Christine Wunnicke – Die Dame mit der bemalten Hand

Auf der Insel Elephanta – oder eben: Gharapuri – sind im 18. Jahrhundert zwei Männer mit ihren Listen zu einem unfreiwilligen Aufenthalt gezwungen: Der eine, der deutsche Mathematiker Carsten Niebuhr, ist der letzte Überlebende einer Expedition nach Arabien, auf der er im Auftrag europäischer Professoren Fragen zur Erforschung der Bibel empirisch beantworten soll wie: „Wie tief teilt die Ebbe das Rote Meer?“,, „Was ist der falsche Weizen im Gleichnis des Sämanns?“ und „Welches Holz macht das Salzwasser süß in Exodus 15?“ (S. 60). Alle Mitglieder seiner Expedition sind mit einer gefährlichen Krankheit infiziert worden, um Hilfe bei britischen Ärzten zu suchen, sind sie von der ihnen aufgetragenen Reiseroute abgewichen und so schließlich in Indien gelandet. Die britischen Ärzte wissen allerdings auch wenig Rat, Niebuhr fürchtet bald zu sterben, unverrichteter Dinge, denn er hat kaum eine der vielen Fragen auf der Liste beantworten können. Nach Elephanta ist er gefahren, um dort, wie er und die britischen Kolonialherren meinen, einige interessante Darstellungen des Königs Salomo zu untersuchen, die natürlich mit König Salomo nichts zu tun haben, sondern mit Gottheiten des Hinduismus. Dann ist ihm sein Schiff weggefahren, jetzt sitzt er fest, in den berühmten Höhlen von Elephanta und hat Fieber. Und was verstehen Europäer schon von anderen Kulturen.

Der andere Mann mit einer Liste ist Musa al-Lahuri, ein Mathematiker persischer Abstammung, der jedoch in Indien vom Verkauf berühmter Astrolabien lebt. Er ist auf dem Weg nach Arabien, wo er hofft, Sinn zu finden. Auf den Weg dorthin hat ihm seine kleine Tochter eine umfangreiche Liste mit Aufträgen mitgegeben: Der Vater soll ihr von seiner Reise drei geflügelte Pferde mit einem Zaumzeug mit Glocken und andere Dinge mitbringen, die er gar nicht mitbringen kann. Nach Gharapuri ist er gereist, um dort ein Astrolabium zu verkaufen. Dann ist ihm sein Schiff weggefahren, und jetzt sitzt er fest, in den Höhlen von Elephanta, mit Carsten Niebuhr, den er während seiner Fieberanfälle pflegt.

Beide verständigen sich auf Arabisch miteinander, und nicht nur das sorgt – je nachdem, wie stark Niebuhr von Fiebern gebeutelt wird – für Missverständnisse. Für Missverständnisse sorgt vor allem, dass Europäer offensichtlich nicht halb so viel von anderen Kulturen verstehen, wie sie meinen, auch wenn sie wie selbstverständlich davon ausgehen, dass sie alles verstehen. Das gilt für Niebuhr, noch viel mehr aber für den Mann, der ihn losgeschickt hat – Johann David Michaelis aus Göttingen – und die britischen Kolonialherren, die im Roman eher Witzfiguren gleichen. Und letztlich ist das das Thema des Romans: Wie unterschiedliche kulturelle, vor allem aber auch religiöse Überzeugungen in derselben absurden Weise Hirngespinster sind, die für Streit und Missverständnis sorgen.

„Wir glotzen nach oben und erfinden große Gestalten und hängen sie in den Himmel. Ich eine Frau und du eine Hand und was weiß ich, was andere sehen. Und dann gibt es Streit. Es ist zum Erbarmen!“ (S. 124),

so Niebuhrs Erkenntnis. Und so wird am Ende auch deutlich, dass die sehr ernsthafte Liste mit wichtigen Forschungsfragen des berühmten Wissenschaftlers und Aufklärers Johann David Michaelis denselben Wert hat wie der märchenhafte Wunschzettel eines Kindes: Beide sind nicht erfüllbar, beide sind Hirngespinster, Eitelkeiten.

Das ist alles sehr gut komponiert und erzählt, Freund*innen von Literatur, die von einem sog. „feinen Humor“ lebt, werden hier sehr glücklich werden. Ich bin für so etwas leider zu stumpf, ich habe mich schrecklich gelangweilt. Wenn man der ständig misslingenden Kommunikation zwischen Niebuhr und al Lahuri etwas abgewinnen kann, weil man sie unterhaltsam findet, dann mag man diesen Roman. Leider funktioniert genau diese Art des Humors für mich nie, entsprechend ist für mich leider nur langatmig, was andere gewitzt finden, insbesondere die endlosen Vorträge von Michaelis, die andere wohl als gelungene Universitätssatire lesen dürften. Das ist ein sehr gut geschriebener Roman, wer eher dazu neigt, beim Lesen zu lachen, sollte ihn unbedingt lesen. Für meinen Teil halte ich „Imperium“ von Christian Kracht für den besseren Roman, der thematisch ähnliches bearbeitet.

(Beitragsbild von Anirudh auf unsplash.com)


2 Gedanken zu “Christine Wunnicke – Die Dame mit der bemalten Hand

  1. Mir geht das auch manchmal so, dass ich schon merke, das Buch ist gut, sehr gut vielleicht, aber mich interessiert es nicht. Dafür gibt es aber ja dankenswerterweise viele andere Leser*innen, die das anders sehen mögen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.