Hannah Lühmann – Auszeit

Auszeit - Bücher - Hanser Literaturverlage

1928 machte der Roman „Stud. chem. Helene Willfüer“ Vicki Baum als Schriftstellerin in ganz Deutschland berühmt. Der Roman, wenn er auch im Großen gegen die damals herrschenden gesellschaftlichen Konventionen nicht verstoßen hat, trug dennoch in kleinen Schritten zu neuen Debatten und einem neuen Bild der Frau in ihrer Zeit bei: Helene Willfüer wird in diesem Roman ungewollt schwanger, entscheidet sich gegen die in dieser Zeit illegale Abtreibung, macht als alleinerziehende Mutter Karriere in den Naturwissenschaften und heiratet am Ende ihren Doktorvater. Uneheliche Schwangerschaft war natürlich in dieser Zeit ein Tabu, ebenso wie es äußerst ungewöhnlich war, dass eine Frau, noch dazu eine alleinerziehende Mutter, Karriere macht und promoviert. Dem Zeitgeist geschuldet ist dabei der Eheschluss am Ende, der diese unkonventionelle Figurenbiografie wieder mit der Konvention versöhnt. „Stud. chem. Helene Willfüer“ sorgte aber auch deswegen in seiner Zeit für Diskussionen, weil er in die Zeit einer heftigen Debatte um Abtreibung fiel – und auch, wenn die Figur sich hier gegen eine Abtreibung entschieden hat, sorgte der Roman dafür, dass das Thema breit diskutiert worden ist. Freilich ist er mit dem Thema nicht so progressiv umgegangen, wie etwa das ein Jahr später uraufgeführte Drama „Cyankali“ von Friedrich Wolf, das die fatalen Folgen der Illegalität von Abtreibungen vor Augen führt – dennoch stellte er immerhin das Schicksal einer jungen Frau, die diesen Schritt erwägen muss, in den Fokus.

In den letzten Jahren ist nun das Thema Abtreibung – nach den auch im Sinne juristischer Konsequenzen erfolgreichen Debatten der 1970er – wieder ein Thema öffentlicher Diskussion geworden im Zuge der Forderungen nach einer Abschaffung von §218. In dieser Zeit nun hat Hannah Lühmann ihren Debütroman „Auszeit“ geschrieben und veröffentlicht.

In diesem Roman erzählt die Ich-Erzählerin Henriette von eben der titelgebenden Auszeit, die sie zusammen mit ihrer besten Freundin Paula in einer einsamen Hütte in Bayern nimmt, um wieder zu sich selbst zu finden oder, wie Paula es sagt, ihre Traumata aufzuarbeiten. Denn Henriette hat nicht nur das Gefühl, ihr Leben und sie selbst seien verkorkst, sie kommt nicht nur mit ihrer Promotion zum Thema „Werwölfe“ nicht voran, sondern vor allem leidet sie auch unter einer Abtreibung, die sie hat vornehmen lassen.

Die Gründe für diese Abtreibung sind vielschichtig und der Protagonistin – die aber ohnehin massiv darunter leidet, dass sie das Gefühl hat, unfähig zu sein, ihr Leben in die Hand zu nehmen und Entscheidungen zu treffen – anscheinend selbst nicht vollständig klar. Zum einen war der Sex mit ihrem Chef nicht konsensuell, was im Roman aber eher nebulös thematisiert wird. Zum anderen wollte sich nun dieser Chef nicht um das Kind kümmern und hat Henriette doch zum Schwangerschaftsabbruch gedrängt. Des Weiteren entscheidet sich Henriette aber selbst und bewusst für den Abbruch: „Ich hatte, so fühlte ich mich in diesem Moment, zum ersten Mal in den Lauf der Dinge auf eine Weise eingegriffen, die relevant war. Ich würde in Zukunft spüren, wo ich anfing und wo ich aufhörte, weil ich, vielleicht zum ersten Mal, wirklich eine Grenzen überschritten hatte.“ (S. 134)

Aber es ist kompliziert: Einerseits entscheidet sich Henriette für den Abbruch, betont „Es war meine Entscheidung gewesen“ (S. 134), andererseits kann sie nun die Trauer über diesen Abbruch nicht überwinden, fühlt sich leer und gesteht sich nicht einmal Trauer zu:

„Um das Kind kann ich in zweifacher Hinsicht nicht trauern: weil ich es getötet habe. Es wäre eine selbstgerechte Trauer, die das Betrauerte verlacht. Und, aber dieser Grund wiegt schwerer: weil ich es nicht kannte, das Kind. Ich hatte es nicht zu einem Punkt gelangen lassen, der es als Gegenstand eines Verlusts qualifizierte. Die Trauer galt mir selbst und doch auch dem Kind, denn es war ja da gewesen, hatte etwas gewollt.“ (S. 55)

Diese Stelle macht nun zwei Dinge deutlich: Zum einen mag diese Form des Schreibens über die Gefühle einer Frau nach einer Abtreibung für einige Frauen, die das so empfinden, hilfreich und ein Trost sein – dem Empfinden der Mehrheit, die weniger unter Reue als vielmehr unter der Stigmatisierung leiden (vgl. hier oder hier), ist das vermutlich wohl eher kein Trost, sondern eben eine Stigmatisierung, wie ihnen da das Recht auf Trauer abgesprochen wird. Das soll den Roman nicht moralisch desavouieren: Auch wenn er nur für eine kleine Gruppe Menschen spricht, spricht er doch eben auch für eine Gruppe, von der natürlich auch erzählt werden muss.

Zum anderen macht dieses Zitat ein stilistisches Problem deutlich: An dieser Stelle – aber auch an anderen, insbesondere am Ende – ist der Roman nicht auserzählt, es wird etwas behauptet, statt dass es erzählt würde. Gerade in der ersten Hälfte des Romans werden ständig überflüssige Beobachtungen und Befindlichkeiten breit wiedergegeben, innere Handlung wird dann aber immer wieder eher behauptet als gezeigt.

Stilistisch konsequent ist es dagegen, dass die Ich-Erzählerin als Promovierende zum einen eben eine recht akademisch-analytische Sprache verwendet, auch wenn das nicht immer schön ist, zum anderen aber als die unsympathische, narzisstische Figur, die sie ist – die selbst in dem Moment, als der Bruder ihrer besten Freundin stirbt, nichts anderes empfinden kann als Neid, weil nun die andere „in ihrem Schmerz überlegen war“ (S. 77) – ständig auf eine redundante und wirklich nervige Art und Weise ich-ich-ich-Sätze verwendet. Das ist nicht schön, aber gut gemacht.

[Obacht, und ab jetzt kommen Spoiler. Wer das nicht lesen will, findet ein Fazit im letzten Absatz.]

Ich bin mir hier aber unsicher, ob ich das nicht zu wohlwollend lese, ob diese ständigen, nervigen mit „ich“ beginnenden Sätze wirklich ein bewusst gewähltes stilistisches Mittel oder eher Zufall sind: Denn am Ende – auch hier ist der Roman wie schon erwähnt nicht auserzählt, die Handlung unterbricht einfach und schließt dann mit Briefen „drei Jahre später“ – hat Henriette nämlich eine Wandlung durchgemacht: Nachdem sie mit dem Freund ihrer besten Freundin Paula geschlafen hat und von ihm schwanger geworden ist, diesmal das Kind behalten hat, hat sie ihre Promotion abgebrochen und zu sich als glücklicher Mutter gefunden, die gerne gesund kocht, ein kleines bisschen arbeitet und bald aufs Land zieht. Und immer noch kreist sie um sich und beginnt jeden dritten Satz mit „Ich“. Sollten die redundanten „ich“-Formulierungen also ein stilistisches Mittel sein, das die Verwirrung der nach der Abtreibung in Trauer um sich kreisende Figurenpersönlichkeit ausdrücken soll, so wird dieses stilistische Mittel, das ja mit der Wandlung der Figur am Ende zur glücklichen Mutter überflüssig sein sollte, nicht zurückgenommen.

Und – selbst wenn dieser Roman gewiss auch für eine Gruppe Frauen spricht – kann man auch fragen, ob das wirklich im Jahr 2021 die Art und Weise ist, wie man über eine Frau, die ungewollt schwanger geworden und über Abtreibung nachgedacht hat, schreiben muss. 1928 hat Vicki Baum immerhin noch gezeigt, dass eine junge Frau all das schaffen kann: Promotion, Karriere, alleinerziehende Mutterschaft. 2021 erkennt die junge Frau dann in „Auszeit“, dass eine Promotion einfach nichts für sie ist, gesund kochen für das Kind dagegen schon. Aber gut, es mag eine Gruppe von Frauen geben, die sich da wiederfinden, und für diese Gruppe Frauen hat natürlich auch dieses Buch dann eine Berechtigung, ich wünsche nur den anderen Frauen, die vielleicht einen anderen Blick auf ihren Lebensweg und ihre Entscheidung bezüglich eines Schwangerschaftsabbruchs haben, dass sie nicht aus Versehen dieses Buch lesen.

Denn da ist ja zusätzlich auch noch dieses Promotionsthema der Ich-Erzählerin, sie promoviert über Werwölfe. Und so sind denn auch alle Figuren in diesem Roman, abgesehen von Paula, Werwölfe: Der Chef von Henriette war, als er mit ihr geschlafen hat, „in einem Moment aus sich herausgetreten, hatte etwas Seltsames getan, etwas Schreckliches“ (S. 104f.). Als Henriette abtreibt, fühlt sie sich nicht nur erstmals als Herrin über ihr Leben (s. Zitat oben, S. 134), sondern sie sagt auch: „Ich fühlte mich stark, auf eine neue, dunkle Weise, ich hatte eine Entscheidung gegen die Natur getroffen, gegen meine Natur.“ (S. 133f.). Als Henriette später spontan mit Tom, Paulas Freund, schläft und von diesem schwanger wird, erzählt ihr Paula am nächsten Tag: „Ich hatte einen seltsamen Traum […], wir sind alle zu Wölfen geworden, also ich nicht, eigentlich nur du und Tom und alle, die wir kannten. Ihr wart blutrünstig. Und ihr seid im Wald rumgelaufen und habt alle Tiere gefressen.“ (S. 167)

Man muss diesen Roman nicht moralisch in Bezug auf seine Position zur Frage nach Abtreibung bewerten, bedauerlicherweise bewertet dieser Roman aber durch diese Werwolf-Metaphorik selbst Sexualität und Abtreibung moralisch: Da steht nun nicht-konsensueller Sex (der Chef, der mit Henriette schläft) in einer Linie mit Henriettes Entscheidung für die Abtreibung und in einer Reihe mit dem Sex zwischen Tom und Henriette, durch den beide Paula betrügen. Das kann man schon diskutabel finden.

Wie sehr hier eben etwa gerade der nicht einvernehmliche Geschlechtsverkehr durch den Chef mit Namen Tobias und Henriettes Abtreibung in einer Linie stehen, wird auch deutlich, wenn Henriette – die schon in der ersten, dann abgebrochenen Schwangerschaft das völlige Glück und Einheit mit sich selbst gefunden hat, wie sie immer wieder erzählt – etwa denkt: „Im Endeffekt war diese zufällige Form der Mutterschaft, auch wenn sie unter so unguten Umständen passiert war, das größte Geschenk, das man mir machen konnte. Tobias hatte diese Entscheidung für mich getroffen, er hatte mir dieses Leben eingeflößt, und er konnte es nicht zurückrufen.“ (S. 127). Henriette selbst kann es dagegen, nach ihrer Abtreibung denkt sie: „Ich hatte ihn nie gebraucht. Es war meine Entscheidung gewesen.“ (S. 134).

Hannah Lühmann kann ohne Frage schreiben, sie kann Atmosphären generieren, Bedeutungsebenen einflechten und verbinden. „Auszeit“ muss man aber nicht gelesen haben. Mir scheint der Roman zum einen nicht zu Ende geschrieben, es wird manches stärker behauptet als erzählt, ohne dass für mich ersichtlich wäre, dass das ein bewusst gewähltes Mittel wäre. Inhaltlich kann man das diskutieren, es ist eben eine Position, die ja auch ihren Platz haben kann und bestimmt auch ihre Leser*innen findet; es ist aber doch etwas schade, dass diese Position sogar im Vergleich zu einem Roman aus dem Jahr 1928 auf mich recht gestrig wirkt.

[Beitragsbild von JP Valery auf unsplash.com]


3 Gedanken zu “Hannah Lühmann – Auszeit

  1. wow, was für eine Besprechung. Ich kenne den Roman nicht und thematisch hätte er mich jetzt nicht unbedingt angesprochen. So, wie Du am Text darlegst, muss ich ihn auch wirklich nicht lesen. Das Zitat von Seite 55 genügt – und als ich es gelesen hatte, dachte ich mich sehr Ähnliches, wie das, was Du im folgenden darauf schreibst.
    Abtreibung ist ein sehr heikles Thema, für fast alle Frauen, die ich kenne und die eine haben vornehmen lassen. Keine von ihnen hat es sich leicht damit gemacht, fast alle hat sich das Datum der Abtreibung quasi ins Körpergedächtnis eingeschrieben und erinnert sie jedes Jahr ganz genau daran. Trauer darf da schon sein. Die Sichtweise, die da im Roman offensichtlich dargestellt wird, ist sicher auch eine, die vorkommt, keine Frage, aber so wie in diesem Zitat wirkt sie doch ein wenig wie Schlag ins Gesicht derer, die eben abtreiben haben lassen. Danke für diesen tollen Beitrag! LG, Bri

  2. Danke, Danke, Danke liebe Katharina Herrmann, für diese Passage: „An dieser Stelle – aber auch an anderen, insbesondere am Ende – ist der Roman nicht auserzählt, es wird etwas behauptet, statt dass es erzählt würde. Gerade in der ersten Hälfte des Romans werden ständig überflüssige Beobachtungen und Befindlichkeiten breit wiedergegeben, innere Handlung wird dann aber immer wieder eher behauptet als gezeigt.“ Genau diese Beobachtung mache ich so oft und hatte noch nicht die exakt richtigen Worte dafür. Ganz schwierig, das Leuten, gerade Nachwuchsschriftsteller_innen zu erklären. Das kann ich ab jetzt hoffentlich besser. 1000 Dank für diese wichtige Beobachtung.

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