Wo geht es hier zur wirklich wirklichen Wirklichkeit? (Philipp Winkler – Creep; Berit Glanz – Automaton)

Noch vor gar nicht langer Zeit, etwa 2019, als auch Berit Glanz ihren ersten Roman „Pixeltänzer“ veröffentlicht hat, kam das Internet in der Gegenwartsliteratur kaum vor, die Verwendung von Kommunikationsformen des Internets (etwa in Senthuran Varatharajahs „Vor der Zunahme der Zeichen“) oder von digitalen Techniken (etwa in Clemens Setz „Bot“ oder in der digitalen Lyrik z.B. von Hannes Bajohr) waren eher avantgardistische Ausnahmefälle. „Pixeltänzer“ von Berit Glanz war damals auch deswegen so innovativ, weil der Roman versucht hat, tatsächlich unterschiedliche Zeitebenen sowie analoge und digitale Realität zu verbinden, zum Roman gibt es Seiten im Internet, der analoge Leseprozess lässt sich mit einer digitalen Ebene verbinden.

Seit 2019 sind zunehmend Romane erschienen, in denen das Internet eine Rolle spielt und fest zur Lebenswelt der Figuren gehört. Figuren googeln inzwischen und schreiben einander über Messengerdienste, sie spielen Computerspiele, machen illegale Sachen im Darknet. Auch dieses Jahr gibt es eine Vielzahl an Veröffentlichungen, in denen das Internet als Teil der Lebensrealität eine so zentrale Rolle spielt, wie es in unserer ganz wirklichen Wirklichkeit (hehehe) auch der Fall ist: Etwa „Connect“ von Thea Mengeler, ein Roman über eine achtsame offline-Sekte, oder die beiden Romane „Creep“ von Philipp Winkler und „Automaton“ von Berit Glanz, die beide im Grunde von der aufgelösten Grenze zwischen analoger und digitaler Welt erzählen.

Beide Romane zeigen, was zumindest diejenigen, die das Internet und Social Media als Bestandteil ihres Alltags kennen, längst wissen, was aber nach wie vor nicht Allgemeingut zu sein scheint: Es gibt nicht eine analoge Realität, der irgendein digitaler Raum gegenübersteht, der nicht zur Realität gehört. Vielmehr sind „online“ und „offline“ hier längst Teil ein und derselben Realität, die Trennung funktioniert gar nicht mehr, führt vielmehr zu neuen Konflikten oder wird als Trennung so gar nicht mehr angestrebt.

Philipp Winkler – Creep

Dass sich Realität nicht einfach so in „online“ und „offline“ aufspalten lässt, erzählt Philipp Winkler in seinem Roman „Creep“ anhand von zwei abwechselnd erzählten Handlungssträngen um Fanni und Junya.

Fanni lebt in Deutschland und arbeitet im Team „Research & Development“ für die Firma BELL, die Überwachungskameras herstellt und vertreibt. Mit „Forschung und Entwicklung“ hat ihr Arbeitsalltag aber nur sehr bedingt zu tun, vielmehr trainieren sie und ihre Kolleg*innen den Algorithmus der Firma, indem sie Gegenstände, die in den Videoaufnahmen zu sehen sind, markieren und mit Begriffen versehen, beispielsweise Autos, Menschen, Tiere. Die Monotonie der Arbeit stört Fanni nicht, im Gegenteil: Sie strebt insgesamt in ihrem Leben nach einem strikten Minimalismus, pflegt so wenig Sozialkontakte wie möglich, ernährt sich von Ready to Eat-Mahlzeiten für Militäreinheiten, behandelt sich selbst wie eine Maschine, die gewartet und optimiert werden muss:

„Als sie wieder mal auf der Suche nach einer Erklärung oder einer Bezeichnung für sich selbst war, stieß Fanni in einem Post im agender-Subreddit zum ersten Mal auf die Bezeichnung Meat-Prison und verstand mit diesem Begriff die Entkoppelung von sich und ihrem Körper, die sie schon eine gefühlte Ewigkeit gespürt hatte, sofort um einiges besser.“ (S. 49)

Man merkt hier bereits: Für Fanni sind online und offline keine getrennten Bereiche, sondern die online-Welt hilft Fanni, die offline-Welt zu erklären und zu ertragen. Das online-Leben scheint ihr kontrollierbar, eine bessere Version des offline-Lebens:

„Zu harmloser Zweidimensionalität glatt gebügelt und auf einen einzigen leicht zu managenden Sinn reduziert. Das Leben, befreit vom Minenfeld der Interaktion. Von emotionaler Aufladung, von Erwartung und Haltung gereinigt. Alle Pitfalls aufgeschüttet und begradigt.“ (S. 16)

Alles, was ihr etwas bedeutet, so heißt es im Roman über Fanni, existiert in digitaler Form.

Doch ihre online-Erfahrungen machen es für Fanni nicht nur leichter, sich offline zu bewegen, sich die Welt zu erklären. Sie machen es für sie auch schwerer: Bewegt sich Fanni etwa beim Joggen, auf dem Nachhauseweg oder auf dem Weg zu ihren Eltern durch die analoge Welt, sieht sie diese immer durch die Brille von Bildern, die sie online gesehen hat. Der Schatten eines zerquetschten Insekts am Haltestellenhäuschen erinnert sie an einen Subreddit mit schwarzen Umrissen von Personen, die sich im Explosionsradius der Atombombe von Hiroshima befunden hatten. Bei Menschenansammlungen rechnet sie mit einem Amoklauf. Es gibt praktisch keine offline-Situation, die nicht durch eine (durchaus in der Regel: traumatisierende) online-Situation gesehen wird. Fanni weiß, dass diese Bilder im Netz existieren, sie weiß, was sie mit den Menschen machen, die sie gesehen haben – sie stiehlt Daten von Kund*innen ihres Arbeitsgebers BELL und verkauft diese Daten im Darknet, das so verdiente Geld spendet sie an eine Supportgruppe für philippinische Social Media Content Moderatoren, die diesen etwa Therapiestunden finanziert. Denn sie selbst arbeitet für BELL und damit für

„genau jene Art von Unternehmen, für die Social Media Content Moderators auf den Philippinen und in anderen vornehmlich fernöstlichen Ländern, wo sie oftmals keine Aussicht auf einen anderen Beruf haben, unter sklavischen Arbeitsbedingungen und ohne die geringste Form von psychologischer Vorbereitung oder Betreuung die Social Media-Plattformen clean halten müssen.“ (S. 106)

Diese Social Media Content Moderatoren fischen also all die Inhalte aus den sozialen Netzwerken, die etwa offene und brutale Gewalt zeigen. Ein Job mit traumatisierenden Folgen, die auch in „Automaton“ von Berit Glanz eine Rolle spielen werden.

In „Creep“ von Philipp Winkler gibt es aber noch einen zweiten Handlungsstrang, der genau mit jemandem aus dem Personenkreis zusammenhängt, der Content ins Internet stellt, den Social Media Content Moderatoren aussortieren müssten. Allerdings stellt Junya, ein junger Mann aus Japan, seine Videos nur ins Darknet.

Junya, der in seiner Schulzeit heftiges Mobbing erlebt und mit seinen Videos wiederholt Ablehnung durch die Tokioter Kunsthochschule erlebt hat, ekelt sich in ganz anderer Weise vor sich selbst als Fanni: Fanni lehnt ihren Körper ab. Junya dagegen ekelt sich umfassend vor sich selbst und allen anderen Menschen, blickt er auf seine Hand, die die Computermaus hält, sieht er statt seiner Finger die Beine einer Vogelspinne. Er zieht sich vollständig in sein Kinderzimmer in seinem Elternhaus zurück, lehnt Kontakt zu seiner Mutter, die er verachtet und deren Krankheitszeichen er ignoriert, vollständig ab, pflegt auch zu sonst niemandem Kontakt. Ein bis zweimal im Jahr lässt er sich von einem Freund der Familie breitschlagen, zu einem Treffen einer Selbsthilfegruppe von Hikikomori (also Personen, die sich selbst isolieren) zu gehen. Aber im Gegensatz zu den anderen jungen Männern in dieser Gruppe, die versuchen, Kontakt zueinander aufzubauen, verachtet Junya alle anwesenden, auch sich selbst:

„Beide, alle hier Versammelten, sind nicht weiter als menschlicher Dreck. Er ist keinen Deut besser als der schnaubende fette Idiot vor ihm. Keiner von ihnen.“ (S. 47)

Junyas „Kunst“, so sieht er seine Videos zumindest, speist sich aus diesen Erfahrungen, aus diesen Komplexen, aus diesem Ekel: Während sein Umfeld davon ausgeht, dass er sein Zimmer nie verlässt, schleicht er sich in einzelnen Nächten aus dem Haus, bricht verkleidet in die Häuser von Lehrern ein, schlägt auf seine schlafenden Opfer mit einem Holzhammer ein, filmt seine Tat und stellt sie später ins Darknet. In dem Forum, das er dafür nutzt, hat er einen gewissen Status und Anerkennung erreicht, andere Nutzer, die eine ähnliche „Kunst“ betreiben oder betreiben wollen, gratulieren ihm zu seinen Videos. Hier ist er jemand, ein Künstler.

Für Fanni wie Junya ist also die offline-Welt ein schwieriger Bereich: Soziale Interaktionen meiden sie ganz, zu ihrer Familie haben sie keinen Bezug. Während Junya seine Mutter jedoch regelrecht verachtet, mehrfach darüber nachdenkt, auch ihr den Schädel einzuschlagen, kann Fanni nur keinen Bezug zu ihren Eltern herstellen, als lebten sie in einer anderen Welt – es gibt keine gelingende Verständigung zwischen ihnen. Dieses Kontaktdefizit zeigt sich auch in der Sprache des Romans, Fanni nutzt eine Sprache, die ihre Eltern gar nicht verstehen können, die auch die Person, die den Roman liest, vermutlich in vielen Fällen nicht bis ins Detail nachvollziehen kann, weil sie voller Internet-Jargon und technischer Begriffe ist. Das liest sich manchmal auch ein bisschen albern, etwa an Stellen wie diesen, an der sich Fanni über ihren Teamleiter ärgert:

„Ständig scharzwenzelte er um ihr Cubicle herum und presste seine Ü40-Pecs in ihr Sichtfeld. Wahrscheinlich war er auch noch der Meinung gewesen, sich dabei subtle AF zu verhalten.“ (S. 71)

Das ist manchmal nervig, liest sich manchmal schrägt, ist aber ästhetisch notwendig: Fanni lebt in ihrer Welt, sie hat ihre Sprache – eine Sprache für Eingeweihte, die Jugendfreundinnen und Familienmitglieder nicht teilen und an der auch Leser*innen merken: Das hier ist eine eigene Welt. Dies trifft in gewissen Grad auch auf Junya zu, ist aber anders ausgeprägt, hier gibt es auch technische Begriffe, zudem japanische Begriffe, insgesamt aber weniger Jargon.

Die online-Welt ist dagegen für beide Figuren ein Ort der Sicherheit, der Kontrolle, der Selbstverwirklichung. Hier findet Junya die Bestätigung als Künstler, die ihm die Kunsthochschule verweigert, hier findet Fanni eine Ersatzfamilie, der sie sich anschließt: Über die BELL-Kameras beobachtet sie die Familie Naumann, zu der sie eine emotionale Bindung aufbaut. Sie schaut der Familie im Alltag zu, isst zeitgleich mit ihr, nimmt am Leben der Familienmitglieder Anteil, ohne dass diese davon wüssten.

Zumindest so lange, bis Philipp Winkler seine beiden Figuren der offline-Realität aussetzt und damit die Grenzen von online und offline zusätzlich durcheinanderbringt: Junya wird aus seinem Kinderzimmer vertrieben und muss sich tagelang alleine in der offline-Realität durchschlagen, er wird aufgrund seiner Taten polizeilich gesucht und schließlich wird ihm gerade die Identität gestohlen, die er sich online so mühevoll aufgebaut hat. Ein kontrolliertes online-Leben, das auf die offline-Realität verzichtet, ist nicht möglich, die analoge Welt bricht in die digitale ein, beide verschmelzen, Junya bleibt nur ein Ausweg, um seine Identität zurückzugewinnen.

Nicht anders ergeht es Fanni, auch wenn in deren Leben online und offline nie so strikt getrennt waren wie im Leben von Junya: Als sie bemerkt, dass die Daten, die sie im Darknet verkauft, in die falschen Hände geraten sind, verlässt sie ihren digitalen Rückzugsraum, um in die analoge Welt einzugreifen (so, wie sie es zuvor in gewisser Weise schon durch ihre Robin-Hood-artigen Spenden getan hat). Als sie ihre Wahlfamilie, die Naumanns, zu verlieren droht, wird ihr deutlich, dass sie doch nicht alles, was ihr wichtig ist, digital besitzt. Sie muss ihre Komfortzone verlassen.

Keine der beiden Figuren kann offline- und online-Realität trennen. Keine der beiden Welten ist eine heile Welt. Traumata stammen aus dem offline-Schulleben ebenso wie aus der online-Social-Media-Welt. Verbrechen gibt es online wie offline. Hilfsbereitschaft bis hin zur Bereitschaft, sich selbst dabei aufs Spiel zu setzen, aber ebenso.

„Creep“ ist ein wirklich guter, atmosphärisch düsterer Roman, der ein Fenster zu einer Welt aufmacht, die mir zumindest bislang weitgehend verschlossen war: zum Darknet und seinen Subkulturen. Man muss sich dabei auf die Sprache einlassen können, was aber nicht schwerfällt, wenn man ihre Notwendigkeit verstanden hat (außerdem ist der Roman ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es überhaupt nicht auffällt, wenn in literarische Sprache gendergerechte Sprache eingebunden wird). Ein bisschen störender ist dagegen, dass man beim Lesen mitunter den Eindruck hat, dass der Roman hier und da schon als Vorlage für ein Drehbuch geschrieben ist, da rumpelt es im Aufbau etwa zwischen Exposition und erregendem Moment, das Gerüst, nach dem der Roman aufgebaut ist, ist hier schon sehr deutlich durch die Handlung hindurchzulesen. An einzelnen Stellen im Handlungsstrang um Junya liest sich der Roman auch ein wenig trashig und klischiert – vielleicht habe ich hier aber auch einfach den Humor dieser Passagen nur nicht erfasst, manches erinnert hier ein wenig an Tarantino-Filme und die sind ohnehin nicht so mein Ding. Andere mögen das mögen.

All das wird also sowieso viele nicht stören, und auch wenn es jemanden (wie mich) ein wenig stört, dann bleibt das doch trotzdem ein thematisch spannender Roman mit wirklich bemerkenswert konzipierten und gezeichneten Figuren, durch deren Augen man über 340 Seiten eine Welt sieht, die man so sonst nicht gesehen hätte (und die man dann ganz gern auch wieder verlässt). Und das ist doch schon wirklich lesenswert.

Berit Glanz – Automaton

Ein Fenster zur Welt macht auch „Automaton“ von Berit Glanz auf, denn schon der Klappentext rückt den Roman explizit in die Nachfolge von Alfred Hitchcocks Film „Das Fenster zum Hof“ und auch der Roman selbst tut das.

Tiff, die Protagonistin des Romans, macht dabei parallel gleich zwei Fenster auf und räumt vor ihnen auf: Zum einen das Fenster zum Innenhof ihrer Wohnung, der voller Müll ist und entsprechend stinkt. Hier räumt Tiff auf und pflanzt stattdessen Blumenbete und schafft einen Ort, an dem sie zusammen mit Nachbarn Gemeinschaft erleben kann.

Parallel dazu macht Tiff ein virtuelles Fenster auf: Denn Tiff ist gewissermaßen eine Kollegin von Fanni aus Philipp Winklers „Creep“, nur in einem etwas anderem Kontext. Tiff ist wie andere „Automatons“ Klickworkerin für eine Plattform, erledigt also einfache und meist kurzfristige online-Arbeitsaufträge, die schlecht bezahlt werden. Zusammen mit ein paar anderen Arbeitern der Plattform ergattert sie schließlich einen etwas längerfristigen Auftrag: Sie muss Bilder einer Überwachungskamera auswerten, Aktivitäten, die in den Videos zu sehen sind, markieren und registrieren. Ihre Tätigkeit wird als Tätigkeit einer künstlichen Intelligenz ausgegeben, vermutlich trainiert sie mit ihrer Tätigkeit zusätzlich diese künstliche Intelligenz. Im Grunde macht sie also dasselbe wie Fanni aus „Creep“. Im Rahmen dieser Arbeit, bei der Tiff eben Videos einer Überwachungskamera auswertet, öffnet sie nun das zweite, das virtuelle Fenster: Sie beobachtet durch die Kamera mit ihren Kollegen immer wieder einen obdachlosen Mann an seinem Schlafplatz, der seinem Hund vorliest. Als dieser Mann plötzlich verschwindet, macht Tiff sich Sorgen – zusammen mit ihren Kollegen und Freunden beschließt sie, nach ihm zu suchen. Damit ist „Automaton“ also ein Stück weit ein kriminalistischer Roman: Es gibt einen Fall, der aufgedeckt werden soll. (Übrigens: Auch in „Creep“ von Winkler gibt es ähnliches soziales Engagement der Mitarbeiter der Firma BELL, diese werden etwa, auch wenn sie damit ihren Job riskieren, aktiv, wenn sie über die Überwachungskameras häusliche Gewalt beobachten.) Es ist auch ein Roman über das Beobachten und das Überwachen: Ständig beobachten hier Figuren einander oder werden beobachtet, voneinander, von Tauben, von Kameras.

Daneben ist es aber auch ein Roman über Gemeinschaft, Arbeit und Solidarität online und offline und ein Roman über das Ineinanderwirken von online und offline. Im Gegensatz zu Fanni aus „Creep“ ist Tiff prekär beschäftigt, sie ist nicht bei einer Firma fest angestellt. Und nicht nur sie lebt entsprechend in permanenter Geldnot, sondern auch ihre anderen Kollegen auf der Plattform.

„Während der Jobs kann sie immer mit Nik78 sprechen, zwischen ihnen beträgt der Zeitunterschied nur eine Stunde. Die Chats mit Nik sind für sie wie eine Belohnung nach besonders langweiligen Autobs, und zu wissen, dass Nik auf sie wartet, hilft ihr, nicht einzuschlafen […]. Die Geldnot und das Wissen, dass die anderen Automatons sich sorgen, wenn sie sich abends nicht einloggt, bringen sie fast immer dazu, doch noch aus dem Zimmer zu schleichen und sich vor die Tastatur zu setzen.“ (S. 39)

Parallelgeführt wird dies mit einem weiteren Handlungsstrang um Stella, die – anders als Tiff, die in Deutschland verortet ist – in Amerika lebt und dort für eine Suppenküche für Obdachlose arbeitet. Stella hat eine Vergangenheit als Saisonarbeiterin hinter sich. Immer wieder wird aus dieser Zeit erzählt: Die Arbeiter*innen aus diesem Kontext leiden genauso unter Geldnot wie die Automatons, zwischen ihnen gelingt mitunter Solidarität und wechselseitige Unterstützung, mitunter nicht. Denn die Saisonarbeiter helfen einander nicht nur, sondern vereinzelt bestehlen sie einander auch. Und ebenso gibt es in der digitalisierten Welt nicht nur gelingende Solidarität: Zwar helfen die Automatons bei der Suche nach dem Obdachlosen, zwar hat Tiff unter den Automatons Freunde, die zu ihrem sozialen Netz gehören – in ihrer Vergangenheit, in einem anderen Job, ist diese Solidarität nicht gelungen.

Denn Tiff hat vor ihrer Zeit als Automaton als Social Media Content Manager gearbeitet – genau der Job also, dessen fatale psychische Folgen auch in „Creep“ von Winkler angesprochen werden. Und wie die dort kurz angesprochenen philippinischen Arbeiter*innen, so hat auch Tiff unter dieser Arbeit extrem gelitten und leidet weiterhin darunter: Tiff hat aufgrund der Dinge, die sie sehen und bearbeiten musste, Panikattacken, die es ihr in der Erzählgegenwart des Romans unmöglich machen, einer anderen, besser bezahlten Arbeit nachzugehen als den benannten Klickworkaufträgen. Gleich zu Beginn des Romans heißt es über das Innere von Tiffs Kopf:

„Jetzt ist dort nichts Außergewöhnliches mehr, nur tote Katzen, zerquetschte Hamster, gequälte Kinder, Blut, Tod und Folter und viel zu viele mit Benzin in Brand gesteckte Dinge.“ (S. 7)

Im Zusammenhang dieses Beschäftigungsverhältnisses als Social Media Content Manager hat sich keine Solidarität entwickelt, weder ist Tiff gewarnt worden, noch hat sie größere Versuche unternommen, andere zu warnen – einmal hat sie eine junge Mitarbeiterin zu warnen versucht, allerdings wenig erfolgreich.

Damit zeigt der Roman aber auch, welche Bedingungen herrschen können und müssen, damit Solidarität entsteht – und zu diesen Bedingungen gehört nicht unbedingt räumliche Nähe. Weder die Saisonarbeiter sind durchgehend solidarisch, noch sind es die Social Media Content Manager trotz ihres gemeinsamen Arbeitsplatzes in einem Großraumbüro, was auch an versetzten Pausenzeiten liegt. Solidarität gelingt aber unter den Automatons, obwohl sich diese in der analogen Welt nicht kennen und obwohl diese an unterschiedlichen Orten leben: Weil sie über ein Forum und Chats die Möglichkeit zu Kommunikation haben. Vernetzung schafft Solidarität, und also kann das Internet als Medium kommunikativer Vernetzung ein Werkzeug nicht nur der Schwarmintelligenz, die gemeinsam mehr weiß und sieht, sondern vor allem auch der Solidarität sein. Freilich: Zu einem solidarischen Arbeitskampf gegen die prekären Arbeitsbedingungen kommt es deswegen nicht. Der Zusammenhalt hilft aber, das Schlechte auszuhalten (das dürfte für marxistische Leser*innen ein fataler Fehler des Romans sein, aber wen kümmert‘s).

Und so kann die online-Welt, die sich auf die Suche nach einem ganz analogen Obdachlosen macht und in der eine junge Frau in ihrer Lebenssituation Freundschaft und Verständnis erfährt, in die offline-Welt hineinwirken.

Tiff erfährt allerdings, der Vollständigkeit halber, nicht nur online Hilfe und Solidarität. Sie räumt eben nicht nur vor dem virtuellen Fenster auf, sondern auch vor dem analogen – und zu dem analogen Fenster gehört auch eine Nachbarschaft, die sie offline in ihrer Rolle als alleinerziehender Mutter unterstützt (und bei ihrer virtuellen Arbeit hilft).

Thematisch ist also „Automaton“ von Berit Glanz, wie man schon sieht, ein recht vielschichtiger Roman, es geht um prekäre Arbeitsverhältnisse online und offline, es geht um Solidarität, um Mutterschaft unter erschwerten Bedingungen, um positive und negative Seiten des Internets und die nicht ausmachbare Grenze zwischen online- und offline-Realität: Beides greift hier ineinander.

Der Roman ist sehr Plot-getrieben, es geht hier eher nicht um formale oder sprachliche Purzelbäume, sondern eben um eine spannende Handlung. Das ist legitim, schade ist aber doch, dass keiner der Handlungsstränge und in den Chatpassagen keine der Figuren eine eigene Sprache entwickelt, man kann zwar unterschiedliche Figurenkonzeptionen an unterschiedlichen Reaktionsmustern erkennen, aber sprachlich ist hier alles einheitlich. Zudem hakt die Spannungserzeugung über den Plot, weil doch recht offensichtlich ist (wer denkt, dass für sie/ihn das Folgende vielleicht nicht offensichtlich, sondern ein Spoiler sein könnte, sollte den Rest des Absatzes überspringen), warum der Handlungsstrang um Stella und ihre Suppenküche in den Roman eingebunden ist, hier ist recht vorhersehbar, wie die beiden Handlungsstränge zusammengehören und welches Ende es allein sinnvoll macht, diesen zweiten Handlungsstrang einzuführen, im Grunde ahnt man also schon mit Beginn der Suche nach dem Obdachlosen, wohin die Suche führt und dass es wenig Sinn ergeben wird, dazu extra einen Handlungsstrang einzuführen, wenn der dann nur ins Nichts führt. Man liest den Roman trotzdem gerne weiter, weil die Figuren gut und durch nette Detailbeobachtungen gezeichnet sind, man folgt ihnen gerne, außerdem lernt man allerlei Abseitiges.

Es ist ein sehr zugänglicher, gut unterhaltender Roman, in dem man viel Neues lernt, ohne dass es das Lesen erschwert – und es ist schwer genug, so zu schreiben, denn hinter allem, was leicht wirkt, steckt bekanntlich große Arbeit. Hier wird durchaus mit Motiven, mit parallelen Erzählebenen gearbeitet, aber eben ohne dass der Roman das als großes „Seht her, ich will Literatur mit ganz großem L sein“-Schild vor sich hintragen würde.

Würde ich einer/einem Bekannten, die/der in seiner Freizeit gerne gute Schmöker wegschmökert (hehehe), einen Roman über das Internet mit seinen guten wie schlechten Seiten empfehlen wollen, ich würde ihr/ihm „Automaton“ von Berit Glanz empfehlen. Würde ich selbst noch einmal eines der beiden Bücher, über die ich hier geschrieben habe, lesen wollen, wäre es „Creep“ von Philipp Winkler, weil ich hier die literarische Umsetzung spannender finde. Meinem Opa oder meiner Oma könnte ich „Creep“ dagegen wohl eher nicht empfehlen, weil dieser Roman einfach weniger zugänglich, man muss etwas mehr Vorwissen mitbringen und mehr Willen dazu, sich auf den Text einzulassen, und weil er expliziter ist (außerdem sind beide schon tot).

Beide Romane erzählen also in einer ganz spannenden Schnittmenge von ähnlichen Themen, beide Romane wollen aber unterschiedliche Dinge, richten sich damit an ein unterschiedliches Publikum und beide Romane bedienen auf ihre Weise ihr Publikum wirklich gut, auch wenn ich hier und da ein bisschen zu meckern habe. Und vielleicht war das an den beiden Romanen für mich neben all ihren Themen und deren Umsetzung das spannendste: Zu sehen, wie unterschiedlich man über ähnliche Themen und Fragestellungen, ja sogar im Einzelnen ähnliche Beobachtungen an Figuren schreiben kann.

[Beitragsbild von NeONBRAND auf unsplash.com]


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