Iris Blauensteiner – Atemhaut

Charlie Chaplin hat im ersten Teil von „Modern Times“ nur eine Aufgabe: Er muss Schrauben anziehen. Die monotone Bewegung am Fließband lässt ihn zu einem Teil der Maschine werden, an der er arbeitet – und er wird verrückt dabei. Zunächst erleidet er Koordinations- und Bewegungsstörungen, dann soll er auch noch in der Mittagspause durch einen Automaten gefüttert werden, soll also auch noch in der Pause zur Maschine werden, und schließlich wird er ganz von der Maschine, an der er arbeitet, verschlungen. Er ist Teil der Maschine geworden – und muss daraufhin in psychiatrische Behandlung. „Modern Times“ ist, wenn man so will, die filmische Version der marxistischen Kritik an Entfremdung durch Arbeit: Der Mensch zerbricht hier innerlich an der Unterordnung unter die maschinengesteuerte Arbeit.

In „Atemhaut“ von Iris Blauensteiner dagegen leidet zwar der Mensch durchaus unter der körperlichen Belastung durch die maschinengesteuerte Arbeit, innerlich zerbricht er aber erst, wenn er aus diesem Kontext, also aus der Maschine herausgelöst wird. Es geht hier nicht mehr um eine Kritik an der zunehmend durchrationalisierten Arbeitswelt, es ist kein politischer Roman.

Überwiegend in der Du-Perspektive schreibt Blauensteiner in „Atemhaut“ über Edin, einen jungen Mann Anfang 20, der eine Ausbildung zum Lagerarbeiter gemacht hat und nun seit zwei Jahren motiviert und voll Stolz auf seine körperliche Leistungsfähigkeit seiner Arbeit im Lagerhaus eines Versandhandels nachgeht. Er empfindet sich als Teil der großen Lagermaschinerie, zieht Selbstbewusstsein daraus, gut in ihr zu funktionieren.

„Das ist dein Raum. Der Raum ist Teil von dir. Das ist dein Körper. Dein Körper gehört zur Maschine. Du empfindest deine Struktur darin deutlich. Die Maschine arbeitet, Tag für Tag.“ (S. 9)

Und auch in seiner Freizeit ist er Teil einer Maschine: Zusammen mit seiner Freundin Vanessa, die ebenfalls im Lager des Versandhauses arbeitet, spielt er Computerspiele, als Wölfe töten sie Zombies.

Edin ist zufrieden, malt sich eine bescheidene Zukunft mit Vanessa aus, fühlt sich wohl als Teil der Maschine. Er leidet nur darunter, dass sein Körper der Belastung beim Heben schwerer Pakete nicht mehr gewachsen zu sein scheint. Er wird zum Störfaktor, arbeitet immer langsamer, Kollegen müssen ihn unterstützen. Schließlich fällt sein Arbeitsplatz der zunehmenden Digitalisierung zum Opfer – der Roman ist in den späten 90er Jahren verortet, der Internethandel blüht auf, immer mehr Arbeitsplätze in den Lagerhallen können durch Maschinen und Computersysteme ersetzt werden. Edin verliert seinen Beruf.

Und erst damit, mit der Trennung von der Maschine, gerät sein Leben aus dem Takt, Edin verliert ohne die Maschine seine Identität.

„Es ist, als hättest du plötzlich vergessen, wer du die vergangenen Jahre, wer du gestern, wer du vor einigen Stunden noch gewesen bist.“ (S. 37)

Er gerät in eine Lebenskrise, fühlt sich erdrückt von seinen eigenen Erwartungen, von den Erwartungen seiner Eltern, die als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind und sich soziale Sicherheit und Aufstieg für ihren Sohn wünschen, vom Jobcenter, hat Angst, seine Freundin zu verlieren, die gleichzeitig zu seinem Jobverlust in demselben Unternehmen aufgestiegen ist. Die Beziehung wird zunehmend belastet.

„Atemhaut“ ist ein Roman über die Arbeitslosigkeit und ihre Folgen für Menschen in einer Gesellschaft, die Menschen vor allem aufgrund ihrer beruflichen Leistung einen Wert zuspricht. Es ist aber auch ein Roman über Männlichkeitsideale, über Arbeiter und Klassismus. Und es ist eine Liebesgeschichte.

Die eigentliche Hauptrolle in „Atemhaut“ hat aber im Grunde nicht Edin, haben auch nicht die Themen, die die Handlung anspricht, sondern die Hauptrolle hat die formale Gestaltung des Romans. Es ist eben kein politischer Roman, trotz seiner Themen, auch keiner, der primär etwas erzählen will, was nie erzählt worden wäre, sondern einer, dem es um die Form des Erzählens selbst geht. Der Roman ist in einer stark rhythmisierten Sprache und eben mehrheitlich in der Du-Perspektive geschrieben, die die Entfremdung des Protagonisten zeigt, der von sich selbst als „Du“ erzählt.

„Du stotterst, weißt die Antwort nicht. Du bist durchsichtig, das Rückgrat liegt blank. Jeder kann dein Innerstes sehen und wer will, ist frei, es zu zerbrechen.“ (S. 31)

Erst am Ende – so viel darf man hier vielleicht spoilern – findet Edin, erneut durch eine Verbindung zu einer Maschine, zu sich selbst zurück, der Roman wechselt in die Ich-Perspektive.

Die einzelnen Teile des Romans, im Grunde die unterschiedlichen Welten, durch die Edin sich bewegt – die Lagerhalle, das Computerspiel, seine Wohnung – sind durch zahlreiche Metaphern und Motive verbunden. Im Grunde steht hier jede der Welten auch für die anderen Welten, das Computerspiel und das Lager sind Parallelwelten, das ganze Leben besteht aus Levels, die Realität des Spiels, das Edin spielt, und die analoge Realität sind für ihn so verschwommen, dass er sich immer wieder durch einen Blick auf seine Hände orientieren muss, in welcher Welt er sich befindet. „Hände“ sind ein zentrales Motiv in diesem Roman, sie sind Werkzeug, Orientierung, Verbindungsmöglichkeit.

„Diese Hände, denen du dein Leben anvertraust, die für dich handeln, in jeder Situation, deine Werkzeuge, dein Können.“ (S. 19)

Damit ist nicht nur die sprachliche Gestaltung von „Atemhaut“ schon sehr ambitioniert, hinzu kommt noch ein eigens für den Roman komponierter Soundtrack der Klangkünstlerin Rojin Sharafi, den man am Beginn einzelner Kapitel durch QR-Codes abrufen und zeitgleich zur Lektüre anhören kann. Und gerade dieser Soundtrack und die Verbindung zur Sprache des Romans sind hier schon wirklich spannend.

Wenn diese Verbindung eben für die lesende Person funktioniert. Und wenn die Sprache für die lesende Person funktioniert. Dass das für mich nicht funktioniert hat, liegt schon ganz banal daran, dass ich nicht gleichzeitig Musik hören und lesen kann, also bin ich hier einfach schon einmal das falsche Publikum. Das nächste Problem liegt darin, dass für mich die sprachliche Gestaltung nicht immer funktioniert hat, manche Sätze sind wirklich sehr schön, andere funktionieren für mich so nicht und reißen mich aus dem Text regelrecht heraus. Das sind Formulierungen wie „Ein zweiter Zombie wieselt weg“ (S. 21), „Aufflackernde Höflichkeit verklebt ihr Gesicht“ (S. 31), „Der Hof pustet Luftstöße ins Zimmer.“ (S. 37) oder etwa „Die nächste Einatmung füllt dich.“ (S. 38) und „Dein Körper ohne Arbeit ist eine Wunde, die du mit Kleidung verbinden musst.“ (S. 71). Das scheint mir schief und eher gekünstelt als kunstvoll, manches ist mir hier einfach zu gewollt. Andere Sätze lesen sich für mich wie etwas banale Aphorismen, etwa: „Alles, was du nicht berühren kannst, wirkt fern.“ (S. 29) oder „Du hast den Schlüssel zu deinem Kartenhaus verloren.“ (S. 51). Auch nicht jede Metapher im Text funktioniert für mich, wenn etwa das Leben mit Tetris vergleichen wird (vgl. S. 54), ist mir das zu ungelenk, andere Metaphern – etwa ein Container mir Ausschussware in der Lagerhalle – sind so klar angelegt, dass ich als Leserin schon beim Lesen verstehe, dass das jetzt ein Container ist, der für Edin steht. Wenn dieses sprachliche Bild dann später auf S. 53 noch explizit aufgeschlüsselt und erklärt wird, fühle ich mich als Leserin ein bisschen für dumm gehalten.

Der Stoff dieses Romans ist toll, die sprachliche und künstlerische Gestaltung hochambitioniert, das ist auch ohne Frage alles Kunst – sie hat für mich eben nicht funktioniert, ich fand die Du-Perspektive auch über weite Strecken eher kontraproduktiv für ein Funktionieren des Textes, der vielleicht auch aufgrund dieser Perspektive wenig Raum für Modulation hat, damit eher eintönig bleibt. Vielleicht erzeugt dieses Gleichbleiben des Tons für andere eine spezifische Atmosphäre, die mit den Klangkompositionen zusammenwirkt – mich hat es leider eher gelangweilt. Ich bin mir aber recht sicher, dass es viele Leser*innen geben wird, für die dieser Text und gerade diese Sprache funktionieren wird, ich vermute, Leser*innen, die die Sprache etwa von Iris Wolff mögen (mit der ich ja ebenfalls nicht so viel anfangen kann), könnten auch „Atemhaut“ von Iris Blauensteiner lieben. So oder so: Ich kann nur empfehlen, mal einen Blick in das Buch zu werfen, schon weil dieses Buch ein ästhetisches Wagnis sein will und ist – und das ist selten genug und schon dafür lohnt es sich, dem Text eine Chance zu geben.

[Beitragsbild von Luca J auf unsplash.com]


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