Hilfestellung für eine Reduktion der Bücherstapel

Das Jahr ist erst eine Woche jung, die Frühjahrsprogramme der Verlage sind leider wirklich gut und also muss man nach irgendwelchen Kriterien entscheiden, was davon man jetzt wirklich lesen will und was nicht. Um allen bei der Auswahl zu helfen, habe ich, die Marie Kondo der Buchblogger, eine Liste mit Regeln erstellt, die helfen können, all die Bücher von den Leselisten zu streichen, die am Ende doch keine Freude verströmen werden. Die Regeln sind sehr einfach:

  • Keine Bücher lesen, deren Cover schon Monate vor dem Erscheinen so oft auf Twitter und Instagram zu sehen waren, dass sich die Zeit bis zum Erscheinen anfühlt wie ein endloser Blurb.
  • Keine Bücher mit albernen Blurbs lesen. Das reduziert die Auswahl gleich ganz beträchtlich, was ja nur gut sein kann.
  • Auch wenn der Blurb nicht albern sein sollte, sollte man Bücher, die irgendjemandem einen Spiegel vorhalten, gar der Gegenwart oder irgendeiner Generation, dringend meiden. Achtet also auf die Wörter „hält den Spiegel vor“, „Generation“, „Gegenwart“, „scharfsinnig“, „analysiert“ im Klappentext – das sind Warnschilder. Besonders große Warnschilder sind: „Roman der Stunde“, „ohne Scheuklappen“ und „unerschrocken“. Das erste steht einfach für „schnell hingeschriebener Debattenroman, an den man sich in einem Jahr nicht mal grob erinnert“, die anderen beiden stehen für glorifizierte Ignoranz.
  • Keine Bücher lesen, in denen Schriftsteller*innen primär ihr Schriftsteller*innendasein thematisieren. Liebe Leute, das ist oft genug geschrieben und gelesen worden, das braucht es nicht jedes Jahr dutzendfach wieder, so spannend ist euer Leben nicht. Denn was erlebt ihr denn den ganzen Tag? Rumsitzen, denken, denken, denken, zwei Sätze geschrieben, Nickerchen, zwei Sätze gelöscht, große Schreibkrise, Lebenskrise, Spaziergang einmal um den Block, sehr tiefgreifende Reflexion, ein paar Seiten lesen, Sprachkrise, drei Sätze schreiben, Herrgott, dann muss man auch noch so banale Dinge machen wie einkaufen, dabei ist man doch zu Höherem berufen, große Wut auf alles, also doch Lieferdienst, sechs Stunden Twitter oder Instagram, hoppla, schon 4 Uhr nachts, wieder nichts geschrieben, große Existenzkrise, viel Selbstmitleid, ab ins Bett. Ja, vielleicht schreibt ihr dann doch lieber über irgendwas, was ihr nicht selbst erlebt habt, das interessiert doch echt niemanden, dass ihr den Alltag von einem 20-Jährigen, der sich vor dem Seminararbeit-Schreiben drückt, auf Dauer gestellt habt. Und Nein, auch euer Nebenjob macht das nicht spannender, auch der 20-Jährige geht nebenher kellnern und denkt, weil er zwei Semester Soziologie studiert hat, er sei ein ganz großer Gesellschaftsanalytiker. Man wird auch durch so einen Nebenjob nicht automatisch „Working Class“.
  • Nicht zu viel von Matthes & Seitz lesen, sonst endet man irgendwann in einem Kaschmirpullover von COS in einer Berliner Altbauwohnung und hält sich für intellektuell, nur weil man langweiligen Quark redet.
  • Nicht zu viel von C.H.Beck lesen, sonst endet man irgendwann in einem Tweed-Jackett in einer Münchner Altbauwohnung und scrollt durch den Onlineshop von Manufactum.
  • Keine Popliteratur. Bitte, wirklich, wofür solltet ihr euch selbst bestrafen, indem ihr solche Bücher lest? Solang ihr niemanden umgebracht habt, gibt es keinen Grund für solche Formen der Selbstgeißelung.
  • Wo wir schon dabei sind: Auf gar keinen Fall Bücher lesen, deren Titel wie Tocotronic-Zitate klingen oder gar wirklich Tocotronic-Zitate sind. Die 90er sind jetzt lang genug her, dass man da mal drüber hinweg sein kann, diese Anspielungen verstehen sowieso nur noch alte Leute wie wir, das interessiert keinen mehr.
  • Quält euch nicht extra durch das Buch in seiner Originalsprache. Lest alles, was es in Übersetzung gibt, in Übersetzung. Zu den zu unterlassenden Peinlichkeiten gehört nämlich auch diese „Ich lese das lieber nicht in der Übersetzung, sondern im Original“-Pose, mit der man ständig seine Fremdsprachenkenntnisse und seine erlesene Werktreue inszenieren muss. Man sollte einfach alles in Übersetzung lesen, was es in Übersetzung gibt, Übersetzer*innen verfälschen Werke nicht, sondern schaffen Kunst, das kann man mal honorieren, statt ihre Arbeit zugunsten der eigenen Inszenierung als weltgewandte*r Intellektuelle*r herabzuwürdigen.

So, das wars. Und jetzt, wo wir alle so viel Lesezeit gespart haben, noch ein Tipp: Statt Neuerscheinungen lebender Autor*innen öfter auch mal Bücher von bereits verstorbenen Autor*innen lesen. Das hat den Vorteil, dass man keine Meinungsartikel im Feuilleton oder Social-Media-Threads von ihnen zu lesen bekommt, dass man sie auch nie persönlich kennenlernen kann, was wirklich nur wünschenswert sein kann. Unwissenheit über das Denken und Verhalten von Autor*innen kann eine Gnade sein, die bei toten Schriftsteller*innen viel leichter zu haben ist, weil man nur ihre Biografien nicht lesen muss, um nichts über sie zu wissen.

[Mopsbild von Daniel Sanduval auf unsplash.com]


9 Gedanken zu “Hilfestellung für eine Reduktion der Bücherstapel

  1. Danke für die Warnungen. Das meiste beachte ich seit Jahren sowieso schon bis auf Punkt 1, weil ich da nie reingucke. Es gibt so viele gute Bücher von toten AutorInnen, dass eigentlich nichts Neues mehr geschrieben werden müsste. Wie ich im Radio hörte, erscheinen ca. 70.000 Bücher im Jahr in Deutschland als Erstauflagen. Es wäre also gar nicht alles zu schaffen in einem Leben. Daher ist es gut, die richtigen Entscheidungen zu treffen. 🙂

  2. Großes Amusement, Ihr scharfzüngiger „Leitfaden“! Da konnte ich mal wieder herzlich schmunzelnd nicken. Auch ich habe mich bereits vor einigen Jahren von der Flut der Neuerscheinungen und den aktuellen „Bestsellern“ größtenteils verabschiedet. Vieles ist sowieso meist mehr Marketing als literarische Kunst. Bei meinen Buchkäufen liegt zunehmend der Fokus auf verstorbenen Autoren und Autorinnen, von denen schön gemachte Buchausgaben wieder neu herausgegeben werden. Ich genieße mittlerweile nicht nur allein den Inhalt sondern auch die Herstellung und Gestaltung eines Buches. Und das hat schon was. Und da ich das Glück habe, von mittlerweile einigen Tausend Büchern umgeben zu sein, lasse ich dabei meist meiner Intuition freien Lauf. Dann erfolgt der Griff zu dem Buch, das im Moment anscheinend das richtige ist. Und je nach eigener Verfassung wird es dann Gonschtarow, Flaubert oder wieder mal ein Kafka, aber auch ein P.G. Wodehouse oder ein Raymond Chandler. Und dann wird es oft wie Peter Suhrkamp einmal schrieb: So kann Lesen zu einem Gespräch werden, mit einem Menschen, der nicht gegenwärtig ist, mit dem Autor.

    Ich freue mich immer sehr über Ihre Beiträge und Rezensionen. Bleiben Sie so…

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