Die Borniertheit der Bauchnabelfluse

Hä, wer soll denn das sein, warum kriegt der den Nobelpreis, den kennt doch keiner?

Das war, in einigen Fällen nur in Maßen eleganter formuliert, die Reaktion einiger überregionaler deutschsprachiger Feuilletons auf die Bekanntgabe der Literaturnobelpreisträger im letzten und in diesem Jahr. Letztes Jahr ulkte man „Louise wer?“ über Louise Glück und fühlte sich in der eigenen provinziellen Ignoranz sehr wohl, von der man ja auch peinlich berührt hätte sein können – denn offensichtlich ist da ja eine zentrale Vertreterin der US-amerikanischen Gegenwartslyrik dem deutschsprachigen Literaturjournalismus weithin unbekannt gewesen. Nicht weniger überzeugt trug man die eigene Unwissenheit in diesem Jahr hier und da vor sich her, als Abdulrazak Gurnah mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden ist: Ja, ist der überhaupt preiswürdig, wenn WIR ihn nicht kennen? Ja, also, wenn den Literaturnobelpreis jemand bekommt, den WIR nicht kennen, dann ist das praktisch der Abschied dieses Preises in die Bedeutungslosigkeit, denn wir, wir sind der Nabel der Welt und wen wir nicht kennen, der kann ja gar nichts können.

Es ist dieser Stolz auf die eigene provinzielle, bornierte Ignoranz umso peinlicher, wenn man den Literaturbetrieb von außen betrachtet, etwa wie in meinem Falle vom Standpunkt der Schule aus: Wozu bemühen wir uns in der Schule eigentlich, jungen Leuten beizubringen, dass Ignoranz und Unwissenheit keine Tugenden sind, sondern dass es sich lohnt, lebenslang zu lernen, neugierig und offen zu bleiben? Damit sie irgendwann das Feuilleton aufschlagen und sowas lesen? Die Gefahr, und gerade auch das macht es so peinlich, ist freilich eine geringe: Nahezu niemand aus der Schülerschaft wird irgendwann das Feuilleton einer überregionalen Tages- oder Wochenzeitung lesen, denn das tut ja ohnehin schon niemand und die Tendenz ist weiterhin fallend. Die Peinlichkeit rührt also daher: Da sind ein paar Leute, die kaum jemanden mehr interessieren, die für die breitere Öffentlich zunehmend keine kulturelle Relevanz mehr haben, die sich aber für den Nabel der Welt und den Maßstab für kulturell Bedeutsames halten, und das, obwohl sie nun zwei Jahre in Folge vor Augen geführt bekommen, dass ihre Expertise offensichtlich auf einen sehr engen Raum beschränkt ist und bei Weitem nicht alles umfasst, was zum eigenen Arbeitsfeld gehört. Die Stirn muss man erst einmal haben – und vermutlich kann man sie nur haben, wenn man sich sein ganzes Berufsleben über nur in der eigenen Kulturjournalismus-Blase bewegt hat, wo man sich jetzt kumpelig auf die Schulter klopft, weil man ja praktisch stolz darauf sein kann, wichtige Literat*innen anderer Kontinente bisher vollständig ignoriert zu haben.

Karl Lagerfeld sprach so einst über Heidi Klum, als er sagte: „Ich kenne sie nicht. Claudia [Schiffer] kennt die auch nicht. Die war nie in Paris, die kennen wir nicht.“ Aber er räumt selbst im nächsten Satz ein, dass es Zufall sei, dass sie beide Klum nicht kennen. Und: Das war Karl Lagerfeld. Da hat eine Person öffentlichen Lebens über eine andere Person öffentlichen Lebens gesprochen, beide mit ähnlichem Bekanntheitsstatus. Aber wenn das Feuilleton über Louise Glücks oder Abdulrazak Gurnahs Bekanntheitsstatus herzieht – dann schwingt sich eine weder für die deutschsprachige Mehrheitsgesellschaft noch für den globalen literarischen Diskurs bedeutsame Instanz auf zu Höhen, aus denen sie nicht mal abstürzen kann, sie ist nicht wie Ikarus, der ist immerhin zuvor noch geflogen.

Und das wäre alles nicht so schlimm, würde man wenigstens verstehen, wie absurd das ist. Und wie traurig für die Literatur, zu deren Vermittlung man nicht mehr taugt. Die Realität ist die: Wenn ich meine Oberstufenkurse in Deutsch am Gymnasium frage, ob sie mitbekommen haben, wer den Literaturnobelpreis bekommen hat, haben sie in der Regel nicht einmal mitbekommen, dass ein Literaturnobelpreis überhaupt existiert. Das ist der Stand der Dinge. Es ist für die meisten deutschsprachigen Menschen völlig bums, ob Peter Handke oder Abdulrazak Gurnah diesen Preis erhalten hat – sie kennen beide nicht und erfahren von ihrer Existenz auch nicht. Verblendete Idealisten wie ich mögen das traurig finden, weil sie der Ansicht sind, dass Literatur eine tolle Sache ist, von der so viele Menschen wie möglich etwas mitbekommen sollten. Man hat bei Menschen im Literaturbetrieb dagegen oft genug den Eindruck: Es ist ihnen ganz recht, dass keiner mitbekommt, was sie machen, weil das Publikum sowieso nur stört, da muss man dann den Leuten Dinge vermitteln, etwas erklären, das ist mühsam, das bringt nicht den Applaus der Kolleg*innen, man gibt sich ja dann quasi mit dem Fußvolk, nicht mit der Avantgarde ab, und am Ende sind die so frech und widersprechen auch noch, statt andächtig zu lauschen.

Nun ist, nach 1 ½ Jahren coronabedingter Pause endlich wieder Buchmesse. Der Literaturbetrieb kommt zusammen, versichert sich, gestärkt aus der Krise hervorgegangen zu sein und meint, die Gesellschaft abbilden zu können und zu müssen, indem auch rechte Verlage auf der Buchmesse ihren Platz finden. Eine Schwarze Autorin, Jasmina Kuhnke, die mehrfach von Rechten mit dem Tode bedroht worden ist, sagt ihren Messeauftritt ab, weil sie nicht in direkter Nachbarschaft zu einem rechten Verlag lesen kann und will. Viele andere Autor*innen (Riccardo Simonetti, Annabelle Mandeng, Nikeata Thompson, Raul Krauthausen etc.) solidarisieren sich mit ihr und viele von ihnen verbindet, dass sie Diskriminierungserfahrungen machen mussten, dass sie wissen, was es bedeutet, nicht sichtbar zu sein, für die bloße Existenz angegriffen zu werden, nicht zu Wort zu kommen. Was macht die Buchmesse? Sie gibt an, so, also durch die Repräsentanz von rechten Verlagen, die Gesellschaft abzubilden. Ja, man kann nur gratulieren: Tatsächlich repräsentiert das in der denkbar schlechtesten Weise das, was in unserer Gesellschaft tatsächlich immer wieder passiert: Es gibt Rechtsextreme, deren Sorgen und Ängste man einfach mal ernst nehmen muss und die einfach dazugehören, weswegen man stillschweigend in Kauf nimmt, dass dadurch andere in Angst leben, nicht vorkommen, sich zu ihrem Schutz aus der Öffentlichkeit zurückziehen müssen. Und natürlich haben weiße Kulturjournalisten auch gleich eine Idee, warum diese Autorin ihren Messeauftritt abgesagt hat: Nämlich nicht aus begründeter Sorge um ihre Sicherheit oder aus Angst vor Übergriffen, auch nicht etwa aus politischer Überzeugung – Nein, es geht um PR, um Aufmerksamkeit. Manche Interpretationen sagen vielleicht wirklich mehr über den Interpreten aus als über das Objekt seiner Interpretation. Manche Interpretationen sind vielleicht eher eine Unterstellung, basierend auf einem begrenzten Erfahrungsschatz und dem Unwillen, sich andere Lebenserfahrungen auch nur vorzustellen.

Und unabhängig davon, wie man nun die Frage beurteilen will, ob man die Buchmesse boykottieren sollte oder nicht oder wie man zu rechten Verlagen auf der Buchmesse steht, wird eins gar nicht erst von Kulturjournalist*innen bedacht: Da ist eine gar nicht so kleine Zahl von Autor*innen, die ihren Buchmesseauftritt absagen, und deren Bekanntheitsgrad im deutschsprachigen Raum den der Buchmesse und sowieso den aller deutschsprachigen Kulturjournalist*innen durchaus übersteigt. Die Buchmesse, die Literaturkritik sind für diese Autor*innen verzichtbar, sie können es sich leisten, ein politisches Zeichen zu setzen, indem sie ihre Auftritte absagen. Sie haben längst eigene Netzwerke, ein eigenes Publikum – sie brauchen die Buchmesse und den Kulturjournalismus weit weniger als diese beiden Instanzen sie brauchen könnten, um ein breiteres, gerade auch ein literaturferneres Publikum zu erreichen. Und eine nicht geringe Zahl dieser Autor*innen hat eigene Netzwerke, oft über Fernsehen und Social Media, weil ihnen die klassischen Medien, weil ihnen das Feuilleton keinen Platz eingeräumt hat. Sie haben sich selbst sichtbar gemacht, eigene Netzwerke und Kanäle aufgebaut, weil man sie aus den klassischen ausgeschlossen hat. Und jetzt brauchen sie das Feuilleton, brauchen sie etablierte kulturelle Instanzen nicht mehr.

Das sind Sachverhalte, die deutschsprachige Kulturjournalist*innen weit mehr beschäftigen sollten, als sie es tun. Man ist nicht der Nabel der Welt. Man ist in hohem Maße verzichtbar geworden und wird durch die eigene Ignoranz nur noch verzichtbarer. Man könnte daraus lernen: Demut vor dem Gegenstand etwa, also Demut vor der Literatur, über der man nicht steht, sondern die im Zentrum steht. Man könnte offen und neugierig bleiben. Man könnte bereit sein, zuzuhören und zu lernen. Wenn man sich allerdings natürlich auch sicher ist, dass man sowieso schon alles weiß und alles, was man nicht kennt, im Grunde irrelevant ist, dann hört eben irgendwann niemand mehr zu. Das sind Haltungen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Die Leute blicken nicht mehr zu den Instanzen des Literaturbetriebs oder Literaturjournalismus auf und lassen sich belehren, sie wollen ein Gespräch auf Augenhöhe. Wo sie nicht finden, was sie suchen, wenden sie sich eben ab, und zwar durchaus nicht vom Lesen, sondern von bestimmten Bereichen der Literatur und des Kulturjournalismus. Die Literatur wird das überstehen, sie findet ihren Weg. Einige Feuilletonist*innen jedoch täten gut daran, zu erkennen, dass der Nabel der Welt nicht sie sind, sondern die Literatur. Und sie selbst sind derzeit eher so etwas wie eine Fluse im Bauchnabel.


3 Gedanken zu “Die Borniertheit der Bauchnabelfluse

  1. Was für ein großartiger, überlegter und klüger Text! Bei weitem kein einfaches „mir reißt dann doch mal die Hutschnur“. Danke mal wieder dafür.😍💪🙏

  2. Eine sehr gelungene Einlassung mit erfrischenden Perspektivwechsel, den du hier aufgezeigt hast. Ein sich überlebtes System, dem Vergessen anheim. Keinen Platz einräumen wollen und seine Folgen. Ein sichtbarer Generationswechsel, in dem die Bauchnabelelite, die es nun zu jeder Zeit gab, wie immer eine Sonderrolle einnimmt, eine Niesche. Danke, Frau von Hitschnur.

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