Der andere Tod der Emigration: Günther Anders „Der Emigrant“, Georges-Arthur Goldschmidt „Der versperrte Weg. Roman des Bruders“

„Deine Bitte um eine ‚vita‘ versetzt mich in Verlegenheit. Ich hatte keine vita. Ich kann mich nicht erinnern. Emigranten können das nicht. Um den Singular ‚das Leben‘ sind wir, von der Weltgeschichte Gejagte, betrogen worden. […] Die Kerben, die die Phasen unseres Lebens voneinander trennen, reichen tiefer als jene Kerben, die Lebensphasen gewöhnlich gegeneinander abgrenzen; so tief, daß nun die Zugehörigkeit der Phasen zum Leben als einem unspürbar, sogar objektiv fraglich, geworden ist.“ (Anders: Der Emigrant, S. 9f.)

Der Idee, dass wir alle unser Leben als Geschichte erzählen können, dass jeder Mensch die Kontingenzen seiner Biografie in einen linearen Zusammenhang bringen kann, erteilt Günther Anders so schon am Anfang seines Essays „Der Emigrant“, der erstmals 1962 im Merkur erschienen ist, eine Absage. Oder vielmehr: Er weist die Fähigkeit, das eigene Leben als zusammenhängende Geschichte erzählen zu können, als ein Privileg aus, das Emigrant*innen nicht kennen. Anders selbst sah sich aufgrund seiner jüdischen Herkunft gezwungen, 1933 ins Exil nach Paris zu gehen, 1936 reiste er weiter nach New York. Mit jedem Ortswechsel ging der Wechsel in ein neues Leben einher, Anders spricht hier an mehreren Stellen von Sterben und Wiederauferstehung, ohne dies rein metaphorisch zu meinen, mit jedem Ortswechsel muss der Emigrant, den Anders beschreibt, ein neues Leben beginnen, ohne irgendetwas mitnehmen zu können, dass auf das alte Leben verweist. In seinem Essay fährt er fort:

„Kennzeichnend für uns ist nicht, daß unser Leben durch ein (unerinnerbares) Intermezzo eine Unterbrechung erfahren hat, sondern daß die Zerfällung unseres Lebens in mehrere Leben endgültig geworden ist; und das heißt, daß das zweite Leben im Winkel vom ersten absteht, und das dritte wieder vom zweiten, daß jedesmal eine ‚Wegbiegung‘ stattgefunden hat, eine Knickung, die den Rückblick – beinahe hätte ich geschrieben: physisch – unmöglich macht.“ (Anders: Der Emigrant, S. 14)

Günther Anders, 1902 geboren, war ein erwachsener Mann, als er 1933 nach Paris gehen musste. Die Emigranten, von denen Georges-Arthur Goldschmidt in „Der versperrte Weg“ erzählt, sind Kinder: Sein älterer Bruder Erich ist 1924, der Autor selbst als der kleinere Bruder ist 1928 geboren – 1938 schicken die Eltern ihre protestantisch getauften Kinder, die selbst nur vage ahnen, dass sie jüdischer Abstammung sind, zu ihrem Schutz nach Italien, wenig später, 1939, fliehen die Brüder weiter nach Frankreich. Erichs Leben, das in diesem Roman erzählt wird, wird zerfällt. Er war als Kind begeisterter, stolzer Deutscher, wollte zur HJ, malte sich eine Zukunft als Richter aus und wurde nicht nur diesem Leben entrissen, sondern auch dem, was er für seine Identität gehalten hatte.

„All die Zukunft, die er in sich hatte, entwickelte sich ohne ihn, jede Sekunde davon blieb ungeschehen.“ (Goldschmidt: Der versperrte Weg, S. 28)

„Er was um seine Zukunft betrogen worden, er musste sich eine neue erschaffen.“ (Goldschmidt: Der versperrte Weg, S. 34)

Nichts im neuen Leben der beiden Brüder verweist auf das vorherige: In Italien leben sie bei fremden Leuten, in Frankreich in einem Internat, die Eltern sind in Deutschland geblieben. Sie haben lediglich einander, ein Rückblick ist psychisch wie physisch nicht möglich und zu ertragen, ihr neues Leben steht im Winkel vom alten ab:

„Erich brauchte etwas, das ihn davon abbringen würde: Das Heimweh bohrte in einen hinein, so tief, dass man staunte, so weit in sich selber zu reichen. Das Heimweh ist ständig dabei, lässt einen nicht los, es kann zwar an den Rand gedrängt werden, hängt aber ununterbrochen an der Wand.
Den Leerraum fülle er mit Lernwut, nach wenigen Monaten konnte man ihn für einen jungen Franzosen halten, er sprach sogar mit savoyischem Akzent.“ (Goldschmidt: Der versperrte Weg, S. 42).

Der Leerraum, würde Günther Anders vielleicht einwenden, ist nicht nur das Heimweh, es ist der Seinsbeweis, den der Emigrant durch die Emigration verloren hat. Er ist Fremd unter Fremden, ohne soziales Netz, man denkt nicht an ihn

„und bald wanderten wir, wo immer der Zufall uns hinverschlagen hatte, zwischen Millionen, die uns als Luft behandelten – und so wurden wir Luft. Es hat wohl keinen unter uns gegeben, der nicht eines Tages an irgendeiner Ecke irgendeiner Stadt stehengeblieben wäre, um festzustellen, daß die Rufe und Geräusche der Welt plötzlich so klangen, als wären sie nur für die anderen gemeint – kurz: der nicht die Erfahrung gemacht hätte, daß er nicht mehr da war.“ (Anders: Der Emigrant, S. 19)

Um wieder in Besitz eines Seinsbeweises zu gelangen, um wieder Anerkennung zu erlangen, haben viele, so Anders, versucht, den Ort, an dem sie nun lebten, zu einer Heimat zu machen, also vom Emigrant zum Immigrant zu werden. Um diese Gruppe geht es Anders in seinem Essay nicht, ihn interessieren die Emigranten, die Emigranten geblieben sind. Erich Goldschmidt dagegen ist einer von denen, die versucht haben, Immigrant zu werden:

„Erich war gerade sechzehn geworden und zweifelte keinen Augenblick an seiner Zugehörigkeit zu Frankreich.“ (Goldschmidt: Der versperrte Weg, S. 43).

Er baut sich ein neues Leben auf, eine neue Zukunft, sucht eine neue Identität in der Gruppe, weil ihm seine Identität entrissen ist, weil er sich für seine Identität bis hin zu seinem Namen schämt. Als Jude mit dem antisemitischen Klischee konfrontiert, ein Nutznießer zu sein, hasst er es, anderen etwas schuldig zu sein, als Deutscher und damit seiner Herkunft nach ein Teil der Bevölkerung eines Landes, das mordet, sieht Erich für sich keinen Weg als die Verleugnung der eigenen Herkunft, letztlich aber auch des eigenen Ich: Er will unsichtbar sein, fühlt sich wohl in Uniformen, seien diese militärischer Art oder die Uniformen bestimmter Berufe, spricht nicht über seine Herkunft. Er schließt sich der Résistance an und hält seine Herkunft geheim. Erst als er sich dann den Truppen der Alliierten im Kampf gegen Deutschland anschließt, verrät er seine Identität als Jude, um sich den Truppen anschließen zu können.

Und er hat mit den Ortswechseln auch seine Sprache verloren – während er Italienisch kaum gelernt hatte, da die Brüder nur kurz in Italien gewesen sind, hat er sich die französische Sprache sehr gut und schnell angeeignet. Aber die deutsche Sprache ist die Sprache der Täter. Beide Sprachen gehören zu Erich, und sie tun es nicht:

„und bei der Gelegenheit fiel ihm wieder auf, wie dasselbe so völlig anders sein konnte, beide Sprachen, Deutsch und Französisch, sehen dieselbe Landschaft, die eine steht links und die andere rechts an der Aussicht, die eine hat zwei Worte für ‚ich‘, die andere nur eins. Der Eintritt in die Welt ist völlig anders. Nur, dass die eine von nun an vom Verbrechen gezeichnet war. Und diese Sprache war seine Sprache, er tat, als ob er die Sprache nicht mehr so gut konnte.“ (Goldschmidt: Der versperrte Weg, S. 93)

Aus diesem Verlust von Identität und Sprache folgt auch ein Verlust der Fähigkeit, Kontakt zu anderen und zu sich selbst herzustellen:

„Wenn er mit einem anderen Studenten sprach oder mit einem Bekannten oder bei jeglicher Begegnung fand er nicht die richtigen Worte, er war auf frischer Tat ertappt worden. Er war mit sich selber ungeschickt und wandte seine Selbstverstummung gegen andere.“ (Goldschmidt: Der versperrte Weg, S. 94f.)

Günther Anders wäre darüber vielleicht nicht erstaunt. Der Emigrant, so schreibt Anders in seinem Essay, ist in einer anderen Sprache zu einem „Stammeldasein“ verdammt, weil er eine neue Sprache gar nicht in dem Ausmaß beherrschen kann, in dem er eine Sprache beherrscht hat, die er von klein auf gelernt hat:

„Niemand kann sich jahrelang ausschließlich in Sprachen bewegen, die er nicht beherrscht und im besten Falle nur fehlerfrei nachplappert, ohne seinem inferioren Sprechen zum Opfer zu fallen. Denn wie man sich ausdrückt, so wird man.“ (Anders: Der Emigrant, S. 43)

Nun besteht ein Unterschied im Spracherwerb zwischen den erwachsenen Emigranten, über die Anders schreibt, und den Kindern, von denen Goldschmidt erzählt. Erich beherrscht die französische Sprache sehr gut, und doch weiß er in seiner Zeit bei der Résistance, dass sein Akzent seine Herkunft verrät. Sein Versuch, seine Fähigkeiten im Bereich der französischen Sprache zu perfektionieren, sind ein Versuch, den Verlust seiner Identität und die Scham für die Herkunft zu verdecken – genauso wie seine Entscheidung, zum Militär zu gehen, in einer Gruppe zu verschwinden, aber vor allem auch: Für Frankreich nützlich zu sein.

Günther anders bezeichnet den Status des Emigranten als einen der posthumen Pubertät – durch den sozialen Tod, den der Emigrant gestorben ist, verliert er auch den Status als Erwachsener:

„Vielmehr ist Erwachsenheit immer auch ein sozialer Status, ein Zustand, in den allein derjenige hineinwachsen kann, der einer bestimmten Welt zugehört; der deren ‚Wege‘ kennt; der in dieser eine gewisse Selbstständigkeit genießt; der von dieser als kompetent, erfahren und vertrauenswürdig anerkannt und verwendet wird; und dem es auf Grund dieser ihm zugebilligten Autorität zur täglichen Gewohnheit geworden ist, für die ihn Anerkennenden Verantwortung zu tragen.“ (Anders: Der Emigrant, S. 23)

All dies ist auch Erich genommen worden, genauso wie seine Zukunft: Nicht umsonst hasst er nichts so, wie seine Unselbstständigkeit und Abhängigkeit von anderen. Nicht umsonst strebt er so sehr danach, sich in Frankreich als nützlich zu erweisen, seinen Teil beizutragen. Es geht nicht nur darum, eine Schuld abzutragen, die er aufgrund seiner Herkunft empfindet – es geht auch darum, nicht tot zu sein, erwachsen zu sein.

„Er konnte sich nicht genug hervortun, er wurde nicht ernst genommen, er wollte gerade – vielleicht, weil man ihm das Leben absprach – zeigen, dass es ihn gab.“ (Goldschmidt: Der versperrte Weg, S. 68)

Aber es gelingt nicht, Erich kann in Gruppen verschwinden, aber außerhalb dieser Gruppen fällt er in die Pubertät zurück, kann kaum Verantwortung übernehmen, zumindest nicht für sich selbst:

„Es war sonderbar, jetzt, wo er ein kleines Stück französischer Vergangenheit hinter sich hatte, die kurze Teilnahme an der Résistance, dann die Kämpfe in der französischen Armee in der Normandie und im Elsass, dass er in die Adoleszenz zurückfiel, eine Adoleszenz der Wut, des Ressentiments, des Heimwehs, der täglichen Verängstigung mit den ununterbrochenen Bildern der Verhaftung und des Abstransportiertwerdens.“ (Goldschmidt: Der versperrte Weg, S. 83)

„Er wurde sein Leben lang von den Ereignissen fortgetragen, in fast absichtlicher Passivität. War der Rahmen einmal gefunden, war er die eigene Geschichte los und konnte sich ganz dem Ausblenden der historischen Tatsachen überlassen. Im Leerlauf weiterzuleben war für ihn vielleicht der einzige mögliche Ausweg.“ (Goldschmidt: Der versperrte Weg, S. 107f.)

Vom Grund dafür, warum Erich diese seine psychologische Misere nicht angehen hat können, erzählt Goldschmidt, schreibt auch Günther Anders: Es war Emigranten kaum möglich, sich mit der eigenen Situation, den eigenen Traumata auseinanderzusetzen. Zum einen, wie Anders schreibt, weil den Emigranten eine Auseinandersetzung mit den eigenen, feinen psychischen Problemen angesichts der Situation als „unpassend und als ungebührliche Kraftverschwendung vorgekommen wäre“ (S. 36), zum anderen deswegen, weil dafür keine Zeit blieb. Der Emigrant war damit beschäftigt, sich um sein ganz banales Überleben zu kümmern, er hatte weder Kraft noch Zeit, sich mit seiner Psyche, geschweige denn den eigentlichen großen welthistorischen Problemen zu beschäftigen:

„Wie oft ist es unsereins passiert, daß wir, erschöpft vom Herumjagen – nein, nicht des Schlafes, sondern umgekehrt gerade der Schlaflosigkeit beraubt waren, jener Schlaflosigkeit, die wir nötig gehabt hätten, um uns unseren eigentlichen Sorgen auf gebührende Weise zuzuwenden. ‚Zu müde für die Furien‘ heißt das auf Molussisch.
‚Zu müde für die Furien‘ – damit ist der tiefste Tiefpunkt unserer Erniedrigung bezeichnet. Denn wem keine Zeit mehr übrigbleibt und wem keine Kraft mehr vergönnt wird, um sich von seinen wirklichen Sorgen verfolgen zu lassen und um unter diesen zu leiden, der ist dadurch eben sogar des Rechtes auf seine Sorgen beraubt und des Rechtes auf seine Leiden“ (Anders: Der Emigrant, S. 38f)

Wo ist Erich, als die Deutschen Frankreich überfallen, was tut er, während seine Eltern vermutlich in Lebensgefahr schweben? Er hungert im Internat, er versteckt sich in den Bergen, er schlägt sich von Dorf zu Dorf durch. Er muss jeden Tag neu überleben. Und das raubt ihm die Möglichkeit zu allem anderen, er kann sich nicht mit sich auseinandersetzen, er kann sich die Gedanken an die Eltern nicht leisten. Am Ende erinnert ihn sein jüngerer Bruder so:

„Man sah ihn dastehen und keiner wusste, dass es ihm die Sprache verschlagen hatte, denn er hatte allerhand erlebt, unter anderem die Befreiung des Konzentrationslagers Struthof im Elsass, im April 1945. Er lebte an sich selber vorbei und verdrängte jede in ihm auftauchende Idee.“ (Goldschmidt: Der versperrte Weg, S. 110)

Die Sprachlosigkeit, das Grauen, die Identitätslosigkeit stehen hier nebeneinander, und obwohl der Autor mit einem „denn“ zumindest im ersten hier zitierten Satz einen kausalen Zusammenhang herzustellen scheint, gibt es doch keinen logischen, wird das Grauen doch zu einem „unter anderem“. Hier gibt es keine Zusammenhänge. Alles klafft auseinander, das Leben zerfällt. „Der versperrte Weg. Roman des Bruders“ ist der Versuch von Georges-Arthur Goldschmidt, den Bruder, der ihm immer fremd geblieben ist, erzählend zu verstehen. Vieles bleibt unklar, überall bleiben Lücken. Es gibt Andeutungen von Kausalitäten, die am Ende doch nichts umfassend erklären. Mitunter werden einfach Lebensstationen aneinander gereiht, es könnte einen Zusammenhang zwischen ihnen geben, aber es gibt keinen. Erich Goldschmidt hat keine vita und sein Bruder schreibt ihm keine. Er zeichnet die Kerben nach, die seine Leben prägen.

Beide Bücher – „Der Emigrant“ von Günther Anders und „Der versperrte Weg“ von Georges-Arthur Goldschmidt – sind auch Zeugnisse der Verständnislosigkeit, die existieren kann, auch wenn man dasselbe Schicksal teilt: Günther Anders versteht die Emigranten nicht, die Immigranten werden wollen, und so hätte er auch Erich Goldschmidt wohl nicht verstanden. Und auch Georges-Arthur Goldschmidt versteht vieles am Bruder nicht, obwohl er wie dieser weiß, dass der Bruder „der Einzige [ist], mit dem er ein Schicksal teilen würde“ (S. 25). Und beide Bücher sind gerade durch ihre literarische Qualität auch Zeugnis für den Grund, dieser Verständnislosigkeit: Sie sind Zeugnisse eines Schmerzes, mit dem der Emigrant immer allein bleibt, auch unter Emigranten. Dieser Schmerz prägt beide Bücher, immer wieder wird er explizit gemacht, noch viel stärker aber durchzieht er sie als Grundton.

[Beitragsbild von Andrej Lišakov aus unsplash.com]


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