Lily King – Writers & Lovers

Eine der vielen Feministinnen der zweiten Welle, die heute irgendwie lieber mit Hendrik Broder rumhängen als mit Vertreterinnen eines zeitgemäßen Feminismus, Phyllis Chesler, wies einst darauf hin, dass es Frauen deswegen so schwer falle, ihre emotionalen, intellektuellen und sexuellen Fähigkeiten gleichermaßen und ausgeglichen zu entwickeln, weil es Männern unmöglich sei, sie sowohl als emotionale, intellektuelle und sexuelle Wesen gleichermaßen anzuerkennen – und wenn sich eine Suche durch Lily Kings „Writers & Lovers“ zieht, dann die Suche der Protagonistin nach einem Mann, der sie tatsächlich in allen drei Bereichen gleichermaßen wahr- und ernstnimmt. Eine gar nicht so einfache Suche, denn tatsächlich haben die Männer, mit denen sie vor Beginn der Handlung sowie im Rahmen der Handlung Beziehungen führt, wenig Interesse an ihr als Person, vor allem nicht an ihr als intellektueller Person. Sie sehen sie entweder als Muse oder als deutlich jüngere Partnerin, mit der man das eigene Ego aufpolstert.

Doch Casey, die Protagonistin aus Lily Kings „Writers & Lovers“ ist nicht nur auf der Suche nach dem richtigen Mann, sondern sie ist viel umfassender auf der Suche nach dem richtigen Leben und das bedeutet für sie vor allem: nach einem Leben aus Schriftstellerin. „Writers & Lovers“ ist der Anlage nach ein typischer Künstlerroman, der von dem harten und tristen Weg einer jungen Frau erzählt, die ihr erstes Buch schreibt. Studienkredite haben ihr einen gigantischen Schuldenberg eingebracht, den sie mit ih

rem Job als Kellnerin nie wird abbezahlen können, sie wohnt in einem miefigen Schuppen, muss sich von ihrem Vermieter beleidigen lassen, hat keine Krankenversicherung und muss sich unter all diesen Bedingungen jede Stunde, die sie zum Schreiben ihres Romans nutzen kann, diszipliniert abringen. Zu all diesem Unglück kommt noch die Trauer über den plötzlichen Tod der geliebten Mutter, und – wie erwähnt – eine ganze Menge an Beziehungskram. Am Ende wird sie das sein, was sie am Anfang schon ist: eine Schriftstellerin. Nur eben am Ende mit einer materiellen Lebensgrundlage – und darüber kann man nicht schreiben, ohne zu spoilern, was ich im Folgenden leider recht großzügig tun werde, wer das also nicht lesen möchte, sollte hier aufhören.

Lily King wollte mit diesem Roman, wie sie auf Literary Hub erklärt hat, tatsächlich einen Künstlerroman schreiben:

„After I graduated, I sought out narratives about becoming a writer. I read Hemingway’s A Moveable Feast, Joyce’s Portrait of the Artist as a Young Man, Hamsun’s Hunger, McInerney’s Bright Lights Big City. I read these books over and over, these stories of men in their youth struggling to write. But where were the books about women writers? Where were the books about their struggles?“

Dieser Roman, den sie selbst als junge Frau gerne gelesen hätte, soll nun „Writers & Lovers“ sein. Und er ist es auch, aber vollends gelungen ist er dabei nicht.

Denn tatsächlich ist es bedauerlich, dass der Prozess des Schreibens vorwiegend im Hintergrund und nur am Rande abläuft und für den Roman weithin eine untergeordnete Rolle spielt. So, wie der Roman geschrieben ist, könnte es auch ein Roman sein über eine junge verschuldete Kellnerin, die zwischen zwei Männern hin- und hergerissen ist und am Ende den Absprung schafft in ein bürgerliches Leben mit festem Job, Krankenversicherung und dem richtigen Mann für die Familiengründung – man könnte die Tatsache, dass Casey einen Roman schreibt, aus dem Buch herauslösen und würde es deswegen im Wesentlichen kaum verändern müssen. Denn die meiste Zeit geht dieser Roman, der feministisch sein will, um Caseys Partnersuche. Bedauerlicherweise bringt das mit sich, dass Oscar, ein älterer Schriftsteller, mit dem sie eine Zeit lang eine Beziehung führt, der sich dann aber als der falsche, an Casey nicht in ihrer Ganzheit interessierte Mann entpuppt, die wesentlich genauere und plastischer gezeichnete Figur ist als die Protagonistin selbst. Die einzige Figur, die eine glaubwürdige und gut gezeichnete Entwicklung durchläuft in diesem Roman ist Oscar. Casey dagegen entwickelt sich mehr oder weniger gar nicht, lediglich ihre Umstände verändern sich im Laufe des Romans, und auch dabei nimmt sie nur in Bezug auf ihre Partnerwahl wirklich ihr Schicksal selbst in die eigene Hand – sonst machen das mehr oder weniger ihre Freunde für sie oder alles ist irgendwie Zufall. Als Figur wird Casey leider vor allem vor der Negativfolie der Männer, mit denen sie sich umgibt, gezeichnet: Sie wird dem Lesenden vor allem durch das vorgestellt, worin sie sich von den Männern um sie herum unterscheidet und wie sie auf diese reagiert. Würde man die männlichen Figuren auf diesem Roman herausnehmen, wüsste man, dass Casey schreibt, kellnert und Panikattacken hat. Und das wäre es. Einem feministisch inspirierten Roman hätte man eine eigenständig funktionierende weibliche Hauptfigur gewünscht.

Bedauerlich ist denn auch, dass der Roman zwar immer wieder darauf bedacht ist, nicht nur große männliche Autoren zu benennen, wenn es um Caseys Vorbilder und Lieblingsautoren geht, sondern auch weibliche Autoren, es dann aber auch meist beim Benennen belässt. Da fallen die Namen Jane Austen und Toni Morrison und einige andere, wenn Casey dann aber poetologische Abhandlungen vorträgt, dreht es sich dabei um Männer (beispielsweise um Thomas Bernhard), wenn sie über gute und schlechte Bücher redet, geht es häufiger und ausführlicher um die Bücher von Autoren als um die von Autorinnen, und wenn sie sich mit einer Figur aus einem Buch vergleicht, dann ist es „Der Fänger im Roggen“. Hätte dieser Roman seinem Anliegen gerecht werden wollen, hätte die Autorin darauf achten müssen, dass es nicht reicht, Autorinnen zu nennen, wenn dann doch inhaltlich Autoren eine deutlich wichtigere Rolle für die Protagonistin spielen.

Entsprechend steht am Ende dieses Romans, der ein weiblicher Künstlerroman sein will und dies strukturell auch ist, auch nicht die junge Künstlerin, die kompromisslos oder wenigstens erfolgreich ihren Weg geht, sondern die junge Lehrerin, die daneben auch einen Buchvertrag hat. Casey hat einen festen Job mit Krankenversicherung an einer Highschool bekommen, zudem ist ihr Roman wirklich von einem Verlag gekauft worden und, wie geschrieben, sie hat den richtigen Mann für die Familiengründung, die sie sich wünscht, gefunden. Es würde einen nicht wundern, wenn sie sich im nächsten Band dann ein nettes kleines Häuschen in einem Vorort kaufen, Kinder mit dem Auto zur Schule bringen und zwischendrin ein paar Gedichte schreiben würde, wobei diese Gedicht für sie, nicht aber für die Handlung von Bedeutung sind. Wenn das der Roman ist, den Lily King mit 20 oder 30 gerne gelesen hätte, damit er ihr Mut macht auf dem steinigen Weg zur Verwirklichung des Traumes vom Leben als Schriftstellerin, dann ist das so schon recht wenig mutig geträumt. Gegen Ende dieses Entwicklungsromans hinein in die Bürgerlichkeit wünscht sich Casey dann nicht umsonst vor allem doch irgendwie eine „heile Familie“ und sagt ihrem Therapeuten:

„Ich sage ihm, dass ich an all die Leute denken musste, die ich bemitleidet oder verachtet habe, weil sie ‚ihre Ideale verraten‘ haben oder ‚bürgerlich geworden‘ sind, und von denen jetzt keiner allein oder pleite ist und zu einem Seelenklempner nach Arlington fährt.“ (S. 295)

Die junge Autorin von 20 oder 30 Jahren soll also hier irgendwie dann doch ermutigt werden, schon ein bisschen zu schreiben, aber dann doch auch mehr Mut zur Aufgabe der eigenen Ideale und Wunschvorstellungen bezüglich der eigenen Lebensführung zu entwickeln. Das mag ein unterhaltsamer Roman sein, aber das feministische Anliegen bleibt hier auf der Strecke.

Aber ein unterhaltsamer Roman ist es ja immerhin, aber leider auch kein besonders gut geschriebener. Die eigenen politischen Anliegen, die er behauptet – auf der Handlungsebene aber wie dargestellt leider selbst nicht ganz einlöst – werden nahezu leitartikelhaft und mitunter völlig unmotiviert einbezogen. Casey, die kaum je über Songtexte von Songs im Radio nachdenkt, wird von der Autorin extra auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch in ein geliehenes Auto gesetzt, um dort im Autoradio einen Song über Abtreibung zu hören, in dessen Zusammenhang sie über die Bewertung von Abtreibung nachdenkt. Statt ein plausibles Vorstellungsgespräch zu erzählen, schreibt die Autorin hier einen Leitartikel über Bildungspolitik, so wie sie sich diese wünschen würde. Ziemlich unmotiviert und plötzlich wird am Ende alles gut. Figurenentwicklung und ein stimmiger Handlungsverlauf werden in diesem Roman dem passagenweisen Verdeutlichen von Positionen der Autorin geopfert, der es nicht gelingt, ihre Anliegen narrativ einzubinden. Der Text liest sich schlicht ein bisschen disparat zusammengeschustert. Insgesamt hätte man sich gewünscht, die Autorin hätte an diesem Roman entweder deutlich länger geschrieben oder aber sie hätte hier einen Roman und für ihre politischen Anliegen einen Essayband geschrieben. Aber so ist das eben leider kein wirklich guter Roman.

Das Vorantreiben der Handlung geschieht dabei über die ersten zwei Drittel des Romans praktisch durchgehend über Dialoge, statt erzählt zu werden – man hat den Eindruck, hier eher ein Drehbuch zu lesen und es würde mich wundern, wenn der Roman nicht zumindest auf eine Verfilmung oder eine Verarbeitung als Serie schielend geschrieben worden wäre. Und leider muss man sagen: Über diese ersten zwei Drittel liest sich „Writers & Lovers“ wie ein Drehbuch zu einem Film, der noch vor einigen Jahren mit Hugh Grant verfilmt worden wäre und dann auch irgendwas mit „Liebe“ im Titel tragen würde.

Das ist schon ein unterhaltsamer Roman, der von einzelnen stimmigen, sehr gut aufgeschriebenen Beobachtungen lebt, die dann durchaus auch dem feministischen Anliegen der Autorin entsprechen. Im Ganzen ist das aber leider weder ein wirklich gut geschriebener, noch ein besonders feministischer Roman. Sondern eher die feministisch angeraute Version von, na ja, eben irgendeinem Liebesfilm mit Hugh Grant. Das ist schon alles ganz schön, aber irgendwie auch immer ein wenig dick aufgetragen, ein bisschen rumpelig und irgendwie so leicht schräg am eigenen Anliegen vorbei. Aber vielleicht wird die Verfilmung ja gut.

Wer bis dahin einen gelungenen feministischen Gegenwartsroman über weibliche Autorschaft lesen möchte, sollte lieber zu „Nachkommen“ von Marlene Streeruwitz greifen.

[Beitragsbild von Esther Lin auf unsplash.com]


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