Leander Steinkopf (Hg.): Neue Schule. Prosa für die nächste Generation

„Die erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beym Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen erzeugt Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfung in den Eingeweiden, mit einem Worte Hypochondrie, die bekanntermaaßen bey beyden, namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentlich auf die Geschlechtstheile wirkt, Stockungen und Verderbnis im Bluthe, reitzende Schärfen und Abspannung im Nervensysteme, Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper.“

Vor solch fatalen Folgen warnte im ausgehenden 18. Jahrhundert angesichts der bedrohlichen, gerade unter Jugendlichen um sich greifenden Lesesucht der evangelische Theologe Karl G. Bauer in seiner Schrift „Über die Mittel dem Geschlechtstrieb eine unschädliche Richtung zu geben“. Er war nicht der einzige, der um die psychische wie physische Gesundheit der Jugend bangte, sofern sie zu viel las, die Sorge aufgrund der Lesesucht war damals so manifest wie heute die Sorge vor der Handysucht.

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Und da wird es schon deutlich: Die Zeiten haben sich geändert. Heute wäre man ja froh, würde die Jugend mal ein Buch lesen, statt ständig nur „in dieses Wischdings zu starren“. Doch wie die junge Generation für das Lesen oder gar für eine spezifische Form davon, die junge Gegenwartsliteratur, begeistern? Der Claasen Verlag und Leander Steinkopf als Herausgeber haben sich wohl gedacht: Am besten geht das bestimmt mittels einer Anthologie, die Texte jüngerer Gegenwartsschriftsteller*innen versammelt.

Entstanden ist so die Anthologie „Neue Schule. Prosa für die nächste Generation“, die Erzähltexte von Shida Bazyar, Patricia Hempel, Deniz Utlu, Nora Gantenbrink, Leander Steinkopf, Roman Ehrlich, Anja Kampmann, Dimitrij Kapitelman, Jan Wilm, Dana von Suffrin, Robert Trosser, Bettina Wilpert, Julia Weber und Reinhard Kaiser-Mühlecker versammelt. Versucht wurde also offensichtlich, eine halbwegs repräsentative Auswahl aus den „jungen“ Schriftsteller*innen aus Deutschland, Schweiz und Österreich zu präsentieren. Alle haben zudem Texte beigesteuert, die irgendwie irgendwas mit Jugend zu tun haben, wobei diese Jugend mal nur in Rückblicken einbezogen wird (Jan Wilm), im Grundschulalter situiert ist (Patricia Hempel) oder eher im Alter von Twentysomethings verortet ist (Leander Steinkopf, Dana von Suffrin, Robert Prosser).

Entsprechend unterschiedlich sind die Schreibstile, wobei die ich-Perspektive deutlich dominiert, und die Themen: Da geht es um Freundschaft, Schuld, Trauer, Mobbing, unglückliche Liebe, Entdecken der eigenen Sexualität, Aufwachsen auf dem Land, Berufswünsche, illegale Straßenkämpfe. Auch politische und sozialkritische Themen werden einbezogen: So erzählt Robert Prosser etwa von dem Kontrast in der „Reiseerfahrung“ von einem westlich-behüteten Backpacker und einem syrischen Geflüchteten, Anja Kampmann und Bettina Wilpert erzählen en passant von Klassenunterschieden, wobei Klassenzugehörigkeit bei Roman Ehrlich und im Grunde auch bei Reinhard Kaiser-Mühlecker das eigentliche Thema sind.

Dass einem in einer Anthologie mit fünfzehn Texten von fünfzehn unterschiedlichen Autor*innen nicht alle gefallen, ist naheliegend. Roman Ehrlichs Text, in dem er seinen ich-Erzähler über seine jugendliche Verliebtheit in die Fernsehfigur Darlene Conner nachdenken und so die eigene Klassenherkunft reflektieren lässt, hätte einen guten Essay abgegeben, hätte der Autor sich nicht entschieden, diesen Essay als nichts erzählende, dafür alles erklärende Erzählung zu tarnen, in der sich dann Formulierungen finden wie:

„Ohne das bewusst so formulieren zu können, kommen dem dicken Jungen die Orte seines Alltags wie Nachbauten einer Häuslichkeit vor, die in ihnen aufkommen soll und sich doch nie wirklich einstellen will.“ (Roman Ehrlich: Mein Verliebtsein in Darlene Conner, S. 115)

Stilistisch in ähnlicher Weise schwer zu verdauen sind die Texte von Julia Weber und Deniz Utlu. Julia Weber erzählt in „Liebe Philine“ von einem Mädchen in der Adoleszenz, das seine Homosexualität entdeckt und trotz ihres jungen Alters in lyrisch-manirierten Sätzen spricht und denkt wie:

[auf die Frage, ob sie in einen Jungen verliebt sei:] „Nein, sagte ich, nein. Keine Liebe. Nur eine Antenne zum Fühlen, was in der Welt noch verborgen, aber schon spürbar sei“ (Julia Weber: Liebe Philine, S. 275)

[oder beim Pizza-Essen:] „Meine Pizza war ein Teppich. Ein Teppich der Liebe war meine Pizza. Ich biss voller Liebe in die Pizza hinein.“ (Julia Weber: Liebe Philine, S. 277)

Deniz Utlu dagegen versucht sich darin, in „Die Crosshill-Jungs“ vom Aufwachsen und Rappen Jugendlicher im Kreuzberg der 1990er zu erzählen, wobei die Freunde, von denen hier erzählt wird, wie es in dieser Zeit ja wirklich auch nicht zu vermeiden war, in Auseinandersetzungen mit anderen Freundescliquen und mit Nazis verwickelt werden und deswegen von Journalisten, die dann reißerische Artikel über diese „Jugendbanden“ schreiben, belagert werden. Albern wird der Text aber dann, wenn er versucht, Worte für die Aggression des ich-Erzählers in solchen Auseinandersetzungen zu finden, dann liest sich dieser Text leider wie eine Satire auf sich selbst. So denkt der ich-Erzähler etwa während eines Interviews mit einem Journalisten:

„Bin dann halt aggro geworden. Hab mir gedacht, vielleicht sollten wir dieses Milchgesicht mal zurechtschütteln. Macht man nicht Sahne so? Keine Ahnung. Auf jeden Fall habe ich das dann gesagt, habe ich einfach so rausgehauen: ‚Ey, wollen wir dem Typen mal zeigen, wie wir mit solchen Salonpudeln umgehen, die unerlaubt in unserem Revier rumpinkeln?‘ Hat dann logisch Paras geschoben der Typ.“ (Deniz Utlu: Die Crosshill-Jungs, S. 57)

Sprüche von diesem Grad jugendsprachlicher Authentizität vermutet man sonst eher in Filmen mit Bud Spencer und Terence Hill, das liest sich so einfach wie schlecht erfundene Jugendsprache.

Aber: Es gibt in dieser Anthologie wirklich auch viele hervorragend geschriebene Texte. Da ist etwa die wirklich herausragende Erzählung „Tigerwäsche“ von Anja Kampmann, die von einer jungen Journalistin erzählt, die über einen illegalen Straßenkampf berichten soll und dabei in den Sog ihrer eigenen Familiengeschichte gerät – und wie ein Sog liest sich der Text tatsächlich. Wie Miriam selbst, die in einen Wirbelstrom aus Erinnerung und Gegenwart hinein- und dabei außer sich gerät, wird der Leser in diesen Text gezogen. Dabei gelingt es der Autorin hier, die Sprache und die Denkwelt der Figuren, von denen sie erzählt einzufangen, mitunter in ganz einfachen, (er)nüchtern(d)en Bildern wie:

„Über den Himmel weiß man viel, wenn man hier oben aufgewachsen ist. Man kann im 11. Stock wohnen, jeden Tag ans Fenster treten, und er beachtet einen nicht.“ (Anja Kampmann: Tigerwäsche, S. 146)

Und am Ende der Erzählung hat man das Gefühl, hier wirklich einen einzigartigen Text gelesen zu haben.

Klug und humorvoll – auch mit der notwendigen Selbstironie – beobachtet und geschrieben ist auch „Lucian“ von Dana von Suffrin, ein Text über junge männliche Kunst-Schönlinge und die Frauen, die ihnen immer wieder trotz besseren Wissens auf den Leim gehen:

„Das mit dem Parfum war so eine Marotte von ihm, er kam manchmal von der Schwarzarbeit und hatte überall Farbspritzer, weil er zu faul war, sie sich von den Armen zu reiben, außerdem sagte er immer: Schau, ich tue mir nur Olivenöl auf die Haut, ich benutze nie Seife, fass mal an. Aber dann sprühte er sich trotzdem mit Guerlain ein und roch wie ein Zuhälter und schaute aus wie ein Bauarbeiter. Und das Dumme war: Nicht nur die blöde Kuh aus Bamberg fiel darauf herein, ich fiel darauf auch herein. Alle sagten zu mir: Du spinnst. Elisa schrieb: Vergiss ihn! Es gelang mir immer so für zwei Minuten, dann dachte ich an seine kleinen Zähne und die Farbspritzer.“ (Dana von Suffrin: Lucian, S. 214)

Gäbe es darüber einen ganzen Roman, ich würde ihn sofort lesen.

Erstaunlicherweise – ich schreibe das deswegen, weil ich bislang keinen Text von Leander Steinkopf gelesen habe, den ich gemocht hätte, obwohl alle gut geschrieben sind – ist auch „Die Zeit im Café Blau“ des Herausgebers Leander Steinkopf wirklich ein schöner Text über Trauer und den Verlust eines Freundes, dessen Probleme man übersehen hat, obwohl sie offensichtlich waren, bis es zu spät gewesen ist. Bislang hat mich an allen Texten, die ich von Steinkopf gelesen habe, diese kalte Ironie gegenüber sämtlichen Figuren gestört – diese Ironie fehlt hier oder scheint wirklich nur hier und da einmal durch, wirkt dabei aber eher traurig und eben nicht: kalt. Das ist eine schöne, berührende Erzählung.

All diese Texte könnte man bestimmt gut mit einer Schulklasse am Ende der Mittelstufe – also in der 10./11. Klasse etwa – lesen, vielleicht auch schon mit einer 9., je nach Klasse. Dasselbe gilt für die lustige und nette Erzählung über das erste eigene Fahrrad „Danksagung an meinen ersten Manneslehrer – den Fahrraddrachen“ von Dimitrij Kapitelman und ich vermute, besonders zugänglich und gut geeignet für Schüler*innen wären „Schatten“ von Robert Prosser und „Luna und Lilli“ von Bettina Wilpert.

Die Frage ist nur, wie man diese Anthologie überhaupt in die Schule bringen sollte. Solange es nur eine Hardcoverausgabe für 22 Euro gibt, wird es nicht möglich sein, das Buch im Ganzen im Klassensatz zu beschaffen, weil der Preis das übersteigt, was man von Schüler*innen für eine Lektüre verlangen kann. Und auch wenn es eine günstigere Ausgabe gäbe: So richtig in den Lehrplan zumindest des bayerischen Gymnasiums passt das nicht. Und bei der Erzählung etwa von Patricia Hempel, die doch auch sexuelle Gewalt darstellt, wäre ich zumindest wirklich vorsichtig, man weiß in der Regel nicht, welche Vorgeschichte die Schüler*innen im Einzelnen haben, das ist für Lektüren wirklich ein schwieriges Thema.

Der Werbetext der Anthologie jedenfalls sieht das Ganze so: „Wie lässt sich bei jungen Menschen Begeisterung für Literatur wecken? Mit Goethe, Schiller, Fontane? Oder mit Erzählungen über Mobbing und gar nicht mal so unschuldige spätkindliche Spiele, mit Geschichten über zerbrechende Freundschaften und aufkeimende Liebe, über nächtliche Fahrten zur Tankstelle und seltsam unbestimmte Beziehungen mit Anfang Zwanzig. Die Erzählungen in Neue Schule sind nah und direkt an der Wirklichkeit, an den Problemen, die uns das Leben heute in der Jugend stellt. Kanon schön und gut, aber wer Literatur an junge Menschen vermitteln will, sollte vielleicht mit der jungen Literatur ihrer Gegenwart beginnen.“

Meiner Erfahrung nach gibt es durchaus gar nicht so wenige Schüler*innen, die sich von Goethe, Schiller, Fontane für Literatur begeistern lassen. Andere nicht. Einige lesen halt einfach nicht gerne, andere gehen ihre eigenen Wege zum Lesen. Ein einfaches Rezept für alle gibt es nicht, wie sollte das auch möglich sein. Nur: Zu meinen, dass es primär um die Inhalte der Texte geht, nicht um ihre Ästhetik, ist halt wirklich nicht so richtig. Kein Kind und kein*e Jugendliche*r liest eine Erzählung oder gar ein ganzes Buch, wenn es nicht gut geschrieben ist, nur weil das Thema irgendwie was mit seinem*ihrem Leben zu tun hat. Ein wirklich gut geschriebenes Buch wird dagegen vermutlich selbst dann gelesen, wenn das Thema nicht mit der „eigenen Lebenswirklichkeit“ zu tun hat, Kinder und Jugendliche lesen ohnehin erstaunlich viel, was nichts mit ihrem Leben zu tun hat. Ein bisschen mehr Zutrauen auf die ästhetische Kraft von Texten – und das unabhängig vom Thema – hätte ich Verlag und Herausgeber schon gewünscht.

Und dann auch die Frage, ob diese Texte wirklich „nah und direkt an der Wirklichkeit, an den Problemen, die uns das Leben heute in der Jugend stellt“ sind – das trifft praktisch auf keinen Text zu, höchstens auf „Luna und Lilli“ von Bettina Wilpert. Die meisten Texte erzählen von Kindheit oder Jugend in den 90ern – selbst die ältesten Schüler*innen, die wir dieses Jahr im Schulsystem haben, sind aber etwa 2004 geboren. Die Zeit, von der hier erzählt wird, ist die Jugend der Eltern von den derzeitigen Unterstufen-Schüler*innen. Inhaltlich dürften diese Texte also auf Schüler*innen einen ähnlichen Reiz ausüben wie die Kurzgeschichten, die bereits in der Schule gelesen werden und in denen ebenfalls Kindheit oder Jugend aus vergangenen Zeiten thematisiert wird: Inhaltlich ist das also für Schüler*innen vermutlich genauso spannend wie „Nachts schlafen die Ratten doch“ von Wolfgang Borchert, „Die Klavierstunde“ von Gabriele Wohmann oder „Der Sieger“ von Erich Junge. Ich habe ehrlich gesagt von noch keiner Schülerin, keinem Schüler gehört, die oder der aufgrund dieser Kurzgeschichten, die auch vermeintlich schülernah sind, weil sie eben von den „Problemen von Jugendlichen“ erzählen, zur Literatur gefunden hätte. Es kann natürlich sein, dass das passiert, man erfährt ja als Lehrkraft vieles einfach gar nicht. Dafür hatte ich Schülerinnen, die sich Gedichtbände von Goethe, Schiller und Rilke gekauft haben, ich hatte Schüler, die Kafka und Celan geliebt haben und immer wieder hatte ich Schüler*innen, denen Romane von Bov Bjerg gefallen haben. Und Schüler*innen, die ganz einfach gerne bergeweise Krimis, Thriller, Young Adult, Fantasy lesen, im Format von Ziegelsteinen. Und dann gibt es ganz viele, die gehen ganz eigene Wege zum Lesen.

Ich bin also wirklich etwas skeptisch, ob diese Anthologie für das geeignet ist, was zumindest der Verlag als ihren Zweck vorgibt. Oder genauer: Ob sie in besonderer, besserer Weise dazu geeignet ist als alles andere. Alles erreicht irgendwen und andere eben nicht. In einer günstigeren Taschenbuchausgabe ließe es sich sicher versuchen, einzelne Texte mit einer Klasse zu lesen. Im Grunde würde ich aber doch eher sagen: „Neue Schule“ ist eine interessante Anthologie für Leser*innen, die sich für Gegenwartsliteratur bereits interessieren und sich hier einen Überblick über Texte und Stile unterschiedlicher „junger“ Schriftsteller*innen verschaffen wollen. Es gibt wirklich einige lesenswerte Erzählungen in diesem Band und über einige andere kann man sich toll ärgern, da lohnt sich das Lesen schon.

[Beitragsbild von Ivan Aleksic auf unsplash.com]


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