Anna Albinus – Revolver Christi

„Doch wenn es not tut, alsbald ist die Kraft mir da,
Und nimmer irrend in der zitternden Hand regiert
Das Schwert sich selbst, als wär es ein lebendger Geist.“

Mit diesen Worten vergewissert sich Friedrich Schillers „Jungfrau von Orleans“ ihrer selbst – nicht um ihretwillen kämpft sie, sondern um Gottes Willen, und ihr Schwert scheint in diesem Auftrag ein Eigenleben zu entwickeln, das Besitz von ihr mit ihrer zitternden Hand ergreift.

Revolver Christi von Anna Albinus | ISBN 978-3-949262-02-9 | Buch online  kaufen - Lehmanns.de

Nicht viel anders scheint es einer anderen Johanna, einer anderen Gottesstreiterin zu gehen: Am 5. Juli 2018 schießt sie mit einem Revolver auf die Vitrine, in der der „Revolver Christi“ ausgestellt ist. Der Revolver Christi ist eine Reliquie, die alle zehn Jahre im Rahmen einer großen, viel besuchten Wallfahrt ausgestellt wird. Es ist eine Waffe, die seit ihrem Auftauchen ein mysteriöses Eigenleben führt und eine Spur Toter nach sich zieht – alle Toten weisen ein Stigma auf, das auch schon „Christus an den Waffen“, wie er auf einzelnen erhaltenen Ikonen einer frühchristlichen Sekte zu sehen ist, trägt. Und 2018 nun taucht durch Johanna Wächter eine zweite, zum ausgestellten Reliquien-Revolver Christi identische Waffe auf:

„Am Donnerstag, den 5. Juli 2018, dem dreiundzwanzigsten Ausstellungstag, fiel um 12.07 Uhr in der Kathedrale ein Schuss. Die Ausstellungsvitrine zerbarst wie die gebrochene Scheibe eines Autos in tausend stumpfe Glaswürfel, die sich sekundenschnell über den Mittelgang und die Sitzbänke verteilten, das Geräusch der springenden Scherben geht im Überwachungsvideo in den Schreien der Besucher unter. Wie in einer hundertfach geprobten Choreographie springt der Schütze nach dem Abfeuern aus etwa anderthalb Körperlängen Entfernung zu dem getroffenen Objekt und fängt mit der linken Hand den herunterfallenden Revolver auf, die Tatwaffe noch mit dem Finger am Abzug in der anderen Hand haltend.“ (S. 12)

Johanna Wächter ist, wie sich dann herausstellt, keine Meisterdiebin – doch mit der heiligen Waffe in der Hand ist diese moderne Johanna von Orleans (so wie Johanna von Orleans verbrannt worden ist, wird auch Johanna Wächter nach ihrem Tod eingeäschert) zu außergewöhnlichen Kampfesleistungen fähig, der Revolver führt die Hand. Und die Frage, wessen Hand den Revolver führt, hat schon zuvor in der Geschichte der Reliquie zu allerhand Erscheinungen und merkwürdigen Verhaltensweisen geführt.

All das findet in der Novelle „Revolver Christi“ Thomas heraus, ein Polizist, der in der Sache vom 5. Juli 2018 ermittelt – ein Job, den nur einer machen kann, der viele Fragen stellt, alles anzweifelt: Die Referenz auf den biblischen Thomas den Zweifler liegt auf der Hand. Anna Albinus erzählt hier scheinbar eine Kriminalgeschichte um die Jünger einer offiziell schon im 7. Jahrhundert verbotenen christlichen Sekte, die „Bewaffneten Christi“, eines radikalen Christentums, deren Anhängerinnen und Anhänger sich „verstanden als von der Liebe Gottes Geschlagene, die ihrerseits Wunden der Liebe zufügten.“ (S. 9) Obwohl die Kirche also schon früh versucht hat, diese Gruppierung zu beseitigen, hat sie sich, wie man im Laufe der Novelle erfährt, versteckt doch überall erhalten: Immer wieder tauchen seltsam stigmatisierte Leichen auf, die auf mysteriöse Weise verstorben sind mit Vermerken wie „Verwundet von der Liebe Christi“ (S. 7). Die Idee, dass Liebe mit Verwundung zu tun hat, scheint eine nicht totzukriegende Faszination auf die Menschen auszuüben, vielleicht aus demselben Grund, den der Dompfarrer dafür angibt, weshalb so viele Menschen kommen, um die Reliquie, den „Revolver Christi“, zu sehen:

„‚Unmittelbar getroffen zu werden‘, sagte er, ‚die meisten kennen das von der Liebe.‘“ (S. 40)

Doch Anna Albinus hat nur scheinbar eine Kriminalgeschichte geschrieben – oder aber: Sie hat sie ganz anders geschrieben, als man konventionell meint. Nicht eine radikalchristliche Sekte spielt hier Versteck mit einem Kommissar – sondern die Autorin spielt Versteck mit ihren Leser*innen. Albinus erzählt derart gekonnt und souverän, spielt so gut mit Anspielungen und Zusammenhängen, die man beim Lesen automatisch zu entschlüsseln versucht, dass sie einen beim Lesen ganz hervorragend an der Nase herumführt. Da ist nicht nur die Anspielung auf Thomas den Zweifler oder Johanna von Orleans, der Nachname von Johanna Wächter spielt auch auf das Wächteramt an, das im Alten Testament Propheten innehaben, die über das ihnen von Gott zugeteilte Volk wachen, und tatsächlich wacht Johanna Wächter ihrer Aussage nach über Thomas‘ Tochter Mara. Und damit ist man schon bei der nächsten Anspielung: Das Kloster der frühchristlichen Sekte der Bewaffneten Christi heißt Umma Maram – und Margot heißt die Großmutter von Thomas‘ Tochter, die bereits mit einem Stigma verstorben ist, und Mara heißt die Tochter von Thomas, um die Johanna Wächter, die mit dem Revolver Christi geschossen hat, sich sorgt. Und das sind nur ein paar von so vielen Referenzen in diesem Text, der stark mit Mehrdeutigkeiten aufgeladen ist, ohne dadurch schwer zu werden.

Die ganze Novelle ist so gut geschrieben, arbeitet so gekonnt mit unterschiedlichen Zeitebenen und Spannungsaufbau, konstruiert so souverän Anspielungen und Zusammenhänge, ohne irgendeinen Faden, den die Erzählung aufnimmt, bis zum Ende zu führen, dass man irgendwann beim Lesen doch lieber sicherheitshalber googelt, ob es diese Sekte, um die es da geht, nicht vielleicht doch wirklich gegeben hat. Am Ende ist es eben nicht entscheidend, wie der Kriminalfall ausgeht, wie die Handlungsstränge sich auflösen, weil der eigentliche Kriminalfall sich im Leser, der auf alle Fährten der Autorin hereinfällt, abgespielt hat. Am Ende könnte man eben wirklich für wahr halten, dass es all dieses abstruse Zeug, das hier passiert, wirklich gegeben haben könnte, zumindest, dass es diese christliche Gruppierung geben könnte.

Es ist mir vollkommen egal, was Anna Albinus in Zukunft noch so schreiben wird, nach „Revolver Christi“ will ich schlichtweg wirklich alles lesen, was von dieser Autorin noch so kommen wird, das ist eine herausragende Erzählerin.

[Beitragsbild von Arnav Singhal auf unspalsh.com]


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