Tomer Gardi – Eine runde Sache

(Obacht, dieser Text ist voller Spoiler, wer das nicht möchte, sollte das lieber nicht lesen. Im letzten Absatz steht, dass ich den Roman sehr gut finde, wer die Spoiler und all mein Gelaber (oh weh!) umgehen will, kann einfach den letzten Absatz lesen.)

„Niemand wird lesen, was ich hier schreibe, niemand wird kommen, mir zu helfen“, erklärt der Jäger Gracchus in der gleichnamigen Erzählung Franz Kafkas. Sein Problem: Er ist schon seit Jahrhunderten tot, bei einer Jagd im Schwarzwald ist er beim Verfolgen einer Gemse von einem Felsen gestürzt, voll Freude hat er alles von sich geworfen, „in das Totenhemd schlüpfte ich wie ein Mädchen ins Hochzeitskleid“, doch dann „geschah das Unglück“: Der Bootsmann, der seinen Todeskahn ins Jenseits fahren sollte, verpasste die Ausfahrt, weswegen der tote Jäger Gracchus auf ewig die irdischen Gewässer befahren muss. All das erzählt der untote, auf ewig seefahrende Jäger dem Bürgermeister von Riva – und behauptet zeitgleich, „hier“ zu schreiben, was niemand lesen wird. All das verschwimmt hier: Mythos, Paradox, Lüge, Autobiografie, Tragödie, Komödie.

Nicht minder komplex verschwimmt alles in „Eine runde Sache“ von Tomer Gardi. Das Buch enthält im Grunde zwei Romane, im ersten erzählt der Ich-Erzähler mit dem Namen Tomer Gardi von einem Gespräch vor einem Theater:

„Stattdessen erzählte ich ihm dass ich eine Idee für eine Geschichte habe, weiß aber nicht, ob ich es auf Hebräisch schreiben soll, oder auf meinem Deutsch. Verstähst du was ich meine? Jede Stimme wird ja was anderes und unterschiedliches Ausdrücken können. Andere und unterschiedliche Fantasien entwickeln, von andere und unterschiedliche Lebenserfahrungen erzählen können. Das wären dann, in der Tat, total unterschiedlichen Geschichten. Geschichten, die noch nicht existieren.“ (S. 15)

Damit ist das Programm der Romane benannt: Auf den ersten 100 Seiten erzählt der Ich-Erzähler Tomer Gardi in der vom Autor geschaffenen und schon aus seinem Roman „Broken German“ bekannten Kunstsprache, eben in „seinem Deutsch“, Broken German. Er erzählt von dem Schriftsteller und Veranstalter von Lügen-Workshops Tomer Gardi, dem am Buffet eines Theaters eine Salzgurke von einem belegten Brot fällt, auf der dann der Intendant ausrutscht, der nun verlangt, dass Gardi sich eine Geschichte einfallen lässt, mit der er den Leuten erklären kann, warum sein Knie verletzt ist. Der Erzähler Tomer Gardi denkt sich keine Geschichte aus, sondern erlebt eine slapstickhafte und völlig irrwitzige Geschichte: Er denkt, von einem anderen Theaterbesucher auf eine Yacht eingeladen worden zu sein, als er dort am nächsten Tag hingelangt, entpuppt sich dies als Missverständnis – der andere hat nicht von einer Yacht, sondern von einer Jagd gesprochen, zusammen mit seinem deutschen Schäferhund Rex, und zwar auf ihn, Tomer Gardi. Gardi – man erinnere sich an Kafkas Jäger Gracchus – läuft vor seinen Jägern davon und stürzt von einem Felsen, überlebt dies merkwürdigerweise und trifft wieder auf den Schäferhund Rex, dem er einen Maulkorb aus einer portablen Vagina bastelt, weswegen dieser, der plötzlich sprechen kann, aber eben die Schnauze nicht mehr ganz öffnen kann, alle Vokale nur noch als „ü“ sprechen kann. Später treffen beide auf den stets in Reimen sprechenden Erlkönig, der sein Königreich verloren hat. Zu dritt wandern sie ziellos umher, auf der Suche nach etwas zu Essen, geraten in eine Sintflut, Rex entpuppt sich als der neue Noah, sie retten sich auf einer neuen Arche Noah, die Sintflut verrinnt, plötzlich ist alles wieder normal, Tomer Gardi kehrt zurück zum Theater und präsentiert dem Intendanten diese Geschichte, die er erlebt hat, als die Lüge, die der Intendant den Leuten auftischen soll, um sein verletztes Knie zu erklären. Da Tomer selbst auch Verletzungen davongetragen hat, will er nun behaupten, er sei auf einer Salzgurke ausgerutscht.

Damit endet der erste Roman, der sich in vielfacher Weise und irrwitziger Komplexität auf den zweiten Roman bezieht, den der Autor Tomer Gardi ursprünglich auf Herbäisch geschrieben hat und den Anne Birkenhauer ins Deutsche übersetzt hat. Hier erzählt ein namenloser Museumswächter die Lebensgeschichte des Malers Raden Saleh aus dem 19. Jahrhundert, eines javanischen Prinzen, der von den niederländischen Kolonialherren Javas zunächst auf Java, dann in Europa zum Maler ausgebildet worden ist, um dann repräsentative Gemälde für und von den Kolonialherren zu malen.

Dem Programm, das der fiktive Tomer Gardi als Ich-Erzähler im ersten Romanteil entwirft, bleiben beide Romanteile treu: Sie erzählen formal vollständig unterschiedlich von vollständig unterschiedlichen Figuren. Der erste in Broken German, slapstickhaft, temporeich, im Grunde völlig surreal und wahnwitzig – der zweite im Stile eines recht klassisch erzählten historischen Romans, der gelegentlich dadurch durchbrochen wird, dass die fiktive Erzählerfigur des Museumswärters sich zu Wort meldet und ihr eigenes Vorgehen kommentiert. Und dennoch erzählen beide Romane dasselbe, indem beide Geschichten sich bis in kleineste Details aufeinander beziehen und aufeinander verweisen. Das ist wirklich der ausgefuchsteste, komplexeste und formal eigenständigste Roman, den ich seit langem gelesen habe, ich habe nicht den Eindruck, ihn auch nur in Ansätzen erfasst zu haben, im Grunde lässt er mich, auf die beste Weise, völlig ratlos zurück. Gleichzeitig – und auch das ist eine Stärke des Romans – kann man den Roman sicher auch lesen, ohne sich um diese Bezüge und Verweise überhaupt zu kümmern, man kann die beiden Teile auch einfach als zwei eigenständige Romane lesen, von denen der erste Teil eben eher lustig, der andere eher ernst ist. Ich kann mit lustiger Literatur bekanntlich nichts anfangen, aber dieser Roman ist so gut gemacht und so wahnsinnig, auf so eine bewundernswerte Art verwirrend, dass ich ihm sogar die Witze im ersten Teil verzeihe. So ist das nämlich.

Wer schreibt, wer spricht und wie

Ich habe oben schon darauf hingewiesen, dass der erste Teil des Romans motivliche Parallelen zu Kafkas „Der Jäger Gracchus“ aufweist, und ich bin mir recht sicher, dass das kein Zufall ist, denn der ganze Roman schreibt sich in beiden Teilen ganz bewusst und deutlich in mythologische und literaturgeschichtliche Zusammenhänge ein: Wie in „Der Jäger Gracchus“ findet sich im ersten Teil des Romans ein Spiel mit Autobiografie und Fiktion, indem der Ich-Erzähler den Namen des Autors teilt, obwohl die Geschehnisse, die hier erzählt werden, so surreal sind, dass sie nicht autobiografisch sein können – so wenig, wie eben ein untoter Jäger in dem Moment, in dem er mit einem Bürgermeister spricht, seine eigene Geschichte aufschreiben kann. Autobiografie wird also anzitiert und sofort ad absurdum geführt, von einer Erzählerfigur, die mehrfach begeistert von den Lügen-Workshops, die sie gibt, erzählt, die sich mehr für die Fantasie als für die Realität zu interessieren vorgibt und in einer Erzählsituation, die am Ende als Lüge für den Intendanten markiert wird. Es gibt einzelne Merkmale, die sind real: Es gibt einen Autor Tomer Gardi, er verwendet Broken German als Kunstsprache, es gibt Intendanten, Theater, Büffets. Alles dazwischen bemüht sich nicht einmal darum, realistisch zu wirken.

Genau anders herum verfährt der zweite Teil des Romans, der von Raden Saleh erzählt: Hier dominiert das realistische, historisch grundierte Erzählen: Raden Saleh gab es wirklich, genauso die anderen Figuren, die Orte, die Gemälde, von denen erzählt wird. Alles, was hier erzählt wird, ist so passiert oder könnte so passiert sein, nichts wirkt unrealistisch. Und dennoch ist auch hier nichts verlässlich: Auch wenn der Museumswärter eine realistisch wirkende Erzählung präsentiert, gibt er selbst mehrfach an, seine Erzählung von Raden Saleh zusammengesetzt zu haben aus den jeweils perspektivisch verzerrten Erzählungen unterschiedlicher Museumsführer und -besucher, die er gehört hat, zudem gibt er selbst wiederholt an, die Geschichte durch eigene Einfälle zu ergänzen, zu schönen, spannender zu machen – also Dinge hinzuzuerfinden (vgl. etwa S. 184). Nicht anders verfährt Raden Saleh selbst, wenn er seine Lebensgeschichte erzählt, er schönt bewusst, ergänzt Dinge, auch seine Autobiografie ist also zum Teil eine Lüge (vgl. S. 217). Vor allem aber ist Saleh Maler, so wie Gardi Schriftsteller ist, und sein Medium ist eine Lüge, so wie Gardi Lügenworkshops gibt: Schon von klein auf wird Saleh im Stile niederländischer Malerei ausgebildet,

„[e]r malte gern in dem Stil, den sein Lehrer ihm beibrachte. Den Stil, den die kolonialen Maler in die fernen Kolonien gebracht hatten, einen Stil, der den Betrachter zum Augenzeugen machen will, zum Anwesenden an einem Ort, an dem er nie gewesen ist.“ (S. 112)

Das Bild, das Saleh vom niederländischen Generalgouverneur von Java, Jean Baud, und dessen Familie malen soll, ist „ein erfundenes Zeugnis, die Erinnerung an einen Augenblick, den es nie gegeben hat“ (S. 154), weil die Familie im Ganzen nicht dazu zu bringen gewesen ist, still Modell zu stehen, weswegen das Bild aus Einzelskizzen zusammengesetzt worden ist. Und Saleh treibt dieses visuelle Lügen auf die Spitze, wenn er anfängt, statt Meereslandschaften mit Schiffen Jagdszenen zu malen, denn er trägt zusammen, was er gesehen hat und verbindet es mit Hilfe seiner Vorstellungskraft:

„Es waren arabische Jäger, die Saleh auf seine sächsischen Pferde setzte, und diese hoben mit angsterfülltem Wiehern die Vorderbeine über die Löwen, die aus den aschantischen Savannen in einen Wanderzirkus zwangsemigriert worden waren. Andere Jäger, die auf seinen Bildern einen Turban trugen, malte Saleh nach seinen Erinnerungen an die javanischen Bauern, und auch die setzte er hoch zu Ross auf die sächsischen Pferde, in einer Zeit, in der die javanischen Bauern sich außerhalb seiner Bilder unter dem Joch der niederländischen Sklaverei krümmten und hungerten“. (S. 189f.)

Raden Saleh malt Lügen, weil er von den Kolonialherren zum Lügner gemacht worden ist: Es ist nicht nur der niederländische Stil, der seine Bilder zu Lügen werden lässt, es ist auch die falsche Aussprache seines Namens, die ihn zum Lügner macht:

„Er sprach das geschriebene ‚h‘ in Salehs Namen, das wie ‚ch‘ klingt, wie alle Niederländer im oberen Teil des Rachens aus, statt in den Tiefen der Kehle. ‚Salekh‘ mit einem kehligen ‚kh‘ bedeutet auf Arabisch ein frommer, gerechter, ehrlicher Mann, während ‚Salech‘ mit weiter oben im Rachen gesprochenem niederländischem ‚ch‘, dem sogenannten ‚Ach-Laut‘ einen sehr ausgemergelten Mann bezeichnet, oder einen Tierhäuter, und im übertragenen Sinne jemanden, der lügt und andere ausnutzt. Saleh kannte das schon von Java. Nur selten hatte er versucht, die Aussprache der Kolonialherren zu korrigieren, es war aussichtslos: Sei gegrüßt, Pferdehäuter, willkommen, Lügner und Ausbeuter. Saleh lächelte und trat ein.“ (S. 125)

Und tatsächlich wird Saleh durch ein großzügiges Stipendium von den Niederländern während seines mehrjährigen Aufenthalts in Europa versorgt – er weiß: Das ist Geld, das auch durch die Ausbeutung der Menschen auf Java erwirtschaftet worden ist. Er ist zum Lügner und zum Ausbeuter geworden. Irgendwann malt er nicht mehr aufgrund dessen, was er sieht, sondern er malt bewusst Erfundenes:

„Er wusste, dass die Vorstellungskraft der Ursprung für ein ganzes Gemälde sein konnte. Sollten sie ihn doch einen Tierhäuter, Betrüger und Lügner nennen.“ (S. 241)

Als Saleh Holland verlässt, um durch Europa zu reisen, legt er die europäischen Kleider ab und fängt an, sich zu kleiden wie ein javanesischer Prinz – allerdings wie ein javanesischer Prinz aus der Requisitenkammer, auch das ist, obwohl er wirklich javanesischer Prinz ist, eine Lüge: Seine javanesischen Gewänder lässt er von dem Kostümbildner eines Opernhauses schneidern, sein Schwert stammt aus der Waffensammlung des sächsischen Königs. Umgekehrt wird er nach seiner Rückkehr nach Java eine Uniform erfinden und tragen, die der Uniform der Kolonialherren gleicht, die aber eigentlich gar nicht existiert.

Es sind Macht und (finanzielle) Abhängigkeit, die die Protagonisten beider Romanteile zu Lügnern machen: Der fiktive Tomer Gardi erfindet eine Geschichte für den mächtigen Intendanten, der erzählte Raden Saleh wird durch die Kolonialherren und ihre Macht zum Lügner.

In beiden Teilen des Romans schreiben sich diese Machtverhältnisse und die Lüge jeweils in die Kunstformen ein, die die Figuren als Ausdruckswege nutzen: Tomer Gardi erfindet Geschichten, Raden Saleh erfindet Bilder. Im ersten Teil des Romans heißt es, nachdem der Intendant auf der Salzgurke ausgerutscht ist:

„Was hier geschah war viel ernstes. Das Leben hat die Kunst beleidigt. Die Kunst wird Rache nehmen. Und das Schlachtfeld bin ich.“ (S. 8)

Beide Teile des Romans erzählen davon, wie die Künstler das Schlachtfeld von Kunst und Leben werden. In beiden Romanteilen schreibt sich das, schreiben sich Machtverhältnisse und der Versuch, sie zu unterwandern in Sprache und Kunst ein.

So spielt der erste Romanteil mit unterschiedlichen Sprachregistern: Der Ich-Erzähler Tomer Gardi erzählt in gebrochenem Deutsch (so wie Raden Saleh Niederländisch mit Akzent spricht, vgl. S. 140), der deutsche Schäferhund Rex ersetzt alle Vokale durch ein ü, wodurch er schwer zu verstehen ist. Der Erzähler Gardi, eine jüdische Figur, übersetzt die Sprache des deutschen Schäferhundes, also der liebsten Hunderasse der Nationalsozialisten, für den Leser: Er kehrt damit Macht um, der Erzähler mit dem gebrochenen Deutsch übersetzt den kaum verstehbaren „indigenen“ (vgl. S. 44) Schäferhund. Dennoch bleibt er in einer Abhängigkeit von dem Hund, der ja ein Gesandter Gottes ist, um auch Gardi vor der anstehenden Sintflut zu retten. Dennoch muss er am Ende dem Intendanten eine Geschichte liefern.

Raden Saleh versucht sich ebenfalls der Macht der Kolonialherren, insbesondere der von Jean Baud zu entziehen. Dies gipfelt darin, dass er ein Bild des onanierenden Jean Baud malt, von dem er abhängig ist und der über ihn verfügen kann (hier gibt es, vermute ich, Bezüge dazu, dass der Ich-Erzähler im ersten Teil des Buches den Schäferhund Rex mit einer portablen Vagina als Maulkorb den Mund verschließt, es gibt hier auch Hinweise auf Freud, aber da kann ja noch wer anderes dran ruminterpretieren, wenn wer Lust hat, vgl. S. 51). Dieses Bild, ein Akt der Rebellion, wird vom Lehrer von Raden Saleh übermalt. Raden Saleh kann sich der Macht von Baud nicht entziehen, am Ende muss er tun, was dieser will. Es bleibt nur so viel Subversion, dass sich das Gerücht hält, Saleh habe das Bild von Baud und dessen Familie auf dieselbe übermalte Leinwand gemalt, auf der nun übermalt der onanierende Jean Baud zu sehen gewesen ist.

Die beiden Teile des Romans erzählen davon völlig unterschiedlich, und doch erzählen sie von denselben Problemen: Die surreale Wanderung des Ich-Erzählers Tomer Gardi beginnt, weil er die Worte „Yacht“ und „Jagd“ verwechselt – auch hier schreiben sich Macht und Sprache ein. Die Geschichte von Raden Saleh führt seine künstlerische Entwicklung weg von Meereslandschaften mit Schiffen hin zu Jagdszenen. Beides ist immer verbunden: Jagd und Schifffahrt. Wie schon bei Kafkas „Der Jäger Gracchus“.

Aufbruch ins Ziellose

Das ist, vermute ich, kein Zufall. Der Philosoph Manfred Frank hat in „Unendliche Fahrt“ das Motiv der nie endenden Schifffahrt untersucht, das am prominentesten in den Mythen vom „ewigen Juden“ und vom „fliegenden Holländer“ verarbeitet ist, und in dessen Kontext auch Kafkas „Der Jäger Gracchus“ steht. Steht die Schifffahrt schon seit der Antike und dann insbesondere noch im Barock symbolisch für das Leben, so werden zur Zeit der Romantik Mythen von Schifffahrten und Wanderschaften verschriftlicht, die nicht mehr enden, die nicht mehr nach Hause führen, sondern ein Fluch sind.

Beide Mythen werden in „Eine runde Sache“ zitiert: Im ersten Teil des Romans spielt die Schifffahrt eine Rolle, weil „Jagd“ und „Yacht“ verwechselt worden sind, weil am Ende die Arche vor der Sintflut rettet. Vor allem aber wird der Ich-Erzähler zum „ewigen Juden“ gemacht, zuerst durch den Erlkönig der Weimarer Klassik, der behauptet, Gardi laufe abgerissen herum wie der „Ewige Jude“, später vor allem durch die Wachen, die den Zugang zur Arche bewachen und die Gardi mitnehmen wollen als Exemplar für den „ewigen Juden“, den „ewigen Zeugen“ (vgl. S. 94). Der Ich-Erzähler weist das zurück:

„Ich bin nicht der ewige Jude, hab ich gesagt. Ich bin Tomer Gardi. […]

Und der ewige Zeuge bin ich sicherlich nicht, sagte ich weiter. Schluss, ich hatte genug. Ich zeugte schon von zu viel. Das mach ich nicht mehr. Das ist nicht mehr für mich. Interessiert mich nicht. Ich bin jetzt in Fantasie interessiert. Ins fabulieren. In die Erfindung. Schluss mit Zeuge, genug. Ich mach das nicht mehr.“ (S. 94)

Der Erzähler versucht also, seine Identität selbst zu bestimmen, statt sie sich von außen zuschreiben zu lassen – erneut: ein Versuch, Machtverhältnisse zu unterlaufen. Er zahlt dafür den Preis, dass die Arche ihn nun nicht mitnehmen wird, da er sich weigert, der Repräsentant zu sein, den man mitnehmen will. Er versucht, sich zu retten, indem er den Erlkönig tötet, häutet und danach erneut als der Erlkönig bei den Türstehern der Arche vorspricht (der symbolische Gehalt liegt auch hier auf der Hand) – doch er fliegt dabei auf. Der Erlkönig spricht in Reimen, die Gardi nicht nachbilden kann, seine Sprache ist eine andere, seine Sprache ist gebrochen, nicht harmonisch-reimend. Am Ende kann der fiktive Tomer Gardi sich retten, indem er als blinder Passagier auf der Arche mitfährt – er kann sich nur an der Bordwand festhalten, er weiß, ins Innere des Schiffes darf er nicht. Er bleibt am Rand.

Der Erzähler versucht, Macht und Mythologie zu entkommen und kann sich doch nicht gänzlich aus beidem befreien, kann höchstens den ihm zugeschriebenen Platz im Inneren verweigern und am Rand bleiben.

Diese Motive werden im zweiten Teil des Romans aufgegriffen: Nicht nur erinnert Raden Saleh bei einem Ball – und er bleibt bei Bällen immer am Rand stehen (vgl. S. 193) – eine junge Frau an die Geschichte vom „ewigen Juden“ (vgl. S. 193), vor allem verweist dieser Teil des Romans mehrfach explizit auf den Mythos vom „fliegenden Holländer“, beide Mythen sind, wie gesagt, laut Manfred Frank eng verwandt. Raden Saleh hört die Geschichte vom fliegenden Holländer zum ersten Mal, als er auf einem Schiff der holländischen Kolonialherren die Insel Java verlässt, um in Europa zum Maler ausgebildet zu werden – und er bekommt Angst, da er ja nicht wissen kann, ob er nicht aus Versehen auf ein verfluchtes Schiff geraten sein könnte, das niemals irgendwo ankommt (vgl. S. 112). Jahre später wird er sich fragen:

„Vielleicht bin ich damals, vor mehr als zehn Jahren, ja doch an Bord des Fliegenden Holländers gegangen, dachte sich Saleh. Vielleicht bin ich zwar hier in Berlin, aber treibe auch für ewig in Irrungen und Wirrungen, immer weiter weg von der Insel, auf der ich geboren bin, verloren auf dem Deck eines verfluchten Schiffes?“ (S. 169)

Und als Saleh schließlich gegen seinen Willen, sondern auf Wunsch der Kolonialherren auf die Insel Java, auf der er geboren worden ist, zurückkehrt, wird dies keine Heimkehr für ihn sein, er kommt nicht zur Ruhe, bricht wieder nach Europa auf, findet auch da keine Heimat, fährt zurück, irrt umher. Er ist ins Ziellose aufgebrochen.

Und nur als Fußnote, nur als Hinweis darauf, wie wahnsinnig ausgefuchst dieser Roman ist und arbeitet: Die Sage vom fliegenden Holländer ist, so schreibt Manfred Frank in „Unendliche Fahrt“, entstanden im Kontext der Umsegelung des Kaps der guten Hoffnung durch die Portugiesen und also im Kontext der Erschließung des Seeweges zur Kolonisierung Vorderindiens. Der „fliegende Holländer“ ist ein Mythos der Kolonialzeit. Die niederländischen Kolonialherren machen Saleh zum fliegenden Holländer.

Die Protagonisten beider Teile des Romans versuchen, ihre Identität selbst zu bestimmen und zu finden, im Kontext von Machtverhältnissen und mit ihnen verbundenen Sprachen und Mythen. Über Saleh heißt es am Anfang des zweiten Teils des Romans, dass er während seiner ersten Überfahrt von Java nach Europa etwas Unmögliches versucht habe:

„Aber damals, dort auf dem Deck der Raymond, wünschte er sich – ohne es zu wissen – etwas, was die Mutter aller Niederlagen war, die Mutter vieler gewaltiger Tragödien, die mit Wehklagen enden: Er wollte sich selbst aus einer Perspektive betrachten, die er nicht besaß.“ (S. 108)

Das trifft wohl auf die Figuren beider Romanteile zu. Beide wollen sich selbst bestimmen. Es gelingt ihnen nur bis zu einem gewissen Grad, es bleiben kleine Fluchten, kleine Subversionen, und es erwächst gerade aus dem Fluch, niemals anzukommen, auch eine Hoffnung:

Tomer Gardi sagt am Ende des ersten Teils des Romans: „Alles, hab ich gesagt, alles bewegt sich. Alles bewegt sich und dreht, ändert sich ständig, wieder und wieder. Nichts ist stabil, nichts bleibt wie es ist, und auch ich nicht. Eure Zeuge werde ich nicht sein. Ich suche meiner Schicksal aus. Und ich, ich wähle Erfindung. Fabulieren. Fantasie. Die wunderbare Lüge.“ (S. 95)

Und in die Lüge, auf einer Salzgurke ausgerutscht zu sein, geht er am Ende.

Raden Saleh stellt nach zwei Dritteln des zweiten Romanteils fest: „Auf Meeren und Strömen wurde die Welt gegründet, dachte Saleh, deshalb ist alles in Bewegung.“ (S. 199)

Lüge und Repräsentation, Lüge und Identität hängen in beiden Romanteilen eng zusammen. Insofern ist das hier wirklich „eine runde Sache“. (Der reale Autor) Tomer Gardi fragt in diesem Roman genau nach diesen Verbindungslinien, nach den subversiven Potentialen von Kunst, nach den Zusammenhängen von Lüge und Wahrheit, nach dem Schlachtfeld, zu dem Macht Kunst und Künstler macht. Ich habe keine Ahnung, ob ich hier irgendwas verstanden habe, es ist ein ganz fantastisch herausfordernder und verwirrender Roman, wenn man ihn liest, fühlt man sich ganz herrlich dumm. Ich bin mir sicher, man kann ihn auch einfach ohne über all das nachzudenken lesen und kann auch dann mit dem Buch großen Spaß haben. Man sollte für den ersten Teil des Romans mit Humor in Literatur umgehen können, wie geschrieben mag ich das ja nicht, das ist aber natürlich eine Geschmackssache und selbst dann, wenn man wie ich Slapstick nicht so mag, schon gar nicht in Texten, kann man diesen Roman wirklich mit großer Freude und Gewinn lesen. Für mich ist das ein herausragend gutes Buch, da schreibt jemand, der formal etwas wagt und kann und der intellektuell etwas wagt und kann. Man kann sich hier einfach ordentlich verwirren und an der Nase herumführen lassen und sich am Ende sehr dumm fühlen und hat dann großen Spaß gehabt.

[Das Beitragsbild stammt von Austin Neill auf unsplash.com]


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