Jonas Rump – Nottuln. Traurige Geschichten aus einer traurigen Kleinstadt

Worauf ich 2022 ja wirklich überhaupt keine Lust mehr habe, sind Bücher von Leuten, die inzwischen in Berlin wohnen und in diesen Büchern über die Kleinstadt, aus der sie kommen, schreiben. In „Nottuln. Traurige Geschichten aus einer traurigen Kleinstadt“ von Jonas Rump passiert genau das: Jonas Rump, inzwischen wohnhaft in Berlin, hat Geschichten über die Kleinstadt Nottuln in Nordrhein-Westfalen aufgeschrieben. Na ja.

Ich hab’s mal trotzdem gelesen und das sogar ganz gern getan.

Nottuln, so erfährt man als süddeutsche Leserin hier, ist eine Kleinstadt, in der überwiegend Familien leben und in der alles sehr ordentlich und sauber ist und es im Grunde allen gut geht. So dachte es zumindest der Erzähler in diesem Band bis ins frühe Jugendalter, denn die Pubertät ist ja in der Regel das Alter, in dem man entdeckt, dass es hinter schönen Fassaden noch weitergeht:

„Das erste Mal, dass ich in Nottuln der Traurigkeit begegnete, war im Musikunterricht der achten Klasse. Ich saß in der letzten Reihe neben Thomas Osterschulte. Meine Mitschüler sangen ‚I like the flowers, I like the daffodils‘ im Kanon. Kurz vor unserem Einsatz drehte sich Thomas um, mit einem Finger nach vorne zeigend, und flüsterte mir hinter vorgehaltener Hand etwas zu. Er sagte: ‚Wusstest du, dass Frau Hedewig in den Osterferien Bleichmittel getrunken hat und ins Krankenhaus eingeliefert wurde?‘ Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Frau Hedewig hatte immer einen sehr aufgeräumten Eindruck gemacht.“ (S. 6f.)

Der Erzähler erkennt, dass nicht nur er insgeheim manchmal verzweifelt ist, sondern dass es auch anderen in Nottuln so geht – und er bemerkt, dass es hier Geschichten gibt über das, was hinter den Fassaden passiert. Und er sammelt diese Geschichten.

Herausgekommen ist der nun bei Sukultur erschienene Band. Im Grunde handelt es sich nicht um eine Sammlung „trauriger Geschichten“, sondern eher um eine Anekdotensammlung. Alle Texte sind kurz, manche nur eine knappe Seite lang, pointiert und lassen den Leser etwas über die wahren Zustände in Nottuln erfahren. Und wenn Mark Twain sagte, dass eine Anekdote drei Dinge braucht „eine Pointe, einen Erzähler und Menschlichkeit“, dann bringen die Anekdoten in „Nottuln“ all diese drei Dinge mit: Einen Erzähler gibt es ohnehin, alle Texte haben eine Pointe und auch da, wo sich der Autor ein wenig über seine Figuren lustig macht, ist er doch nie ganz ohne Mitgefühl für sie. Und darum ist das wirklich ein lesenswerter Band.

Lesenswert ist „Nottuln“ auch schon deswegen, weil sich hier ganz tolle Figurencharakterisierungen finden, so wird etwa in „Ein Streich im fortgeschrittenen Stadium“ ein Freund des Erzählers, Florenz, mit dem folgenden Satz beschrieben:

„Wenn er eine grobe Leberwurst in den Händen hielt, dachte ich immer, dass er sie gleich zerdrücken würde.“ (S. 21)

Oder später wird das geregelte Leben des Berufspendlers Herrn Kottenhorst, der bei Opel in Bochum arbeitet, mit dem Satz zusammengefasst:

„Wenn er dort einen langen Tag hatte, sparte er sich den einstündigen Heimweg und fiel im Ibis am Hauptbahnhof zu der säuselnden Stimme von Marietta Slomka in einen tiefen und traumlosen Schlaf.“ (S. 40f.)

Ja, so verlaufen viele Leben. So banal ist das Leben eben, und eben: deswegen ein bisschen traurig, aber nicht richtig schlimm.

Überhaupt bringen viele der Anekdoten in gerade dieser banalen Alltäglichkeit die Traurigkeit des Lebens nicht nur in der Kleinstadt auf den Punkt – eine Geschichte wie „Der verhinderte Skatepark“ hätte überall passieren können, das sind die kleinen alltäglichen Tragödien: Jahrelang kämpft jemand um etwas und kaum ist das Ziel zum Greifen nah, kommt das Leben dazwischen.

Wirklich ganz toll konzipiert und erzählt sind etwa „Kottenhorst gegen Silberstein“, das nicht nur von Nachbarschaft, sondern vor allem von einer traurigen Ehe erzählt, wie man es sonst vielleicht von Erich Kästner kennen würde, oder aber „Die Vorhersage“, einer Geschichte von Herkunft und Zukunftschancen.

Nicht alle der kurzen Geschichten sind ganz gelungen aufgebaut, manchmal stimmt das Timing der Pointen nicht ganz, dann sind sie zu vorhersehbar oder sie zünden nicht recht. Bei einigen Geschichten hätte man sich gewünscht, der Autor hätte daraus wirkliche Erzählungen gemacht, mit psychologisch auskonzipierten Figuren und Handlungsaufbau, bei manchen Geschichten hat man auch den Eindruck, hier hätte eher Stoff für einen Roman geschlummert und man wünscht sich, es wäre einer geworden. Aber: Das kann ja noch kommen.

Jonas Rump kann auf jeden Fall erzählen, hat ein Gefühl für Pointen und Doppelbödigkeiten und gute Geschichten. Ich bin gespannt darauf, was er daraus noch machen wird und wie sich das entwickelt, wenn er vielleicht mal etwas Längeres schreibt. Ich würde es auf jeden Fall lesen, vielleicht sogar dann, wenn es wieder um eine Kleinstadt ginge.

Und außerdem sollte man noch erwähnen, dass dieses Buch irgendwie sehr gut riecht. Nach Nivea-Creme oder so. Ich weiß nicht, ob alle Bücher von Sukultur so riechen, aber dieses riecht sehr gut.

[Beitragsbild von Jonas Jaeken auf unsplash.com]


2 Gedanken zu “Jonas Rump – Nottuln. Traurige Geschichten aus einer traurigen Kleinstadt

  1. Das las ich heute zum ersten Mal in einer Buchbesprechung, dass es gut riecht. Hat mich zum Schmumzeln gebracht. Da ich häufig gebrauchte Bücher kaufe, muss das eine oder andere erst zum Auslüften auf die Terrasse, manchmal länger, bevor ich es lesen kann. Wüsste ich etwas über das Geheimnis des besonderen Duftes, könnte ich solche Bücher vielleicht damit behandeln.

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