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Ronja von Rönne – Wir kommen

RönneWirkommenWie soll man eigentlich im Zeitalter der verordneten Selbstverwirklichung und Individualität, im Zeitalter der Unkonventionalität eine Beziehung führen, wenn man einerseits dem Zeitgeist entsprechen möchte, also individuell-unkonventionell sein will, sich aber eben andererseits tief in seinem Innersten eigentlich nur nach Konventionalität, nach Alt-werden-im-Reihenhaus-mit-der-großen-Liebe sehnt? Wenn man also eigentlich so leben möchte, wie es Hollywood und vor allem Disney es uns von Klein auf beibringen und wie wir glauben wollen, dass unsere Großeltern noch gelebt haben könnten (auch wenn das natürlich nie der Fall war), aber es nicht kann – zum einen, weil man versteht, dass es dieses Konzept nie gab, zum anderen weil man meint, dass der Zeitgeist einen zur Individualität zwingt. Genau diese Frage stellt sich Ronja von Rönne in „Wir kommen“, allein zu einer Antwort kann sie sich nicht durchringen, überhaupt scheint von Rönne es mit Entscheidungen, Positionen und Risiko nicht zu haben, weswegen sie lieber alles nur so ein bisschen halbscharig macht, damit sie am Ende nicht Gefahr läuft, sich Mühe gegeben zu haben und dabei gescheitert zu sein – und genau deshalb ist der Roman ein Roman mit Potential, der aber leider eben kein gelungener Roman ist.

Das eigentliche Problem mit der Konventionalität und der Unkonventionalität ist, weil eben die Konventionalität eine Fiktion ist, recht komplex: Im Zentrum des Romans steht Nora, Fernsehmoderatorin von „Die Supershopper“, also einem Format, in dem sie mit Damen aus der Bevölkerungsschicht einkaufen geht, die eben im Privatfernsehen überproportional häufig vertreten ist. Nora erfährt am Anfang des Romans vom Tod von Maja, ihrer Kindheitsfreundin und ihres Idols, wenn man so will, denn Maja ist all das, was Nora gerne wäre: Hedonistisch, unkonventionell, selbstständig. Nora dagegen leidet vor allem darunter, dass sie weder so ist wie Maja, noch so konventionell wie der Vorort, in dem sie groß geworden ist, zumal sie weiß, dass hinter dieser Konventionalität keine heile Welt, sondern Langeweile und Enge steht. Interessanterweise – und deswegen ist der Roman ja eben tatsächlich interessant – weiß Nora aber, dass genau dieses Gefühl, nicht konventionell zu sein, also anders als die Masse zu sein, eben selbst wieder konventionell ist:

„Ich dachte darüber nach, ob die anderen Partygäste hier wohl auch ein Bewusstsein hatten. Oder ob sie auch dachten, dass sie die einzigen mit Bewusstsein waren.“ (S. 162)

Leider löst sich damit aber nicht ihr Problem auf. Nora leidet also unter einem Zwischen-Status: Sie ist weder unkonventionell, noch konventionell, und eigentlich möchte sie nur irgendwo hingehören, Teil von etwas größerem, von einem „wir“ sein – man möchte fast sagen: ein ziemlich deutsches Problem.

Um dieses Problem ganz konventionell-unkonventionell zu lösen, ist sie Teil eines „wir“, einer Viererbeziehung mit Jonas, Karl und Leonie geworden, also einer Beziehung, die eben genauso wie Nora ist: Eine ganz biedere, konventionelle Monogamie, und gleichzeitig unkonventionell, weil eben vier Personen, nicht zwei, beteiligt sind. Das ist das Experiment, um das es im Roman geht und das auf seine Funktionstüchtigkeit hin überprüft wird. Da das Experiment aber nicht so gut zu funktionieren scheint, fahren alle vier in ein Strandhaus, um die Krise zu überwinden, die sie haben, und da das allein nicht viel bringt, organisieren die vier eine Party, durch die aber eben auch nichts mehr gerettet werden kann, im Gegenteil: Zwei der vier wechseln zurück zur ganz konventionellen Zweierbeziehung – laut Nora werden sie eben nun unglücklich sein, wie alle –, Nora und Karl dagegen bleiben mit ungewisser Zukunft zurück.

Dabei wird das Beziehungs-Schlamassel überschattet von Noras Trauer um Maja: Immer wieder leugnet sie deren Tod, versucht, Maja Mails zu schreiben, wartet ununterbrochen auf Antwort, die Handlung ist durchzogen von Erinnerung an Maja. Dabei ist der ganze Roman eine Art Tagebuch, das Nora schreiben muss, da sie von Panikattacken heimgesucht wird und ihr Therapeut sie aufgefordert hat, um die Ursache dafür zu finden, Tagebuch zu führen. Und so steht auch am Ende des Romans eine Panikattacke, in der sich Bilder ineinanderschieben, die nahelegen, dass Nora hier etwas bewusst wird, was sie seit Romanbeginn verdrängt hat: Sie weiß von Majas Tod und sie weiß auch, wie diese gestorben ist. Am Ende könnte das Ende der großen Verdrängung stehen. Könnte – muss aber nicht, von Rönne lässt dem Leser hier Interpretationsspielraum, inwiefern hier den Erinnerungsbildern der panikattackengebeutelten Nora zu trauen ist, bleibt ungewiss.

Und gerade hier hat sich dann von Rönne auch mächtig ins Zeug gelegt: Die Sätze werden auf den letzten Seiten erst immer kürzer, gehen dann in einen stream of consciousness über, schließlich ist die Erzählerin aus der Fassung, somit also auch aus dem Satzbau. Und genau hier liegt einer der Gründe, warum der Roman nicht funktioniert: Das ist sehr holzschnittartig, sehr gewollt, schon fast plakativ, genau hier diese Technik einzusetzen. Das ist nicht rund, sondern eben: gewollt. Und so ist leider der ganze Roman: Er hat keine Dramaturgie, ist immer wieder nicht rund, alle paar Seiten stolpert man beim Lesen über Absätze, die sich nacheinander brüchig lesen. Deswegen finde ich, kann man sich den Roman gut sparen, auch aus dem Grund, dass er am Leser – mangelnde Dramaturgie sei Dank – auch völlig beliebig vorüberzieht und nach dem Lesen auch gleich wieder vergessen ist. Und das, obwohl er sehr schöne Passagen und großartige Einzelbeobachtungen enthält, durchaus interessante Dinge zu erzählen hätte und sprachlich an vielen Stellen pointiert, manchmal gar schön ist. Hätte sich von Rönne noch ein Jahr oder zwei Jahre mehr Zeit genommen, und vor allem: hätte sie überhaupt richtig versucht, einen guten Roman zu schreiben, denn man gewinnt den Eindruck, dass sie das nicht einmal richtig versucht hat, es hätte ein guter Roman werden können.

Dabei ist die oft bemängelte Handlungsarmut kein Kriterium, Handlungsfülle ist eben kein Kennzeichen für Qualität, wenn es so wäre, müssten wir zahlreiche „große Klassiker“ entsorgen. Schon eher ein Problem ist die Leblosigkeit der Figuren, die eben aus ihren zeitgeistigen Posen nicht herauskommen und so völlig flach wirken – auch wenn das natürlich wiederum klug gemacht ist, dass die Figuren eben genauso leblos wirken wie sie es eben sind. Aber wenn die Figuren dem Leser deswegen halt völlig egal sind, funktioniert der Roman eben leider nicht.

Die kriechende Zeit

Dabei hat von Rönne wie gesagt durchaus Ideen, wenn sie sie auch zu platt umsetzt. Da ist zum Beispiel diese Schildkröte von Noras Mitbewohnerin: Diese drückt Nora ihr Haustier kurz bevor Nora mit ihren drei Partnern in das Strandhaus aufbrechen will, in die Hand, sie solle auf sie aufpassen. Nora nimmt die Schildkröte mit ins Strandhaus, immer wieder taucht die Schildkröte scheinbar unmotiviert in der Handlung auf, und stellt dadurch natürlich – wer hätt’s gedacht – ein Symbol dar, das den Roman durchzieht: Die Schildkröte steht für das sich-in-sich-Zurückziehen von Nora, die Passivität, in die sie sich flüchtet, die Realitätsflucht im Strandhaus, in dem alle Vier und eben auch Nora der Realität, dass ihre Beziehung nicht funktioniert, zu entkommen suchen. So langsam, wie eine Schildkröte läuft, kriecht auch die Zeit im Strandhaus dahin:

„da war das Abendessen noch zu weit weg, da war Nachmittag, viel Nachmittag, ein ganzer Nachmittag voller Nachmittag sogar, und da war keine Müdigkeit, die eine Siesta reizvoll gemacht hätte.“ (S. 68)

Immer wieder wird während des Aufenthalts im Strandhaus erwähnt, wie viel Zeit sei, wie wenig man zu tun habe, wie wenig man tatsächlich tue. Irgendwann zieht sich die Schildkröte – wie Jonas, der sich Schritt für Schritt aus der Beziehung zurückzieht, aber auch wie Nora, die immer weniger an der Beziehung mit den anderen Teil hat – ganz in ihren Panzer zurück, und stirbt, ebenso wie die Viererbeziehung, ohne dass Nora dies in ihrer Realitätsflucht bemerkt hätte. Erst in dem Streit, der alle vier mit der Realität konfrontiert, dass ihr Experiment gescheitert ist, wird auch Nora auf die Realität verwiesen:

„‘Aber ihr seid meine Freunde‘, sagte ich, als könnte das noch irgendetwas kitten, als wäre das eine Notbremse.
Jonas drehte sich wütend um: ‚Freunde würden dich wahrscheinlich darauf hinweisen, dass deine Schildkröte seit Tagen tot ist.‘“ (S. 199)

Und mit diesem Einbruch der Realität in Noras Leben findet sie aus der Passivität der gewohnten Viererbeziehung, in der Karl für sie entscheidet, heraus, sie wird aktiv, verlässt die anderen, klaut Karls Auto, fährt weg – ohne Ziel. Und so bleibt Nora auch in dem Moment, in dem sie in die Realität und die Aktivität zurückfindet, letztlich passiv, denn ausgelöst wurde dieser Moment wieder durch andere und zu einem eigenen Zukunftsplan findet sie nicht, vielmehr endet ihre Geschichte mit einer Panikattacke – oder dem Tod, auch das könnte sein, der Roman endet offen, wobei die Frage, ob Nora jemals aus ihrer narzisstischen Passivität finden würde, wohl kaum offen bleibt.

Das wäre alles sehr interessant, wäre es eben nicht so holzschnittartig, und wäre es einem nicht so egal, während man es liest. Es ist einem so egal, dass man nicht mal darüber nachdenken mag, ob Nora nun tot ist oder nicht, ob Nora sich nun an Majas Tod erinnert oder nur phantasiert.

Spiegelung des Massengeschmacks

Leider verpasst von Rönne auch trotz ihrer Beobachtungsgabe die Chance, sich tatsächlich kritisch mit Gegenwartskultur auseinanderzusetzen – vermutlich deswegen, weil sie das gar nicht will, weil sie eigentlich nur ihre permanente reflexive Überlegenheit demonstrieren, sich aber eigentlich mit nichts auseinandersetzen und um Gottes Willen bloß nicht positionieren will. Aber eben ironisch-kritisch über die Gegenwartskultur schreiben, ohne sie dann kritisieren zu wollen, das funktioniert nicht. Von Rönne sollte sich vor dem nächsten Roman entscheiden, was sie eigentlich will: Dagegen sein oder dazu gehören, Schriftstellerin sein oder nicht, einen Roman schreiben oder lieber doch nicht – so wirkt das ganze Buch so, als hätte sie gar nicht erst versucht, das ganze ordentlich anzugehen, weil die Gefahr da wäre, dann nach ernsthaftem Bemühen umso schmerzhafter zu scheitern. Das ganze Buch liest sich wie von Rönnes Auftritt bei Böhmermann aussah: Hingehen will sie schon, aber bei albernen Spielchen versucht sie nicht mal, mitzumachen, weil sie dabei verlieren oder doch zumindest doof aussehen könnte.

Dabei hat sie durchaus einen Blick für Zeitgeschehen. In ihrem recht unterhaltsamen und stellenweise sehr treffenden Buch „Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität“ konstatieren Markus Metz und Georg Seeßlen etwa das Vorherrschen eines Massengeschmacks als Ergebnis der Massenproduktion, dieser Massengeschmack ist der Kitt in der Gesellschaft, der Regierende und Regierte verbindet, es sei denn, erstere leisten sich eben eine „Geschmacklosigkeit“. Dabei geht jeder einzelne davon aus, dass sein Geschmack individuell sei, obwohl er es nicht ist, denn Massengeschmack gibt es nur unter der illusionären Voraussetzung, dass „jeder Geschmack ein besonderer ist“ (Seeßlen/Metz, S. 221) und „den ‚Massengeschmack‘ haben doch immer die anderen“ (Seeßlen/Metz, S. 220). „So weiß es der Bürger: Geschmack haben Kluge, dem Geschmack folgen aber nur Dumme.“ (Seeßlen/Metz, S. 224) Und so weiß es Nora:

„Keiner lachte, weil der Witz alt und geschmacklos ist, und wir sind jung und geschmackvoll.“ (S. 25)

Nora und ihr Umfeld sind Identitäts-Menschen, keine individuellen Persönlichkeiten, sie haben Teil am Massengeschmack, ihr Geschmack ist angemessen und anmessend, er dient dazu, Übereinstimmung mit einem gesellschaftlich akzeptierten Geschmack zu beweisen, nicht zum Ausdruck individueller Persönlichkeit. Und so werden Dinge und Waren (z.B. Einrichtungsgegenstände) für sie „[n]icht Legitimation und Ausdruck der ‚kleinen Unterschiede‘, sondern umgekehrt Requisit des ‚Lebensfilms‘.“ (Seeßlen/Metz, S. 234), wenn Nora festhält:

„In meinem Zimmer stehen eine alte Holzkiste, ein Bett, ein Schreibtisch, eine Kleiderstange. Das ganze Setting ist so unspektakulär, dass es höchstens für einen vernuschelten Independentfilm herhalten könnte.“ (S. 13)

Nora richtet sich nicht ein, um sich abzugrenzen, sie ist eben nicht individuell, sie ist nicht unkonventionell, sondern um Übereinzustimmen mit dem popkulturellen Massengeschmack. Und wenn Seeßlen/Metz festhalten, dass „Aufenthalte in Schnellrestaurants oder auf Bahnhöfen […] einen darüber [belehren], daß offensichtlich eine wachsende Anzahl von Menschen nicht nur ihr Leben nach Modellen einer Soap Opera ordnet und versteht, sondern dies mit der größten Selbstverständlichkeit auch in aller Öffentlichkeit tut.“ (Seeßlen/Metz, S. 239), dann treffen sie damit die Handlung des Romans auf den Kopf: Die Figuren drehen sich um eine seifenopernreife Viererbeziehung, und das ist nicht nur öffentlich für den Leser, das ist auch innerhalb der Handlung öffentlich für die Umwelt der Figuren, denn wie auf der Party deutlich wird, wissen alle Bekannten der Vier von dieser Viererbeziehung. Und wenn Nora an dieser Viererbeziehung festhält, obwohl sie unglücklich ist (S. 98), so liegt das daran, dass wir „[g]anz offensichtlich […] drauf und dran [sind], uns daran zu gewöhnen, daß Genuß und Gewohnheit nicht ein Gegensatzpaar bilden, sondern nachgerade identische Gefühlslagen. Wenn es einen Massengeschmack gibt, dann wäre in ihm die Gewohnheit der eigentliche Genuß.“ (Seeßlen/Metz, S. 226). Nora ist ihr Unglück gewohnt, es bedeutet Sicherheit, Gewohnheit und damit Genuss. Ihr Wunsch nach Sicherheit, nach Gewohnheit, ihr Genuss ist verbunden mit ihrem Wunsch nach Passivität, nach jemandem, der für sie entscheidet und nach Schlaf,

„Schlaf, Kopfschuss für Feiglinge“ (S. 124)

wie Nora es nennt. Oder wie Seeßlen/Metz es sagen: „Es kommt ja, wie gesagt, die Sicherheit vor dem Genuß, wer will schon nicht ins Sichere; Massengeschmack wäre eine solche Sache zur Produktion von Sicherheit. Richtig sicher ist eigentlich nur der Tod. Es gibt keine Sehnsucht nach dem Tod, aber es gibt eine Sehnsucht, mehr als das, bloße Sucht: nach Sicherheit. Insofern ist Massengeschmack der Todesgeschmack, Geschmack am Sicheren.“ (Seeßlen/Metz, S. 239)

All diese Dinge bemerkt Nora, all diese Dinge benennt Ronja von Rönne. Aber sie lässt ihre Figur nicht über das bloße Festhalten der Erkenntnis hinauswachsen oder daran wenigstens ordentlich scheitern, ein bisschen Heulen, ein bisschen Panik, und weiter geht’s wie bisher. Nora ist ihren Massengeschmack gewohnt, sie will in all ihrem Unglück Teil dessen sein. Über Leute, die gegen den Massengeschmack verstoßen – Nerds, Leute, die sich sozial engagieren, Außenseiter, also all die, die den Massengeschmack nicht teilen – äußert sich Nora nur abfällig, der Massengeschmack wird in „Wir kommen“ auch in seinen ironischen Momenten affirmiert, nicht gebrochen. Damit hätte der Roman ein kritisches Potential, das er nicht kritisch nutzt, er bemerkt zwar das Kritikwürdige, kritisiert es aber nicht, sondern bestärkt es – selbst die Kritik wird hier zur Pose, zum Teil des Massengeschmacks. Und damit bleibt der Roman selbst Teil des Massengeschmacks und ist in Wahrheit ebenso konventionell wie es Stuttgarter sind, die nach Berlin ziehen, um dort ihre Kinder nicht impfen zu lassen. Alles superkritische Pose, aber ohne jede kritische Spitze. Denn dafür hätte von Rönne sich eben mal zu einer Haltung zu irgendwas durchringen müssen.

Der Kracht-Vergleich und warum er hinkt

Und deswegen hinkt eben auch der Kracht-Vergleich, den von Rönne ihrer Aussage nach ja befürchtet hat. Denn Kracht hat in „Faserland“ nicht nur einen Vertreter einer bestimmten Gesellschaftsschicht konsequent zu Grunde gerichtet, er hat sich damit auch konsequent in die Tradition des deutschen Bildungsromans gestellt und diese gleich mit zu Grund gerichtet. Für dergleichen muss man sich aber erst mal dazu entscheiden, wen oder was man eigentlich jetzt scheitern sehen möchte und ob überhaupt. Und von Entscheidungen scheint von Rönne noch weit entfernt zu sein, sie probiert mal so rum, nimmt mal ein paar Posen an, verwendet mal das ein oder andere Erzählmittel so halbscharig, aber eben das, was Kracht in den 90ern gemacht hat, nämlich konsequent einen Roman mit einer Absicht aus einer Tradition heraus zu entwerfen und dann auch zu Ende zu schreiben, das hat von Rönne nicht gemacht. Sie hat einen halbfertigen Roman zusammengeschustert. In „Wir kommen“ wird niemand zu Grunde gerichtet, hier wird am Ende niemandem weh getan, es gibt ein paar Seifenoperntränen, ein paar Panikattacken und das war es dann auch. In „Faserland“ ist das anders. Hoffentlich entscheidet von Rönne sich bis zum Nachfolger, ob sie überhaupt Schriftstellerin sein möchte und ob sie überhaupt was zu sagen haben möchte, dann könnte das nämlich gut werden.

Bis dahin kann man sich „Wir kommen“ leider sparen. Man kann den Roman aber auch lesen, sind ja nur 200 Seiten. Ich hab schon schlechteres gelesen.

Mirna Funk – Winternähe

Funk WinternäheMirna Funks „Winternähe“ hat einen total tiefsinnigen Titel, der sich mir auch nach der Lektüre des Buches nicht erschließt, weil ich zum Glück nicht so furchtbar viel fühle wie die Protagonistin dieses Debütromans, Lola. Lola ist Jüdin mit Vaterkomplex aus dem ehemaligen Ostberlin, die mit dem Antisemitismus in seiner heutigen (wobei das ja gar nicht so heutig ist, sondern vieles davon ja eben schon lange da ist) Form konfrontiert wird, was dazu führt, dass sie mehrere Monate verreist, nach Tel Aviv und dann nach Thailand. Dort tut sie: Nichts. Es passiert folglich praktisch auch: Nichts. Man ist ja schon fast dankbar, dass in der zweiten Buchhälfte dann der Großvater stirbt und Lolas Nabelschau damit eine neue Facette entwickeln kann (und man vor allem nicht noch mehr von diesen peinlichen Briefen an den Vater lesen muss). Lolas Aktivitäten sind die Folgenden: Schlafen, „Sex machen“ (wie das in der wenig schönen Sprache dieses Buches so heißt), mit total hippen Leuten Wein trinken, total tiefsinnige Fotos für ihren instagram-Account schießen und ständig auf der Suche nach sich selbst ganz viel nachdenken. Man hat zwischenzeitlich das dringende Bedürfnis, der jungen Frau zu raten, doch irgendwie zu arbeiten, mehrere Stunde am Tag, damit sie sich selbst nicht so schrecklich wichtig nehmen muss, aber das geht ja nicht. Ein passenderer Titel wäre „Lolas Langeweile“ gewesen. Also, es gibt natürlich eine total aufwühlende und ereignisreiche innere Handlung, was den Mangel an äußerer Handlung ausgleichen soll, und wen Pubertätsprobleme von 34jährigen Frauen, die sich selbst total schlau finden, interessieren, sollte hier unbedingt zugreifen. Die Protagonistin ist nämlich trotzdem sympathisch, zwischendrin habe ich den Roman wirklich gerne gelesen, weil ich inzwischen solche Muttergefühle für diese Frau, die laut Buch mehrere Jahre älter sein soll als ich es bin, entwickelt habe.

Das Problem ist aber, dass alles, was hier angeschnitten wird, zum Klischee verkommt. Die Protagonistin selbst ist ein Klischee, was auch überraschenderweise nicht dadurch ausgeglichen wird, dass sie als Nietzsche-Leserin total individuell immer nur schwarz trägt. Ihr Vaterkomplex ist das Klischee eines Vaterkomplexes, mit peinlichen, vorhersehbaren Vorwürfen, die man eher von einer Anfang-20jährigen erwartet, und kitschiger als Mirna Funk hätte auch Rosamunde Pilcher dieses Problem nicht zu lösen gewusst (am Ende kommt Lola nämlich aufgrund ihrer Selbstfindung, die dazu führt, dass sie auf einmal mit sich und ihrer Geschichte „im Einklang“ (vulgär-Buddhismus, wie schön) ist, zu dem Schluss, dass sie ihn in Wahrheit ja doch so gut versteht und liebt und durch ein Wunder bahnt sich abschließend dann wohl eine Begegnung an, hach, wie rührend).

Noch viel schlimmer ist es aber, dass gerade die wichtigen Themen, die das Buch hätte behandeln können, zum Klischee verkommen. Das fängt ja schon mit diesem unsäglichen Zitat von Adriana Altaras auf dem Buchrücken an: „Dass sich die zweite oder dritte Nachkriegsgeneration noch so am Thema Juden und Nichtjuden abarbeiten würde, hatte wohl keiner gedacht.“ Da fragt man sich doch, ob die Autorin, Frau Altaras und der Fischer Verlag etwa ernsthaft erstaunt sind, oder ob sie nur so tun, weil sie denken, sie sähen damit schlau aus. Auch mit der Verkürzung der Geschichte des deutschen Antisemitismus auf den zweiten Weltkrieg werden alle Beteiligten wohl keine Adorno-Ehrenplakette gewinnen. Und leider zieht sich dann eben genau dieser strukturelle Mangel an Reflexion leider (und für mich wirklich überraschenderweise) auch durch das Buch: Wenn Lola mit Antisemitismus konfrontiert wird, dann geschieht das durchaus in einer realistischen Weise, allerdings sind die Szenarien mitunter so überzogen, dass diese Konfrontation mit Antisemitismus und damit, was dieser mit jemandem, der sich als Jude versteht, anrichtet, keinem Leser weh tun wird, weil sich auch der letzte Rothschild-Verschwörungstheoretiker denken kann „Also aber so bin ich ja gar nicht wie diese Antisemiten da in dem Buch.“ Und genau hier hätte das Buch subtiler sein müssen und es hätte weh tun müssen. So ist sogar das antisemitische Klischee hier klischeehaft dargestellt. Das hätte doch nicht sein müssen, das Buch wird so zumindest dem Anspruch, Klischees zu hinterfragen (wobei ich nicht weiß, ob Mirna Funk diesen Anspruch überhaupt erhebt), nicht gerecht, weil es mit Klischees arbeitet und diese auch nur im Rahmen individueller Befindlichkeiten verhandelt.

Da ist es doch dann aber fast schon gerecht, dass auch die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen diese zum Klischee verkleistert. So besucht Lola auf Koh Sriboya ein Totenfest und macht sich dabei so ihre Gedanken:

„Einmal im Jahr traf sich die Dorfgemeinschaft, nicht nur auf Koh Sriboya, sondern auch auf den anderen Insel der Andamanensee, und gedachten der Toten. Und dieses Gedenken geschah auf eine sehr ungewöhnliche Weise. Ganz anders, als man es in Deutschland kannte. Dorf, wo man Schwarz zu Beerdigungen trug, wo man, wenn überhaupt, mit düsterer Miene am Totensonntag zum Grab seiner Familie und Bekannten ging und einen Blumenstrauß niederlegte, schien das Gedenken dunkel und schwer. Gedenken war unangenehm, mit Verlust verbunden oder mit Schuld. Doch diese Menschen auf Koh Sriboya zeigten Lola, wie ein anderes Gedenken aussehen konnte. […] Die Familien und Angehörigen der Toten saßen auf den Gräbern und aßen und tranken und redeten. Wahrscheinlich erzählten sie sich alte und lustige Anekdoten. Lola dachte, wie wenig man sich alte und lustige Anekdoten über die Toten in Deutschland erzählte, wo so viele Menschen gestorben waren, mehr jedenfalls als auf Koh Sriboya. Wie gesund wäre eine solche Tradition, wie wohltuend, wenn man das Vergangene in der Gegenwart zuließe, es nicht ausschließen, es nicht verneinen oder einfach ignorieren würde.“ (S. 321-323)

Schwuppdiwupp ist die deutsche Gedenkkultur und die thailändische Gedenkkultur zu kleinen, handlichen Klischees verschnürt und verglichen worden. Ähnlich dumme interkulturelle Vergleiche findet man im Schulsystem, wenn in einem Tafelbild Christentum und Buddhismus in einer Tabelle verglichen werden, links steht dann „Erlösung durch Vergebung der Sünde“ und rechts „Erlösung durch Erleuchtung“ oder so etwas. Da hat man dann Schlagworte, die man daherplaudern kann, ohne die grundliegende Differenz, die sich letztlich gar nicht vergleichen lässt, gewürdigt zu haben. Man hat einfach alles gleich gemacht (worin das Wesen des Vergleichs besteht), beide Male geht es um Erlösung, das kennt man im westlichen Sozialisationskontext, und in ein Schema gepackt, das von westlicher Sozialisation geprägt ist. „Aha, beide haben Erlösung, also sind beide irgendwie gleich. Das eine Mal geht es um Sünde, das andere Mal um Erleuchtung, ja, also, da wirkt der Buddhismus ja schon gleich viel freundlicher, da geht es nicht immer um diese Schuld.“ So ungefähr verfährt Lola. Der Blick von Lola ist der einer Touristin. Sie setzt sich mit fremder Kultur nicht auseinander, sondern bastelt diese als Ethnokitsch in ihr wenig differenziertes Weltbild. Damit nimmt sie dem Fremden die Fremdheit, die sie ja gar nicht interessiert, weil sie nur das aufnehmen möchte, das ihr Denken bestätigt, und macht also alles gleich. Wie es eben der Tourismus so macht. Aber einem Roman, der sich eben auch mit multikulturellen Aspekten auseinandersetzen will, hätte man mehr Reflexion abverlangen müssen. Offensichtlich überhebt sich Mirna Funk hier aber. Sie hätte ein reines Vaterkomplex-Selbstfindungsbuch schreiben sollen, diesem Thema ist sie gewachsen, dem anderen offensichtlich leider nicht.

Aber das hindert sie nicht daran, abschließend Lola in Bangkok eine Palästinenserin treffen zu lassen, mit der sie eben mal den Nah-Ost-Konflikt bei einer Hühnersuppe entpolitisiert und in allgemeinmenschliche Befindlichkeiten hineintrivialisiert, weil das anscheinend die einzig funktionierende Denkstruktur der Figuren dieses Romans ist:

„Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass es sich bei diesem Konflikt um ein menschliches Dilemma handelt. Der Mensch ist zugleich gut und böse, hässlich und schön, schlau und dumm. Wir sind weder altruistisch noch von Geburt an schlecht. Was uns auszeichnet, ist, dass wir eine Wahl haben. Jeder Einzelne hat die Wahl, sich für die eine Seite oder die andere Seite zu entscheiden. Wir haben die Wahl, moralisch oder unmoralisch zu handeln. Viele sind sich dieser Wahl nicht bewusst. Und viele wissen auch nicht, dass diese Wahl sie in die Pflicht nimmt.“ Etc.etc. (S. 336f.)

Ja, also, wenn das so einfach ist, dann können ja einfach alle, wie Lola und ihre Begleiterin Tracy, sich dafür entscheiden, lieber nicht rumzuballern und stattdessen eben Hühnersuppe zu essen. So geht nämlich Diplomatie.

Von so unsäglichen Verflachungen des Redens über den Holocaust ganz zu schweigen: Als die beiden Menschen, die Lola in antisemitischer Weise beleidigt haben, ein paar Jahre später glücklich und erfolgreich zu sein scheinen, denkt sich Lola:

„Beide, Manuela Müller und Olaf Henninger, waren in den letzten zwei Jahren glücklich geworden, dachte Lola. Manuela durch ihren sozialen Aufstieg und Olaf durch die große Liebe. Solche Beispiele ließen einen doch an der Existenz Gottes zweifeln, dachte Lola. Wie der Holocaust.“ (S. 332)

Wenn das ironisch sein sollte, fehlt mir dafür der Humor. Überhaupt, die Sache mit der Ironie. Zahlreiche Stellen sollen wohl ironisch sein, das würde aber ja eben nur funktionieren, wenn man den Romanfiguren zutrauen würde, dass sie eigentlich schlauer wären und es besser wüssten. Aus den bereits dargestellten Gründen zweifle ich daran aber. Oder nehmen wir die Gender-Thematik: Ich vermute, dass Formulierungen wie „weil Israelis noch richtige Männer sind, musste sie nicht lange warten, bis eine Nachricht kam“ (S. 67) und „Lola hatte volles Vertrauen, dass Nuk das hier alles mit seiner archaischen Männlichkeit schaukeln würde.“ (S. 278) ironisch sein sollen. Was die Autorin dabei aber nicht bedacht hat, ist, dass ihr Spiel mit Genderklischees nur dann lustig wäre, wenn ihre Figur nicht in diesen festhängen würde. Aber natürlich ist ihr zentrales Problem das Verhältnis zum Vater, Figur familiärer Auseinandersetzung ist vor allem der dann irgendwann sterbende Großvater Gershom und die zentrale Figur, die es schafft, ihre klischeehafte Selbstinszenierung (auch das ja schon wieder ein Klischee) zu durchbrechen, ist Shlomo, bei dessen Wiedersehen sie Erkenntnisse hat:

„Als sie Shlomo sah, musste sie lächeln, und dieses Lächeln verfärbte ihre Bäckchen leicht rose. Lola winkte, und Shlomo winkte zurück. Endlich war ihr klar, warum sie hergekommen war. Endlich schoben sich die chaotischen Anteile in die richtige Reihenfolge, als würde ein Magnet für Ordnung sorgen. Shlomo trug eine Badehose. Sein braungebrannter Oberkörper machte Lola schwindelig.“ (S. 136)

Nicht nur, dass das auch so in einem Arztroman stehen könnte, nein, Lola kann eben ihre Selbstfindung, die primär auch eine Auseinandersetzung mit den Männern in ihrem Leben ist, nicht ohne männliche Figur leisten. Und das macht die Ironie an anderen Stellen unlustig. Ein Roman, der von der Identitätsproblematik einer männlichen Figur handeln würde, würde solche Passagen nicht enthalten, vermutlich würden auch die Frauenfiguren keine wesentliche Rolle für den Findungsprozess spielen. In den meisten Exemplaren der Bildungsromane, die ja nach wie vor ein männliches Genre darstellen, ist das so. Lolas innere Entwicklung ist dagegen ohne die Männerfiguren gar nicht denkbar.

Das ist nun alles schon inhaltlich schlimm genug, was aber wirklich schmerzlich hinzukommt, ist die unmögliche Sprache des Buches. Wenn eine Figur, die 34 sein soll, Wörter verwendet wie „oki-doki“, „abstalken“, „einen Move machen“, „fancy“, „das beste Tahini ever“, „yeah“, „komm klar“, „lass los“ etc., wirkt das auf eine ähnliche Art und Weise peinlich, wie wenn eine Mutter mit diesem Vokabular mit ihrem 13jährigen Kind zu sprechen versucht. Die Autorin will hier vielleicht zeitgeistig wirken, sie lässt aber vor allem ihre eigene Figur infantil wirken. Aber vielleicht ist ja genau das der Clou an dem Roman. Vermutlich aber nicht, denn an anderer Stelle nutzt Mirna Funk ihre Figur Lola, um endlich mal der Welt zu zeigen, was sie eigentlich alles schlaues in ihrem Leben gelesen hat, so etwa wenn Lola völlig unmotiviert und ohne jeden Erkenntniswert philosophisches name-dropping (das Wort wäre eins für Lola gewesen!) betreibt:

„Eichmanns Festnahme und die Gerichtsverhandlung hatten auf die Frage, wie so etwas Schreckliches wie der Holocaust hatte geschehen können, eine erlösende Antwort geben sollen. Die Gerichtsverhandlung erreicht, dass man verstand, dass diese Frage niemals befriedigend beantwortet werden würde. Nicht von Eichmann, nicht von Mengele, nicht von Historikern, Soziologen oder Psychologen. Auch wenn Hannah Arendt es durch ihre Erklärung der Banalität des Bösen versucht hatte, der Holocaust war nicht nur unverzeihlich, er war auch unerklärbar.“ (S. 182f.)

Was der Leser danach weiß, ist, dass Mirna Funk Hannah Arendt gelesen hat. Darüber hinaus hat das hier schlichtweg keine Funktion für den Text. Dass sie an anderer Stelle beispielsweise ein Adorno-Zitat einbindet, also zum Teil ihres Textes macht, finde ich dagegen ok. Aber dieses bloße Erwähnen von irgendwas wirkt vor allem eitel. Wäre Mirna Funk eine Band, sie wäre die Band „Glasperlenspiel“ – der Name soll die eigene Belesenheit demonstrieren, in den Texten soll sich dann aber „geiles Leben“ auf „Champagnerfeten“ reimen.

Selten habe ich so viel über ein Buch geschrieben – aber selten hat mich auch ein Buch immer wieder so genervt. Es nervt umso mehr, weil dazwischen ganze Passagen echt ganz nett zu lesen sind. Wie bereits geschrieben: Hätte Mirna Funk das gemacht, was sie kann, nämlich eine ganz sympathische Figur ihre Identitätskrise durchleiden und in den sozialen Medien (in denen sie Fotos von abgeplatztem Nagellack aus den Zehennägeln postet, weil das Kunst ist und die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft symbolisiert) ausleben lassen, wäre das vermutlich ein lesbares Buch gewesen. Hätte sie sich mit allem so viel Mühe gegeben wie mit der Beschreibung dessen, was Lola gerade an hat, wäre das Buch vielleicht lesbar gewesen. So enthält das Buch eben viele lange, lange Textpassagen, an denen sich die Autorin verhoben hat und die eben deswegen noch mehr auffallen, weil dazwischen alles erträglich ist. Von der Wortwahl ganz zu schweigen.

Ich wurde aber insgesamt auch schon dümmer und schlechter unterhalten, vollständig abraten möchte ich nicht, aber prinzipiell kann man sich diesen Roman ganz gut sparen, und: Wenn man Mirna Funk alle Klischees, die sie hier formuliert, abnimmt, kommt man am Ende aus dieser Lektüre vielleicht dümmer raus, als man es vorher war, denkt aber, man hätte was gelernt. Und das wäre doch schade.

Thomas Brussig – Das gibts in keinem Russenfilm

Brussig Russenfilm

Thomas Brussig, ein Autor, der offensichtlich nichts dagegen hat, wenn sein Verlag im Klappentext die Information für wichtig hält, dass er „der einzig lebende deutsche Schriftsteller [ist], der sowohl mit seinem literarischen Werk als auch mit einem Kinofilm und einem Bühnenwerk [gemeint ist das Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“] ein Millionenpublikum erreichte“, als ob Massen zu erreichen ein Kriterium für irgendwas wäre, gibt sich in seinem neuen Roman „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ ganz selbstironisch-selbstverliebt. Dass ich dieses Buch tatsächlich ganz gelesen habe, und vor allem dass diese Buch tatsächlich zum Glück irgendwann auch ein Ende hatte, kann ich noch nicht ganz fassen.

Thomas Brussig lässt hier den Schriftsteller Thomas – ein Schelm, der dahinter nicht ein Alter-Ego des Autors vermutet – in einer DDR leben und schreiben, die bis heute fortexistiert und wirtschaftlich dank Windenergie und Elektroautos auf dem Vormarsch ist. Die Wiedervereinigung hat demnach nie stattgefunden. Das hätte ja spannend sein können.

Bemerkenswert ist allerdings an diesem Buch nur, wie langweilig und belanglos jemand über ein Unrechtssystem und sein ständiges Fortexistieren daherplaudern kann. Bei Brussig lesen sich sogar Stasi-Verhörszenen, die es im Roman durchaus gibt, irgendwie so nebensächlich-locker, dass auch der letzte DDR-Nostalgiker das schön finden kann. Dabei versucht er sich sogar an der Kritik der Systeme, allerdings gelingt das nur so dümmlich, das er das vielleicht besser gelassen hätte, schließlich kommt Thomas, die Hauptfigur des Romans, von seiner ersten Reise aus der demokratischen BRD in die DDR zurück, um dabei auf diesem Niveau zu sinnieren:

Ich kam aus dem Land zurück, das – auch von mir – mit „Freiheit“ assoziiert wurde. Aber ich fühlte mich nicht berauscht. Daß ein Leben in Freiheit von jedem einzelnen immer wieder aufs Neue zu erbeuten und zu verteidigen ist, war schon immer mein Verdacht. Daß eine freie Gesellschaft nicht automatisch freie Menschen hervorbringt, begriff ich in den nächsten Wochen. […] Du brauchst nicht die Pressefreiheit, die Versammlungs- oder Meinungsfreiheit, um das Erlebnis der Freiheit zu haben. Der Weg in die Freiheit führt nach innen, und was ansonsten und insbesondere im US-Verständnis unter Freiheit läuft, ist eigentlich nur die Freiheit, Geld zu verdienen, andere über den Tisch zu ziehen, rücksichtslos zu sein. (S. 252)

Da kann eben noch der letzte DDR-Fan, der sich gar nicht vorstellen kann, dass das da so totalitär und das mit der Stasi wirklich so schlimm war, schließlich hatte die DDR ja auch ihre guten Seiten, mit dem Köpfchen nicken und sich über den bösen Kapitalismus ärgern.
Kapitalismuskritik ist wichtig, aber das hier ist dumm, weil es Dinge gleichsetzt, die eben grundverschieden sind und damit den Totalitarismus der DDR verharmlost und die Wichtigkeit von Grundrechten als Nebensächlichkeit ausgibt.

Da hilft es auch nichts, dass das Auftreten diverser Personen des öffentlichen Lebens – Gysi, Heiner Müller, Wagenknecht etc. – in einem historisch anderen Kontext ganz nett ist und dass Brussig im Mund einiger dieser Figuren genau das formuliert, was man ihm vorwerfen muss, nämlich dass seine Bücher belangloses Geplaudere sind. Das wirkt nicht selbstironisch, schon gar nicht selbstkritisch, denn am Ende gibt sich Brussig dann doch immer selbst Recht, indem er permanent im Roman seinen eigenen riesigen Erfolg beim Publikum und die schrulligen Marotten anderer Künstler und Schriftsteller inszeniert.

Der zweite bemerkenswerte Punkte ist, dass Brussig tatsächlich 380 mit Wörtern gefüllt hat, ohne irgendetwas von Belang zu sagen oder irgendetwas Interessantes passieren zu lassen. Selbst das Auftauchen von Kindern, von denen der Autor bislang nichts wusste, liest sich so, dass man dabei denken muss: „Ach so, hm, na ja, egal“.

Es ist ein schrecklich überflüssiges Buch, an dem nichts Gewicht hat und von dem nichts bleibt.

Janne Teller – Komm

Teller Komm

Janne Teller geht mir auf die Nerven, es tut mir sehr leid, das zu schreiben. Sie ist der Bono unter den Autoren, wenn ich ihre Bücher lese, sehe ich sie immer vor mir: Mit erhobenem Zeigefinger, gerunzelter Stirn und einem strengen „Da denk jetzt mal drüber nach“-Blick.

In „Komm“ wird der innere Monolog eines Verlegers dargestellt, der vor der Frage steht, ob er einen Roman veröffentlichen darf, der sich zwar wohl sehr gut verkaufen wird, aber eine vertraulich erzählte Geschichte einer weiteren Autorin seines Verlages thematisiert. Es geht also um die Frage danach, was Kunst darf und letztlich um die Frage, was wichtig ist im Leben, denn selbiger Verleger denkt nicht nur über die Veröffentlichung des Manuskriptes, sondern gleich über sein ganzes Leben nach. Gespiegelt wird dieser Denkprozess in einer Rede, die selbiger Verleger verfassen soll.

Janne Teller wälzt in ihren Büchern – auch in ihren Jugendbüchern – immer die ganz großen Fragen hin und her. Und es gelingt ihr dabei, dass man mitdenkt, dass man selbst anfängt, über ihre ganz großen Fragen nachzudenken. Aber so sehr ihre Bücher auch immer so tun, als würden sie offen enden und eben zwar einen Denkprozess anstoßen, diesen aber nicht lenken, so sehr tun sie eben dies doch. Und dieser pädagogische Impetus geht mir auf die Nerven. Genauso wie die Überfrachtung einer Fragestellung mit allen Sinnfragen der Welt: Natürlich hängen die Fragen nach dem richtigen Handeln und nach einem gelungenen Leben unmittelbar aneinander. Aber wenn man diese Verbindung so wenig subtil deutlich macht, empfinde ich das als ähnliche Gängelung wie die Reaktion „Die Kinder in Afrika wären froh, wenn sie das essen dürften, die hungern nämlich“ auf die Bemerkung, dass jemand keine Blutwurst mag. „Komm“ hinterlässt bei mir den Eindruck, dass die Autorin mich als Leser nicht für eben schlau hält, sondern für jemand, den man richtig ordentlich mit der Nase auf die Dinge stoßen muss, weil‘s dem Leser sonst am Ende nicht auffällt, was wichtig ist im Leben.

Hinzu kommt der Schreibstil: Ich finde ihn unerträglich schlicht und redundant. Ganz so schlimm wie in ihrem Jugendbuch „Nichts“ ist es in „Komm“ nicht, aber dennoch wirken ihre Bücher auf mich immer wie nicht zu Ende geschriebene Buch-Skizzen oder Entwürfe.

„Wer hat die Verantwortung, wenn er sie nicht übernimmt?
Was ist ein Roman im Quadrat?
Was ist das Viereck Autor, Verlag, Vermittler, Leser im Quadrat?

Liegt es immer in der Verantwortung anderer, dass die Welt so aussieht, wie sie aussieht?

Die Welt ist, wie sie ist!

Wie wird die Welt, wie sie ist?

Man ist genötigt, praktisch zu sein!

Sich zu arrangieren.

Ist man das?“

(S. 142)

Sicher, Teller schreibt eben so, weil es ihr darum geht, einen Denkprozess anzuregen und zu leiten. Erstaunlicherweise schafft sie es ja dennoch, irgendwie Grundzüge einer Geschichte zu erzählen und eine gewisse Atmosphäre aufzubauen. Aber ich frage mich trotzdem, ob das Aufwerfen all dieser Fragen nicht auch in einer gut erzählten, schön geschriebenen und vielleicht sogar unterhaltsamen Geschichte möglich wäre – Beispiele für Literatur, die große Fragen in eben dieser Form diskutiert, gibt es schließlich. Dieses ständige Umstellen von Wörtern in ähnlichen Sätzen, dieses regelmäßige Abwechseln von Ausrufezeichen, Punkt und Fragezeichen, das wirkt alles so überpädagogisch und ist nebenbei eben für meinen Geschmack öde zu lesen. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass die Stellen, die mich in diesem Buch am nachhaltigsten gedanklich wie emotional angeregt haben, die Zitate aus Strindbergs „Das rote Zimmer“ und Manns „Doktor Faustus“ sind.

Viele Leute finden Janne Tellers Bücher großartig und daher kann ich jedem nur empfehlen, sich selbst ein Bild von diesem Roman (oder dieser Novelle?) zu machen, zumal „Komm“ inzwischen als Taschenbuch erhältlich und sehr schnell zu lesen ist. Ich habe – bei allen Büchern der Autorin – das Gefühl, dass Janne Teller es sich zu leicht macht: Sowohl in Bezug auf ihr Ziel, als auch in Bezug auf die ästhetische Gestaltung ihrer Bücher. Vor allem aber wünsche ich mir von einem Autor, der ein Buch schreibt, um komplexe, wichtige Fragen aufzuwerfen, dass er auch seinem Leser zutraut, zwischen den Zeilen zu lesen und Fragestellungen hinter Geschichten selbst zu erkennen und anhand des Erzählten zu reflektieren. Sonst ist das irgendwie so:

Mechthild Borrmann – Die andere Hälfte der Hoffnung

Borrmann Hälfte der Hoffnung

Vermutlich ist es ein bisschen unfair der Autorin wie diesem Buch gegenüber, wenn ich mich zu „Die andere Hälfte der Hoffnung“ äußere, denn es handelt sich um einen Krimi. Und Krimis lese ich praktisch nie, weil sie mich fast immer langweilen. Das Buch landete trotzdem in meinem Besitz, da ich die Thematik interessant fand, aber gut gegangen ist das Experiment nicht.

Borrmann erzählt die Geschichte einer Überlebenden des Reaktorunfalls von Tschernobyl. Schon allein das wäre vermutlich genug Stoff, um einen guten Roman darüber zu schreiben. Aber darum ging es der Autorin ja leider gar nicht, also hat sie das gleich mit einem anderen Knaller-Thema zusammengewurstet: Besagte Überlebende hat nämlich eine Tochter, die mitsamt einer Freundin unauffindbar in Deutschland verschwunden ist, da sie von einem Ring von Menschenhändlern an Zuhälter verkauft wurde. Nachdem man mit so seichten Themen die Tschernobyl, Menschenhandel und Prostitution aber nicht vernünftig 320 Seiten füllen kann, muss noch ein Fass aufgemacht werden: Gesucht wird besagte Tochter von einem Mitglied der ukrainischen Miliz, dessen Ermittlungen durch die Korruption in seinem Land erheblich erschwert werden. Potzblitz, wir fassen zusammen: Er geht um Tschernobyl, Menschenhandel, Prostitution und Korruption. Dieses Buch ist quasi die eierlegende Wollmilchsau.

Dass eine angemessene, nicht im bloßen Klischee verbleibende Auseinandersetzung mit dieser Fülle an schwierigen Themen in nur einem Buch und auf nur 320 Seiten schwer ist, lässt sich erahnen. Borrmann versucht aber leider nicht einmal, über irgendeine Plattitüde hinauszukommen, bei ihr verkommen all diese menschlichen Katastrophen zur bloßen Kulisse für den Spannungsaufbau. Zu einer Auseinandersetzung mit auch nur einem dieser Themen, aus der der Leser irgendeinen neuen Gedanken mitnehmen könnte, kommt es nirgends, die Kulisse bleibt vollständig austauschbar. Das finde ich sehr bedauerlich, denn hier werden einige der schwierigsten Themen aufgegriffen und verkommen zum bloßen Effekt. Den Problemen, dem menschlichen Schicksal, von dem erzählt wird, wird das Buch nicht gerecht. Letztlich liest es sich, wie sich ein Tatort ansehen lässt: Schon irgendwie spannend, auch ganz unterhaltsam, aber irgendwie auch austauschbar, oft zu platt und letztlich wär’s auch nicht schlimm gewesen, wenn man ihn diesen Sonntag mal verpasst hätte.

Hinzu kommen die sprachlichen Plattheiten. Allenthalben hört Walentyna, die Tschernobyl-Überlebende, irgendwo eine Elster krächzen:

„Eine Elster sitzt auf dem Zaun. Ihr Gefieder leuchtet metallisch grün in der Morgensonne, die weißen Flügelspitzen liegen wie Schneereste an ihrem Körper, und sie ruft ihr eilig aneinandergereihtes „schäck-schäck-schäck“ in den Garten. In den letzten beiden Tagen hat es geschneit, und die Temperaturen sind in den Plusbereich gestiegen. Das wenige Herbstlaub, das der Frost den Bäumen gelassen hat, schimmert in der Mittagssonne.“ (S. 129)

Ja, das sind schon malerische, sprachgewaltige Beschreibungen. So stimmungsvoll wurden selten Hauptsätze monoton aneinandergereiht. Das Schaf, mit dem der Schäfer natürlich immer spricht, heißt selbstverständlich Trine (wie sonst), der alte Hund hieß Bella und der neue Collie wird Kolja genannt. Schade, dass nicht noch die Kuh Berta und der Wellensittich Hansi vorkommen. Vielleicht im nächsten Roman. Ärgerlich finde ich – man möge mir meinen Hang zur sprachlichen Erbsenzählerei bitte verzeihen – den Anfang von Kapitel 22, S. 173:

„Diejenigen, die keine Verwandten hatten, wo sie unterkommen konnten, wurden in einer geräumten Militärkaserne untergebracht.“

Die Verwendung von „wo“ in dieser Satzkonstruktion sehe ich vielen Menschen nach, nicht aber solchen, die ihr Geld mit sprachlichen Machwerken verdienen. Man möchte es durchstreichen und „bei denen“ darüber schreiben.

Insgesamt kann man „Die andere Hälfte der Hoffnung“ schon lesen, wenn man nett unterhalten werden will, denn das leistet dieses Buch, und nur geringe inhaltliche wie sprachliche Ansprüche mitbringt. Man kann aber auch gleich den „Tatort“ anschauen. Oder einfach stattdessen ein gutes Buch lesen. 

Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt

Koehler Raketen

Alle lieben Karen Köhler und ihren Kurzgeschichtenband „Wir haben Raketen geangelt“, wie es scheint. Ich nicht.

In allen Geschichten geht es um Damen in existenziellen Krisensituationen – in fast allen Fällen führt das dann zu irgendeinem Selbstfindungsgeschwurble, ständig ist irgendwer auf der Suche nach sich und seiner inneren Einheit. Mal ist es die Krebserkrankung, mal eine ungewollte Schwangerschaft oder ein sexueller Missbrauch – diese tatsächlich schweren Schicksalsschläge stehen wie selbstverständlich neben der Trennung vom Freund und werden in ähnlicher Weise (literarisch) bearbeitet. Zum Glück wird am Ende fast immer alles gut, das innere Gleichgewicht ist hergestellt, der Schicksalsschlag überwunden. Würde man eine dieser Geschichten verfilmen, käme dabei eine Kreuzung aus einem beliebigen Film von Doris Dörrie und einem Film wie „Die Dienstagsfrauen“ heraus – ein bisschen Problematik hier, ein bisschen Spiritualität da und plötzlich fühlen sich alle wie neugeboren.

Im Zentrum aller Probleme steht immer irgendwie dann doch die Beziehung zu irgendeinem Mann, an der sich die stets weibliche Protagonistin abarbeitet. Erstaunlich mittelständisch-deutsch, dass sich alle anderen Probleme von Frauen anscheinend darauf reduzieren lassen.

Wirklich schlimm fand ich aber diese Esoterik-Schiene, die sich durch alle Geschichten zieht. So werden in „Il Comandante“ Krankheiten in Steine gepresst, in „Cowboy und Indianer“ wird eine „Träne der Mutter Erde“ hin- und hergereicht und die Protagonistin versucht ihren Begleiter durch Licht-Klimbim vom Fieber zu heilen („Ich lege meine Hände auf seinen Körper und stelle mir vor, dass goldenes Licht herauskommt und ihn heilt.“, S. 70), allenthalben spazieren die Figuren in irgendwelche Kirchen und zünden ein Kerzlein an, ohne dass irgendeine reflektierte Religiosität zu erkennen wäre, vielmehr erwartet man eine „Erleuchtung“ (S. 88), ein bisschen Vulgär-Buddhismus gehört ja zur gängigen deutschen Patchwork-Spiritualität der „jungen Erwachsenen“. Vermutlich soll diese Erleuchtung dann das sein, was Köhler allenthalben in Kalenderweisheiten auszudrücken versucht, die Geschichten finden nämlich ihre Höhe- und Wendepunkte immer wieder in Erkenntnissen wie: „Man muss erst mal werden, wer man ist.“ (S. 81), „Und dann, als alles still wird in mir, als der Augenblick sich in seiner tiefsten Bedeutung vor mir auffächert, finde ich Frieden.“ (S. 120) oder man erhält gar tiefschürfende Erkenntnisse am Vesuv: „Dann stand ich am Kraterrand und hatte plötzlich eine Ahnung von der Fragilität der Dinge. Gleichzeitig fühlte ich eine immense Kraft in mir aufsteigen. Irgendetwas an diesem Vulkan war weiblich und männlich zugleich und bildete eine Einheit.“ (S. 98) Na Donnerwetter. Da hilft es eben auch nichts, wenn Köhler an einer Stelle selbstironisch schreibt „Hört sich an wie ein Kalenderspruch.“ Ja, das tut es. Das geht schon hin und wieder, aber doch nicht pausenlos, und nicht in einer so platten Sprache. In „Polarkreis“ wird dann auch noch ein Blumenkranz geflochten, während die Protagonistin durch die norwegische Wildnis wandert (und natürlich in eine Kirche geht), man hat den Eindruck, man läse das Drehbuch zu einem Musikvideo irgendeiner total hippen Indieband. Obwohl die Lektüre der Geschichten ansonsten eher an das Hören von Bands wie „Sportfreunde Stiller“ oder „Wir sind Helden“ erinnert, insbesondere letztere haben mit ihrem Song „Guten Tag“ genau das gemacht, was Köhler hier seitenweise plattwalzt. Das Buch zu lesen ist wie diesen Song auf Endlosschleife hören müssen: Unerträglich. Die genannten Bands spielen schrabbelige Musik, die Sänger singen ein bisschen schief, die Texte sind ein bisschen dümmlich, aber die große Hörerschaft findet das total sympathisch, ehrlich, bodenständig und ungekünstelt. Ähnlich finden wohl viele Köhlers Geschichten tiefsinnig und die Sprache („Der Motor motorte herum.“ S. 63) gar poetisch. Mir geht es da wie mit den Sportfreunden Stiller: Ich erkenne in dem Schiefen, Unfertigen, Schlichten, „gewollt Kunstlosen“ eben keine Kunst sondern nur das eben Benannte. Ich empfinde eine platte Thematik in einer platten Sprache auch nicht automatisch als total „authentisch“. Das ist nicht meine Tasse Tee, das ist mir zu mittelmäßig und ja, auch zu biedermeierig, diese Selbstfindungsproblematik. Walser zum Beispiel schreibt auch ständig über seine Alt-Herren-Selbstfindungsprobleme, aber er benutzt dazu wenigstens eine Sprache, die es wert ist, gelesen zu werden. Das hier ist ein Buch für um die 30-Jährige, die zu einem beliebigen Holi-Fest in Berlin gehen, um sich mal wieder richtig zu spüren, während ein Besuch in der Oper ihnen viel zu „spießig“ wäre, und die denken, bunte Ringelstrümpfe hätten bei erwachsenen Menschen etwas mit Individualität und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit zu tun, während high fashion total oberflächlich ist. Für mich ist das eher so:

Jonathan Crown – Sirius

9783462046786Zunächst muss man diesem Buch zugutehalten, dass es in keiner Weise so getan hat, als wäre es etwas anderes als trash. Da ist das Cover, das auch zu einem schlechten Science-fiction-Film aus den 80ern passen könnte, die Idee, aus der Sicht eines Hundes zu schreiben – all das lässt nicht erwarten, dass da irgendwas besonders Tiefgründiges dahintersteckt. Aber es hätte ja wenigstens geistreich oder witzig sein können. Oder zumindest niedlich.

Jonathan Crown erzählt hier die Geschichte einer jüdischen Familie, die nach der Reichskristallnacht nach Amerika emigriert – aus der Sicht des jüdischen Foxterriers Levy aka Sirius aka Hercules aka Hansi, denn dieser Hund ist Schauspieler und wechselt im Verlauf des Romans mehrfach die Rollen. Es handelt sich nämlich auch noch um einen hochintelligenten Hund, der nicht nur jedes Wort versteht, denkt und handelt wie ein Mensch, sondern darüber hinaus sogar schreiben kann. Potzblitz. Leider ist das Buch aber dann wirklich so schlecht, wie es diese Kurzzusammenfassung der Handlung erwarten lässt.

Ich bin mit auch gar nicht so sicher, ob hier nicht einfach ein Fehler im Verlag unterlaufen ist und ob dieses Buch nicht eigentlich als Kinderbuch konzipiert war, denn sowohl die Handlung als auch die Sprache des Autors passen eher zu einem Buch, das man im Alter unter 12 Jahren liest. Jonathan Crown lehnt die Verwendung von einem komplexeren Satzbau anscheinend grundsätzlich ab, er reiht mit einer bemerkenswerten Penetranz Hauptsätze aneinander – hin und wieder findet sich allerdings auch mal ein Relativsatz, Adverbialsätze sind seltener. Herr Crown findet außerdem wohl auch, dass zu viel Abwechslung im Wortschatz den Leser nur unnötig von der Handlung ablenkt. Dadurch liest sich der Roman aber immerhin recht schnell durch.

Ich bin ja gewillt, dem Buch wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert zuzusprechen. Das hilft aber wenig, denn zur unterkomplexer Handlung und Sprache kommt noch ein derart seichtes Weltbild hinzu, dass man sich wirklich fragt, an welche Zielgruppe sich dieses Buch richten soll. Da ist zum Beispiel das Ende, das wirkt, als wäre es von Postkarten mit Lebensweisheiten inspiriert: Der Foxterrier Sirius ist endlich wieder in Berlin und unterhält sich dort mit seinem liebsten Pipi-Baum über seine Sehnsucht nach Amerika:

„Verstehe“, sagt der Baum. „Jetzt bist du zu Hause, endlich, und trotzdem hast du Heimweh.“
„Ja“, sagt Sirius, „ist das nicht verrückt?“
„Überhaupt nicht“, sagt der Baum. „Heimat ist nicht der Ort, wo deine Geschichte begann. Heimat ist der Ort, wo deine Zukunft anfing.“
„Versteh ich nicht“, sagt Sirius.
„Heimat ist der Ort, wo dein Herz ist“, sagt der Baum.
„Mein Herz?“, fragt Sirius.
„Ja“, sagt der Baum. „Wo ist dein Herz zu Hause?“
„Bei den Menschen, die ich liebe“, sagt Sirius.

Ja, das ist wirklich herzergreifend. Aber Achtung, es geht noch rührender: Sirius aka Hansi begleitet ja auch eine Zeit lang Adolf Hitler, so trifft er ihn auch nach dem Attentat durch den Kreis um Stauffenberg. Und da macht das sensible Tier einige Beobachtungen:

„Hansi“, ruft der Führer, wenn er des Nachts im Lehnstuhl sitzt und vor sich hingrübelt. Wer sonst ist bereit, ihm so geduldig das Ohr zu leihen? Im Schein der Glühbirne lässt der Feldherr noch einmal seine größten Triumphe Revue passieren, erläutert die Frontlinien vergangener Jahre, schwelgt in Erinnerungen. Manchmal weint er auch hemmungslos.

Das Hunderl hat Mitleid mit dem kranken, alten Mann, dessen Welt gerade zusammenbricht.

Auch wenn gleich darauf der jüdische Foxterrier in Hansi wieder erwacht und Hansi sich für diese Gedanken gerne selbst an die Gurgel gehen würde: Jonathan Crown fand ja offensichtlich, dass das eine adäquate Art ist, sich der Geschichte zu nähern. Ich kenne Kinderbücher, die das angemessener hinkriegen. Schön und gut, wenn man sich diesem Abschnitt der Geschichte mit einer gewissen Leichtigkeit nähern möchte – aber Hitler als armer, gebrochener, bemitleidenswerter Mann? Da bin ich raus.

Bei aller Hundeliebe: Das ist Mist.