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Fatma Aydemir – Ellbogen

Aydemir EllenbogenDieses Buch habe ich leider nicht verstanden. Ich bemühe mich ja wirklich, erst zu verstehen, worauf ein Roman raus will, um ihn dann danach zu beurteilen, aber hier: Keine Chance. Ich weiß nicht, welchen Anspruch die Autorin hier verfolgt, ich entnehme den Danksagungen am Ende des Romans, dass sie aufgrund ihrer Fragen einen Roman geschrieben hat, nicht weil sie Antworten hat. Dass es ihr darum gegangen wäre, Fragen aufzuwerfen, kann vielleicht der Grund für meine Verwirrung sein, und wenn das wirklich das Ziel war, dann ist das gelungen. Um ehrlich zu sein hatte ich aber leider eher den Eindruck, dass meine Verwirrung mehr daran lag, dass hier einiges nicht zu Ende gedacht worden ist.

„Ellbogen“ erzählt in drei Abschnitten von der jungen „Deutschtürkin“ Hazal aus Wedding, die in ihrem Leben vor allem die Erfahrung gemacht hat, wie ein Fußabstreifer behandelt zu werden – von Deutschen wie von ihrer Familie. Die Wut, die sich darüber in ihr anstaut, entlädt sich an ihrem 18. Geburtstag, nachdem sie mit zwei Freundinnen nicht in einen Club gelassen wurde, nachdem also wieder eine Tür vor ihr verschlossen und nicht geöffnet wurde. Ihre Wut trifft einen deutschen Studenten, von dem sie sich erniedrig fühlt. Hazal und ihre Freundinnen verprügeln ihn, Hazal stößt ihn aus dem Affekt auf die Gleise und daraufhin tut Hazal eigentlich für den Rest des Romans, und das dürften so ungefähr 2/3 des Romans sein, nur noch eins: Weglaufen. Erst vom Unfallort, dann nach Istanbul, dann von ihrem Freund, dann vor ihrer Tante, dann vor dem Putschversuch gegen Erdogan. Und da liegt dann auch mein Problem, das ich mit dem Roman habe.

Einblicke

Dabei ist vieles an „Ellbogen“ sehr gut gemacht, und da sieht man auch, dass Aydemir eine tolle Schriftstellerin wäre: Den ganzen zweiten Teil des Romans fand ich gut. Die Darstellung von Hazals Innenleben, ihrer Wut und der Gründe dafür, ihre Wahrnehmung einer Welt, die ihr keine Möglichkeiten lässt, sind fantastisch und ich bin froh, dass sowas mal so erzählt wurde. Man merkt auch, dass Aydemir ihre Figur mag, auch wenn diese Figur an einigen Punkten unsympathisch ist – damit kann Fatma Aydemir definitiv schon mal mehr als Juli Zeh.

Dass der Film „Gegen die Wand“, der im Roman auch erwähnt wird, ein Vorbild war, ist sehr deutlich: Hazal teilt mit Sibel aus diesem Film den Wunsch nach Freiheit, den Junkie-Mann, die Selbstmordversuche, die eigentlich nicht auf den Tod sondern das Leben abzielen, und Istanbul als Fluchtort. Da ist es bei einigem sehr offensichtlich, wo es herkommt, aber das macht ja nichts.

Vieles wurde auch sonst wahnsinnig gut beobachtet und erzählt, um nur ein paar Beispiele von sehr vielen zu nennen: Der sehr deutsche Umgang des Ladendetektivs mit Hazal, als diese beim Stehlen erwischt wurde, und er ihr mit Abschiebung droht – und wie sehr sie das trifft. Die Misogynie gerade auch von Frauen in einigen türkischen Communitys und misogyne Strukturen in der Türkei, wenn Hazals Großmutter den Vorwurf, dass ihr nur noch ein Penis fehle, um sie zum Mann zu machen, da sie so schlecht über Frauen spricht, als Kompliment sieht, oder wenn eine Frau in der Türkei ihren Mann, der sie verprügelt hat, irgendwann umgebracht hat, weil die Polizei ihr nie helfen wollte. Oder die Art und Weise wie auch in der Türkei von einigen (hier Gözde) weiße Haut als Schönheitsideal gesehen wird, das dunklerer Hautfarbe übergeordnet wird. Solche Dinge zu erzählen und ohne die Figur selbstmitleidig wirken zu lassen eben das zu erzählen, was das mit einer jungen Frau macht, das macht „Ellbogen“ zu einem wirklich lesenswerten Buch. Und ich hätte ja gerne eine Lobeshymne geschrieben, aber da ich – wie oben geschrieben habe – leider nicht verstanden habe, was die Autorin hier will, kann ich das Buch eben nur noch  an meinen Maßstäben messen, die aber eben dem Werk äußerliche sind.

Ausblicke

Bemerkenswert an „Ellbogen“ ist ja, dass Deutsche kaum vorkommen, obwohl es ja eben nicht nur Hazals Familie ist, die eine Ursache ihrer Wut ist, die sie erniedrigen und ihr die Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben nehmen, es sind ja insbesondere Strukturen der deutschen Gesellschaft, die sozialen Aufstieg für sie unmöglich machen. Das kommt aber eben nur am Rande vor: Hazal hat keinen Schulabschluss, weil die deutschen Lehrer alle rassistisch sind oder eben nicht ganz richtig im Kopf sind, so Hazal selbst und ihre Tante, Hazal konnte nicht Raumausstatterin werden, weil Deutsche nicht auf den Geschmack von Türken vertrauen. Das kommt vor, aber das sind eben nur einzelne Sätze am Rande, während die Schilderung des Familienlebens viel Platz einnimmt. Es ist nun nicht Aydemirs Schuld, dass ich glaube, dass deutsche Leser der post-Sarrazin-Zeit damit nicht alle werden vernünftig umgehen können, dass da einige das Buch zuschlagen und sich denken „Ach, Mensch, diese Türken, wie die aber auch mit ihren Frauen umgehen, kein Wunder, dass die so werden.“ Dafür kann Aydemir nichts, es ist auch nicht Aufgabe ihres Romans, das zu ändern, aber ich hätte es doch schön gefunden, wenn man es Lesern, die denken, Integration bedeute, dass die anderen sich anpassen, nicht so leicht gemacht hätte. Zumal sich das eben dadurch verschärft, dass eigentlich nur zwei Deutsche merklich auftreten: Der Ladendetektiv und der Student, der ermordet wird. Wer dann noch überlesen will, dass Hazal der Mord durchaus nicht egal ist und ihren Worten, dass ihr das egal sei, Glauben schenkt, kann hier seine xenophoben Klischees schon bestätigt finden. Will sagen: Der Roman spart für mein Empfinden die Verantwortung der deutschen Gesellschaft für Hazals Verhalten zu sehr aus, lässt dann aber einen Deutschen Opfer der Gewalt, die die Folge vor allem von Hazals Sozialisation ist, werden. Dafür kann Aydemir nichts, das ist auch nicht die Aufgabe von Kunst, aber: Das macht es halt deutschen Lesern sehr leicht, ihren Anteil an dem Problem nicht zu reflektieren, und das bestätigt auch Klischees, die eben nach wie vor virulent sind.

Und das Problem ist ja, dass diese Klischees nicht gebrochen werden, zumindest habe ich den Bruch nicht entdeckt. Hazal wirkt in einigen Punkten unsympathisch, ihre Familie wirkt unsympathisch – aber das ist ja hier für einige Leser sicher kein Bruch sondern im Gegenteil die Bestätigung des Klischees. Und das schreibe ich jetzt nicht, weil ich es witzig finde, sondern weil es für mich leider der Leseeindruck war: Der ganze erste Teil des Romans, der Hazals Leben in Wedding bis zum Mord an dem Studenten schildert, hat mich leider an diese Vorstellungs-Filmchen aus der Doku-Soap „Die Mädchengang“ erinnert, die vor ein paar Jahren auf RTL II lief. Ich will gar nicht bestreiten, dass die Realität halt oft ziemlich klischeehaft ist, aber: Wenn man nicht gerade ein Autor des Naturalismus ist, kann es nicht der Anspruch der Kunst sein, Klischees zu bestätigen, nur weil sie in der Realität auch vorkommen. (Mal abgesehen davon ist die Literatur des Naturalismus natürlich sehr sozialkritisch gewesen und hat auch eben nicht einfach Klischees stehen lassen.) Vor allem nicht in Post-Sarrazin-Pegida-Deutschland, vor allem nicht, wenn es auch so viele Familien gibt, in denen es nicht so ist, von denen dieses Buch aber vollständig schweigt. Ich wünsche dem Buch sehr viele sehr kluge Leser, aber wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin: Ich war doch auch bei einigen Lesungen von Autoren sog. „Migrationsliteratur“ und ich hatte nicht den Eindruck, dass das alles superkluge Leute sind, die ihre Privilegien reflektiert und ihre Klischees im Griff hätten. Da ist zwar viel guter Wille, aber wenig Selbstreflexion bei einigen, und ich weiß nicht, was diese Leute lesen, wenn sie das Buch lesen.

Wenn jedenfalls ein Spiegel-Rezensent in dem Buch „viel Wiedererkennbares aus dem Leben von Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten“ zu erkennen meint, dann weiß ich nicht, ob das nun etwas ist, was ihn und den Roman auszeichnet, aber es überrascht zumindest nicht. Aber: Dafür kann Aydemir nichts. Und es ist nicht die Aufgabe von Literatur, den Leuten die Klischees auszutreiben. Aber schön wäre es eben schon, wenn sie zumindest nicht bestätigt würden.

Laut Klappentext stellt sich „Fatma Aydemirs Debütroman eine große Frage: Was kann in dieser Welt aus einem Mädchen wie Hazal schon werden? Und gibt eine ebenso große Antwort: Alles.“ Die Frage habe ich in dem Roman schon gesehen, aber diese Antwort habe ich tatsächlich nirgendwo gelesen. Prinzipiell finde ich sehr gut, dass der Roman eben nicht damit endet, dass sich Hazal an irgendeine Gesellschaft – die deutsche oder die türkische – einfach anpasst, dass sie versucht, ihren eigenen Weg mit eigenen Entscheidungen zu gehen. Nur funktioniert eben das ja gar nicht, weil die Figur das ja gar nicht tut, denn sie bleibt den ganzen Roman über eine rein reagierende Figur, sie fällt gar keine eigenen, freien Entscheidungen. Sie läuft davon, sie übernimmt nicht die Konsequenzen für ihr Handeln, und die einzige Antwort, die der Text dafür anbietet, ist: Das liegt an ihrer Sozialisation. So macht der Text selbst die Protagonistin zum Opfer ihrer Verhältnisse und gibt ihr keine Möglichkeit, daraus zu entkommen. Der Leser kann dann zwischen einem paternalistisch-mitleidigem oder einem verachtendem oder einfach einem verwirrten Blick auf die Figur wählen. Ich habe mich für den letzteren Entschieden, und einfach mal angenommen, dass hier eben einfach nicht zu Ende gedacht wurde, was das bewirkt, wenn man die Figur eben immer nur reagieren lässt, wenn man sie lieber in ihrer großen Gefängniszelle Türkei, wie sie ihre Situation selbst an einer Stelle benennt, vor allem davonlaufen lässt, als sie sich selbst und damit auch ihre Sozialisationsbedingungen überwinden zu lassen. Wenn der Roman zeigen will, dass aus Hazal „alles“ werden kann, dann ist zumindest das wirklich nicht gelungen. Es ist doch kein Zeichen von Freiheit und Selbstständigkeit, dass sie sich den Konsequenzen ihres Handelns nicht stellt und stattdessen in der Türkei zu jobben anfängt, da die Ursachen für diese Entscheidung ja genau die sind, die in ihrem Inneren durch ihre Sozialisation bewirkt wurden. Der Grundsatz, dass eben Scham schlimmer als Angst sei, ist ja eine Folge der Art und Weise, wie sie aufgewachsen ist. Und darüber kommt sie nicht hinaus.

„Bei den ersten drei Zügen fühlt sich die Welt ganz flauschig an.“ (S. 266)

Und dann ist da auch noch dieser dritte Teil des Romans, mit dem es dann vollends dahin geht: Hier erlebt Hazal die Nacht des Putsches gegen Erdogan. Ohnehin scheitern auch an anderen Stellen die Versuche weitgehend, in den Roman Politik einzubeziehen, da Hazal als Figur das einfach nicht leisten kann, sie macht da auch selbst keinen Hehl daraus: Sie hat sich eben nie für Politik interessiert und versteht darum einiges gar nicht, anderes nur oberflächlich. Entsprechend versteht sie aber auch gar nicht, was während des Putsches vor sich geht – der Hintergrund hat einfach keine erkennbare Funktion für die Handlung, es wirkt so, als habe die Autorin hier noch schnell etwas ganz aktuelles einbeziehen wollen.

Zudem wirkt dieser Teil des Romans dann auch noch wirklich schlampig geschrieben: Der eigene Jargon, der von Aydemir für den Roman entwickelt wurde, funktioniert den Roman über weitestgehend. Da werden Mütter gefickt, Kartoffeln, Kanaken und Fluchtis unterschieden und „Opfer“ und „Muschis“ bemüht. Aber jetzt, im dritten Teil, sind manche Formulierungen einfach schlecht: Da fühlt sich die Welt „flauschig“ an und „das Wasser unter ihm glänzt, als hätte Gül ihr Glitzerpuder draufgekippt“ (S. 250). Und dann noch so abgedroschene Vergleiche wie „das hier so ist, als würde ich in einem Sarg Probe liegen“ (S. 268). Der dritte Teil des Romans, insbesondere die letzten 20 Seiten, sind entweder zu schnell geschrieben oder schlecht lektoriert worden, der Teil fällt aus dem Roman zu sehr raus und liest sich schlicht holprig. Das ist ziemlich schade, denn so ganz unwichtig wäre das Ende vermutlich nicht gewesen.

Wie geschrieben: Ich hätte das Buch gerne an seinen eigenen Maßstäben gemessen, dazu war ich aber leider nicht in der Lage, weil ich nicht weiß, worum es hier gehen soll. Deswegen tut es mir leid, wenn ich eher äußerliche Maßstäbe anlege, die der Sache vielleicht nicht gerecht werden. Fatma Aydemir ist eine tolle Schriftstellerin, ich würde ein Buch, für das sie sich wirklich Zeit gelassen hat und das dann auch ordentlich lektoriert wurde, sehr gerne lesen. Auch „Ellbogen“ kann man ruhig lesen, der mittlere Teil des Romans hat mir wirklich gut gefallen, ich finde – wie oben erwähnt – viele Sachen, die hier erzählt werden, wichtig und gut getroffen. Und ich bin mir sicher, dass der Roman besser ist als das, was einige Leser aus ihm vielleicht machen werden, und vor allem ist der Roman viel, viel besser als sein Klappentext: „Man will Hazal helfen, man will mir ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mir ihr und uns allen weitergeht.“

Aber dieser Klappentext ist eben verräterisch: Hazal wird hier zu einer hilfsbedürftigen Figur erklärt (wie oben gesagt: paternalistisch-mitleidiger Blick), der Figur wird zugemutet, dass sie irgendwas über „uns alle“ zu sagen hätte. Dabei ist sie als Figur eben nicht verallgemeinerbar für „die Frau mit Migrationshintergrund“. Ich bin mir fast sicher, dass Aydemir dieses Ergebnis nicht gewollt hat – was sie gewollt hat, weiß ich ja aber eben leider nicht. Aber es kommt schon nicht von ungefähr, dass der Verlag das auf das Buch schreibt. Der Text selbst macht Hazal zu etwas, was sie als Figur gar nicht sein will: zu einem „Opfer“.

Tijan Sila – Tierchen unlimited

Sila TierchenTijan Sila macht es mit seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ der Leserschaft nicht ganz leicht. Er lässt seinen Erzähler im Teenageralter wegen des Bosnienkrieges aus Sarajevo nach Deutschland fliehen, wo er in Hassloch (wie gut dieser Name ist!) in der Pfalz und später in Heidelberg mit allerlei Problemen zu kämpfen hat. Das alles wird nicht chronologisch erzählt, sondern eher anekdotenhaft-assoziativ, es gibt keine Entwicklung des Protagonisten, dieser wurstelt sich viel mehr einfach immer irgendwie durch, und dann ist das Buch auch noch irgendwie witzig – also, wirklich „irgendwie“, denn das ist zum einen verstörend und zum anderen finde ich Bücher nie witzig, bei mir funktioniert Humor in Büchern einfach nicht, weil ich nämlich gar keinen Humor habe. Aber hier habe ich gelacht. Und mich gleich ein bisschen geschämt, denn: Das ist ja sog. „Migrationsliteratur“, da muss man traurig und betroffen sein, darf man da lachen?

Das Absurde und die Farce

Man muss es sogar, vor allem wenn das Lachen verstörend und nicht erleichternd ist, denn 2017 ist es wirklich allerhöchste Zeit, endlich damit aufzuhören, alle Autoren, die irgendwie biografisch selbst einen sog. Migrationshintergrund haben und dann auch noch irgendwelche Figuren migrieren lassen, in ein- und dieselbe Schublade zu packen, die man dann mitleidig-betroffen anschielt. Und „Tierchen unlimited“ ist deswegen so super, weil es alles kaputt macht: Betroffenheit, Schubladen, „Migrationsliteratur“. Und damit macht es das Buch dem Leser schwer, der erst Mal nicht weiß, was er mit diesem Schlamassel, dass das Buch so anrichtet, anfangen soll.

Dabei wird vermutlich nicht jeder den Humor des Romans lustig finden, weil der Roman natürlich eigentlich weder witzig noch lustig und vor allem – auch das macht es dem Leser schwer – nicht ironisch ist. Ironie könnte man ja noch verorten. Aber der Humor in „Tierchen unlimited“ ist eher grotesk und absurd. Und das zu Recht. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser, der als Jude vor den Nationalsozialisten fliehen musste, schreibt in seiner Autobiographie „Bodenlos“:

„Das Wort ‚absurd‘ bedeutet ursprünglich ‚bodenlos‘, im Sinne von ‚ohne Wurzel‘. Etwa wie eine Pflanze bodenlos ist, wenn man sie pflückt, um sie in eine Vase zu stellen. Blumen auf dem Frühstückstisch sind Beispiele absurden Lebens.“ (S. 9)

(Bitte jetzt keine Debatte um etymologische Wahrheiten, hier geht es um poetische Wahrheit, ihr Schlauschlümpfe.)

Der Verlust der „Heimat“ führt für Flusser zu einer absurden Existenz – und genauso absurd wird die Existenz des Erzählers in „Tierchen unlimited“, allerdings eben nicht erst mit der Flucht, sondern bereits in Sarajevo. „Heimat“ wäre ja missverstanden, wollte man darunter einfach nur einen Ort verstehen, Heimat geht schon dann verloren, wenn der Ort, der Heimat war, keine mehr ist, weil man dort nicht mehr sicher ist, wenn das, was vertraut war, eben entfremdet ist. Schon in Sarajevo wird das Leben absurd, wenn der Erzähler sich, während die Stadt beschossen wird, verstecken muss und dabei weniger Angst um sein Leben als vor der Bestrafung durch die Mutter hat. Das Alltägliche – das Zusammenleben mit der Mutter – wird aus dem Alltag herausgerissen, weil der Alltag selbst nicht mehr existiert, und so entsteht eine absurde Spannung zwischen dem Alltäglichen im Nicht-Alltäglichen. Sila bringt das ja auch in einem Bild auf den Punkt, das mit gutem Grund für den Titel des Romans Pate gestanden hat und das etwas weniger beschaulich ist als das Bild der Blumen auf dem Frühstückstisch:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie vier Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken. Menschen wachen in Sarajevo jeden Morgen mit dem Gedanken auf: ‚Lieber Gott, lass mich heute nicht sterben. Ich bin zu jung. Ich habe Besseres verdient.‘ Aber Tierchen haben keine Vorstellung vom Tod. In ihren Schädeln schwappt die Mischung aus Jetzt und Ewigkeit hin und her. Und kleine Gedanken wie: ‚Gnarf, Gnarf, geiler Katzenkadaver.‘“ (S. 27f.)

Der Verlust der Bäume und damit der Nester führt dazu, dass Eichhörnchen absurde Existenzen führen, sie leben als Ratten in der Kanalisation, sie sind von ihrer eigentlichen Lebensweise entfremdet. Und zu genau so einem Tierchen in Bomberjacke wird der Erzähler durch den Krieg, dann verstärkt noch einmal durch die Flucht nach Deutschland, die er für einen „Gehirnfurz“ (S. 155) seiner Eltern hält – wie ein Tierchen glaubt der Erzähler nicht, dass er in diesem Krieg sterben könnte, obwohl er zahlreiche Leichen gesehen hat, in seinem Kopf gibt es auch nur eine Mischung aus Jetzt und Ewigkeit und vielleicht noch Gedanken wie „Computerspiele“ oder „Comics“. Und diesen Zustand verlässt der Erzähler auch nicht mehr, er entwickelt sich einfach nicht weiter: Die Objekte seiner Begierde verändern sich, irgendwann werden teure Kleidung, eine Rolex und schöne Wohnungen interessant, zuvor weckt die Pubertät aber sein Interesse an Mädchen. Und er hat permanent das Gefühl, für alles, das er tut, schulde das Leben ihm einen Lohn, weswegen er sich in Sarajevo genauso wie in Deutschland eben das nimmt, was er möchte oder braucht. Der Tunnel, durch den er mit seiner Familie flieht, ist eben hier kein Symbol der Wiedergeburt, wie das in anderen literarischen Werken der Fall ist (z.B. im Herzog Ernst B, ja, Hallo, ich habe auch Mediävistik studiert, und ich habe meinen Studienabschluss schließlich nur gemacht, um im Internet schlau daherzureden), auch dieses Symbol wird also kaputtgemacht – die Migration steht eben nicht im Zentrum, weil sie letztlich gar nicht so viel an oder in der Figur verändert.

Und deswegen gibt es in diesem Roman keine Dramaturgie und keine Entwicklung. Und deswegen hat dieser Roman auch eben keine chronologische Struktur, sondern es werden assoziativ Anekdoten aneinandergereiht. Das ist nur konsequent, denn alles wiederholt sich und wird dabei nur noch immer absurder: Der Erzähler flieht ja nicht nur in Sarajevo, um sich vor Angriffen entweder feindlicher Soldaten oder der Nachbarskinder zu verstecken, er flieht ja nicht nur aus Sarajevo, um dem Krieg zu entkommen, er flieht ja auch in Deutschland permanent: Vor Neonazi-Brüdern, mit deren Schwestern er (vielleicht) geschlafen hat, vor Rechtsanwalt-Vätern, mit deren Töchtern er geschlafen hat, vor dem Alzheimer seiner Eltern, vor der Freundin des Rechtsanwaltes, bei dem er eingebrochen ist. Und immer trifft er dabei auf tote Neonazis: In Sarajevo, in Deutschland, überall. Der Erzähler führt eine absurde Existenz, man hat nicht den Eindruck, dass er einen Plan für sein Leben entwirft, vielmehr wurstelt er sich so durch, und Sila erzählt darauf auf eine groteske Art und Weise, die oft wirklich lustig ist, aber auf eine eher verstörende Art. Und wie sollte er auch sonst von einem Krieg, den der Erzähler an einer Stelle als „Genozid“ (S. 120) bezeichnet, und seinen Folgen erzählen? Tragisch? Dürrenmatt, der seine Theorie der Groteske und der Komödie vor dem Hintergrund des durch den deutschen Nationalsozialismus verübten Genozids entwickelt hat, würde das vermutlich verneinen (ich konnte ihn aber leider nicht anrufen und fragen):

„Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. […] Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe […].“

Der Erzähler ist nicht schuld an seiner Situation, und der Erzähler kann sein Leben nur als groteske Komödie erzählen. Und wie in den Komödien Dürrenmatts, in denen oft Figuren entindividualisierte Typen sind, die eben nur für eine bestimmte Funktion – den Polizisten, den Bürgermeister, etc. – stehen, wirken in „Tierchen unlimited“ die Figuren ebenfalls ein Stück weit entindividualisiert. Alle Mädchen haben tote Brüder, die Neonazis waren. Alle reichen Familien scheinen irgendwelche Verbindungen zur RAF zu haben. Alle handlungstragenden Figuren mit Migrationshintergrund sind irgendwie kriminell. Sila spielt mit Klischees, überzieht diese aber völlig und lässt eben dadurch die Handlung grotesk wirken.

Zudem entzieht er damit seine Figuren jeder politischen oder emotionalen Vereinnahmung. Der Erzähler, Sarah, sogar Šemso wirken irgendwie auf eine merkwürdige Art und Weise sympathisch, sind es dabei aber gleichzeitig so wenig – der Erzähler stiehlt, Sarah ist recht brutal, Šemso ist ein Nazi – dass man sich mit keiner Figur identifiziert. Und die Figur des Erzählers entzieht sich jedem politischen Klischee: Er ist weder einfach der bemitleidenswerte, „gute“ Geflüchtete, denn er hat ein recht ordentliches Maß an krimineller Energie, noch ist er eben der „böse“ Geflüchtete, denn zum einen ist es drollig, wie er nebenbei auch Torte stiehlt, und zum anderen rührt die kriminelle Energie ja vor allem doch auch aus einem Kriegstrauma.

So oder so: Indem Sila seinen Erzähler gegen Identifikation, politische Einordnung und Entwicklung wappnet und dann auch noch so absurd erzählt, verwirrt er den Leser ganz ordentlich. Und dann bricht er auch noch die Gattung.

Die Bomberjacke und die 90er

Denn „Tierchen unlimited“ ist ja eben nicht einfach ein Stück sog. „Migrationsliteratur“. Es ist gleichzeitig ein Poproman, wir sind hier mitten in der Popkultur der 90er: Es gibt große Computer mit vielen Kabeln und Disketten, es gibt Computerspiele, Comics und Latzhosen, die Christen tragen, um sich als normal zu tarnen. Und vor allem gibt es: Bomberjacken. Die tragen schon die Eichhörnchen, die tragen die Nazis, und die trägt auch der Erzähler, aber eher zufällig. Wenn „Faserland“ von Kracht das Buch der Barbourjacke ist, ist „Tierchen unlimited“ das Buch der Bomberjacke. Und das ist so ja auch sehr stimmig:

Beides sind typische Jacken der 90er (wenn auch die Barbourjacke natürlich „zeitlos“ ist und daher überlebt hat und die Bomberjacke gerade ein Revival feiert). In den 90ern war sowas eben wirklich wichtig: Barbourjacken haben die reichen Schnösel getragen – nicht umsonst trägt auch in „Tierchen unlimited“ die Freundin eines Rechtsanwaltes eine Barbourjacke – Bomberjacken haben Skins, Neonazis und Punks getragen, wenn diese gerade keine Lederjacke getragen haben. Ich weiß ja nicht, wie das heute in der Jugendkultur so ist, aber in den 90ern, als es noch kein Internet gab und alles furchtbar langweilig war, da gab es eben wirklich an einem optischen Erscheinungsbild unterscheidbare Jugendkulturen, die sich auch wirklich gegenseitig recht aggressiv gegenüber standen, was aber nicht bedeutete, dass die Grenzen nicht trotzdem fließend sein konnten. So grotesk überzeichnet „Tierchen unlimited“ hier auch ist, völlig aus der Luft gegriffen ist es nicht: Es gab nun mal in den 90ern eine gar nicht so kleine Neonazi-Szene, und damals trugen die wirklich noch Bomberjacken und Springerstiefel, nicht Seitenscheitel und Hemd wie heute. Dass es in den 90ern – ähnlich wie heute übrigens – vermutlich ganze Landstriche gegeben hat, wo es halt einfach verdammt viele Nazis gab, ist ja nun auch nicht eben unrealistisch.

Und so, wie die Eichhörnchen eben durch den Verlust ihrer Nester zu Ratten in Bomberjacken werden, rutscht der Erzähler in eine absurde Durchwurstelexistenz und trägt eine Bomberjacke, weil er diese mal irgendwem geklaut und dann eben Jahre lang getragen hat. So einfach ist das.

Brüllen, zertrümmern und weg

Sila macht mit „Tierchen unlimited“ also irgendwie alles kaputt, was man kaputt machen kann: Der Humor ist absurd, grotesk, lustig und trotzdem verstörend. Der Roman entzieht sich der Schublade „Migrationsliteratur“, ist aber auch nicht einfach ein Poproman. Die Figuren passen in kein politisches Weltbild, sie sind sympathisch und gleichzeitig auch nicht, zumindest verweigern sie jede Identifikation. Das Ende schließt keine Handlung ab, es gibt keine Entwicklung und also keine Dramaturgie, sondern nur Assoziation. Und mit all dem muss der Leser irgendwie umgehen, und irgendwie steht man am Ende etwas verlassen da. Das fand ich aber nicht so schlimm, denn ich habe „Tierchen unlimited“ gern gelesen. Ich habe gelacht und war dabei ein bisschen verstört.

Vielleicht bin ich durch das Buch aber auch einfach verrückt geworden.

Jedenfalls möchte ich jetzt gerne eine Ente heiraten (S. 129).

Ha Jin – Verraten

img_3174Ha Jin ist quasi eine literarische Jugendliebe von mir, als ich so 17 oder 18 war, habe ich viele seiner Bücher gelesen und sehr gerne gemocht. Als dann „Verraten“ 2015 erschien, habe ich mich darüber sehr gefreut, es gleich gekauft und dann natürlich ewig lange nicht gelesen. Irgendwas ist ja immer. Aber jetzt habe ich es endlich geschafft.

„Verraten“ ist die Geschichte von Gary Shang und seinen Familien, denn Gary führt gezwungenermaßen ein Doppelleben: Er hat sich in jungen Jahren als Spion für die chinesische kommunistische Partei in die amerikanische Botschaft eingeschlichen, und als sich diese mit dem Sieg der Kommunisten in China erst nach Japan und schließlich nach Nordamerika zurückzieht, geht Shang auf Befehl der Partei mit, um schließlich als wichtiger Spion innerhalb der CIA China zu dienen. Seine chinesische Frau, mit der er, kurz bevor er seine Arbeit in der amerikanischen Botschaft aufgenommen hat, durch seine Eltern verheiratet worden ist, hat er nur wenige Tage lang kennengelernt und dann, trotz einiger Versuche und wiederholter Bitten an die Parteiführung, nie wiedergesehen. Dass sie ihm Zwillinge geboren hat, hat die Partei Shang lange verheimlicht, dafür hat sie ihm empfohlen, in Amerika eine neue Familie zu gründen, was Shang dann auch getan hat. Die Tochter aus dieser Ehe ist die Erzählerin des Romans, die zum einen von ihren Recherchen über ihren Vater und ihrem Leben, zum anderen aber ausgehend von Tagebüchern des Vaters dessen Leben erzählt.

Und so erhält der Leser einen Überblick über die Geschichte Chinas seit den 1950er Jahren bis heute. Man erfährt sowohl von den Kämpfen der kommunistischen Partei, der Kollektivierung und der durch den „Großen Sprung nach vorn“ ausgelösten Hungersnot wie von dem angespannten Verhältnis Chinas zu Sowjetunion und USA wie von aktuellen Problemen Chinas: Belastete Lebensmittel und giftiges Milchpulver kommen hier genauso vor wie die Benachteiligung der chinesischen Landbevölkerung, Korruption und die Kritik junger Chinesen an dem zensierten Internet.

pine2c_plum_and_cranesVon alle dem erzählt Ha Jin in der ihm eigenen, sehr kargen Sprache, die mich immer an die alten chinesischen Gemälde, die man so kennt, erinnert: Mit ein paar klaren Pinselstrichen entstehen in diesen Landschaften, so wie Ha Jin mit ein paar wenigen, ruhigen Worten Geschichten zeichnet. Manche Formulierungen (die ich mir leider nicht notiert habe) sind leider etwas redundant oder schief, wobei man hier vermutlich die Übersetzung zumindest mitverantwortlich machen muss.

Wer einen spannenden Spionageroman oder gar einen Thriller erwartet, kennt Ha Jin nicht: Er entwirft – wie in allen seinem Romanen – Gesellschaftsbilder, dabei geht es weder um Spannung noch um Rührung. Und wie auch in „Warten“ und in „Kriegspack“ zeigt er auch in „Verraten“ vor allem, wie individuelles Lebensglück durch den chinesischen Staat zerstört wird, trotz aller Langmut und aller Redlichkeit der Figuren. „Verraten“ ist vor allem ein Buch, das sich sehr deutlich gegen einen unkritischen chinesischen Patriotismus wendet:

„Sei kein blinder Patriot wie Gary“ (S. 260),

ist der Rat, den die Erzählerin ihrem Neffen gibt – und ist die Botschaft, die Ha Jin durch sein Buch zieht. Gary Shang, zerrissen zwischen zwei Ländern und zwei Familien, hat sein Leben lang loyal und geduldig einem Land gedient, das ihn willentlich ausgenutzt und um sein Lebensglück gebracht hat, das ihn „verraten“ hat. Freiheit und Unabhängigkeit ist in diesem Roman dann auch für junge Chinesen nur zu haben, wenn sie China verlassen und sich von diesem Land lösen. Insofern ist das Buch auch ein Votum für Amerika, seine Freiheit und seinen Individualismus. Hier spiegelt sich vielleicht auch ein bisschen die Biografie des Autors – Ha Jin war ja selbst während der Kulturrevolution Soldat in China und emigrierte später in die USA.

Angesichts der nach wie vor herrschenden Verhältnisse in China, die ja eben auch thematisiert werden, ist „Verraten“ ein gutes, mutiges und wichtiges Buch, das so von Ha Jin wohl kaum hätte veröffentlicht werden können, wenn er noch in China leben würde. Wer sich für die jüngste Geschichte Chinas interessiert und noch keine großen Vorkenntnisse hat, dem sei dieser Roman empfohlen. So gut wie „Warten“ ist es leider nicht, aber trotzdem: Ein gutes Buch, das ich gern gelesen habe. Bei dem ich mir aber fast sicher bin, dass viele es – eben weil es ein sehr ruhiges, nüchternes Buch ist – langweilig finden würden. So habe ich es aber nicht wahrgenommen.

Selim Özdogan – Wieso Heimat, ich wohne zur Miete

oezdoganheimatEs gibt in der Literaturgeschichte ja Romane, die davon handeln, dass eine etwas naive Figur in die Welt hinausgeschickt wird, die aus irgendwelchen Gründen etwas realitätsfern aufgewachsen oder eben geworden ist: Das ist schon im mittelhochdeutschen Epos mitunter so (zum Beispiel im Parzival), aber auch im neuzeitlichen Roman (Simplicissimus), im Roman der Aufklärung (J. K. Wetzels „Belphegor“), usw. usw. Natürlich ist das ein Muster, das prominent auch in der Literatur anderer europäischer Länder auftritt, berühmt ist da ja Voltaires „Candide“, in dem eben dieser Candide durch widrige Umstände in die Welt hinausgestoßen wird, nachdem er aufgewachsen ist im Glauben, in der besten aller möglichen Welten zu leben. In diesen Romanen geht es gar nicht so sehr um eine plausible, unterhaltsame Handlung, es geht mehr um philosophische Fragen: Sowohl der „Belphegor“ als auch der „Candide“ sind geschrieben worden, um zu überprüfen, ob ein optimistisches Weltbild bzw. der Glaube an die beste aller Welten realistisch oder einfach naiv ist. Und in dieser Tradition steht „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ von Selim Özdogan. Und es ist mir wichtig, diese Tradition der europäischen, vor allem auch deutschen Literaturgeschichte hier so zu betonen, in der ich diesen Roman sehe, weil das erneut zeigt, wie kurz eigentlich die Schublade der sog. „Migrationsliteratur“ greift, in die man Özdogan aufgrund seines Namens und aufgrund der Handlung des Romans vorschnell stecken könnte, um der Geschichte, die hier erzählt wird und dem Autor eine einfach Identität („Migrationshintergrund“) überzustülpen. Dabei entzieht sich der Roman eben dem und jeder einfachen Kategorienzuordnung: Es ist eine Geschichte über einen deutschen jungen Mann mit einem türkischen Vater, der in Deutschland lebt und in die Türkei reist. Es ist eine deutsche Geschichte über einen Deutschen, erzählt mit dem Mitteln einer deutschen und europäischen Erzähltradition. Und darin spielt Migration nur insofern eine Rolle, als die deutsche Mutter mit ihrem Kind aus der Türkei nach Deutschland gezogen ist. Ich möchte das hier so betonen, weil ich oft das Gefühl habe, dass Autoren, die nicht Meier oder Müller heißen, abgesprochen wird, sie würden „deutsche“ Geschichten in einer „deutschen“ Literaturtradition schreiben und als würden sie per se irgendwie exotische „Migrationsliteratur“ schreiben. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich hier verständlich ausdrücke, aber ich hoffe, ihr ahnt, was ich meine.

Um mal vorne anzufangen und zum Thema zurückzukommen: „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ erzählt von Krishna Mustafa, einem Kind einer deutschen Mutter, die ihre Kleinbürgerlichkeit mit einer Menge alternativen Lebensstils zu überdecken versucht, und eines türkischen Vaters, der dagegen seine Kleinbürgerlichkeit eher zur Tugend zu stilisieren versucht – und natürlich hat das Kind dann eben diesen Doppelnamen, in dem all das irgendwie zusammengefasst wird und der sich schon jeder Identitätszuschreibung entzieht, weil er so viele kulturelle Assoziationen, die aber gar nichts mit der geographischen Herkunft irgendeiner Figur zu tun haben müssen („Krishna“), verbindet. Nachdem Krishna Mustafa die ersten Lebensjahre in der Türkei verbracht hat, hat sich seine Mutter vom Vater getrennt und ist nach Deutschland gezogen, weil dort die Schulen, die Krishna Mustafa besuchen kann, viel besser sind. Und natürlich geht er dann auf eine Waldorfschule. So wächst er in einer alternativen Lebenswelt auf, fern kapitalistischer Bosheiten wie Coca Cola und des gemeinen Leistungsdrucks, und bewahrt sich wohl auch deswegen eine bemerkenswerte kindliche Naivität und Heiterkeit. Bis sich Laura von ihm trennt, weil er seine Identität noch nicht gefunden habe und kein Verhältnis zu seinen Wurzeln habe. Unter der Annahme, dass Laura damit recht habe, dass der Mensch also irgendwie eine Identität brauche und irgendwelche Wurzeln finden müsse, reist Krishna Mustafa nach Istanbul, um seinen Vater und seine Wurzeln zu finden. Dabei kommt es zu allen möglichen Verwicklungen – er versteckt sich bei Regen in einem Waffengeschäft und nimmt dort eine Waffe in die Hand, wird dabei aber fotografiert und gilt fortan in Deutschland als islamistischer Terrorist –, die vor allem dazu dienen, diese Fragestellung zu überprüfen: Was ist Identität, ist sie so wichtig, wie nehmen wir Kulturen war, gibt es so etwas wie kulturelle Wurzeln?

Interessant an so einem Vorwurf wie „du hast deine Identität nicht gefunden, du hast kein Verhältnis zu deinen Wurzeln“ ist ja, dass das vermutlich ein Vorwurf ist, den Leute, die im Kindesalter von Berlin oder Wien nach Konstanz gezogen sind, nicht hören dürften, sondern eben nur Leute, die irgendwie einen „Migrationshintergrund“ haben. Darin spiegelt sich die Idee, dass Identität mit Nationalität in Verbindung steht, dass ein Teil individueller Identität die nationale Identität sein muss, und das irgendwie auf zauberhafte Art der Geburtsort mit der eigenen Identität zusammenhinge, oder die Nationalität eines Elternteils. Konsequent dekonstruiert also Özdogan erst einmal die Idee der nationalen Identität, indem er historische wie zeitgenössische Zuschreibungen durchspielt und überprüft, und das von unterschiedlichen Seiten aus: Da finden sich Gespräche darüber, dass einige Türken denken, die Araber wären alle dreckig und könnten sich nicht benehmen (S. 45) – ein Vorurteil, das ja auch einige Deutsche gegenüber Ausländern ganz generell hegen –, da wird das Bild, das Deutsche von der Türkei oder dem „Orient“ haben auf seinen Wahrheitsgehalt abgeklopft, aber auch das Bild, das Türken von Deutschen haben. So stellt sich beispielsweise heraus, dass Bauchtanz eben nicht „typisch Orient/Türkei“ ist, sondern lediglich „typisch Touristenfolklore“, dass der deutsche Blick auf türkische Politik oder beispielsweise die Proteste im Gezi-Park ein stark vereinfachter oder mitunter stark romantisierter ist – aber auch, dass die Deutschen eben nicht alle kalt zueinander sind. Mitunter reißt der Autor hier vielleicht fast zu viele Themen an, manchmal hat man schon beim Lesen eher das Gefühl „Ok, das Thema wollte er jetzt halt auch noch ansprechen“, als dass sich das gerade wirklich aus der Handlung oder der Psychologie der Figuren ergeben hätte. Aber interessant ist das ja trotzdem allemal. Und, was daran auch deutlich wird: Der Roman ist recht gesprächslastig, viele der Themen, die hier diskutiert werden, können gerade eben dann, wenn so viele Aspekte untergebracht werden sollen, gar nicht so sehr über eine Handlung als eben mehr über Gespräche einbezogen werden. Darauf muss man sich einlassen.

Genauso muss man sich auf die Konzeption der Hauptfigur, Mustafa Krishna, eben einlassen, auch wenn einen diese manchmal in all der kindlichen Naivität und Fröhlichkeit, mit der die Figur herumläuft, ziemlich nervt. Aber ich denke, eben das ist gewollt – nicht nur aufgrund der Erzähltradition, in der ich eben den Roman sehe, sondern auch aufgrund des Themas des Romans: Es ist nahezu unmöglich, sich mit einer so unbedarften Figur wie Krishna Mustafa zu identifizieren, immer wieder denkt man sich: „Das meint der doch jetzt nicht ernst?“ oder „Ist der jetzt echt so blöd?“, und fällt damit aus der Identifikation mit der Figur heraus. Und genau das ist ja eigentlich nicht nur konsequent, sondern auch sehr geschickt, wenn es in dem Roman letztlich darum geht, dass „Identität“ als festes Konzept Unfug und Zuschreibungen sowieso quatsch sind: Die Hauptfigur verweigert dem Leser die Identifikation und Festlegung. Der Leser kann über das nachdenken, was die Figuren sagen, bleibt immer in einer gewissen Distanz, aber er findet eben keine Identität, mit der er sich verbinden könnte. Das mag manche Leser nerven, ich finde es aber ziemlich gut gemacht. (Was mich mehr gestört hat, war, dass das Buch eben an manchen Stellen lustig ist und ich doch keinen Humor habe und Witze bei mir beim Lesen wirklich fast nie zünden – da geht es aber anderen ja anders.) Die Hauptfigur verweigert aber nicht nur dem Leser die Identifikation, sie verweigert auch alle Identitätszuschreibungen durch andere: Wenn Mustafa Krishna Opfer von racial profiling wird und immer wieder im Zug von der Polizei kontrolliert wird, nimmt er das pragmatisch und mit Humor und fährt eben in Badehose Zug, lässt das aber nicht als rassistische Zuschreibung an seine Identität heran – ganz im Gegensatz zu seiner Freundin Laura. Wenn er in den deutschen Medien aufgrund eines Fotos und eines Youtube-Videos zum islamistischen Terroristen gemacht wird, nimmt er das eher als Kuriosum hin und sieht es nicht als Identitätszuschreibung, der gegenüber er seine wahre Identität klarstellen müsste, auch wenn alle Freunde und Verwandte aus Deutschland ihn bitten, doch das Bild, das von ihm in den Medien entstanden ist, zu korrigieren.

(Und jetzt kommt der Spoiler, attenzione!) Und am Ende steht dann eben die Erkenntnis, dass der Vorwurf, den Laura ihm gemacht hat, ja dass die ganze Annahme, es gäbe konkrete, feste Identitäten, die irgendwie mit irgendwelchen „Wurzeln“ zusammenhängen, falsch ist – weil Identität immer ein Konstrukt ist, weil nationale Identitäten immer Konstrukte sind, die von unterschiedlichen Positionen aus ganz unterschiedlich konstruiert werden. Wichtiger als die Frage nach der Identität ist die nach den Lebensumständen. So heißt es im Epilog:

„Krishna Mustafa wird noch einige Zeit brauchen zu verstehen, dass die Frage nach der kulturellen Identität auch eine Ausweichstrategie ist. Denn die eigentlichen Fragen lauten: Unter welchen Bedingungen lebt du dort, wo du lebst? Wie ist das Geld verteilt, wie die Chancen und wie wird das begründet?“ (S. 242)

Und genau deswegen bin ich ganz froh, dass es ein Buch wie dieses in Zeiten gibt, in denen Politik in den USA und Europa maßgeblich auch Identitätspolitik ist, in denen europaweit „identitäre Bewegungen“ wachsen, die eben (nationale) feste Identitäten wieder für wichtig und für irgendwie festschreibbar oder erhaltenswert halten. Dabei sind Identitäten Konstrukte, und Konstrukte sind individuell, und es wäre wünschenswert, wenn wir einfach jeden seine Identität selbst konstruieren lassen würden, statt ihn (und uns selbst!) auf irgendwas festzulegen. „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ ist ein Roman, auf den man sich eben in mehrfacher Hinsicht einlassen muss – aber gemessen an dem, was dieser Roman will, ist er echt gut.

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Bazyar TeheranDer Buchumschlag ist so blau wie die Tür des Hauses der Teheraner Verwandtschaft, die Laleh 1999 besucht. Und wie sich in Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ die Stimmen von vier Figuren aus zwei Generationen (mit einem kurzen Epilog einer fünften Figur) abwechseln, so überlagern sich auf dem Buchumschlag quasi vier solche Türen in Form von Rechtecken, durch die man immer wieder neu Zugang zur Geschichte dieser Familie erhält.

Shida Bazyar lässt ihre Figuren in Schlaglichtern im Abstand von jeweils zehn Jahren von der iranischen Revolution, der Flucht aus dem Iran und dem Ankommen in Deutschland, dem Großwerden und Leben in Deutschland erzählen. So begleitet der Leser zunächst den Kommunisten Behsad durch die Straßen von Teheran im Jahr 1979, erlebt mit ihm die Euphorie über die Zeitwende, die die Revolution bringen soll, und die Enttäuschung, als er und seine Genossen merken, wie ihnen die Zukunft entgleitet. Zehn Jahre später wird aus der Perspektive Nahids, seiner Frau, von der Flucht aus dem Iran und der Schwierigkeit des Ankommens in Deutschland, dem – so hoffen sie und ihr Mann zeitlebens – vorübergehenden Exil, von den Orientierungsschwierigkeiten und Identitätskonflikten, die die andere Kultur auslöst, erzählt. Wieder zehn Jahre später, 1999, schildert Laleh, die älteste Tochter, wie es sich anfühlt, immer zwischen den Stühlen zu sitzen, weder in Deutschland, noch im Iran, den sie mit der Mutter besucht, wirklich dazuzugehören, wie es ist, immer für die Eltern übersetzen zu müssen und das Gefühl von „Zuhause“, das sie in den frühesten Kindheitsjahren im Iran erfahren hat, verloren zu haben. Auch ihr jüngerer Bruder Mo, der 2009 einen Einblick in sein Studentenleben in Deutschland gewährt, ist zerrissen – während er im Fernsehen beobachtet, wie junge Leute seinen Alters im Iran im Zuge der grünen Revolution ihr Leben riskieren, finden in Deutschland vergleichsweise alberne Bildungsstreiks gegen die Studiengebühren statt, und ihn plagen Albträume.

Bazyar gelingt es in diesen kurzen Schlaglichtern, die Atmosphäre und Stimmung der jeweiligen Orte und zeitlichen Phasen einzufangen, und sie erzeugt durch die Erzählweise nahezu durchgehend im inneren Monolog der Figuren – auch direkte Rede wird nicht mit Anführungszeichen markiert, alles wird aus der rein subjektiven Perspektive der jeweils erzählenden Figur dargestellt – ein hohes Maß an emotionaler Nähe zu den Figuren. So erfährt der Leser beispielsweise, und das fand ich einen recht interessanten Aspekt in dem Roman, wie die Figur Laleh sich nicht nur innerlich fremd fühlt, sondern wie dieses Fremdheitsgefühl von ihr permanent körperlich erfahren wird: In Deutschland fällt sie durch ihr Aussehen auf und dadurch, dass sie kein MakeUp trägt, im Iran fällt sie durch ihre Körperhaltung und ihre Bewegungen auf, zudem dadurch, dass sie ständig angefasst wird. Shida Bazyar erzählt durch die unterschiedlichen Perspektiven der Figuren äußerst vielschichtig und niemals selbstmitleidig oder pathetisch von Politik, Fremdheit, Flucht, Hoffnung und Zerrissenheit.

Dabei hält sie auch fast immer den schmalen Grat zwischen emotionaler Nähe und Kitsch ein – allerdings schrammt sie mit dem Epilog, ohne den ich das Buch lieber gemocht hätte, und mit Sätzen wie

„Aber ich lache ihn an, er hält meine Hand und ich halte seine und denke, dass es egal ist, was er redet und was ich davon hören will und was nicht, wenn wir uns am Ende an der Hand halten.“ (S. 200f.)

schon wirklich hart am Kitsch vorbei. Insgesamt hätte ich mir hier und da schon mehr Distanz und mehr Ecken und Kanten gewünscht, so ist es eben ein Buch, dass vom CSU-Anhänger bis zum ProAsyl-Fördermitglied jeder lesen kann, ohne dass irgendwas daran irgendwen provozieren müsste. Es stimmt den einen oder anderen höchstens nachdenklich oder berührt ihn. Aber das ist ja auch in Ordnung, es ist einfach ein Roman, der eine Familiengeschichte erzählt, kein Appell oder Manifest. Und es ist ein sehr guter Roman, den ich jedem empfehlen würde – was ja immer ein zweischneidiges Schwert ist, wenn ein Roman eben so ist, dass man ihn wirklich jedem auch bedingungslos empfehlen könnte, so wie Romane von Ian McEwan. Irgendwie mit ernsthafter Thematik, irgendwie schon auch ergreifend, aber dann doch auch wieder konsumierbar. Ich habe – ob das nun berechtigt ist oder nicht – beim Lesen immer wieder an „Drachenläufer“ von Hosseini denken müssen, ohne dass ich jetzt begründen könnte, woher diese Assoziation kommt, vermutlich am ehesten von der Grundatmosphäre resignierter Traurigkeit, die beide Romane durchaus gelungen durchzieht, „Drachenläufer“ ist ja schon ein gutes Buch. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob diese Assoziation mit Hosseini positiv ist. Es ist auch für mich auffällig, dass ich mir während des Lesens gar keine Notizen gemacht habe, was ich sonst immer tue, weil mir hier einfach nichts aufgefallen ist, weil der Text sich derartig glatt liest. Das kann natürlich ein positives Zeichen für die gelungene, runde Komposition sein, es kann aber eben auch ein Zeichen dafür sein, dass der Text trotz all der schwierigen und schwerwiegenden Themen eben recht gefällig ist und zumindest ich über den Schmerz der Figuren, der ja im Buch ist, recht glatt hinweglesen konnte. Aber vielleicht bin auch ich einfach ein Eisklotz und habe keine Gefühle, das ist wohl am wahrscheinlichsten. Jedenfalls fällt es mir daher schwer, überhaupt etwas Sinnvolles über den Roman zu schreiben, was mich natürlich nicht vom Schreiben abhält, wo kämen wir denn da hin, wenn „sinnvoll“ auf einmal ein Kriterium für meine Blogbeiträge würde.

Wie dem auch sei: Ich habe „Nachts ist es leise in Teheran“ gerne gelesen, es ist wirklich und trotz allem Gemecker im letzten Absatz dieses Beitrags ein sehr gutes Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und das jeder lesen sollte – und jeder mit Gewinn lesen kann, wie ich denke. Schon alleine, damit die jüngste Geschichte des Iran nicht so in Vergessenheit gerät, wie es bereits der Fall ist.

Philipp Krömer – Ymir

Krömer YmirSchöpfung scheint eine recht ungemütliche Angelegenheit zu sein, zumindest jenseits der Bibel. Was am Anfang der Bibel nach „Gott räumt auf“ aussieht – am Anfang war Tohuwabohu, dann fängt Gott an, Ordnung zu machen – ist in der heutigen Naturwissenschaft mit Lärm verbunden („Urknall“) und in den meisten antiken Schöpfungsmythen mit dem Kampf zwischen unterschiedlichen Gottheiten. Im alten Babylonien mussten im ursprünglichen Götterkampf Abzu und Tiamat dran glauben, im antiken Griechenland ist die Geschichte der Weltentstehung voller Väter, die ihre Söhne fressen, und voller Söhne, die ihren Vätern dafür den Schädel einschlagen.

Wie ich nun durch die Lektüre von Philipp Krömers „Ymir“ lernen durfte, ist auch in der germanischen Mythologie die Schöpfung der Welt eine recht blutige Angelegenheit, schließlich wurde die Welt aus dem Körper des Riesen Ymir erschaffen, der zuvor von Odin erschlagen wurde. Wenn wir nun also beispielsweise Bäume fällen, schneiden wir quasi Ymir die Haare.

Der brave Bürger

Dieser Mythos erweist sich in Krömers Roman auf skurrile Weise als wahr: Der Erzähler berichtet davon, zur Zeit des Nationalsozialismus Teil eines dreiköpfigen Expeditionsteams gewesen zu sein, das auf Island eine Höhle erkunden soll. Das Team, das schon recht früh den Verdacht hat, es hier mit einer anatomischen Reise durch Ymirs Körper zu tun zu haben, entdeckt in den tiefen von Ymirs Gedärm den Urarier, eine Art blinden, blonden Yeti, nur um diesen gleich auszurotten, und stirbt leider, mit Ausnahme des Erzählers selbst, in den tiefen von Ymirs Innereien. Gegliedert ist der Roman entsprechend nach den Organen, die die drei Forscher durchwandern, wobei am Kapitelanfang jeweils durch eine anatomische Zeichnung aus einem Lehrbuch zur Naturheilkunde von 1938 angezeigt wird, wo in Ymirs Kadaver sich die Erzählung gerade befindet. Begleitet werden diese Kapitelanfänge jeweils von ironisch passenden Zitaten aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“, doch dazu später mehr.

Nun kann man wohl ein Buch, das seine Handlung zur Zeit des Nationalsozialismus verortet und sich mit nordischer Mythologie und Wagner beschäftigt, kaum lesen, ohne nach einer Bewertung von eben diesem zu suchen. Krömer erzählt hier eben nicht nur von einer skurrilen Wanderung durch die nordische Mythologie, sondern er karikiert die politische Haltung und die ästhetische Ideologie der intellektuell-künstlerischen „Elite“ zur Zeit des Nationalsozialismus.

Denn es stirbt nicht nur der Vertreter des Regimes, „KleinHeinrich“ in Persiflage auf Heinrich Himmler genannt, schon hierin also Karikatur, als erstes, sondern auch der zweite überzeugte Vertreter nationalsozialistischer Esoterik, Ästhetik und Ideologie, „VonUndZu“, wird im wahrsten Sinne des Wortes sein Ende in der germanischen Mythologie finden. Überleben wird ausgerechnet ein Mitläufer, der Erzähler, der als verarmter Schriftsteller die Karrierechance, die Himmler ihm bot, eben an dieser Expedition teilzunehmen und über diese zu berichten, eher aus pragmatischen Gründen als aus Überzeugung nutzt. Er bezeichnet sich über weite Strecken des Romans hin als „braven Bürger“, eine Selbstzuschreibung, die immer wieder aufgegriffen wird, um das Ausführen von Befehlen zu rechtfertigen – aber eben auch eine Selbstzuschreibung, die von Anfang an gebrochen wird. So denkt sich der Erzähler, als er einen Rückzugsbunker für die NSDAP-Elite besichtigt:

„Sich so hinter seinen Mannen zu verstecken (in einem Bunker unter der Erde), ist das nicht ein bisschen – feige? Spreche ich aber nicht aus.

‚Vertrauensbeweis‘, sagt Schnurri und ich nicke (als braver Bürger).“ (S. 63)

Der Mitläufer und „brave Bürger“ wird aber, als er die Gesellschaft der Ur-Arier kennenlernt, die ihn und VonUndZu freundlich aufnehmen, zu einem Mann mit Überzeugungen, der sich gegen Befehle stellt oder doch zumindest behauptet, das zu tun, denn was nun an der Geschichte wahr und was erfunden ist, bleibt durch vielfältige Brüche im Erzählverhalten offen: Der Erzähler ist strikt entschlossen, die Existenz der Gemeinschaft der Ur-Arier geheim zu halten und davon später von nichts zu berichten, um diese zu schützen – natürlich berichtet er aber eben dann durch seine Rolle als Erzähler in diesem Buch doch davon. Zudem rächt er sich recht grausam an VonUndZu, der für den Tod der gesamten Gemeinschaft der Ur-Arier verantwortlich ist, und verhält sich auch damit nicht systemkonform. Am Ende überlebt also einer, dem menschliches Verhalten wichtiger ist als das Erfüllen von Befehlen oder der Glaube an die nationalsozialistische Ideologie.

„Alle tot“, schreie ich. „Dabei war das doch die einzig mögliche aller besten Welten!“ (S. 184)

Indem Leibniz‘ Theodizee anzitiert wird, wird nicht der Traum von 1000-jährigen Reich als die einzig mögliche beste Welt bezeichnet, sondern die tierische Gemeinschaft der Ur-Arier, die die Fremden ohne alle Vorurteile aufnimmt und versorgt.

Brüchige Mythologie, brüchige ästhetische Ideologie

Aber auch der kulturelle Überbau des Nationalsozialismus wird durch den Kakao gezogen: Die Geschichte vom nordischen Schöpfungsmythos wird schlampig und mit albernen Versprechern erzählt, am Anfang der Expedition erbrechen sich alle Teilnehmer im Flugzeug und kotzen damit in Ymirs Hirnschale, aus der der Himmel gemacht ist:

„Wo kommen die drei Burschen auf einmal her? Wenn man fragen darf!“ (Als Oberstudienrat darf man natürlich.)

„Sie entstammen in direkter Linie Ymirs Milchkuh Audhumla. Aus einem Stein leckt sie Burri, dessen Sohn Burr mit der Tochter des Riesen… äähm …“

„Ja?“

„Lückenhaft, Karl! Also zurück zur Erschaffung der Welt. Ich hoffe, du hast gelernt.“

„Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,
aus dem Blute das Brandungsmeer,
das Gebirg aus den Knochen“
„Na also, Karl, sagt der die Edda her wie seinen Goethe.“
„die Bäume aus dem Haar,
aus der Birnschale der Himmel.“
„Aus der?“
„Äähm HIRNschale.“
„Das will ich meinen.“ (S. 38)

Noch deutlicher wird die Ironisierung nationalsozialistischer Ästhetik, wenn die Erzählung Ymirs Innereien erreicht hat. Schon auf der Grenze zu diesen verschmäht der nordische Typ, in der Rasseterminologie der Nazis gesprochen, die nordische Kost, den Gammelhai, und kann so gar nichts mit seinen Wurzeln anfangen. Im Darm Ymirs deckt der homosexuelle Erzähler das Homoerotische hinter dem Männlichkeitskult und der Sportbegeisterung des Nationalsozialismus auf, wenn er durch den nackten VonUndZu, in den er verliebt ist, „an Riefenstahls Olympiafilm“ (S. 159) erinnert wird. Vor allem aber erweist sich der Ur-Arier, Stammvater der „Herrenrasse“, als wenig edel, er riecht nach nassem Hund (S. 145) und ist dazu auch „behaart wie ein – Pekinese“ (S. 149), gleicht mehr einem Hund als einem Mensch. Da er im lichtlosen Inneren von Ymirs Gedärm lebt, hat er keine Augen, dafür aber ein überaus gut entwickeltes Gehör, das VonUndZu mit dem nach nationalsozialistischem Empfinden Gipfel deutscher Kunst, also mit Richard Wagner, konfrontiert – das Abspielen von „Tristan und Isolde“ führt zum Tod aller Ur-Arier. Richard Wagner hat sie umgebracht.

Das Gesamtkunstwerk und irritierendes Erzählen

Eben dieser, also Richard Wagner, strebte ja nun nach dem sog. „Gesamtkunstwerk“, seine Oper sollte alle Kunstformen, Musik, bildende Kunst (im Bühnenbild) und Literatur (im Libretto) zu etwas Höherem, Größeren vereinen. In seinem Aufsatz „Gesamtkunstwerk und Identitätssystem“ bestimmt Odo Marquard aber nicht allein in der Vereinigung der Kunstformen das Wesen des „Gesamtkunstwerkes“, sondern es überschreitet auch die Grenze „von Kunst und Wirklichkeit; denn zum Gesamtkunstwerk gehört die Tendenz zur Tilgung der Grenze zwischen ästhetischem Gebilde und Realität.“ Marquard unterscheidet im Folgenden dann unterschiedliche Typen des Gesamtkunstwerkes, wobei er Richard Wagners Verständnis des Terminus „Gesamtkunstwerk“ dem „direkt positiven Gesamtkunstwerk“ zuordnet, das eben unterschiedliche Kunstformen zu vereinen suche. Von diesem unterscheidet er das „direkt negative Gesamtkunstwerk“, in dem „alle Einzelkünste in einem Antikkunstwerk zerstört [werden], um dadurch die Dignität der Wirklichkeit zu gewinnen“, ferner „bei dem – zur Erschütterung der vorhandenen Gesellschaft – alle etablierten Kunstarten gesamtästhetisch durch einen großen Anti-Akt zerstört werden, um die politischrevolutionäre Wirklichkeit zu gewinnen“.

Nun lässt sich genau dies auf den Roman „Ymir“ anwenden. Dieser ist oberflächlich betrachtet ein direkt positives Gesamtkunstwerk, denn der Roman besteht ja nicht nur aus Text, erzählt also nicht nur etwas, sondern er wird, wie oben bereits angesprochen, von thematisch passenden Bildern aus einem medizinischen Lehrbuch von 1938 begleitet, hier verbinden sich also Literatur und – wenn man so will – bildende Kunst. Dabei bleibt es aber nicht, denn zum einen wird durch das wiederholte Zitieren und Variieren des Librettos zu Richard Wagners „Tristan und Isolde“, manchmal gar in einer die Aussprache des Singens nachahmenden Form, die Musik als Kunstform mit in die Literatur integriert:

„Miild und laaise
wiie er lächelt,
wiie das Aauge
hoold er ööffnet,
seehr ihrs Frohoinde?
Seeht ihrs niiecht?“ (S. 188)

Hinzu kommt der Einbezug von Geräuschen durch die Veränderung von Schriftgrößen:

„Immer leiser tönt seine Stimme, die da ruft: „ich hasse dich ich hasse dich ich hasse dich!“ (S. 188)

Krömer verbindet also Literatur, Zeichnung und Akustik zu einem Gesamtkunstwerk und überschreitet die Grenze zwischen Kunstwerk und Realität, wenn er gleich zu Beginn des Romans den Leser in die Realität des Romans hineinnimmt, indem er eine besondere Erzählsituation erschafft:

„Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese Seite als schwere Eichentüre zu begreifen. Und anzuklopfen.
Klopfen Sie!“ (S. 9)

So der Beginn des Romans. Immer wieder wird diese künstliche Realität aufgegriffen, wenn die Erzählung unterbrochen wird, um den Leser anzusprechen und ihn wieder in die künstlich erschaffene Erzählsituation hineinzunehmen. Das ist schon verdammt clever gemacht.

Aber es ist eben kein „direkt positives Gesamtkunstwerk“, sondern ein „direkt negatives Gesamtkunstwerk“, denn tatsächlich ist all das eben etwas irritierend: Am Ende stehen die Zeichnungen von Hunden, die für ein Experiment festgeschnallt wurden, nachdem die hundeähnlichen Urarier in einem Experiment umgebracht wurden, manche der Zeichnungen sind etwas eklig (zumindest ich sehe auch Zeichnungen von offenen Brüchen nicht so gerne) oder befremdlich, die Nachahmung von Lauten und Tönen irritiert beim Lesen, da sie ungewohnt ist, und tatsächlich untergräbt der Erzähler seine eigene Glaubwürdigkeit und die Glaubwürdigkeit des Erzählten nicht nur im Verlauf des Romans, sondern insbesondere am Ende so massiv, dass man am Ende nicht mehr weiß, was nun zumindest die erzählerische Realität ist und was nicht. Die etablierten Kunstarten, die hier verbunden werden, werden also zerstört, um eine politische Wirklichkeit – die Lächerlichkeit des Nationalsozialismus in seinen politischen, ideologischen und ästhetischen Idealen – zum Ausdruck zu bringen. Kompositorisch und erzählerisch bewegt sich „Ymir“ damit auf einem so hohen Niveau, wie wohl eben nur ganz wenige Romane, und hinterlistiger wurde der Nationalsozialismus wohl in der Gegenwartsliteratur nie kritisiert.

Allein: An emotionaler Tiefe fehlt es bei allem Witz und aller Kunstfertigkeit des Erzählens hier dann leider doch, es ist ein Roman, bei dessen Lektüre man aus dem Staunen nicht heraus kommt und bei dem ich mich immer wieder darüber gefreut habe, wie abgefahren (pardon, das ist das treffendste Wort, das mir einfällt, bin ja kein Dichter) hier erzählt wird. Irgendwie getroffen hat er mich aber leider nicht, und das wäre mir dann bei Literatur doch wichtig. Wie dem auch sei: Krömer sollte man im Auge behalten, man weiß ja nicht, was der als nächstes anstellt.

 

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom homunculus-Verlag als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.

Stefanie Sargnagel – In der Zukunft sind wir alle tot

Sargnagel ZukunftEs ist gar nicht so leicht, über Stefanie Sargnagels neues-altes Buch „In der Zukunft sind wir alle tot“ zu schreiben – wenn man da ernsthaft heranginge und es als Literatur im klassischen Germanistikstudiums-Sinne behandeln würde, würde man dem Ganzen nicht gerecht, denn eine Autorin, die selbst nie irgendwas ernsthaft macht (oder sich so inszeniert), kann wohl kaum wollen, dass sie ernsthaft analysiert wird. Man kann sie schon zur Aphoristikerin verklären, man kann aber auch einfach schreiben: Da ist eine junge Frau, die einen riesen Spaß dran hat, so zu tun, als wäre ihr alles richtig egal, da ist eine junge Frau, die sich selbst zur Kunstfigur macht, und dabei so witzig und klug ist, wie es der ein oder andere Journalist, der über sie schreibt, und vor allem ihre Kritiker gerne wären.

Da ist zum einen dieses Buch, das bereits 2014 erschienen ist und nun vom Mikrotext-Verlag in einer aktualisierten, erweiterten Fassung veröffentlicht wird und dessen Titel ja nach wie vor großartig ist, weil er genau diese Brechung vollzieht, die Stefanie Sargnagel ständig bemüht: Da wird das Große, Hoffnungsvolle, die „Zukunft“ aufgegriffen und gleich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: „sind wir alle erfolgreich“ wäre positiv, „sind wir alle unglücklich“ wäre weinerlich, „sind wir alle tot“ ist einfach eine nicht ganz angenehme Tatsache, die man aber wohl nicht abstreiten kann. Diese kurzen, in sich gebrochenen Kommentare hat Stefanie Sargnagel so weit perfektioniert, dass sie mit ihnen nicht nur eine recht große Fangemeinschaft auf facebook um sich sammeln, sondern inzwischen auch eben drei Bücher damit veröffentlichen konnte. Wie auch die anderen Bücher besteht auch „In der Zukunft sind wir alle tot“ aus gesammelten Facebook-Statusupdates, thematisch sortiert nach solchen, die um die Tätigkeit Stefanie Sargnagels im CallCenter kreisen und (also neuen, erweiterten Teil des Buches) solchen, die um die sog. „Flüchtlingskrise“ 2015 herum entstanden sind. Im ersten Teil, „Rufnummernauskunft, Stefanie Fröhlich, was kann ich für Sie tun?“, sind Statusupdates von 2013 bis 2014 versammelt, in denen Sargnagel abwechselnd ihren Lebensstil und ihren Job als einzig möglichen feiert oder als „Todesstrafe“ und „Hölle“ beklagt. Sie bringt damit wohl – wie schon in den letzten Büchern – durchaus treffend das Lebensgefühl und Dilemma einer Situation, in der viele aus dem einen oder anderen Grund in miesen Jobs feststeckende Jungakademiker sich befinden, auf den Punkt. Viele dieser hier gesammelten Nachrichten sind witzig, andere leider ein bisschen zu selbstmitleidig. Insgesamt macht Sargnagel hier genau das, was sie im Vorwort bereits ankündigt: Sie stellt einerseits fest, dass ein normaler 40-Stunden-Job „mein persönlicher Untergang gewesen“ wäre, andererseits bezeichnet sie ihre Lohnarbeit eben als „Sweat Shop“. Das ist alles so lesenswert, wie ihre vorherigen Bücher, aber eben auch auf Dauer ein bisschen langweilig, weil das, was Sargnagel macht, wenig Überraschendes und wenig Varianten zulässt. Dass man aber das, was Stefanie Sargnagel eben wirklich bis zur Kunstform perfektioniert hat, verkennen würde, würde man es als bloße Witzelei abtun, wird an solchen Zweizeilern deutlich, die zeigen, dass Sargnagel eine in ihrem Spott durchaus scharfe Beobachterin und Analytikerin ihrer Generation ist:

„Ok, ich probier auch mal irgendetwas zu unserer Generation zu sagen: Sie ist mit dem Irrglauben aufgewachsen, man hätte die Pflicht, im Leben glücklich zu sein.“ (S. 68)

Sehr viel besser und variantenreicher, großartig beobachtet und wirklich witzig ist der zweite Teil des Buches, „Refugee McMoments“, der Statusupdates aus dem Jahr 2015 versammelt und hier eine Willkommenskultur kommentiert, die Flüchtlingshilfe zum lifestyle-Happening macht – freilich ohne die Willkommenskultur an und für sich abzulehnen. Da sind zum einen die, die ihr eigenes Helfen permanent selbst dokumentieren und im Internet herumposaunen müssen, für die Sargnagel ein

„Ich mach T-Shirts ‚Flüchtlingsstrom 2015 – ich war dabei‘“ (S. 81)

und ein

„Ich will auch einen 15-jährigen Mohammed kennenlernen und mich anfreunden oder einer traurigen Oma Taschentücher geben oder ein Kinderlachen auslösen und so was, wie das, was ihr alle postet. Oida, ich verpass alle Refugee McMoments die ganze Zeit wegen meiner 50 Jobs“ (S. 81)

übrig hat. Und da sind die, die sich in dieser Situation, wo eben auf einmal alle sich mal kurzfristig nahezu darum streiten, auch mal ein Wasserfläschchen reichen zu dürfen, damit brüsten, dass sie ja schon viel länger Flüchtlingshilfe leisten und deswegen viel besser sind als alle anderen:

„Ich mochte Flüchtlingshilfe lieber, als sie noch mehr Underground war.“ (S. 96)

Und da sind natürlich die, die die Willkommenskultur ablehnen, die eine bedrohliche Zukunft durch zuwandernde IS-Terroristen oder wachsenden Rechtsradikalismus beschwören, die Sargnagel auch nicht besser wegkommen lässt:

„Ich weiß jetzt auch nicht mehr, ob man jetzt zum Salafismus oder zum Nationalsozialismus wechseln muss, um eine halbwegs komfortable Zukunft zu haben. Ich üb erst mal Landschaftsmalen.“ (S. 96)

Wie Sargnagel hier rundum Watschen verteilt, ohne dabei irgendwann politisch fragwürdig zu werden, ist schon wirklich lesenswert, und zeigt, dass Sargnagel eben dann, wenn es nicht um sie selbst und ihr Leben, sondern Politik und Gesellschaft geht, zu ihrer wirklichen Form aufläuft. Daher ist es sehr erfreulich, dass Mikrotext die alte Ausgabe von „In der Zukunft sind wir alle tot“ um eben diese Anmerkungen zur sog. „Flüchtlingskrise“ erweitert hat.

Und da ist ja aber eben nicht nur das von Sargnagel Geschriebene, da ist auch sie selbst, als den Kulturbetrieb vorführende Kunstfigur. Da sind Journalisten, die meinen, sie sähen schlauer aus als sie, wenn sie versuchen, ihr möglichst „krasse“ Geschichten zu entlocken, und da sind Kulturmenschen, die meinen, sie wären irgendwie intellektuell überlegen und witziger als sie, wenn sie sie zum Bachmannpreis einladen, über den sie sich letztes Jahr schrieb, er sei wie „Deutschland such den  Superstar für Streber“. Wer ihr Vorstellungsvideo gesehen hat, weiß, dass sie eigentlich jetzt schon gewonnen hat, und dass eine 20-minütige Jurydiskussion über ihren Text, sollte dieser im Stile des Videos gehalten sein, eigentlich nur peinlich für die Jury werden kann, denn entweder man redet darüber gar nicht oder die Interpretationen werden ähnlich unfreiwillig komisch wie bei Hape Kerkelings „Hurz“. Was zumindest die Kunstfigur Stefanie Sargnagel von Literatursendungen hält, kann man ebenfalls in „In der Zukunft sind wir alle tot“ lesen:

„Gestern habe ich wieder diese Literatursendung ‚er.lesen‘ geschaut. Das ist so eine Sendung, in der sich alte affige Männer treffen und ihre Lieblingsthemen sind, dass ‚Neger‘ ein tolles Wort ist und Feminismus irgendwie lächerlich.“ (S. 35)

Vielleicht hat Stefanie Sargnagel aber auch einen ernst gemeinten Text beim Bachmannpreis eingereicht. In Wahrheit kann das niemand einschätzen, weil sie eben einfach macht, was sie will. Auch deswegen hat sie schon jetzt gewonnen.

Wenn Dana Buchzik Ende letzten Jahres über Sargnagel schrieb, ihre Bücher würden nicht verlegt werden, wenn sie 20 Jahre älter wäre, so unterschätzt sie diese Figur, die eben über generationsbezogene Themen hinaus durchaus eine politisch-gesellschaftliche Beobachtungsgabe hat und der man auch eine Fähigkeit zur Weiterentwicklung zusprechen sollte. Stefanie Sargnagel ist eine großartige Kommentatorin. „In der Zukunft sind wir alle tot“ ist eine Sammlung witziger, bissiger und genauer Analysen zum beginnenden 21. Jahrhundert. Ich weiß noch nicht, ob es Literatur ist oder eher ein Zeitdokument. Aber das muss ja nichts schlechtes sein, im Gegenteil: Pointiertere Kommentare zum Zeitgeschehen findet man in keiner Zeitung, schon gar nicht in den Onlinezeitungen, die eigentlich genau für die Generation gemacht wären, zu der Sargnagel gehört.

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Mikrotext als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.