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10 Gründe, warum „Air“ von Lukas Vering den Blogbuster 2017 gewinnen sollte.

blogbuster-logoDer Blogbuster-Preis 2017 neigt sich dem Ende zu, in ein paar Tagen – am 11.4. – wird die Shortlist bekannt gegeben. Um der Fachjury etwas die Entscheidung zu erleichtern, habe ich mal zehn gute Gründe zusammengestellt, die dafür sprechen, dass „Air“ von Lukas Vering gewinnen sollte:

  1. Der Roman schafft etwas, was nicht viele Romane schaffen: Er erzeugt eine – in diesem Fall beklemmende – Stimmung, die er auch bis zum Schluss aufrechterhält.
  2. In „Air“ geht es mindestens genauso sehr um uns und die Art, wie wir leben und wie wir unsere Welt gestalten, wie um die Figuren in dem Roman.
  3. Es ist ein Roman, der etwas zu sagen hat.
  4. Das Ende ist so gut!
  5. Wie in der Realität auch so sind auch in der Zukunft, die „Air“ entwirft, nicht alle Menschen heterosexuell. Diversity und so, ne.
  6. Die Nebenhandlungen beleuchten die Welt aus „Air“ nochmal aus anderen Blickwinkeln, und zeigen damit, dass man Dinge auch immer ganz anders sehen kann
  7. Lukas Vering hat eine wahnsinnig komplexe, in sich bis ins Detail stimmige Welt entworfen.
  8. Der Autor ist ein superguter Typ.
  9. Nach dem Lesen sieht man Luft anders.
  10. Last but not least: „Air“ mag auf den ersten Blick aussehen wie „schon wieder eine Dystopie“. Aber ich habe beim Lesen nicht das Gefühl gehabt, „schon wieder eine Dystopie“ zu lesen, die irgendwie austauschbar wäre. Ich erinnere mich noch Monate nachdem ich „Air“ gelesen habe an den Roman. Und das ist vielleicht das wichtigste.

Und dann gibt es noch einen weiteren wichtigen Grund: Wir haben als einzige einen formschönen Hashtag. #loveisintheAir

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Fatma Aydemir – Ellbogen

Aydemir EllenbogenDieses Buch habe ich leider nicht verstanden. Ich bemühe mich ja wirklich, erst zu verstehen, worauf ein Roman raus will, um ihn dann danach zu beurteilen, aber hier: Keine Chance. Ich weiß nicht, welchen Anspruch die Autorin hier verfolgt, ich entnehme den Danksagungen am Ende des Romans, dass sie aufgrund ihrer Fragen einen Roman geschrieben hat, nicht weil sie Antworten hat. Dass es ihr darum gegangen wäre, Fragen aufzuwerfen, kann vielleicht der Grund für meine Verwirrung sein, und wenn das wirklich das Ziel war, dann ist das gelungen. Um ehrlich zu sein hatte ich aber leider eher den Eindruck, dass meine Verwirrung mehr daran lag, dass hier einiges nicht zu Ende gedacht worden ist.

„Ellbogen“ erzählt in drei Abschnitten von der jungen „Deutschtürkin“ Hazal aus Wedding, die in ihrem Leben vor allem die Erfahrung gemacht hat, wie ein Fußabstreifer behandelt zu werden – von Deutschen wie von ihrer Familie. Die Wut, die sich darüber in ihr anstaut, entlädt sich an ihrem 18. Geburtstag, nachdem sie mit zwei Freundinnen nicht in einen Club gelassen wurde, nachdem also wieder eine Tür vor ihr verschlossen und nicht geöffnet wurde. Ihre Wut trifft einen deutschen Studenten, von dem sie sich erniedrig fühlt. Hazal und ihre Freundinnen verprügeln ihn, Hazal stößt ihn aus dem Affekt auf die Gleise und daraufhin tut Hazal eigentlich für den Rest des Romans, und das dürften so ungefähr 2/3 des Romans sein, nur noch eins: Weglaufen. Erst vom Unfallort, dann nach Istanbul, dann von ihrem Freund, dann vor ihrer Tante, dann vor dem Putschversuch gegen Erdogan. Und da liegt dann auch mein Problem, das ich mit dem Roman habe.

Einblicke

Dabei ist vieles an „Ellbogen“ sehr gut gemacht, und da sieht man auch, dass Aydemir eine tolle Schriftstellerin wäre: Den ganzen zweiten Teil des Romans fand ich gut. Die Darstellung von Hazals Innenleben, ihrer Wut und der Gründe dafür, ihre Wahrnehmung einer Welt, die ihr keine Möglichkeiten lässt, sind fantastisch und ich bin froh, dass sowas mal so erzählt wurde. Man merkt auch, dass Aydemir ihre Figur mag, auch wenn diese Figur an einigen Punkten unsympathisch ist – damit kann Fatma Aydemir definitiv schon mal mehr als Juli Zeh.

Dass der Film „Gegen die Wand“, der im Roman auch erwähnt wird, ein Vorbild war, ist sehr deutlich: Hazal teilt mit Sibel aus diesem Film den Wunsch nach Freiheit, den Junkie-Mann, die Selbstmordversuche, die eigentlich nicht auf den Tod sondern das Leben abzielen, und Istanbul als Fluchtort. Da ist es bei einigem sehr offensichtlich, wo es herkommt, aber das macht ja nichts.

Vieles wurde auch sonst wahnsinnig gut beobachtet und erzählt, um nur ein paar Beispiele von sehr vielen zu nennen: Der sehr deutsche Umgang des Ladendetektivs mit Hazal, als diese beim Stehlen erwischt wurde, und er ihr mit Abschiebung droht – und wie sehr sie das trifft. Die Misogynie gerade auch von Frauen in einigen türkischen Communitys und misogyne Strukturen in der Türkei, wenn Hazals Großmutter den Vorwurf, dass ihr nur noch ein Penis fehle, um sie zum Mann zu machen, da sie so schlecht über Frauen spricht, als Kompliment sieht, oder wenn eine Frau in der Türkei ihren Mann, der sie verprügelt hat, irgendwann umgebracht hat, weil die Polizei ihr nie helfen wollte. Oder die Art und Weise wie auch in der Türkei von einigen (hier Gözde) weiße Haut als Schönheitsideal gesehen wird, das dunklerer Hautfarbe übergeordnet wird. Solche Dinge zu erzählen und ohne die Figur selbstmitleidig wirken zu lassen eben das zu erzählen, was das mit einer jungen Frau macht, das macht „Ellbogen“ zu einem wirklich lesenswerten Buch. Und ich hätte ja gerne eine Lobeshymne geschrieben, aber da ich – wie oben geschrieben habe – leider nicht verstanden habe, was die Autorin hier will, kann ich das Buch eben nur noch  an meinen Maßstäben messen, die aber eben dem Werk äußerliche sind.

Ausblicke

Bemerkenswert an „Ellbogen“ ist ja, dass Deutsche kaum vorkommen, obwohl es ja eben nicht nur Hazals Familie ist, die eine Ursache ihrer Wut ist, die sie erniedrigen und ihr die Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben nehmen, es sind ja insbesondere Strukturen der deutschen Gesellschaft, die sozialen Aufstieg für sie unmöglich machen. Das kommt aber eben nur am Rande vor: Hazal hat keinen Schulabschluss, weil die deutschen Lehrer alle rassistisch sind oder eben nicht ganz richtig im Kopf sind, so Hazal selbst und ihre Tante, Hazal konnte nicht Raumausstatterin werden, weil Deutsche nicht auf den Geschmack von Türken vertrauen. Das kommt vor, aber das sind eben nur einzelne Sätze am Rande, während die Schilderung des Familienlebens viel Platz einnimmt. Es ist nun nicht Aydemirs Schuld, dass ich glaube, dass deutsche Leser der post-Sarrazin-Zeit damit nicht alle werden vernünftig umgehen können, dass da einige das Buch zuschlagen und sich denken „Ach, Mensch, diese Türken, wie die aber auch mit ihren Frauen umgehen, kein Wunder, dass die so werden.“ Dafür kann Aydemir nichts, es ist auch nicht Aufgabe ihres Romans, das zu ändern, aber ich hätte es doch schön gefunden, wenn man es Lesern, die denken, Integration bedeute, dass die anderen sich anpassen, nicht so leicht gemacht hätte. Zumal sich das eben dadurch verschärft, dass eigentlich nur zwei Deutsche merklich auftreten: Der Ladendetektiv und der Student, der ermordet wird. Wer dann noch überlesen will, dass Hazal der Mord durchaus nicht egal ist und ihren Worten, dass ihr das egal sei, Glauben schenkt, kann hier seine xenophoben Klischees schon bestätigt finden. Will sagen: Der Roman spart für mein Empfinden die Verantwortung der deutschen Gesellschaft für Hazals Verhalten zu sehr aus, lässt dann aber einen Deutschen Opfer der Gewalt, die die Folge vor allem von Hazals Sozialisation ist, werden. Dafür kann Aydemir nichts, das ist auch nicht die Aufgabe von Kunst, aber: Das macht es halt deutschen Lesern sehr leicht, ihren Anteil an dem Problem nicht zu reflektieren, und das bestätigt auch Klischees, die eben nach wie vor virulent sind.

Und das Problem ist ja, dass diese Klischees nicht gebrochen werden, zumindest habe ich den Bruch nicht entdeckt. Hazal wirkt in einigen Punkten unsympathisch, ihre Familie wirkt unsympathisch – aber das ist ja hier für einige Leser sicher kein Bruch sondern im Gegenteil die Bestätigung des Klischees. Und das schreibe ich jetzt nicht, weil ich es witzig finde, sondern weil es für mich leider der Leseeindruck war: Der ganze erste Teil des Romans, der Hazals Leben in Wedding bis zum Mord an dem Studenten schildert, hat mich leider an diese Vorstellungs-Filmchen aus der Doku-Soap „Die Mädchengang“ erinnert, die vor ein paar Jahren auf RTL II lief. Ich will gar nicht bestreiten, dass die Realität halt oft ziemlich klischeehaft ist, aber: Wenn man nicht gerade ein Autor des Naturalismus ist, kann es nicht der Anspruch der Kunst sein, Klischees zu bestätigen, nur weil sie in der Realität auch vorkommen. (Mal abgesehen davon ist die Literatur des Naturalismus natürlich sehr sozialkritisch gewesen und hat auch eben nicht einfach Klischees stehen lassen.) Vor allem nicht in Post-Sarrazin-Pegida-Deutschland, vor allem nicht, wenn es auch so viele Familien gibt, in denen es nicht so ist, von denen dieses Buch aber vollständig schweigt. Ich wünsche dem Buch sehr viele sehr kluge Leser, aber wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin: Ich war doch auch bei einigen Lesungen von Autoren sog. „Migrationsliteratur“ und ich hatte nicht den Eindruck, dass das alles superkluge Leute sind, die ihre Privilegien reflektiert und ihre Klischees im Griff hätten. Da ist zwar viel guter Wille, aber wenig Selbstreflexion bei einigen, und ich weiß nicht, was diese Leute lesen, wenn sie das Buch lesen.

Wenn jedenfalls ein Spiegel-Rezensent in dem Buch „viel Wiedererkennbares aus dem Leben von Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten“ zu erkennen meint, dann weiß ich nicht, ob das nun etwas ist, was ihn und den Roman auszeichnet, aber es überrascht zumindest nicht. Aber: Dafür kann Aydemir nichts. Und es ist nicht die Aufgabe von Literatur, den Leuten die Klischees auszutreiben. Aber schön wäre es eben schon, wenn sie zumindest nicht bestätigt würden.

Laut Klappentext stellt sich „Fatma Aydemirs Debütroman eine große Frage: Was kann in dieser Welt aus einem Mädchen wie Hazal schon werden? Und gibt eine ebenso große Antwort: Alles.“ Die Frage habe ich in dem Roman schon gesehen, aber diese Antwort habe ich tatsächlich nirgendwo gelesen. Prinzipiell finde ich sehr gut, dass der Roman eben nicht damit endet, dass sich Hazal an irgendeine Gesellschaft – die deutsche oder die türkische – einfach anpasst, dass sie versucht, ihren eigenen Weg mit eigenen Entscheidungen zu gehen. Nur funktioniert eben das ja gar nicht, weil die Figur das ja gar nicht tut, denn sie bleibt den ganzen Roman über eine rein reagierende Figur, sie fällt gar keine eigenen, freien Entscheidungen. Sie läuft davon, sie übernimmt nicht die Konsequenzen für ihr Handeln, und die einzige Antwort, die der Text dafür anbietet, ist: Das liegt an ihrer Sozialisation. So macht der Text selbst die Protagonistin zum Opfer ihrer Verhältnisse und gibt ihr keine Möglichkeit, daraus zu entkommen. Der Leser kann dann zwischen einem paternalistisch-mitleidigem oder einem verachtendem oder einfach einem verwirrten Blick auf die Figur wählen. Ich habe mich für den letzteren Entschieden, und einfach mal angenommen, dass hier eben einfach nicht zu Ende gedacht wurde, was das bewirkt, wenn man die Figur eben immer nur reagieren lässt, wenn man sie lieber in ihrer großen Gefängniszelle Türkei, wie sie ihre Situation selbst an einer Stelle benennt, vor allem davonlaufen lässt, als sie sich selbst und damit auch ihre Sozialisationsbedingungen überwinden zu lassen. Wenn der Roman zeigen will, dass aus Hazal „alles“ werden kann, dann ist zumindest das wirklich nicht gelungen. Es ist doch kein Zeichen von Freiheit und Selbstständigkeit, dass sie sich den Konsequenzen ihres Handelns nicht stellt und stattdessen in der Türkei zu jobben anfängt, da die Ursachen für diese Entscheidung ja genau die sind, die in ihrem Inneren durch ihre Sozialisation bewirkt wurden. Der Grundsatz, dass eben Scham schlimmer als Angst sei, ist ja eine Folge der Art und Weise, wie sie aufgewachsen ist. Und darüber kommt sie nicht hinaus.

„Bei den ersten drei Zügen fühlt sich die Welt ganz flauschig an.“ (S. 266)

Und dann ist da auch noch dieser dritte Teil des Romans, mit dem es dann vollends dahin geht: Hier erlebt Hazal die Nacht des Putsches gegen Erdogan. Ohnehin scheitern auch an anderen Stellen die Versuche weitgehend, in den Roman Politik einzubeziehen, da Hazal als Figur das einfach nicht leisten kann, sie macht da auch selbst keinen Hehl daraus: Sie hat sich eben nie für Politik interessiert und versteht darum einiges gar nicht, anderes nur oberflächlich. Entsprechend versteht sie aber auch gar nicht, was während des Putsches vor sich geht – der Hintergrund hat einfach keine erkennbare Funktion für die Handlung, es wirkt so, als habe die Autorin hier noch schnell etwas ganz aktuelles einbeziehen wollen.

Zudem wirkt dieser Teil des Romans dann auch noch wirklich schlampig geschrieben: Der eigene Jargon, der von Aydemir für den Roman entwickelt wurde, funktioniert den Roman über weitestgehend. Da werden Mütter gefickt, Kartoffeln, Kanaken und Fluchtis unterschieden und „Opfer“ und „Muschis“ bemüht. Aber jetzt, im dritten Teil, sind manche Formulierungen einfach schlecht: Da fühlt sich die Welt „flauschig“ an und „das Wasser unter ihm glänzt, als hätte Gül ihr Glitzerpuder draufgekippt“ (S. 250). Und dann noch so abgedroschene Vergleiche wie „das hier so ist, als würde ich in einem Sarg Probe liegen“ (S. 268). Der dritte Teil des Romans, insbesondere die letzten 20 Seiten, sind entweder zu schnell geschrieben oder schlecht lektoriert worden, der Teil fällt aus dem Roman zu sehr raus und liest sich schlicht holprig. Das ist ziemlich schade, denn so ganz unwichtig wäre das Ende vermutlich nicht gewesen.

Wie geschrieben: Ich hätte das Buch gerne an seinen eigenen Maßstäben gemessen, dazu war ich aber leider nicht in der Lage, weil ich nicht weiß, worum es hier gehen soll. Deswegen tut es mir leid, wenn ich eher äußerliche Maßstäbe anlege, die der Sache vielleicht nicht gerecht werden. Fatma Aydemir ist eine tolle Schriftstellerin, ich würde ein Buch, für das sie sich wirklich Zeit gelassen hat und das dann auch ordentlich lektoriert wurde, sehr gerne lesen. Auch „Ellbogen“ kann man ruhig lesen, der mittlere Teil des Romans hat mir wirklich gut gefallen, ich finde – wie oben erwähnt – viele Sachen, die hier erzählt werden, wichtig und gut getroffen. Und ich bin mir sicher, dass der Roman besser ist als das, was einige Leser aus ihm vielleicht machen werden, und vor allem ist der Roman viel, viel besser als sein Klappentext: „Man will Hazal helfen, man will mir ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mir ihr und uns allen weitergeht.“

Aber dieser Klappentext ist eben verräterisch: Hazal wird hier zu einer hilfsbedürftigen Figur erklärt (wie oben gesagt: paternalistisch-mitleidiger Blick), der Figur wird zugemutet, dass sie irgendwas über „uns alle“ zu sagen hätte. Dabei ist sie als Figur eben nicht verallgemeinerbar für „die Frau mit Migrationshintergrund“. Ich bin mir fast sicher, dass Aydemir dieses Ergebnis nicht gewollt hat – was sie gewollt hat, weiß ich ja aber eben leider nicht. Aber es kommt schon nicht von ungefähr, dass der Verlag das auf das Buch schreibt. Der Text selbst macht Hazal zu etwas, was sie als Figur gar nicht sein will: zu einem „Opfer“.

Tijan Sila – Tierchen unlimited

Sila TierchenTijan Sila macht es mit seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ der Leserschaft nicht ganz leicht. Er lässt seinen Erzähler im Teenageralter wegen des Bosnienkrieges aus Sarajevo nach Deutschland fliehen, wo er in Hassloch (wie gut dieser Name ist!) in der Pfalz und später in Heidelberg mit allerlei Problemen zu kämpfen hat. Das alles wird nicht chronologisch erzählt, sondern eher anekdotenhaft-assoziativ, es gibt keine Entwicklung des Protagonisten, dieser wurstelt sich viel mehr einfach immer irgendwie durch, und dann ist das Buch auch noch irgendwie witzig – also, wirklich „irgendwie“, denn das ist zum einen verstörend und zum anderen finde ich Bücher nie witzig, bei mir funktioniert Humor in Büchern einfach nicht, weil ich nämlich gar keinen Humor habe. Aber hier habe ich gelacht. Und mich gleich ein bisschen geschämt, denn: Das ist ja sog. „Migrationsliteratur“, da muss man traurig und betroffen sein, darf man da lachen?

Das Absurde und die Farce

Man muss es sogar, vor allem wenn das Lachen verstörend und nicht erleichternd ist, denn 2017 ist es wirklich allerhöchste Zeit, endlich damit aufzuhören, alle Autoren, die irgendwie biografisch selbst einen sog. Migrationshintergrund haben und dann auch noch irgendwelche Figuren migrieren lassen, in ein- und dieselbe Schublade zu packen, die man dann mitleidig-betroffen anschielt. Und „Tierchen unlimited“ ist deswegen so super, weil es alles kaputt macht: Betroffenheit, Schubladen, „Migrationsliteratur“. Und damit macht es das Buch dem Leser schwer, der erst Mal nicht weiß, was er mit diesem Schlamassel, dass das Buch so anrichtet, anfangen soll.

Dabei wird vermutlich nicht jeder den Humor des Romans lustig finden, weil der Roman natürlich eigentlich weder witzig noch lustig und vor allem – auch das macht es dem Leser schwer – nicht ironisch ist. Ironie könnte man ja noch verorten. Aber der Humor in „Tierchen unlimited“ ist eher grotesk und absurd. Und das zu Recht. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser, der als Jude vor den Nationalsozialisten fliehen musste, schreibt in seiner Autobiographie „Bodenlos“:

„Das Wort ‚absurd‘ bedeutet ursprünglich ‚bodenlos‘, im Sinne von ‚ohne Wurzel‘. Etwa wie eine Pflanze bodenlos ist, wenn man sie pflückt, um sie in eine Vase zu stellen. Blumen auf dem Frühstückstisch sind Beispiele absurden Lebens.“ (S. 9)

(Bitte jetzt keine Debatte um etymologische Wahrheiten, hier geht es um poetische Wahrheit, ihr Schlauschlümpfe.)

Der Verlust der „Heimat“ führt für Flusser zu einer absurden Existenz – und genauso absurd wird die Existenz des Erzählers in „Tierchen unlimited“, allerdings eben nicht erst mit der Flucht, sondern bereits in Sarajevo. „Heimat“ wäre ja missverstanden, wollte man darunter einfach nur einen Ort verstehen, Heimat geht schon dann verloren, wenn der Ort, der Heimat war, keine mehr ist, weil man dort nicht mehr sicher ist, wenn das, was vertraut war, eben entfremdet ist. Schon in Sarajevo wird das Leben absurd, wenn der Erzähler sich, während die Stadt beschossen wird, verstecken muss und dabei weniger Angst um sein Leben als vor der Bestrafung durch die Mutter hat. Das Alltägliche – das Zusammenleben mit der Mutter – wird aus dem Alltag herausgerissen, weil der Alltag selbst nicht mehr existiert, und so entsteht eine absurde Spannung zwischen dem Alltäglichen im Nicht-Alltäglichen. Sila bringt das ja auch in einem Bild auf den Punkt, das mit gutem Grund für den Titel des Romans Pate gestanden hat und das etwas weniger beschaulich ist als das Bild der Blumen auf dem Frühstückstisch:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie vier Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken. Menschen wachen in Sarajevo jeden Morgen mit dem Gedanken auf: ‚Lieber Gott, lass mich heute nicht sterben. Ich bin zu jung. Ich habe Besseres verdient.‘ Aber Tierchen haben keine Vorstellung vom Tod. In ihren Schädeln schwappt die Mischung aus Jetzt und Ewigkeit hin und her. Und kleine Gedanken wie: ‚Gnarf, Gnarf, geiler Katzenkadaver.‘“ (S. 27f.)

Der Verlust der Bäume und damit der Nester führt dazu, dass Eichhörnchen absurde Existenzen führen, sie leben als Ratten in der Kanalisation, sie sind von ihrer eigentlichen Lebensweise entfremdet. Und zu genau so einem Tierchen in Bomberjacke wird der Erzähler durch den Krieg, dann verstärkt noch einmal durch die Flucht nach Deutschland, die er für einen „Gehirnfurz“ (S. 155) seiner Eltern hält – wie ein Tierchen glaubt der Erzähler nicht, dass er in diesem Krieg sterben könnte, obwohl er zahlreiche Leichen gesehen hat, in seinem Kopf gibt es auch nur eine Mischung aus Jetzt und Ewigkeit und vielleicht noch Gedanken wie „Computerspiele“ oder „Comics“. Und diesen Zustand verlässt der Erzähler auch nicht mehr, er entwickelt sich einfach nicht weiter: Die Objekte seiner Begierde verändern sich, irgendwann werden teure Kleidung, eine Rolex und schöne Wohnungen interessant, zuvor weckt die Pubertät aber sein Interesse an Mädchen. Und er hat permanent das Gefühl, für alles, das er tut, schulde das Leben ihm einen Lohn, weswegen er sich in Sarajevo genauso wie in Deutschland eben das nimmt, was er möchte oder braucht. Der Tunnel, durch den er mit seiner Familie flieht, ist eben hier kein Symbol der Wiedergeburt, wie das in anderen literarischen Werken der Fall ist (z.B. im Herzog Ernst B, ja, Hallo, ich habe auch Mediävistik studiert, und ich habe meinen Studienabschluss schließlich nur gemacht, um im Internet schlau daherzureden), auch dieses Symbol wird also kaputtgemacht – die Migration steht eben nicht im Zentrum, weil sie letztlich gar nicht so viel an oder in der Figur verändert.

Und deswegen gibt es in diesem Roman keine Dramaturgie und keine Entwicklung. Und deswegen hat dieser Roman auch eben keine chronologische Struktur, sondern es werden assoziativ Anekdoten aneinandergereiht. Das ist nur konsequent, denn alles wiederholt sich und wird dabei nur noch immer absurder: Der Erzähler flieht ja nicht nur in Sarajevo, um sich vor Angriffen entweder feindlicher Soldaten oder der Nachbarskinder zu verstecken, er flieht ja nicht nur aus Sarajevo, um dem Krieg zu entkommen, er flieht ja auch in Deutschland permanent: Vor Neonazi-Brüdern, mit deren Schwestern er (vielleicht) geschlafen hat, vor Rechtsanwalt-Vätern, mit deren Töchtern er geschlafen hat, vor dem Alzheimer seiner Eltern, vor der Freundin des Rechtsanwaltes, bei dem er eingebrochen ist. Und immer trifft er dabei auf tote Neonazis: In Sarajevo, in Deutschland, überall. Der Erzähler führt eine absurde Existenz, man hat nicht den Eindruck, dass er einen Plan für sein Leben entwirft, vielmehr wurstelt er sich so durch, und Sila erzählt darauf auf eine groteske Art und Weise, die oft wirklich lustig ist, aber auf eine eher verstörende Art. Und wie sollte er auch sonst von einem Krieg, den der Erzähler an einer Stelle als „Genozid“ (S. 120) bezeichnet, und seinen Folgen erzählen? Tragisch? Dürrenmatt, der seine Theorie der Groteske und der Komödie vor dem Hintergrund des durch den deutschen Nationalsozialismus verübten Genozids entwickelt hat, würde das vermutlich verneinen (ich konnte ihn aber leider nicht anrufen und fragen):

„Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. […] Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe […].“

Der Erzähler ist nicht schuld an seiner Situation, und der Erzähler kann sein Leben nur als groteske Komödie erzählen. Und wie in den Komödien Dürrenmatts, in denen oft Figuren entindividualisierte Typen sind, die eben nur für eine bestimmte Funktion – den Polizisten, den Bürgermeister, etc. – stehen, wirken in „Tierchen unlimited“ die Figuren ebenfalls ein Stück weit entindividualisiert. Alle Mädchen haben tote Brüder, die Neonazis waren. Alle reichen Familien scheinen irgendwelche Verbindungen zur RAF zu haben. Alle handlungstragenden Figuren mit Migrationshintergrund sind irgendwie kriminell. Sila spielt mit Klischees, überzieht diese aber völlig und lässt eben dadurch die Handlung grotesk wirken.

Zudem entzieht er damit seine Figuren jeder politischen oder emotionalen Vereinnahmung. Der Erzähler, Sarah, sogar Šemso wirken irgendwie auf eine merkwürdige Art und Weise sympathisch, sind es dabei aber gleichzeitig so wenig – der Erzähler stiehlt, Sarah ist recht brutal, Šemso ist ein Nazi – dass man sich mit keiner Figur identifiziert. Und die Figur des Erzählers entzieht sich jedem politischen Klischee: Er ist weder einfach der bemitleidenswerte, „gute“ Geflüchtete, denn er hat ein recht ordentliches Maß an krimineller Energie, noch ist er eben der „böse“ Geflüchtete, denn zum einen ist es drollig, wie er nebenbei auch Torte stiehlt, und zum anderen rührt die kriminelle Energie ja vor allem doch auch aus einem Kriegstrauma.

So oder so: Indem Sila seinen Erzähler gegen Identifikation, politische Einordnung und Entwicklung wappnet und dann auch noch so absurd erzählt, verwirrt er den Leser ganz ordentlich. Und dann bricht er auch noch die Gattung.

Die Bomberjacke und die 90er

Denn „Tierchen unlimited“ ist ja eben nicht einfach ein Stück sog. „Migrationsliteratur“. Es ist gleichzeitig ein Poproman, wir sind hier mitten in der Popkultur der 90er: Es gibt große Computer mit vielen Kabeln und Disketten, es gibt Computerspiele, Comics und Latzhosen, die Christen tragen, um sich als normal zu tarnen. Und vor allem gibt es: Bomberjacken. Die tragen schon die Eichhörnchen, die tragen die Nazis, und die trägt auch der Erzähler, aber eher zufällig. Wenn „Faserland“ von Kracht das Buch der Barbourjacke ist, ist „Tierchen unlimited“ das Buch der Bomberjacke. Und das ist so ja auch sehr stimmig:

Beides sind typische Jacken der 90er (wenn auch die Barbourjacke natürlich „zeitlos“ ist und daher überlebt hat und die Bomberjacke gerade ein Revival feiert). In den 90ern war sowas eben wirklich wichtig: Barbourjacken haben die reichen Schnösel getragen – nicht umsonst trägt auch in „Tierchen unlimited“ die Freundin eines Rechtsanwaltes eine Barbourjacke – Bomberjacken haben Skins, Neonazis und Punks getragen, wenn diese gerade keine Lederjacke getragen haben. Ich weiß ja nicht, wie das heute in der Jugendkultur so ist, aber in den 90ern, als es noch kein Internet gab und alles furchtbar langweilig war, da gab es eben wirklich an einem optischen Erscheinungsbild unterscheidbare Jugendkulturen, die sich auch wirklich gegenseitig recht aggressiv gegenüber standen, was aber nicht bedeutete, dass die Grenzen nicht trotzdem fließend sein konnten. So grotesk überzeichnet „Tierchen unlimited“ hier auch ist, völlig aus der Luft gegriffen ist es nicht: Es gab nun mal in den 90ern eine gar nicht so kleine Neonazi-Szene, und damals trugen die wirklich noch Bomberjacken und Springerstiefel, nicht Seitenscheitel und Hemd wie heute. Dass es in den 90ern – ähnlich wie heute übrigens – vermutlich ganze Landstriche gegeben hat, wo es halt einfach verdammt viele Nazis gab, ist ja nun auch nicht eben unrealistisch.

Und so, wie die Eichhörnchen eben durch den Verlust ihrer Nester zu Ratten in Bomberjacken werden, rutscht der Erzähler in eine absurde Durchwurstelexistenz und trägt eine Bomberjacke, weil er diese mal irgendwem geklaut und dann eben Jahre lang getragen hat. So einfach ist das.

Brüllen, zertrümmern und weg

Sila macht mit „Tierchen unlimited“ also irgendwie alles kaputt, was man kaputt machen kann: Der Humor ist absurd, grotesk, lustig und trotzdem verstörend. Der Roman entzieht sich der Schublade „Migrationsliteratur“, ist aber auch nicht einfach ein Poproman. Die Figuren passen in kein politisches Weltbild, sie sind sympathisch und gleichzeitig auch nicht, zumindest verweigern sie jede Identifikation. Das Ende schließt keine Handlung ab, es gibt keine Entwicklung und also keine Dramaturgie, sondern nur Assoziation. Und mit all dem muss der Leser irgendwie umgehen, und irgendwie steht man am Ende etwas verlassen da. Das fand ich aber nicht so schlimm, denn ich habe „Tierchen unlimited“ gern gelesen. Ich habe gelacht und war dabei ein bisschen verstört.

Vielleicht bin ich durch das Buch aber auch einfach verrückt geworden.

Jedenfalls möchte ich jetzt gerne eine Ente heiraten (S. 129).

Ha Jin – Verraten

img_3174Ha Jin ist quasi eine literarische Jugendliebe von mir, als ich so 17 oder 18 war, habe ich viele seiner Bücher gelesen und sehr gerne gemocht. Als dann „Verraten“ 2015 erschien, habe ich mich darüber sehr gefreut, es gleich gekauft und dann natürlich ewig lange nicht gelesen. Irgendwas ist ja immer. Aber jetzt habe ich es endlich geschafft.

„Verraten“ ist die Geschichte von Gary Shang und seinen Familien, denn Gary führt gezwungenermaßen ein Doppelleben: Er hat sich in jungen Jahren als Spion für die chinesische kommunistische Partei in die amerikanische Botschaft eingeschlichen, und als sich diese mit dem Sieg der Kommunisten in China erst nach Japan und schließlich nach Nordamerika zurückzieht, geht Shang auf Befehl der Partei mit, um schließlich als wichtiger Spion innerhalb der CIA China zu dienen. Seine chinesische Frau, mit der er, kurz bevor er seine Arbeit in der amerikanischen Botschaft aufgenommen hat, durch seine Eltern verheiratet worden ist, hat er nur wenige Tage lang kennengelernt und dann, trotz einiger Versuche und wiederholter Bitten an die Parteiführung, nie wiedergesehen. Dass sie ihm Zwillinge geboren hat, hat die Partei Shang lange verheimlicht, dafür hat sie ihm empfohlen, in Amerika eine neue Familie zu gründen, was Shang dann auch getan hat. Die Tochter aus dieser Ehe ist die Erzählerin des Romans, die zum einen von ihren Recherchen über ihren Vater und ihrem Leben, zum anderen aber ausgehend von Tagebüchern des Vaters dessen Leben erzählt.

Und so erhält der Leser einen Überblick über die Geschichte Chinas seit den 1950er Jahren bis heute. Man erfährt sowohl von den Kämpfen der kommunistischen Partei, der Kollektivierung und der durch den „Großen Sprung nach vorn“ ausgelösten Hungersnot wie von dem angespannten Verhältnis Chinas zu Sowjetunion und USA wie von aktuellen Problemen Chinas: Belastete Lebensmittel und giftiges Milchpulver kommen hier genauso vor wie die Benachteiligung der chinesischen Landbevölkerung, Korruption und die Kritik junger Chinesen an dem zensierten Internet.

pine2c_plum_and_cranesVon alle dem erzählt Ha Jin in der ihm eigenen, sehr kargen Sprache, die mich immer an die alten chinesischen Gemälde, die man so kennt, erinnert: Mit ein paar klaren Pinselstrichen entstehen in diesen Landschaften, so wie Ha Jin mit ein paar wenigen, ruhigen Worten Geschichten zeichnet. Manche Formulierungen (die ich mir leider nicht notiert habe) sind leider etwas redundant oder schief, wobei man hier vermutlich die Übersetzung zumindest mitverantwortlich machen muss.

Wer einen spannenden Spionageroman oder gar einen Thriller erwartet, kennt Ha Jin nicht: Er entwirft – wie in allen seinem Romanen – Gesellschaftsbilder, dabei geht es weder um Spannung noch um Rührung. Und wie auch in „Warten“ und in „Kriegspack“ zeigt er auch in „Verraten“ vor allem, wie individuelles Lebensglück durch den chinesischen Staat zerstört wird, trotz aller Langmut und aller Redlichkeit der Figuren. „Verraten“ ist vor allem ein Buch, das sich sehr deutlich gegen einen unkritischen chinesischen Patriotismus wendet:

„Sei kein blinder Patriot wie Gary“ (S. 260),

ist der Rat, den die Erzählerin ihrem Neffen gibt – und ist die Botschaft, die Ha Jin durch sein Buch zieht. Gary Shang, zerrissen zwischen zwei Ländern und zwei Familien, hat sein Leben lang loyal und geduldig einem Land gedient, das ihn willentlich ausgenutzt und um sein Lebensglück gebracht hat, das ihn „verraten“ hat. Freiheit und Unabhängigkeit ist in diesem Roman dann auch für junge Chinesen nur zu haben, wenn sie China verlassen und sich von diesem Land lösen. Insofern ist das Buch auch ein Votum für Amerika, seine Freiheit und seinen Individualismus. Hier spiegelt sich vielleicht auch ein bisschen die Biografie des Autors – Ha Jin war ja selbst während der Kulturrevolution Soldat in China und emigrierte später in die USA.

Angesichts der nach wie vor herrschenden Verhältnisse in China, die ja eben auch thematisiert werden, ist „Verraten“ ein gutes, mutiges und wichtiges Buch, das so von Ha Jin wohl kaum hätte veröffentlicht werden können, wenn er noch in China leben würde. Wer sich für die jüngste Geschichte Chinas interessiert und noch keine großen Vorkenntnisse hat, dem sei dieser Roman empfohlen. So gut wie „Warten“ ist es leider nicht, aber trotzdem: Ein gutes Buch, das ich gern gelesen habe. Bei dem ich mir aber fast sicher bin, dass viele es – eben weil es ein sehr ruhiges, nüchternes Buch ist – langweilig finden würden. So habe ich es aber nicht wahrgenommen.

Blogbuster: Leseprobe aus „Air“ von Lukas Vering

blogbuster-logo

Inzwischen sind stehen ja drei Titel für die Longlist des Blogbuster-Preises 2017 fest – der Kaffeehaussitzer hat sich entschieden und heute auch Mareike von Bücherwurmloch – und da Lukas Vering und ich trotzdem vor haben, auf dem Glücksschwein nach vorn zu reiten (ja, stellt euch das ruhig bildlich vor!), hat Lukas Vering nicht nur hier ein handgemaltes Video als Teaser für seinen Roman zur Verfügung gestellt, sondern auch erlaubt, dass ich eine Leseprobe aus dem Roman online stelle.

Hier könnt ihr also in den Anfang des Romans „Air“ von Lukas Vering reinlesen:

LESEPROBE 1

Eine zweite Leseprobe aus der zweiten Hälfte des Romans wird im März kommen.

Und dann reiten wir auf dem Glücksschwein nach vorn!

 

 

 

 

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Blogbuster: „Air“ von Lukas Vering bekäme ein Foto von mir…

blogbuster-logo

… wenn ich Heidi Klum wäre. Abseits der Albernheiten:

Mitte der Achtziger prägte der Soziologe Ulrich Beck den Begriff der „Risikogesellschaft“ für die Gesellschaft, in der wir leben, und die sich durch drei Dinge auszeichnet: 1. Das Verhältnis der Industriegesellschaft zu den Ressourcen, die sie verbraucht; 2. Das Verhältnis der Gesellschaft zu den von ihr erzeugten Gefahren, die die Grundannahmen der bisherigen Gesellschaftsordnung erschüttern; 3. Den Prozess der Individualisierung, da alle kollektiven Sinnquellen erschöpft sind. Unsere Gesellschaft lebt mit Risiken bzw. erzeugt diese überhaupt erst, da die Ressourcen, die wir verbrauchen, endlich sind; da wir selbst Gefahren hervorrufen, die wir eigentlich nicht erzeugen wollen – Beispiele sind die Reaktorunfälle, die die Folge der auf den ersten Blick „sauberen“ Atomenergie sind, oder multiresistente Keime, wenn man inflationär mit Antibiotika um sich schmeißt; und da den Menschen das, was ihrem Leben Sinn gibt, in der Folge von der Herauslösung aus traditionellen Sozialformen, durch die „Entzauberung“ der Welt im Zuge der radikalen Zurückgeworfenheit auf sich selbst als Individuum abhanden gekommen ist. Die Risiken, mit denen wir heute leben, sind in erster Linie durch den Menschen selbst hervorgerufene Risiken, und eben nicht mehr dominant durch die Natur hervorgerufene Risiken. (Ich hoffe, es kommen nicht gleich lauter Soziologen und schimpfen mich, weil ich alles verkürze und schief darstelle.)

Eine Gesellschaft, die genau das (scheinbar) überwunden hat, stellt Lukas Vering in „Air“ vor: Die Menschheit hat sich hier vollständig von der Natur und ihren Ressourcen gelöst, sie kontrolliert sich und ihre Umgebung vollständig, sie schafft sich und ihre Umgebung vollständig selbst. Sie ist nicht mehr auf natürliche Ressourcen angewiesen. Hier ist alles künstlich und unter Kontrolle – sogar die Luft, die die Menschen atmen, ist künstlich.

„Die Luft ist dünn. Sie hinterlässt den sterilen Geschmack von Plastik auf der Zunge. Jeder Atemzug füllt die Lungen mit synthetischem Sauerstoff, der unablässig in die Straßen der Stadt sickert, sie überflutet und ertränkt und sie schon lange, lange wie ein Ozean unter sich begraben hat; der leicht, kaum merklich, nach Plastik schmeckt.“(Lukas Vering: Air, S. 1 – Romananfang)

Das einzige Stück Natur, dass der Menschheit noch gefährlich werden könnte, ist der Ozean – aber der wird durch Beton in Schach gehalten. Die Welt, die Lukas Vering hier bis ins Detail und wahnsinnig geschlossen entwirft, ist eine, die die ersten beiden Aspekte der „Risikogesellschaft“ ausgeschaltet hat. Aber die Menschen haben sich eben nicht verändert – der dritte Aspekt der „Risikogesellschaft“ bleibt. So sicher, komfortabel und kontrolliert das Leben auch immer ist – es gibt immer einzelne, die nach einem Sinn suchen. So ist das bei Ty Redfern427 und bei Pamina, den beiden Hauptfiguren des Romans, der Fall – und bei einigen anderen. Ihnen nimmt die Kontrolle, die kalte Vernunft, mit der alles durchgeplant und organisiert wird, im wahrsten Sinne des Wortes „die Luft zum Atmen“. Und aus dieser Welt suchen sie und andere Figuren im kleinen oder im großen einen Ausweg – mit einem wirklich überraschenden und wie ich finde sehr gelungenen Ende.

Aus diesem Grund, und weil der Roman für mein Empfinden kompositorisch wie sprachlich richtig gut gemacht ist, habe ich mich für „Air“ von Lukas Vering entschieden. Ja, es handelt sich um SciFi und damit um Genre-Literatur und es kann sein, dass die Fachjury den Roman deswegen ganz schnell aussortiert. Für mich ist das aber der Roman, der mich echt beschäftigt und gepackt hat – zugegebenermaßen erst irgendwo zwischen S. 90 und S. 100, davor fand ich ihn „nur“ gut, aber das ist bei einem Roman mit über 500 Seiten auch eher die Regel, dass es eben etwas Anlauf braucht, bis man richtig „drin“ ist. Keine Ahnung, ob die Fachjurymenschen dem Roman überhaupt so viel Zeit geben. Und: „Genre“ heißt ja nicht, dass da nichts Literarisches zu finden wäre: Kompositorisch finde ich das – wie geschrieben – wahnsinnig gut, es gibt selbstverständlich Motive, die sich durch den Roman ziehen (das Bild des Ozeans, das Motiv des Baumes…), und der Roman braucht sich nun sprachlich hinter den Romanen der Gegenwartsliteratur für ein Empfinden nicht zu verstecken. Aber was weiß ich, wie andere das sehen. Kann mir ja aber auch egal sein: Ich habe diesen Roman mit Gewinn und gerne gelesen und bin wirklich froh, dass ich ihn lesen durfte.

Aus diesem Grund: Der Roman, den ich an die Fachjury weitergeben werde, ist „Air“ von Lukas Vering.

Trotzdem möchte ich noch einmal allen AutorInnen danken, die sich beworben haben. Jeder von euch hat ein Buch geschrieben, das würde ich schon gar nicht auf die Reihe kriegen, und dafür habt ihr alle wirklich meinen Respekt. Dankeschön! Und: Schreibt bitte weiter!

Und auch, wenn ich an anderer Stelle schon einmal dafür geschimpft wurde, dass ich Autorennamen genannt habe (ich nenne deswegen auch keine weiteren mehr), ich möchte die SchriftstellerInnen, die ich in meinem letzten Blogbeitrag zum Blogbuster ohnehin schon genannt habe, hier nochmal nennen, weil ich mir wünschen würde, dass ihr als geschätzte Leser denen, wenn sie euch mal unterkommen, eine Chance gebt:

Das ist Felix Wieduwilt, der mit „Urteil ohne Gott“ einen philosophischen, angesichts neuester medizinischer und technischer Entwicklungen sehr aktuellen Roman geschrieben hat, der die Frage stellt, wo die Grenze zwischen Mensch und Roboter verläuft. Da ist Johanna Kindermann, die mit „Zwei Königinnen“ das schon aus der Romantik bekannte Doppelgänger-Motiv aktualisiert, die Frage nach dem, was Identität ausmacht, diskutiert, und das alles mit der Geschichte von Maria Stuart und Elisabeth I. verbindet. Da ist Tessa Schwartz, die in „Gewaltlos“ von zwei Frauen erzählt, die in einer Welt der Zukunft um so etwas wie ein bisschen Glück, wenigstens aber doch um so etwas wie eine Normalität ringen.

Und gesondert erwähnen möchte ich noch einmal Elyseo da Silva mit „Mosaik der verlorenen Zeit“, weil sein Buch ja eben schon im Selfpublishing erschienen ist. Ich verstehe beim besten Willen nicht, warum dieser Roman keinen Verlag hat – Leute, die Carlos Ruiz Zafon mögen, sollten hier mal einen Blick riskieren. Das ist wirklich ein gut gemachter Roman, der ja auch seinen Lesern durchaus etwas zu geben scheint, wie man daran sieht, dass er (eben ohne Verlag und Marketing) beim lovelybooks-Preis in der Kategorie „Historischer Roman“ Platz 16 von 35 gemacht hat und auf Amazon von 25 Rezensionen 22 5-Sterne-Rezensionen sind. Ich denke, das ist ein Roman, der für viele wirklich funktioniert, und würde mir wirklich wünschen, dass irgendein Verlag das endlich macht.

Trotz allem: Aus den oben ausgeführten Gründen, habe ich mich für „Air“ von Lukas Vering entschieden, und freue mich wirklich darüber, dass ich diesen Roman zugeschickt bekommen habe.