheitsbevölkerung um politischen Einfluss und Aufstiegschancen. Und Memory als Albino steht zwischen allem: Aufgewachsen im Township und bei Weißen, weiß und schwarz gleichzeitig ist sie Grenzgängerin und Außenseiterin, blickt von außen auf all das, und ist eben gerade deshalb eine so gelungene fiktive Erzählerin. Und erzählt so nicht nur von der Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, sondern auch aufgrund von Geschlecht und sexueller Orientierung, gerade indem das Leben von inhaftierten Frauen und Wärterinnen und deren Geschichten mit einfließen.

Zum einen macht neben der eigentlichen Geschichte, die erzählt wird, also der Einblick in die jüngste Geschichte Simbabwes und seine Gesellschaft „Die Farben des Nachtfalters“ zu einem lesenswerten Buch. Zum anderen ist da aber die mythologische Bedeutungsebene, die Petina Gappah – die eben genau deswegen wirklich eine „glänzende Erzählerin“ ist – in die Geschichte einfließen lässt. Der Roman erzählt nicht einfach nur eine Lebensgeschichte in Simbabwe. Indem er den griechisch-antiken Mythos von den Erinnyen, den Rachegöttinnen, mit dem simbabwischen Glauben an Ngozi, Rachegeister, parallelisiert, indem er von Religiosität und Aberglaube und deren Bedeutung für das Leben der Menschen erzählt, und zeigt, wie Psychose und Aberglaube eins sein und das Leben steuern können, stellt er die oben genannte Frage: Wie es mit Memory so weit kommen konnte. Ob es ein Schicksal gibt oder alles Zufall ist. Und der Roman zeigt, wie eine falsche Annahme, ein Irrglaube, ein einziges falsch gedeutetes Ereignis zu einem  Schicksal werden können – und wie dieses Schicksal, die eigene Lebensdeutung, zusammenbrechen kann, wenn man mit einer anderen Deutung dieses einen Ereignisses konfrontiert wird. Und wie man dann weitermacht.

„Heute habe ich über den Birkenspanner nachgedacht. Genau wie dieser Nachtfalter musste ich meine Gestalt, meine Farbe ändern, um mich meiner Umgebung anzugleichen. Ich bin genau wie er blindlings hin und her geflattert, habe immer wieder die Farbe gewechselt im Besterben, mich anzupassen, zu überleben. Vielleicht ist das ja schon genug – dass ich mich fürs Überleben entschieden habe. Dafür, wieder von vorne anzufangen, ob hier drin oder dort draußen, aber stets im Bewusstsein der Wahrheit. Vielleicht reicht das ja schon.“ (S. 337)

Lest dieses Buch. Petina Gappah ist eine fantastische Erzählerin, manch einer würde vielleicht sagen: eine glänzende.

Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael: Nach dem Boom

nach-dem-boomZu den oft vorgebrachten Klagen der letzten Zeit gehört es, dass es Union und SPD an politischem Profil fehle, dass sich Mitte-rechts und Mitte-links nicht mehr unterscheiden lassen würden und beide Volksparteien eben zu einem kaum mehr Bezug hätten: dem Volk. Auch darauf, so meinen manche Beobachter politischer Entwicklungen, sei das Erstarken einer Partei wie der AfD zurückzuführen, denn wo die Union nicht mehr konservative, sondern sozialdemokratische Politik betreibe, sei rechts von ihr ein Platz frei geworden. Dass eine solche Analyse der aktuellen Parteienlandschaft zu kurz greift, macht die Lektüre von „Nach dem Boom“ deutlich, einem Essay von Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael, Professoren für Neuere und Neueste Geschichte in Tübingen und Trier, die ihre Expertise für jüngste Zeitgeschichte in zahlreichen Veröffentlichungen unter Beweis gestellt haben.

Im Zentrum des Bandes stehen die Jahrzehnte zwischen den 1970er Jahren und dem Jahr 1995, die der These der Autoren zufolge eine Epoche des Übergangs von der stabilen, von fordistischer Produktionsregie und dem rheinischem Kapitalismus geprägten Nachkriegsordnung hin zu einer neoliberalen Wirtschaftsordnung darstellen (S. 26). Doering-Manteuffel und Raphael sehen diese vom Zerfall des internationalen Währungssystems 1971/72, dem Ölpreisschock 1973/74 und den darauf folgenden Konjunkturschwankungen eingeläutete und alle westeuropäischen Länder ergreifende Phase des Wandels bestimmt von einem „Strukturbruch“, der „sozialen Wandel von revolutionärer Qualität mit sich gebracht“ habe (S. 28): Die genannten Entwicklung hin zu einer Wirtschaftsstruktur, die die Autoren im Anschluss an M. Castells und P. Windolf sowie C. Deutschmann als „digitalen Finanzmarkt-Kapitalismus“ (S. 26f.) bezeichnen, geht auch mit einem tiefgreifenden Wandel kultureller Gewohnheiten und Alltagsroutinen sowie der Entstehung eines erweiterten europäischen Wirtschaftsraumes einher.

Dennoch ist die Bezeichnung der Epoche ab den 1970er Jahren als eine Phase des Übergangs ernst zu nehmen, denn obwohl die Autoren den Terminus des Strukturbruchs wählen, weisen sie doch darauf hin, dass einige Institutionen und Strukturen weiterhin Bestand haben, die in der Phase zwischen 1945 und den langen 1960er Jahren entstanden sind, so etwa im Bereich sozialstaatlicher wie demokratischer Verfasstheit oder der Bildungs- und Forschungsinstitutionen. Die Epoche „nach dem Boom“ „zeigt sich [daher] noch janusgesichtig als Mischung von altvertrauten und neuartigen Strukturen“ (S. 28).

Daraus ergibt sich, dass eine Analyse dieser Jahrzehnte nur mit einem geweiteten Blick auf die dynamischen Wechselwirkungen von Politik, Ökonomie, Bildung, Wissenschaft und Religion erfolgen kann, wobei das Nebeneinander nationaler Besonderheiten in den für den gesamten westeuropäischen Raum nachzuzeichnenden Entwicklungen zu berücksichtigen ist und sozialwissenschaftlich erhobene Daten wie Thesen genau überprüft werden müssen. Diesen Grundannahmen gemäß untersuchen Doering-Manteuffel und Raphael zunächst in Abgrenzung zur Phase der Nachkriegsordnung die von zunehmender Individualisierung und Deregulierung der Märkte geprägte Epoche ab den 1970er Jahren (S. 33-74). Sie zeichnen dabei den Niedergang einer keynesianischen Konsenspolitik nach, der von einer Krise traditioneller Industrien begleitet wird und zu dem Erstarken monetaristischer Vorstellungen führt, die mit dem Ausbau des tertiären Sektors einhergehen. Die so aufgewiesenen wirtschaftlichen, politischen wie gesellschaftlichen Veränderungen lassen sich mit einem Blick auf die sie reflektierend begleitenden sozialwissenschaftlichen Theorien bestätigen. Indem Konzepte von der Modernisierungstheorie über die Theorie des „Dritten Weges“ bis zur aktuellen Diskussion um Beschleunigung, Flexibilität und flüchtige Moderne kritisch überprüft werden (S. 75-107), wird nicht nur die sozialpsychologische und kulturelle Dimension des Wandels klarer erfasst, sondern wird auch augenfällig, dass sich zuvor über historische Analyse gewonnene Beobachtungen mit jeweils zeitgenössischen soziologischen Überlegungen interdisziplinär in Einklang bringen lassen. Abgeschlossen wird der Band mit der Frage nach Feldern für eine das Dargestellte weiterführende zeithistorische Forschung (S. 108-137), wobei etablierte Themen wie der Aus- und Umbau der westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten oder Folgen der Arbeitsmigration sowie neue Forschungsfelder wie Geschlechterordnung und Körperbilder oder neue Formen der Sinnsuche als Arbeitsschwerpunkte vorgestellt werden.

Die Loslösung der zeitgeschichtlichen Bearbeitung von Dekaden oder Einzeldaten und Wendung hin zu einer problemgeschichtlichen Herangehensweise, die die Autoren vollziehen (S. 25f.), scheint unerlässlich und richtig, wenn zeitgeschichtliche Forschung das Verständnis der Gegenwart durch eine Analyse ihres Gewordenseins schärfen möchte. Angesichts der komplexen Verstrickung von unterschiedlichen politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozessen, die historischen Wandlungsprozessen immer eigen ist, haben sich Doering-Manteuffel und Raphael mit gutem Grund für eine interdisziplinäre Ausrichtung ihres Essays entschieden, durch dessen Verbindung historischer und sozialwissenschaftlicher Herangehensweisen ein weiterer und vertiefterer Einblick in die Epoche „nach dem Boom“ möglich ist. Zu hinterfragen wäre allerdings die Wahl des Begriffs „Strukturbruch“, der eher einen plötzlichen und vollständigen Umbruch als den von den Autoren nachgezeichneten Wandel suggeriert und damit das von den Autoren immer wieder herausgestellte „Janusgesichtige“ der Epoche terminologisch zu überlagern droht. Zudem ist die starke Konzentration auf Westeuropa gerade dann kritisch zu überdenken, wenn es um die Phase der zunehmenden Globalisierung geht: Dass die Bedeutung außereuropäischer Märkte nicht in den Blick genommen und das Zusammenbrechen des Systems der Kolonisation mit seinen die westeuropäische Wirtschaft bis heute prägenden Folgen und Strukturen lediglich kurz erwähnt, nicht aber einbezogen wird, mag der Kürze der Darstellung wie der Ausrichtung auf die BRD geschuldet sein, ist aber dennoch ein Desiderat. Zu weiten wäre zudem der Blick auf Migration, ist doch die Phase nach 1970 nicht nur die Zeit der im Band genannten Arbeitsmigration, sondern auch die des Aufkommens transkontinentaler Flucht.

Trotz dieser wünschenswerten Erweiterungen ist „Nach dem Boom“ von Doering-Manteuffel und Raphael eine für die Kürze des Bandes bemerkenswert tiefgreifende, erkenntnisreiche Analyse der jüngsten Zeitgeschichte, was gewiss auch auf die Fähigkeit der Autoren zur pointierten Formulierung zurückzuführen ist. Es gelingt überzeugend, die Jahrzehnte zwischen 1970 und 1995 als einen zusammengehörigen Zeitraum des westeuropäischen Wandels vorzustellen, ohne dabei nationale Besonderheiten in seinem Verlauf zu nivellieren. Dass die Entwicklungen, die in der Epoche „nach dem Boom“ angestoßen wurden, und die Strukturen, die sich in dieser Zeit herausbildeten, bis in die Gegenwart fortwirken, machen die Autoren in einem der dritten, nach dem Lehmann Brothers-Kollaps erschienen Auflage vorgestellten Vorwort „nach dem Crash“ deutlich (S. 7-24): Die Weltwirtschaftskrise erweist sich als Folge und damit als Bestätigung der Annahmen zu einem „digitalen Finanzmarkt-Kapitalismus“. Ähnliches gilt für die eingangs erwähnten jüngsten Veränderungen in der Parteienlandschaft: Der Übergang vom keynesianischen Konsens zum monetaristischen Individualismus und die ihn begleitende Auflösung des Gegensatzes zwischen „links“ und „rechts“ führt auf lange Sicht zur „Erosion etablierter Volksparteien und Partizipationsformen“ (S. 18). Die Politik von Union und SPD gleicht sich dahingehend, dass beide versuchen, eine Politik des „dritten Weges“ zu gehen – und der Platz, den die AfD einnimmt, ist nicht einfach der „rechts von der Union“, sondern der des radikalen Neoliberalismus.

[Diese Rezension ist ein „Abfallprodukt“ aus meiner beruflichen Tätigkeit, aber ich dachte, vielleicht will sie ja irgendwer lesen – obwohl ich nicht wüsste, wer das sein sollte.]

Tomer Gardi – Broken German

Gardi Broken GermanDer meiner Meinung nach peinlichste Literaturkritik-Moment dieses Jahr war die Jury-Diskussion beim Bachmannpreis zu Tomer Gardis Text. Während einzelne, vor allem Hubert Winkels, versuchten, über den Text zu reden, ging es mit anderen, allen voran Meike Feßmann, ja durch, und man redete eben nicht über den Text, sondern über die Frage, ob ein Text, der voller grammatikalischer, syntaktischer und orthographischer „Fehler“ sei, überhaupt etwas beim Bachmannpreis verloren habe. Nun ist es ja nicht nur so, als ob man sich die Anforderungen an die Texte des Preises vielleicht vorher hätte überlegen sollen, nicht erst während einer Jurydiskussion. Das eigentlich Unerträgliche an dieser Sache war nicht nur, dass man den Autor, der daneben saß und mehrfach sagte, dass er durchaus verstehe, was gesagt werde, völlig abkanzelte, indem man ihm Sprachfähigkeit absprach, die er ja hat, sondern dass man ihm darüber hinaus vor allem die sprachliche Gestaltungsfähigkeit und noch dazu ein Gehirn absprach. Wer meint, Gardi wüsste nicht um seine sprachlichen Fehler, er würde diese eben nicht bewusst als sprachliches Gestaltungsmittel verwenden, sondern er könnte es einfach nicht besser und wäre zudem zu dumm, auf die Idee zu kommen, dass er seinen Text von einem Muttersprachler korrigieren lassen könnte, wenn er die Fehler nicht im Text haben wollte, ist in einer Art und Weise dem Autor gegenüber herablassend, dass dem Zuschauer nur die Fremdscham bleibt. Natürlich ist Gardi nicht so dumm, dass er sich denkt: „Ah, ich mache Fehler, aber scheiß drauf, ist ja nur ein Literaturwettbewerb.“ Wer ihn für so dumm hält, muss schon eine Menge Dünkel in sich tragen: Wenn jemand beim Bachmannpreis einen fehlerhaften Text vorliest, ist das doch kein „Versehen“, weil der Text mal in fünf Minuten hingeschmiert wurde, sondern dann ist das gewollt und dann muss man das eben auch erst Mal ernst nehmen. Wer meint, nur grammatikalisch, syntaktisch und orthographisch korrektes Deutsch habe einen ästhetischen Wert, muss nicht nur eine Menge Dünkel in sich tragen, sondern muss auch einige deutsche Autoren nicht gelesen haben (Kleist zum Beispiel macht ständig syntaktische „Fehler“). Und wer Gardi nicht für so dumm hält, muss sich eben auch auf seine Sprache als künstlerisches Gestaltungsmittel einlassen und schauen, ob das funktioniert.

Vor einigen Wochen ist jedenfalls der Roman, der zu dem beim Bachmannpreis gelesenen Text gehört, erschienen. Funktioniert also Gardis Roman, funktioniert seine Sprache? Beide funktionieren fantastisch. „Broken German“ ist trotz des Titels nicht nur ein Roman über Sprache, sondern eher umfassender: Ein Roman über Irritation. Sprachliche Irritation, erzählerische Irritation und die irritierende Verwirrung von Identitäten.

Schreiben, Literaturbetrieb und Fiktion

So hat dieser Roman nicht eine durchgehende Handlung, er besteht eher aus einzelnen durch Figuren, manchmal auch nur durch Orte oder Gegenstände miteinander verbundenen Erzählungen. Dabei wechseln nicht nur die Erzähler, Erzählchronologie und die Erzählperspektiven, der Erzähler bricht auch immer wieder mit seinem Erzählen und erzählt über das Erzählen selbst, so zum Beispiel wenn er sein Vorgehen erklärt:

„Wie es aber oft in geschichten ist, ein Messer der im ersten Akt an Wand hängt, dann verschwindet, wird im dritten Akt wieder irgendwo auftauchen. Ein literarische trick und regel. Der Author steckt im Geschichte eine kleine, alltägliche, unauffälige detail. Im ersten Blick können es nur die klugste, die aufmerksamste, die meist gebildene und erfahrene Lesern entdeken. Die anderen, die ja die fast absolute Mehrheit sind, geht es völlig vorbei.“ (S. 7f.)

Diese Brüche irritieren den Leser, bringen ihn zum Nachdenken – „Broken German“ verlangt dem Leser insofern mehr ab als ein einfach auf einen Plot ausgerichteter, hübsch geschriebener Roman. Gardi zwingt seinen Leser, indem er ihn irritiert, mitzudenken. Und in dem obigen Zitat wird auch ein weiteres Moment des Romans deutlich: Es ist eben auch ein Roman, der sich gegen das etablierte Bildungsbürgertum wendet, der seine Privilegien und seine Ausgrenzungsmechanismen aufdeckt und stört. Indem ein erzählerischer Trick offen gelegt wird, so dass jeder ihm folgen kann. Indem eine Sprache verwendet wird, die nicht die Sprache der Bildungsbürger ist. Und in diesem Zusammenhang ist auch die gewählte Form des Erzählens – es gibt eben keine große durchgängige Handlung, sondern eher kürzere Handlungsstränge – zu verorten, denn der Erzähler reagiert auf die Bemerkung eines Lektors, dass die Kurzgeschichte aussterbe, mit:

„Das macht doch kein Sinn. Unsere Welt wird ja immer schneller. Hektisch. Kurzfristig. Kompakt. Der scheiss Roman soll ausrotten! Schrie ich, gehetzt, während der Kurzgeschichte gedeiht! Langweilt sich selbst schon, seit Jahren, der Roman! Der Lektor murmelte etwas, Literatur, die Klassenunterschiede, der bürgerliche Ausbruch, Freiezetkultur, das World Wide Web, des Fernseher, das Proletariat.“ (S. 79)

Der Roman ist sprachlich wie erzählerisch eine Kritik am Bildungsbürgertum und an seiner Art, mit Literatur und Schriftstellern umzugehen: So wird der Erzähler, als er in einer Akademie einen Vortrag halten soll, zum Äffchen, das vor dem Publikum herumspringen soll, und er erzählt von einem literarischen Skandal, bei dem ein erfolgloser Autor seine Bücher mit den geklauten Aufklebern eines Weinpreises beklebt hat, was zu positiven Kritiken und ordentlichen Verkaufszahlen führt – einfach nur deswegen, weil ein Aufkleber auf den Büchern ist, auf dem das Wort „Preis“ steht.

Nicht nur diese Brüche im Erzählen und diese Kritik am Literaturbetrieb sind aber wohl gerade für den bildungsbürgerlichen Leser irritierend. Verwirrend ist auch, wie in der Erzählung immer wieder vom Erzähler oder seinen Figuren Erfundenes, also Fiktion, zur fiktiven Realität wird: Fiktion und Realität wirken ineinander, verschwimmen und lassen sich nicht mehr trennen. Lügt eine Figur in der Geschichte, so wirkt sich die Lüge auf die erzählte Realität aus und wird so Realität. Insofern ist „Broken German“ auch ein Buch, dass die Frage nach der Unterscheidbarkeit von Wahrheit und Erfindung aufwirft.

Identität und Verwirrung

So wie diese Grenze verschwimmen auch die Grenzen zwischen den Figuren in dem Roman: Einerseits gibt es eine Figur, die Radili heißt, andererseits gibt sich der Erzähler immer wieder als dieser Radili aus, dann sagt er wieder, er sei nicht Radili – die Identitäten von Erzähler und Figur fließen ineinander. Und zu allem Überfluss kommt auch noch ein Tomer Gardi im Buch vor (vgl. S. 30). Aber auch auf andere Art verschwimmen die Identitäten von Figuren in diesem Roman bis zur Ununterscheidbarkeit: So kann der Erzähler nur aufgrund der Ortsangabe zu dem Schluss kommen, dass auf einem Foto von einem Inhaftierten in einem KZ nicht sein Großvater, sondern ein anderer Mann zu sehen ist – die Männer sehen, zum Skelett heruntergehungert, alle gleich aus. An den Orten, an denen einst Juden, eine diskriminierte Minderheit, lebten, leben jetzt andere Menschen, die Minderheiten angehören.

Am offensichtlichsten wird die Identitätsverwirrung, wenn der Erzähler und seine Mutter am Flughafen, da ihr Gepäck verloren gegangen ist, einfach fremde Koffer von fremden Leuten nehmen und ihre Kleidung tragen – bis zum Romanende. Hier nehmen beide Figuren nicht nur ein Stück weit die Identitäten von anderen Figuren, sondern auch von anderen Geschlechtern an: Der Erzähler trägt nun die Kleidung einer Frau, auf die er später auch trifft und mit der sich sein Schicksal verwirrt, da er für etwas beschuldigt wird, was auch sie vermutlich nicht getan hat – die Schicksalsgemeinschaft der falsch Verdächtigten – und die Mutter trägt die Kleidung eines Mannes. Die eigentlichen Kofferbesitzer sind wie der Erzähler und seine Mutter selbst Migranten – die Identitäten vertauschen sich in einem interkontinentalen Migrationswirrwarr. Allerdings ohne dass das irgendwie schmerzlich wäre oder zum eigenen Identitätsverlust führt, es ist eher so, als hätte der Erzähler seine Identität mit einer weiteren Identität verbunden. Identität scheint hier nichts festes, sondern etwas wandelbares zu sein, das stets im Fluss ist.

Zu diesen Identitätsverwirrungen in einem anderen Land gehört es auch, dass Namen sich verändern: So heißt „Fikret“ eben mal „Fikret“ und mal „Fikert“ (vgl. S. 129f.).

Die Deutschen und die Juden

Zu dem Austausch von Identitäten gehört auch, dass die Arbeitslosigkeit des Erzählers reflektiert wird im Zusammenhang mit dem „Arbeit macht frei“-Schriftzug, der aus der KZ-Gedenkstätte Auschwitz gestohlen wurde. Der Erzähler schlägt vor, in der nun neu „gesicherten“ Gedenkstätte Arbeitsmigranten arbeiten zu lassen:

„Regierung hat fast 100,000 Euro für Instillation Moderne Überwachungssystem im KZ zur verfügung gestellt. Kameras, Wires, Computers und Monitors, neue Strom in alte Zäune. Nach 60 Jahren Auschwitz wieder sicher. Gesichert. Viel Arbeit ist es auch. Kostet viel Geld. Instillation und alles. Können 1 Euro Jobers tuhn lassen. Arbeitsmigranten. Asylbewerber. Harz IV Empfänger. Konnte ich auch mit machen. Brauch ja Job jetzt. Doch praktisch. Dauert auch eine weile, so eine Projekt. Könnten ja uns alle dort auch in die leere Baraken ubernachten lassen.“ (S. 32)

Auf den Zusammenhang zwischen Konzentrationslagern und Asylbewerberheimen als sozialdemokratische Form desselben hat meines Wissens Leo Fischer einmal hingewiesen (den Artikel finde ich leider nicht mehr, wäre für den Link dankbar!), dass es zudem handfeste Pläne gab, Asylbewerber genau so wie hier beschrieben unterzubringen, findet jeder ganz leicht über Google selbst (Beispiele: hier und hier). Die Identität einer Minderheit verschwimmt mit der einer anderen, chronologisch späteren.

Überhaupt stellt der Roman auch die Frage nach dem heutigen Verhältnis von Juden und Deutschen zueinander: Nicht nur, wenn der Erzähler fragt, ob ein Jude im Jüdischen Museum Teil der Ausstellung ist, sondern auch dann, wenn sich das Publikum der Akademie in einen wütenden, den Erzähler bzw. Vortragenden angreifenden und verfolgenden Mob verwandelt, weil dieser von einer jüdischen Investmentfirma erzählt – einfach nur erzählt, als Teil einer größeren Erzählung – und ihm deshalb Antisemitismus vorgeworfen wird. Insbesondere aber auch dort, wo der Erzähler, der ein Medaillon mit Mose darauf um den Hals trägt, nach seiner Religion gefragt wird und ihm in diesem Zusammenhang jede mögliche Religion vorgeschlagen wird, nur nicht das Judentum:

„Erstaunlich war das. Faszinierend. Als ob der Endlösung seine totaler Erfolg erreicht hatte. Wie sagt man auf Deutsch. Etwas so tief verdrängt. So total abwesend. So total nicht da und deswegen auch so stark präsent.“ (S. 119)

Als der Erzähler dann sagt, dass der Jude sei – „Das Wort. Der nur auf Deutsch so klingelt. Auf keine andere Sprache klingt das so.“ (S. 120) – erschreckt sein Gegenüber. Tomer Gardi schafft es mit diesen kleinen, quasi nebenbei eingestreuten Bemerkungen die Frage nach dem heutigen Antisemitismus schmerzhafter aufzuwerfen als Mirna Funk, die sich in „Winternähe“ einen ganzen Roman lang damit abmüht.

Auf dem Medaillon, das der Erzähler um den Hals trägt, ist übrigens Mose wie so oft mit Hörnern dargestellt, was – wie der Erzähler auch erklärt – auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen ist: Bei der Übersetzung des Alten Testaments ins Lateinische für die Vulgata-Bibel wurde das entsprechende hebräische Verb mit dem lateinischen „cornuta“ (gehörnt) statt mit „coronata“ (strahlend) übersetzt. Seither wird Mose häufig mit Hörnern dargestellt – Grund dafür ist die Migration einer Religion und, wenn man so will, Broken Latin. Während dieser sprachliche Fehler aber kanonisiert wurde und einfach zum Kulturgut wurde, will der ein oder andere Bachmannpreis-Juror „Broken German“ gerne absprechen, zur Kultur zu gehören.

Sprache und Migration

Dabei gehören beide zur Kultur: Der Roman und seine Sprache. Und Sprache ist für den Roman ganz zentral, auch wenn sich der Erzähler dagegen vorgeblich wehrt:

„Geschichten sind aus Sprache gemacht. Gut. Muss aber Sprache das Thema jeder Geschichten sein? Muss Sprache das Thema jeder meine Geschichte sein? Bin ich wegen meine Sprache für immer verurteilt Sprache als Schwerpunkt mein Prosa zu haben?“ (S. 15)

Ja, wenn das Buch schon so heißt und die Sprache dann so offensichtlich eine ganz eigene Kunstsprache ist, dann wird der Erzähler wohl damit leben müssen, dass die Sprache in Zentrum der Irritationen und damit des Nachdenkens steht. Und zum Nachdenken über Sprache regt der Erzähler auch permanent an: Fast auf jeder Seite fragt er sich bzw. den Leser „Wie sagt man auf Deutsch“, wodurch der Leser eben darüber nachdenkt, wie man eigentlich auf Deutsch dazu sagen könnte. Der Roman ist eine Reflexion über das Auswandern in eine andere Sprache, und der Erzähler vergleicht mit gutem Grund die Fremdsprache mit einem Hotel, in dem man in den vielen, an ungewohnten Stellen angebrachten Spiegeln unbekannte Reflexionen von sich selbst entdecken kann: In einer Fremdsprache entdeckt man anderes an sich selbst. Und indem Gardi bzw. sein Erzähler Sprache so verwenden, wie sie es tun, entdeckt auch der Leser neue Seiten an der deutschen Sprache.

Der Erzähler bezeichnet sich selbst als einen Fremdarbeiter in der Prosa einer fremden Sprache, er gibt ganz offen zu, die Sprachregeln entweder nicht zu kennen oder nicht zu akzeptieren und er beklagt (übrigens in einer sehr schönen Passage!) die begrenzte Ausdrucksfähigkeit der Sprache, die nicht in der Lage ist, große Schönheit zu beschreiben. Nun könnte der ein oder andere Skeptiker natürlich einwerfen: Kein Wunder, dass er sich nur begrenzt ausdrücken kann, mit seiner begrenzten, falschen Sprache. Aber das wäre eben viel zu kurz gedacht und ignorant: Gardis Sprache hat einen eigenen Rhythmus, eine eigene Melodie, und das weiß er auch:

„Die Wörter. Die Sprache. Durch die Jahren der Ton. Das Gedicht hat keinen Grund. Aber ein Untergrund schon.“ (S. 94)

Gardis Sprache ist ästhetisch und sie ist bewusstes Gestaltungsmittel. Wie präzise er Sprache verfremdet einsetzt und neu beleuchtet, wird deutlich, wenn er darauf hinweist, dass das deutsche Wort „Entschuldigung“ immer mit „Schuld“ verbunden bleibt, weil es sie enthält, oder in den nahezu lyrischen Passagen des Romans wie:

„Und ich werf es dir vor Kind. Ich werf es dir nach. Babylonische Licht, babylonische Schatten. Stimmt das auf Deutsch Schatten kein Plural hat?

Ich werf keinen Schatt.“ (S. 93)

Während in der deutschen Sprachwissenschaft bereits zumindest als These angekommen ist, dass es eben nicht nur Hochdeutsch und altbekannte regionale Dialekte gibt, sondern eben auch Kiezdeutsch, einen durch Migration mitgeprägten Dialekt, der eine eigene und nicht einfach nur eine defizitäre Grammatik hat, tut sich der Literaturbetrieb wohl – obwohl Gardi ja nicht als erster eine solche Kunstsprache nutzt – schwer mit einem „fehlerhaften“ Deutsch. Wer einmal einen Moment den borniert-korrigierenden Blick auf Kiezdeutsch ablegt, hört, dass das eine Sprache mit einer ganz anderen Rhythmik, Dynamik und Ausdruckskraft ist, die von Deutschen wohl eher als aggressiver wahrgenommen wird, die man aber auch einfach als schneller, lebendiger bezeichnen könnte. Kiezdeutsch ist die Reaktion auf Migration, Sprache ist lebendig und verändert sich, um sich neuen Gegebenheiten anzupassen, wenn man sie konservieren will, bekommt man etwas, das ist wie Latein: Sehr systematisch, sehr ordentlich und sehr tot.

Und genauso hat die Sprache Gardis eine eigene Rhythmik, eine eigene Dynamik, Ästhetik und Lebendigkeit: Alles, was konserviert wird, was aufgenommen wird und in seiner momentanen Verfassung festgehalten wird, verändert sich nicht mehr und lebt nicht mehr.

„Nicht mit ein Sense. Mit ein Aufnahmegerät kommt er her. Mit ein Aufnahmegerät kommt der Sensemann, sagt meine Mutter und lacht.“ (S. 91)

Im Erzählen selbst steckt das Leben, lässt den Zuhörer am Leben teilhaben – so zum Beispiel, wenn eine Frau von ihren verstorbenen Brüdern erzählt, und der Erzähler eben kein aufgeschriebenes, feststehendes Gebet aus einem Buch vorlesen will, sondern lieber zuhören und so am Leben der Menschen teilhaben will. Und in der eigenen Sprache steckt das Besondere des Erzählers:

„Noch was ist dein Deutsch. Es wird immer besser. Von erste zum zweite zum dritte Kapitel wird besser. Mit jeder Kapitel zerstörst du so deine eigene Prosa. Verlierst deine gebrochene Schatz. Schreibt so weiter und bald bist du vollkommen und klagloss und ganz und kaputt.“ (S. 37)

Die Sprache von Gardi hat eben einen bestimmten Ton. Und sie ist babylonisch und lebendig. Und so steht am Ende des Romans das Bild des Call Centers als paradiesisches Babylon, in dem alle Sprachen der Welt, die dort zu hören sind, in einem lebendigen Fluss zusammenfließen. Es tut mir wirklich leid um jeden, der sich darauf nicht einlassen kann, denn „Broken German“ ist ein fantastischer (und übrigens auch witziger) Roman – und die Jurydiskussion beim Bachmannpreis hätte als Szene ohne Weiteres in den Roman gepasst.

Es ist sehr schade, dass dieser Roman so wenig besprochen wird – auch auf Blogs finde ich dazu praktisch nichts, in den großen Feuilletons habe ich nur wenig, aber wenigstens eine Besprechung von Klaus Kastberger gefunden, der Gardi ja auch zum Bachmannpreis eingeladen hatte. Wesentlich unterinteressantere, weniger experimentelle und weniger mutige Romane werden überall hoch- und runterbesprochen. Im Literarischen Quartett verwendet man lieber ein Viertel der Sendezeit auf einen Roman von Ferrante, der nicht nur überall bereits besprochen wird, sondern den eigentlich auch keiner der Teilnehmer des Quartetts mochte (lustig, dass gerade Biller den Roman anschleppte, warf er doch, als Juli Zehs „Unter Leuten“ vorgestellt wurde, Weidermann vor, dass dieses Buch, das ohnehin schon allgegenwärtig sei, jetzt noch mehr Aufmerksamkeit bekomme). Ich verstehe diese Form der Aufmerksamkeitsökonomie ja nicht. Ein Schelm, der vermutet, dass der Roman auch deswegen so wenig Aufmerksamkeit bekommt, weil er genau der Schicht gegen das Schienbein tritt, die den Literaturmarkt dominiert: Dem deutschen Bildungsbürgertum. Wie dem auch sei: Das Buch von Gardi ist mit 140 Seiten recht kurz, es ist entgegen eventuell vorhandener Vorurteile gut zu verstehen und zu lesen, sehr unterhaltsam und gar nicht dumm und sollte unbedingt auch gelesen werden.

Bachtyar Ali – Der letzte Granatapfel

Wenn ich mich recht entsinne, steht iBachtyar Granatapfelm Koran, dass die Rechtgläubigen nach ihrem Tod in einem Garten sein werden, in dem Bäche fließen und unter anderem Granatapfelbäume stehen – einen Abglanz dieser allerletzten, paradiesischen Granatapfelbäume finden die Figuren in dem „letzten Granatapfelbaum“, wie sie ihn nennen, einem Granatapfelbaum, der fern von der Zivilisation auf einem Berg – in der religiösen Symbolik oft ein göttlicher Ort – in paradiesischer Schönheit und Abgeschiedenheit steht. Dieser Ort und dieser Baum sind Vorgeschmack auf das Paradies, auf eine bessere Welt und dadurch auch Ort und Baum der Erkenntnis: Hier, unter diesem Baum, kommen die Figuren des Romans auf Ideen für ein besseres Zusammenleben und für ihren weiteren Lebensweg. Hier werden Versprechen unter Freunden niedergelegt, hier finden Kranke Frieden. Darüber hinaus steht der Granatapfel in vielen Kulturen für Furchtbarkeit und Leben, weil er so viele Kerne hat. Und auch das passt zum Roman „Der letzte Granatapfel“, denn hier verbinden drei gläserne Granatäpfel die Leben dreier Jungen miteinander, die irgendwie doch nur einer sind, da am Ende die Erkenntnis steht, dass alle Menschen miteinander verbunden sind: Die vielen Kerne des Granatapfels stehen für die vielen Menschen, die zusammen aber ein Granatapfel sind. Oder so ähnlich.

Der letzte Granatapfel“ von Bachtyar Ali ist eigentlich schon 2002 erschienen, allerdings auf Sorani. Bachtyar Ali ist Kurde und lebt zwar seit geraumer Zeit als Schriftsteller in Deutschland, ist hierzulande aber bisher praktisch unbekannt gewesen, da er eben nicht auf Deutsch, sondern in einer der kurdischen Sprachen, die im Irak gesprochen werden, eben auf Sorani, schreibt. Auch hier – wie in Varatharajahs „Vor der Zunahme der Zeichen“ – sind Sprache und Tod verbunden: Nicht nur, dass Sorani zu sprechen vermutlich in einigen Regionen der Welt lebensgefährlich sein kann, gerade deswegen ist die Sprache eben auch in gewissem Maße vom Tod bedroht. Dagegen schreibt Bachtyar Ali an, und glücklicherweise ist nun einer der Romane auch auf Deutsch erschienen, die unter denen, die Sorani beherrschen, wohl schon länger bekannt sind. Dass es so lange gedauert hat und so schwierig war, einen Roman von Ali zu übersetzen, liegt wohl daran, dass es praktisch keine Übersetzer für Sorani gibt. Umso schöner, dass es nun geklappt hat, denn „Der letzte Granatapfel“ ist ein großartiges, zutiefst humanes, unbedingt wichtiges Buch und ganz große Weltliteratur, man entschuldige bitte meinen Ausflug in das Bildungsbürgervokabular, andere Floskeln fallen mir nicht ein, um zu umschreiben, was ich meine.

Ali bedient sich der Erzählstrategien mündlichen Erzählens und zahlreicher Bilder und Motive aus der orientalischen Kultur, wie ich vermute, denn grundsätzlich hatte ich das Gefühl, immer wieder Bilder und Anspielungen nicht ganz zu verstehen, und der Roman ist in seiner ganzen Sprache und Art zu erzählen sehr weit weg von lakonisch erzählten Mittelstandsproblemen der deutschen Literatur. Man braucht deswegen schon recht lange, um sich an Sprache und Erzählstil zu gewöhnen, aber das lohnt sich.

Der Erzähler ist ein älterer Herr, Muzafari, der auf einem Flüchtlingsboot auf dem Weg nach England irgendwo orientierungslos im Meer treibt und seinen Mitreisenden davon erzählt, wie er nach 21 Jahren Gefangenschaft, während der er von dem Anführer der kurdischen Revolution, Jakobi Snauber, für tot und zum Märtyrer des Revolution erklärt wurde, freigelassen worden ist und sich auf den Weg gemacht hat, um seinen Sohn Saryasi zu finden. Er hat Saryasi mehr oder weniger gefunden – letztlich findet er gleich drei Jungen diesen Namens. Welcher sein leiblicher Sohn ist, ist nicht nur ungewiss, sondern auch zunehmend unwichtig.

Das Umhertreiben auf dem Wasser spielt dabei immer wieder eine wichtige Rolle: Nicht nur Muzafari selbst treibt orientierungslos auf dem Meer herum, auch davor wird das Leben immer wieder mit einer Flut vergleichen, die den Menschen erfasst und mit sich reißt.

„Ist nicht jede Geschichte ein kleiner Bach, der in einen See fließt und am Ende als Fluss mit Tausenden anderer Geschichten in den Ozean mündet?“ (S. 277)

Geheimnis und Wahrheit

So verhält es sich vor allem mit einem Freund der Saryasis, Mohamadi Glasherz, den die Flut oder eben das Leben quasi ins Verderben stürzt. Mohamadi heißt deswegen „Glasherz“, weil er ein zerbrechliches, reines Herz hat, das wie Glas ist. Sein Wunsch ist es, in einer Welt voller Geheimnisse, Heimlichkeiten, Intrigen und Lügen alle Geheimnisse auf der Welt aufzudecken, alles durchsichtig wie Glas zu machen, denn wie später eine andere Figur sagen wird:

„Wo es viele Geheimnisse gibt, gibt es auch viel Hass.“ (S. 187)

Allerdings haben die Machthabenden eine ganz andere Sichtweise auf „Geheimnisse“: Jakobi Snauber weist in einer ausführlichen Diskussion mit Muzafari darauf hin, dass es gerade Geheimnisse seien, die den Frieden erhalten können. Natürlich entgegen aller Erfahrung, denn in dem Land voller Geheimnisse herrschen Krieg und Elend. Aber auch Mohamadi ist mit seinem Weg wenig erfolgreich: Er stirbt an gebrochenem Herzen – ein Herz aus Glas hält der Welt nicht Stand. Beide Perspektiven sind falsch und damit eins. Das ist eigentlich die grundlegende Erkenntnis des Romans: Alles ist eins, alle Perspektiven sind nur zwei Seiten derselben Medaille, letztlich führt jeder Weg zum identischen Ergebnis, weil alle Dinge zusammenhängen.

Krieg und Menschlichkeit

Mohamadi Glasherz wird von der Flut zu den zwei weißen Schwestern gespült, in eine davon verliebt er sich – leider wird die Liebe aber nicht erwidert. Er stirbt während des Krieges nicht am Krieg, sondern an der Liebe, und dieser Tod ist ihm lieber als der Tod durch den Krieg. Aber: Auch die Reinheit, die Unschuld rettet die Menschen hier nicht vor dem Tod – und leider rettet ihre Unschuld vor allem nicht einmal die Kinder. Der Name „Saryasi“ steht im Laufe des Romans symbolisch für alle Kinder des Krieges, die ohne Familie allein durchkommen müssen oder die in anderer Weise Opfer des Krieges wurden – alle diese Kinder sind identisch, sie teilen ein Schicksal. Nicht zuletzt ist „Der letzte Granatapfel“ ein Roman gegen den Krieg, der unabhängig von seinem Anlass nur Leid schafft, und dazu führt, dass Menschen, die Brüder sein sollten, einander töten.

„Ja, wir sind Brüder. Alle in Elend lebenden Menschen dieser Welt sind Brüder.“ (S. 210)

Klingt kommunistisch, ist aber nicht kommunistisch. Es geht nicht um den Klassenkampf der Unterdrückten. Es geht vielmehr um die Frage, wie Menschen besser miteinander leben können oder wie sie eigentlich miteinander leben sollten. Und die Antwort des Romans ist: In Verständnis, in umfassender Geschwisterlichkeit. Für dieses paradiesische Ideal steht der Berg mit dem letzten Granatapfelbaum:

„Die Erde versank im Blut, aber für sie öffnete sich eine Zaubertür. Eine Tür in eine imaginäre Welt, in der Mensch und Erde bis zum Tode befreundet und vereint bleiben.“ (S. 126)

Teil an der inneren Unschuld der Kinder hätten gern die Machthaber, die eben diese Reinheit auf ihrem Weg zur Macht verloren haben, so will Jakobi Snauber, nachdem er alle Macht und alle weltlichen Genüsse bereits erlangt hat, „auch über Reinheit, Schönheit und Weisheit gebieten“ (S. 57). Und obwohl das aller Logik widerspricht, da Jakobi völlig gegensätzliche, unmenschliche Prinzipien vertritt und entgegen jeder Menschlichkeit gehandelt hat, erkennt Muzafari schließlich, dass auch Jakobi Teil der einen Menschheit, der einen Bruderschaft der Menschen ist:

„Als ich ihn umarmte, war es, als würde ich in Wirklichkeit mich selbst umarmen. Ich hielt für einen Augenblick inne. Ich schloss die Augen, und wie ein Blitz durchzuckte mich ein gefährlicher Gedanke: Jenes Leben in Abgeschiedenheit, das er sich wünscht, war nichts anderes als ein neuer, zusätzlicher Schwur, den wir hätten besiegeln müssen. Ein Traum wie die anderen großen Träume unter dem Granatapfelbaum. Er und ich, wir waren eine Person, die geteilt worden war. So wie die Saryasis eine Person waren und geteilt worden waren. War das möglich? Er mit so viel Furcht einflößender Macht, und ich, ein gebrochener Mann! Wie konnten zwei solche Hälften vereint werden? Gemeinsam waren wir ein zerbrochenes Wesen, ein zerbrochener Vater“ (S. 325)

Der Gedanke ist „gefährlich“, wie es hier heißt, weil er alle Gewohnheiten umstößt: Er setzt die Utopie gegenseitigen Verständnisses und umfassender Menschlichkeit radikal um, indem hier einer, dem Unrecht widerfuhr, in dem, der ihm das Unrecht zufügte, sich selbst erkennt.

Und das mag abgedroschen klingen, wenn ich das hier so darstelle. Aber das ist ein großer Roman mit einer großen Idee, der unglaubliches Leid beschreibt und nach einer Lösung dafür sucht – wenn er diese Lösung auch von Anfang an als paradiesische Lösung kennzeichnet, womit die Umsetzbarkeit dieser Lösung von Anfang an wenig realistisch ist. „Der letzte Granatapfel“ belehrt nicht, er gibt keine einfache Lösung vor, sondern er sucht nach Wegen und ist dabei offen und widersprüchlich und ein bisschen verwirrend. Wie schön, dass man diesen Roman jetzt auch lesen kann, wenn man kein Sorani beherrscht, denn dieser Roman enthält Gedanken und Fragen, die eben nicht überholt oder abgedroschen sind, und die es wert sind, dass sie in genau der Ernsthaftigkeit diskutiert werden, wie es in diesem Buch der Fall ist. Ganz ohne Ironie und Lakonie, die solche Gedanken gleich zu Hirnfürzen naiver Alt-Hippies machen, wie es vielleicht in der deutschen Literatur der einen Autorin oder des anderen Autors der Fall wäre. „Der letzte Granatapfel“ ist ein sehr schöner Roman, aber kein leicht zu lesender.

(Am Rande gibt es übrigens noch zahlreiche andere Romanelemente, die interessant dargestellt sind, so zum Beispiel hier das Verhalten einer ausländischen Hilfsorganisation, die sich nicht nur den Kindern gegenüber auch recht unmenschlich verhält, indem sie sie zum Forschungsobjekt verdinglicht, sondern die auch dazu beiträgt, dass das Leid, das den Kindern angetan wurde, von der Bevölkerung ausgeblendet werden kann, weil die Kinder hinter Krankenhausmauern versteckt und damit unsichtbar sind. Auch die ländlichen Moralvorstellungen kommen nicht ganz ungeschoren weg: Eines der Kinder ist in dieser Klinik, weil es angezündet wurde, als es neben einem Mädchen auf einem Feld einschlief, wobei das Mädchen völlig verbrannte.)

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Bazyar TeheranDer Buchumschlag ist so blau wie die Tür des Hauses der Teheraner Verwandtschaft, die Laleh 1999 besucht. Und wie sich in Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ die Stimmen von vier Figuren aus zwei Generationen (mit einem kurzen Epilog einer fünften Figur) abwechseln, so überlagern sich auf dem Buchumschlag quasi vier solche Türen in Form von Rechtecken, durch die man immer wieder neu Zugang zur Geschichte dieser Familie erhält.

Shida Bazyar lässt ihre Figuren in Schlaglichtern im Abstand von jeweils zehn Jahren von der iranischen Revolution, der Flucht aus dem Iran und dem Ankommen in Deutschland, dem Großwerden und Leben in Deutschland erzählen. So begleitet der Leser zunächst den Kommunisten Behsad durch die Straßen von Teheran im Jahr 1979, erlebt mit ihm die Euphorie über die Zeitwende, die die Revolution bringen soll, und die Enttäuschung, als er und seine Genossen merken, wie ihnen die Zukunft entgleitet. Zehn Jahre später wird aus der Perspektive Nahids, seiner Frau, von der Flucht aus dem Iran und der Schwierigkeit des Ankommens in Deutschland, dem – so hoffen sie und ihr Mann zeitlebens – vorübergehenden Exil, von den Orientierungsschwierigkeiten und Identitätskonflikten, die die andere Kultur auslöst, erzählt. Wieder zehn Jahre später, 1999, schildert Laleh, die älteste Tochter, wie es sich anfühlt, immer zwischen den Stühlen zu sitzen, weder in Deutschland, noch im Iran, den sie mit der Mutter besucht, wirklich dazuzugehören, wie es ist, immer für die Eltern übersetzen zu müssen und das Gefühl von „Zuhause“, das sie in den frühesten Kindheitsjahren im Iran erfahren hat, verloren zu haben. Auch ihr jüngerer Bruder Mo, der 2009 einen Einblick in sein Studentenleben in Deutschland gewährt, ist zerrissen – während er im Fernsehen beobachtet, wie junge Leute seinen Alters im Iran im Zuge der grünen Revolution ihr Leben riskieren, finden in Deutschland vergleichsweise alberne Bildungsstreiks gegen die Studiengebühren statt, und ihn plagen Albträume.

Bazyar gelingt es in diesen kurzen Schlaglichtern, die Atmosphäre und Stimmung der jeweiligen Orte und zeitlichen Phasen einzufangen, und sie erzeugt durch die Erzählweise nahezu durchgehend im inneren Monolog der Figuren – auch direkte Rede wird nicht mit Anführungszeichen markiert, alles wird aus der rein subjektiven Perspektive der jeweils erzählenden Figur dargestellt – ein hohes Maß an emotionaler Nähe zu den Figuren. So erfährt der Leser beispielsweise, und das fand ich einen recht interessanten Aspekt in dem Roman, wie die Figur Laleh sich nicht nur innerlich fremd fühlt, sondern wie dieses Fremdheitsgefühl von ihr permanent körperlich erfahren wird: In Deutschland fällt sie durch ihr Aussehen auf und dadurch, dass sie kein MakeUp trägt, im Iran fällt sie durch ihre Körperhaltung und ihre Bewegungen auf, zudem dadurch, dass sie ständig angefasst wird. Shida Bazyar erzählt durch die unterschiedlichen Perspektiven der Figuren äußerst vielschichtig und niemals selbstmitleidig oder pathetisch von Politik, Fremdheit, Flucht, Hoffnung und Zerrissenheit.

Dabei hält sie auch fast immer den schmalen Grat zwischen emotionaler Nähe und Kitsch ein – allerdings schrammt sie mit dem Epilog, ohne den ich das Buch lieber gemocht hätte, und mit Sätzen wie

„Aber ich lache ihn an, er hält meine Hand und ich halte seine und denke, dass es egal ist, was er redet und was ich davon hören will und was nicht, wenn wir uns am Ende an der Hand halten.“ (S. 200f.)

schon wirklich hart am Kitsch vorbei. Insgesamt hätte ich mir hier und da schon mehr Distanz und mehr Ecken und Kanten gewünscht, so ist es eben ein Buch, dass vom CSU-Anhänger bis zum ProAsyl-Fördermitglied jeder lesen kann, ohne dass irgendwas daran irgendwen provozieren müsste. Es stimmt den einen oder anderen höchstens nachdenklich oder berührt ihn. Aber das ist ja auch in Ordnung, es ist einfach ein Roman, der eine Familiengeschichte erzählt, kein Appell oder Manifest. Und es ist ein sehr guter Roman, den ich jedem empfehlen würde – was ja immer ein zweischneidiges Schwert ist, wenn ein Roman eben so ist, dass man ihn wirklich jedem auch bedingungslos empfehlen könnte, so wie Romane von Ian McEwan. Irgendwie mit ernsthafter Thematik, irgendwie schon auch ergreifend, aber dann doch auch wieder konsumierbar. Ich habe – ob das nun berechtigt ist oder nicht – beim Lesen immer wieder an „Drachenläufer“ von Hosseini denken müssen, ohne dass ich jetzt begründen könnte, woher diese Assoziation kommt, vermutlich am ehesten von der Grundatmosphäre resignierter Traurigkeit, die beide Romane durchaus gelungen durchzieht, „Drachenläufer“ ist ja schon ein gutes Buch. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob diese Assoziation mit Hosseini positiv ist. Es ist auch für mich auffällig, dass ich mir während des Lesens gar keine Notizen gemacht habe, was ich sonst immer tue, weil mir hier einfach nichts aufgefallen ist, weil der Text sich derartig glatt liest. Das kann natürlich ein positives Zeichen für die gelungene, runde Komposition sein, es kann aber eben auch ein Zeichen dafür sein, dass der Text trotz all der schwierigen und schwerwiegenden Themen eben recht gefällig ist und zumindest ich über den Schmerz der Figuren, der ja im Buch ist, recht glatt hinweglesen konnte. Aber vielleicht bin auch ich einfach ein Eisklotz und habe keine Gefühle, das ist wohl am wahrscheinlichsten. Jedenfalls fällt es mir daher schwer, überhaupt etwas Sinnvolles über den Roman zu schreiben, was mich natürlich nicht vom Schreiben abhält, wo kämen wir denn da hin, wenn „sinnvoll“ auf einmal ein Kriterium für meine Blogbeiträge würde.

Wie dem auch sei: Ich habe „Nachts ist es leise in Teheran“ gerne gelesen, es ist wirklich und trotz allem Gemecker im letzten Absatz dieses Beitrags ein sehr gutes Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und das jeder lesen sollte – und jeder mit Gewinn lesen kann, wie ich denke. Schon alleine, damit die jüngste Geschichte des Iran nicht so in Vergessenheit gerät, wie es bereits der Fall ist.