Wie es weitergeht

Eigentlich wollte ich aufhören. Damit bin ich derzeit nicht alleine, viele Blogger*innen in meiner Bubble (ich würde immer viel lieber „Bublé“ schreiben) machen Pause, haben Pause gemacht und schreiben davon, Motivationsdefizite zu haben – kürzlich erst schrieb darüber ja Tobias auf Buchrevier. Ich verstehe Tobias‘ Text sehr gut, wenn auch meine Gründe im Wesentlichen andere sind als seine – wobei verbindend bei uns beiden und sicher bei vielen anderen auch irgendwie „Corona“ im Hintergrund steht. Es ist für alle ja in der einen oder anderen Hinsicht eine anstrengende Zeit, man hat sowieso noch einen anderen Beruf und dann fehlt es einfach irgendwann an Kraft und dann fragt man sich eben auch schneller, wozu man dieses oder jenes überhaupt macht. Ich vermute, dass das weniger mit Entschleunigung als mit Entkräftung zu tun hat, aber vielleicht liegt das einfach daran, dass ich nicht Hartmut Rosa bin.

Mein wesentliches Problem ist, neben anderen größeren und kleineren Frustrationsquellen, die zum Leben so dazugehören, im Wesentlichen ein anderes: Im Sommer 2019 endete meine Beurlaubung aus dem Schuldienst und damit meine dreijährige Zeit an der Universität. Lehrerin zu sein ist sehr viel mehr Arbeit und sehr viel anstrengender als das Schreiben einer Dissertation mit Arbeit im Projekt und an einer Datenbank. Ich bin jetzt mit dem Kopf ganz wo anders, ich bin müder, ich habe schlicht viel weniger Zeit. Schule ist während Corona auch nicht gerade einfacher geworden. Wo die Arbeit an der Uni, auch wenn ich thematisch da wirklich an einem ganz anderen Ort als dem der Literatur unterwegs war, irgendwie das Nachdenken über Texte gefördert und neue Perspektiven auch für Blogtexte eröffnet hat, denke ich jetzt eben sehr viel darüber nach, warum Hans nicht neben Franz sitzen will, ob die Petra familiäre Probleme hat und wie ich das Thema XY so aufbereiten kann, dass auch Karl-Heinz es versteht. Und die Schule ist für mich nicht nur ein Brötchengeber, sondern der Beruf ist mir wichtig, und vermutlich macht das ihn so anstrengend. Die Folge davon: Diese ewig langen Texte, die ich mal geschrieben habe, in denen ich irgendwie versucht habe, Sachbücher und Literatur oder zumindest mehrere literarische Texte und vielleicht ein bisschen Theorie zu verschränken, die schaffe ich einfach nicht mehr, weil ich die Ressourcen dafür nicht mehr habe. Diejenigen, denen das immer zu viel Text und zu viel Gelaber war, mag das nicht stören, aber das waren eben die Texte, die ich gerne schreiben wollte und es ist mir nicht mehr möglich: Mit fehlt die Zeit, mir fehlt die Konzentration. Und wozu Texte schreiben, wenn man Texte schreibt, die nicht so sind, wie man sie gerne schreiben würde? Das macht für mich halt sehr viel kaputt.

Und noch mehr: Ich kann ein Projekt, das mir sehr wichtig ist, vorerst nicht fortführen: Ich schaffe es im Moment nicht, weiter Beiträge über Autorinnen aus der deutschsprachigen Literaturgeschichte zu schreiben. Das war anders geplant, aber zu allem schon Genannten kommt der ganz banale Grund dazu, dass ich aufgrund von Corona umziehen musste, jetzt in einem kleinen Schuhkarton wohne (wirklich!), in dem ich nicht mal ein Bücherregal habe, weswegen ich schlichtweg nicht mal die Bücher, die ich für diese Beiträge brauche, hier habe, weil ich das eine Brett an der Wand, das ich habe, für die Schulbücher brauche. Eine literaturwissenschaftliche Bibliothek gibt es hier in der Umgebung nicht, ich kann also auch nicht ausweichen. Es geht halt so einfach alles nicht.

Warum ich jetzt trotzdem dabei bleibe, weiß ich eigentlich selbst nicht. Ich glaube, im Wesentlichen deswegen, weil sich mein Leben in den letzten Monaten so umgekrempelt hat und ich so viel, was mir wichtig war und ist, aufgeben musste, dass ich nicht auch noch meinen Blog auflösen will. Und im Moment ist es ja tatsächlich auch ein wenig schwierig, sich andere sinnvolle Freizeitbeschäftigungen zu suchen, ich könnte höchstens Stricken lernen, aber ich habe leider einfach zehn Daumen, das ginge schief. Also geht es hier weiter.

Aber eben nicht mehr mit den Texten, die ich mal geschrieben habe, sondern kürzer, weniger durchdacht, Einzelrezensionen, irgendwie so. Weil alles andere nicht mehr geht. Die Texte über Autorinnen möchte ich, sobald ich wieder anders wohne und wieder meine Bücher bei mir habe, wieder schreiben. Wenn bis dahin nicht ohnehin alles anders ist.

Vermutlich ist das alles eh egal, aber mir eben nicht, darum wollte ich es erklären.

[Das Beitragsbild stammt von Jahz Gonzalez auf unsplash.com]


7 Gedanken zu “Wie es weitergeht

  1. Liebe Kulturgeschwätz, ich bin froh, dass Sie weitermachen. Mich hat ihre genaue Rezension zu Iris Wolff beeindruckt und ich werde Ihren Blog regelmäßig lesen. Vielen Dank dafür! Herzliche Grüße und viel Kraft Lisa Dickreiter

    >

  2. Hallo, liebe Frau Katharina Herrmann,

    dass „zehn Daumen“ für mich so etwas Reizvolles haben können, hätte ich auch nicht gedacht. Ich bin jedenfalls froh, dass Sie damit bestückt sind und nicht ins Reich der Strickerinnen abwandern, sondern uns weiterhin mit Ihren Texten erfreuen wollen. Mir jedenfalls, ausschließlich ein Lese- und Literaturfreund, der nichts mit der Buchbranche zu tun hat und den auch der sonstige ganze Social Media-Rummel wenig interessiert, würde da schon etwas fehlen.
    Dass Ihnen in einem aktuell schwierigen Umfeld oftmals die Zeit und auch die Kraft und Konzentration fehlt, um Ihre eigenen Ansprüche an Ihre Texte zu erfüllen – das ist zu verstehen. Ich entlaste Sie da aber gerne: Nicht jeder Text muss immer gleich eine halbe Doktorarbeit sein. Ihre meist intelligenten und informativen Ausführungen haben oftmals eine von mir sehr geschätzte gute Mischung zwischen Kopf und Bauch, das lässt sich sicher auch manchmal etwas weniger lang und ausführlich genießen. Zumal die Gefahr, ins seichte schleichwerbungsvolle Geschwafel ab zu triften, bei Ihnen eh nicht besteht.
    Und ich schnuppere mich auch gerne hin und wieder durch Ihre älteren Rezensionen, denn die Zeiten, in denen ich immer sofort das neueste Buch am Markt lesen muss, habe ich entspannt hinter mir.

    Beste Grüße aus Solln, Jean Fritz

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