Ljudmila Ulitzkaja – Eine Seuche in der Stadt

Hier ist Donnerstag, der 28.1.2021. Polizisten rennen mit Absperrband durch die Straßen, riegeln ein Viertel in Hongkong ab. Passanten stehen am Straßenrand, schauen zu, wissen scheinbar auch nicht recht, wohin mit sich. In genau demselben Hongkong, das noch vor einigen Wochen so um seine Freiheit gekämpft hat. Über dem Video steht im Tweet: „Police officers dashed to set up cordon line on Kam Ping St in North Point at 7pm as HK Gov launched the 2nd ambush-style lockdown on 4 blocks of Tung Fat Building and a section of street in front. Notification however came out on 7.16pm.“

Auf dem Bildschirm meines Computers in einer bayerischen Kleinstadt landet dieses Video, weil Leute, denen ich folge, Tweets liken von Leuten, denen sie folgen. Manche kommentieren und schreiben dazu, dass das Video zwar schon irgendwie ein mulmiges Gefühl hinterlasse, dass so vorzugehen aber effektiv sei, und mehr Effektivität im „Kampf“ gegen Corona würde auch Deutschland gut tun. Das bringt Corona so mit sich: Während die einen sich schon in einer Diktatur wähnen, weil sie eine Maske tragen sollen, wünschen die anderen sich doch ein bisschen mehr chinesische Hau-Ruck-Effektivität, haben manche anscheinend kein Problem damit, wenn ihr Text mit der Überschrift „Mehr Diktatur wagen“ betitelt wird.

Bildergebnis für ulitzkaja seuche

Was bedeutet das, das Durchgreifen einer Diktatur angesichts einer tödlichen Epidemie? Wer das wissen will, kann und sollte jetzt „Eine Seuche in der Stadt“ von Ljudmila Ulitzkaja lesen. Bei diesem „Szenario“, wie der Verlag es nennt, handelt es sich um die Skizze für ein Drehbuch, das Ulitzkaja 1978 als Bewerbung für einen Drehbuchkurs geschrieben hat – und das sie anschließen vergessen hat. Solange, bis Corona kam und sie mal bei sich aufgeräumt hat (toll, was Hausarbeit alles kann).

Diese Drehbuchskizze erzählt von einem Ausbruch der Lungenpest im stalinistischen Moskau 1939. Beziehungsweise genauer: Von einem verhinderten Ausbruch. Denn durch tatkräftige Unterstützung des NKWD, des Geheimdienstes der UdSSR, kann die Infektionskette durchbrochen und eine Epidemiewelle verhindert werden: Alle Personen, die mit dem Infizierten Kontakt hatten, werden aufgelistet, aufgespürt, abgeholt, mitten in der Nacht.

„In einer modernen Stadt, bei der hohen Bevölkerungsdichte auf engem Raum, kann sich eine Seuche ausbreiten wie ein Feuer… Verstehen Sie?“, fragt der Volkskommissar erschöpft.

„Gut!“ Der Mächtige Mann steht entschlossen auf. „Wir helfen. Bei den Listen und auch bei der Liquidierung.“

Der Volkskommissar erstarrt.

„Nein, nein, es geht um Quarantäne. Nicht um Liquidierung. Alle Personen, die mit dem Patienten Kontakt hatten, müssen sofort eingesammelt und isoliert werden. Unverzüglich. Je schneller, desto größer unsere Chance, eine Epidemie zu verhindern.“

Der Mächtige Mann sieht den Volkskommissar von oben herab an und sagt ein wenig spöttisch:

„Auch dabei werden wir helfen. Wir haben da unsere Möglichkeiten…“ (S. 43)

Und diese Möglichkeiten sind: Effektiv. Schnell. Gründlich. Und sie werden ergriffen zu einer Zeit, zu der alle Menschen in Angst davor lebten, mitten in der Nacht vom Geheimdienst abgeholt und inhaftiert zu werden. Die eine Seuche, die Pest, trifft hier auf eine andere Seuche, die Angst. Einer erschießt sich, als der Geheimdienst an der Tür steht, um ihn abzuholen, ein anderer stirbt bei dem Versuch, davonzulaufen, andere verlieren die Nerven. Keiner von ihnen weiß, dass es nur um Quarantäne geht.

All das erzählt dieses „Szenario“ so eindrücklich wie spannend, vielleicht gerade weil es eben nur eine Skizze ist. Gleichzeitig ist das aber schon auch etwas, was mitunter nervt, es ist eben eine Drehbuchskizze und in einigen Absätzen liest es sich auch wie eine:

Ljudmila Ignatjewna, Mayers Abteilnachbarin aus dem Zug, empfängt ihren Liebhaber. Kissen bauschen sich, das Bettgestell mit den Eisenfedern schüttelt das temperamentvolle Paar durch, ein nacktes Knie kommt unter der Decke hervor, verschwindet, kommt wieder hervor. Es klingelt an der Tür.
Augenblicklich kommen die Eisenfedern zur Ruhe. (S. 65)

Über weite Strecken stört dieser Schreibstil, der eben der einer Drehbuchskizze ist, erstaunlich wenig, aber es gibt auch einige Passagen wie diese, wo man sich gewünscht hätte, dass die Autorin den Text vielleicht doch noch einmal für eine Veröffentlichung überarbeitet hätte.

Dennoch lohnt es sich, „Eine Seuche in der Stadt“ von Ulitzkaja zu lesen. Vermutlich keine andere Neuerscheinung derzeit, schon gar nicht irgendeiner dieser Corona-Romane, die plötzlich wie Sand am Meer entstanden sind, bringt einen so spannend und atmosphärisch dicht zum Nachdenken darüber, welchen Preis die Menschen in effektiven Diktaturen, die manche plötzlich doch gar nicht mehr so abstoßend finden, zahlen.

Valeri Frid, für dessen Drehbuchkurs sich Ulitzkaja mit dieser Skizze beworben hatte, hat sie nicht in den Kurs aufgenommen. Ulitzkaja schreibt in ihrem Nachwort:

Valeri Frid, der selbst ein paar Jahre in stalinschen Lagern gesessen hatte, konnte schon deshalb den Gedanken nicht ertragen, das NKWD hätte auch nur ein einziges Mal etwas ‚humanitär‘ Nützliches getan. (S. 110)

Ja, das NKWD hat eine Pestepidemie verhindert und damit etwas Gutes bewirkt. Rechtfertigt das eine solche Organisation?

Was weiß man darüber, wie es den Menschen in Hongkong geht, wenn die Pandemie dort so „effektiv“ bekämpft wird? Was kann man sich vorstellen von dem, wie es den Menschen Anfang 2020 in Wuhan ergangen ist? Wenig, auch nachdem man Ulitzkajas „Eine Seuche in der Stadt“ gelesen hat. Aber eines weiß man dann doch wieder recht sicher: Ja, es ist anstrengend geworden hierzulande. Es ist anstrengend geworden, weil sowieso schon alles anstrengend ist, und weil dann auch noch der Ton in jede Richtung immer schriller geworden ist. Die einen fühlen sich unterdrückt, die anderen hätten gern wenigstens ein kleines bisschen Unterdrückung. Und was man weiß, wenn man dieses „Szenario“ gelesen hat, ist, dass es gut ist, dass es anstrengend ist, und dass wir froh sein können, dass Platz genug ist für diese anstrengenden Debatten. Würden wir diesen Preis nicht zahlen, würden wir vielleicht den zahlen, den die Menschen im Ulitzkajas Skizze zahlen.

(Das Beitragsbild stammt von Manuel auf unsplash.com)


3 Gedanken zu “Ljudmila Ulitzkaja – Eine Seuche in der Stadt

  1. Hallo Katharina,
    danke für die Besprechung mit aktueller Diskussion.
    Die Autorin hat wohl damals einen Stoff gefunden, der ihr als Biologin und Genetikerin auch historisch und politisch interessant schien. So lese ich auch die ausgewählten Zitate berührt.
    Drehbücher lese ich kaum, ältere noch weniger und abgelehnte sehr selten. Wie würde eine überarbeitete Version heute klingen?
    Im Umgang mit eigenen Texten und Fragmenten frage ich mich, mag und kann ich dies so stehen lassen, wieviel Aufwand bedeutete eine Bearbeitung, oder ist es nicht auch plausibel, dies als lebens- und zeitgeschichtliches Dokument stehen zu lassen – gegebenenfalls mit einem Kommentar dazu.
    Den SZ-Artikel mit Bezahl-Schranke rufe ich hier nicht auf und frage ihn an von einem Abonnenten.
    Die Corona-Pandemie wird uns über die Impf- und Testdebatten hinaus nicht nur zur Bundestagswahl noch lange auch persönlich beschäftigen. Mögen uns dazu die Erfahrungen der Älteren und Vorfahren inspirieren wie auch die gleichaltrigen und jungen Leute.
    Gute Wünsche und herzliche Grüße
    Bernd

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