Abbas Khider – Der Erinnerungsfälscher

„Vorauszusetzen […], daß nach jeder Art von Leben Erinnerung gleich gut funktionieren könne oder gar können müsse, ist ein Vorurteil. Sowenig die Sichtbarkeit eines physischen Objekts von dessen Leuchtkraft abhängt oder nur von der Sehschärfe des Beobachters, sondern auch von der Art und Struktur des Mediums, in dem es sich aufhält, sowenig hängt die Erinnerbarkeit eines Erinnerungsobjekts allein von dessen Leuchtkraft ab oder nur von der Gedächtniskraft des Sicherinnernden, sondern auch von der Struktur des Lebensganges, innerhalb dessen es placiert ist. Für die Geschlechter vor dem Ausbruch der neuen Völkerwanderungen, für unsere Großeltern, die dort lebten, wo sie nun einmal (ihr eines Mal) lebten, glich die Welt einem Walde an Merkzeichen, deren jedes auf einen Tag oder eine Stunde ihres Lebens verwies. Sich zu erinnern, hatten sie kaum nötig, alles erinnerte sie, die Initiative und die Anstrengung der memoria blieb ihnen weitgehend erspart, die Dinge ihrer Welt sagten ihnen das meiste ein.“ (Günther Anders: Der Emigrant, S. 11-12)

Erinnern, so schreibt Günther Anders in seinem Essay „Der Emigrant“ (dazu hier mehr), ist für die Generation der Väter ein Kinderspiel gewesen – für Emigranten ist sie unmöglich, weil „wir dagegen viele vitae hinter uns haben und, da unsere heutige Welt keine Anspielungen auf unsere früheren Welten enthält, sogar versuchen müßten, diese vitae mit eigener Kraft heraufzubeschwören“ (ebd, S. 12). Emigration bedeutet, ein ganzes Leben und eine ganze Lebenswelt hinter sich zu lassen, sich ein vollständig neues Leben in einer vollständig neuen Umgebung aufzubauen. Damit zerfällt das eine Leben in viele Leben, nichts erinnert im neuen Leben mehr an das alte, das Leben nimmt eine Abzweigung, die den Rückblick unmöglich macht, und das liegt nicht nur daran, „daß Du von diesen [zurückliegenden] Jahren nichts mehr wissen willst, sondern auch darin, daß Du sie in geradlinig zurückzielender Erinnerung gar nicht mehr auffinden kannst.“ (ebd, S. 13)

Der Erinnerungsfälscher - Bücher - Hanser Literaturverlage

Genau davon erzählt Abbas Khider in seinem neuen Roman „Der Erinnerungsfälscher“: Sein Protagonist Said Al-Wahid ist vor vielen Jahren aus dem Irak geflohen, hat sich nach all den Jahren der Flucht und der Mühen und Schikanen beim Erlangen von Papieren ein neues Leben in Deutschland aufgebaut, er hat eine Familie, ein Kind, beginnt gerade, seinen Traum zu verfolgen, Schriftsteller zu werden, als er dabei auf ein Problem stößt: Er kann sich nur bruchstückhaft an die Vergangenheit erinnern, seine Erinnerungen sind Schlaglichter, zwischen denen alles, vor allem aber die Zusammenhänge fehlen:

„Sein ganzes Leben bestand aus wahllos sich überlagernden Bildern, kurzen Sätzen, lückenhaften Szenen und Anekdoten. Nichts schien vollständig zu sein, kein einziges Erlebnis in seiner Erinnerung. […] Das Erinnern war eine Last, eine harte innerliche Arbeit. Das, was früher einmal in seinen Kopf gelangt war, fand nicht mehr hinaus, war gefangen wie in einem Labyrinth, und wenn es doch herausfand, blieb es unvollständig.“ (S. 54)

Said Al-Wahid steht damit nicht nur vor einem Problem als Schriftsteller, sondern er macht sich auch Sorgen, ob mit ihm alles stimmt. Als er versucht, sich Hilfe zu holen, wird ihm der banale Tipp gegeben, er sei eben traumatisiert und solle eine Psychotherapie machen. Said will das nicht:

„Er wollte auch verhindern, dass irgendjemand in seiner Vergangenheit bohrte. Wer weiß, was dabei herauskommen würde. Es gibt Orte im Gedächtnis, die sind wie Minenfelder, sie können einen in Stücke reißen. Ein Leben kann schön und erträglich sein – wenn man diese Orte meidet.“ (S. 56)

Also recherchiert er im Internet und findet dort, dass es ein Phänomen gibt, das sich „Erinnerungsverfälschung“ nennt. Menschen, die Erinnerungsverfälschung betreiben, verändern ihre Erinnerungen durch Ergänzungen oder Ausschmückungen und wiederholen das so lange, bis sie selbst daran glauben. Diese Idee öffnet für Said eine Tür: Er beginn nun selbst, kreativ mit seiner Erinnerung umzugehen. Er erfindet Zusammenhänge und plötzlich klappt es auch mit dem Schreiben. Er schreibt und schreibt und schreibt:

„Die Texte sind verfälschte Storys seines Lebens. Es sind Versuche, eine einzige wahre Geschichte zu schreiben, nämlich seine, die niemals wahr sein kann.“ (S. 58)

Dadurch gewinnt Said ein Stück Souveränität über sein Leben, das ihm so entrissen und das so zerstückelt worden ist, zurück. Er kann neue Wirklichkeiten erschaffen. Aber die „Wahrheit“, das Erzählen der eigenen Biografie als zusammenhängende Geschichte, die Said sich selbst glauben kann, bleibt ihm verwehrt. Er weiß, dass er sich nicht erinnern kann und dass er es (aus Selbstschutz) auch nicht will, und dieses Wissen bleibt der Grundton seiner Existenz:

„Albträume vergisst man nie, man verdrängt sie nur und trägt sie doch mit sich herum.“ (S. 7)

Dem entspricht die Konzeption des Romans: Diese Erzählung von den Erinnerungsproblemen ist eingeflochten in die Erzählung von einer Rückkehr. Said Al-Wahid reist nach Bagdad, um seine im Sterben liegende Mutter noch einmal zu sehen. Diese Reise, die auch eine Reise in die Vergangenheit ist, ist Anlass für Said, zu versuchen, sich zu erinnern. Als er in Bagdad ist, wird ihn dort, wie schon bei seinen vorangegangenen Reisen in den Irak, nichts mehr an die Stadt erinnern, in der er aufgewachsen ist: Alles ist anders geworden. Wie Günther Anders schreiben würde: Die Merkzeichen, die das Erinnern ermöglichen und erleichtern, fehlen. Sie fehlen selbst hier.

Der Wechsel zwischen den Zeitebenen dieses Romans spiegelt die Zerrissenheit der Erinnerungen Said Al-Wahids: Er wechselt zwischen Kindheit, Gegenwart, jüngerer Vergangenheit, Jugendzeit, verwebt schlaglichtartige Erinnerungen assoziativ. Er erzählt nicht linear chronologisch. Und würde man das, was hier erzählt wird, linear chronologisch anordnen, hätte man Teile einer Biografie vor sich, von der das meiste doch unerzählt bleibt.

Damit zeigt „Der Erinnerungsfälscher“ wieder einmal, was für ein gerade auch konzeptionell starker Erzähler Abbas Khider ist: Hinter diesem wie zufällig wirkenden, ganz leichten Aufbau des Romans steckt ein Spiegelbild des Inhalts, Form und Inhalt sind eine Einheit. Die Konzeption mag nicht so augenfällig sein wie in anderen Romanen von Khider, etwa in „Der falsche Inder“ oder „Ohrfeige“, aber im Grunde ist sie vielleicht sogar der Anlage von „Der falsche Inder“ gar nicht so unähnlich: In diesem ersten Roman wird ja die gesamte Erinnerung des Protagonisten, die immer wieder neu und anders erzählt wird, durch eine Rahmenerzählung als potentiell unwahr markiert. Im Grunde passiert in „Der Erinnerungsfälscher“ etwas ähnliches: Das Leben wird nicht mehr in alternativen Versionen, die alternative Zusammenhänge herstellen, erzählt, sondern in Fetzen, und die Erinnerungsschwäche des Erzählers legt nahe, dass man nicht allem, was hier erzählt wird, trauen kann.

All das ist souverän erzählt, mit dem richtigen Gespür für Timing und Pointen – das ist nichts Neues, man kann ja alle Romane von Khider völlig bedenkenlos kaufen und lesen und verschenken, sie sind alle schlichtweg sehr gut erzählt. Aber nur, weil es nichts Neues ist, ist es nicht weniger wert – es ist ein Glück, dass es diese Bücher gibt. Ein Glück für das mehrheitlich weiße deutsche Lesepublikum, das hier eine Buchlänge über die Welt mit Augen sehen kann, die nicht die eigenen sind, und – so kann ich nur vermuten – ein Glück für diejenigen, die ähnliches erlebt und erlitten haben und hier Worte für etwas finden, für das sie vielleicht noch keine eigenen hatten. Denn das ist ja das, was Literatur im besten Fall kann. Und die Romane von Abbas Khider sind Literatur dieses besten Falles, denke ich.

So kompakt und gleichzeitig in die Tiefe gehend wurde jedenfalls, glaube ich, in den letzten Jahren selten von dem erzählt, was Emigration bedeutet: Von der Flucht, dem Neuanfangen, den Behörden, dem Rassismus, dem Schmerz und der Angst, die bleiben, und dem ständigen Gefühl der Fremdheit, das nicht nur zwischen dem Protagonisten und seiner Umwelt steht (und ja auch massiv durch die Umwelt vermittelt wird), sondern das auch zwischen dem Protagonisten und ihm selbst steht:

„Irgendwann entschied Said sich dazu, mit Monica ausschließlich die Sorgen und Probleme in Deutschland zu teilen. Was sich im Irak abspielte, alles, was mit seinen Wurzeln und seiner schattigen Hautfarbe zusammenhing, das wollte er fortan mit sich selbst ausmachen.
Es ist, als hätte Said eine Affäre, von der keiner erfahren soll, eine mit sich selbst. Er ist wie ein Januskopf. Das eine Gesicht ist für alle sichtbar, zeigt sich allen, so wie sie es sich von ihm wünschen. Das andere Gesicht ist verschleiert, verborgen, rückwärtsgewandt, kauert allein und freiwillig eingesperrt.“ (S. 33)

„Der Erinnerungsfälscher“ von Abbas Khider kommt – vielleicht auch gerade im Kontext des bisherigen Werkes von Khider – schmal, klein, fast unscheinbar daher. Man sollte sich davon nicht täuschen lassen: Es ist nicht nur die konsequente Fortsetzung eines künstlerischen Werkes und Weges, sondern es ist vor allem schlichtweg ein sehr gut geschriebener und konzipierter Roman, in dem die Sätze, die dem weißen Lesepublikum wohl keinen Spaß machen, genauso an den richtigen Stellen sitzen wie die Sätze, die ganz plötzlich durch diese scheinbar leichte Erzählung durchbrechen, um den Schmerz offenzulegen, der bleibt. Und der auch am Ende dieses Romans das letzte Wort hat – aber, und das ist auch vielleicht wieder typisch für Khider: Am Ende des Romans, das ist nicht das Ende des Lebens oder am Ende der Zukunft, so kann man hoffen.

(Dieser Roman ist, last but not least, ein Glück für mich als Deutschlehrerin: Er ist gerade deswegen, weil er so kurz ist, hervorragend als Lektüre ab der 10. Klasse geeignet (zumindest sobald er als Taschenbuch erhältlich ist), ist sehr gut geschrieben, man kann an wahnsinnig vielen Stellen ansetzen, um über Gesellschaft, Literatur und die Bedeutung des Erinnerns nachzudenken – ich freue mich jetzt schon auf die Taschenbuchausgabe und darauf, das als Lektüre im Unterricht auszuprobieren.)

[Beitragsbild von Kelly Sikkema auf unsplash.com]


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