Iris Wolff – Die Unschärfe der Welt

wolff unschaerfe weltIn Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ sagt Lady Henry über Richard Wagners Musik: „Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, dass man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne dass andre Menschen hören, was man sagt.“ Und tatsächlich sind die Opern von Wagner ja meist laut und zumindest wird man nicht leugnen können, dass Wagner sich auf Effekt und Lautstärke besser verstanden hat als auf Nuanciertheit. Manche lassen sich davon gerne überwältigen, anderen ist das einfach zu viel Lärm und zu viel bedeutungsschwangeres Herumgeraune.

Wolff Unschaerfe CoverDem Roman „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff, den ich gerne gemocht hätte, wird man leider ähnliches vorhalten können (sie stellt dem Roman ein Gedicht des anderen Richard Wagners voran). In sieben Kapitel wird multiperspektivisch die Geschichte einer deutschen Familie im rumänischen Banat über etwa ein Jahrhundert hinweg erzählt, vom Ende der Monarchie über die Zeit der Volksrepublik und sozialistischen Republik bis etwa zur Jahrtausendwende. Jedes Kapitel wird dabei aus der Perspektive einer anderen mit der Familie durch verwandtschaftliche oder freundschaftliche Verhältnisse verbundenen Figur erzählt, das verbindende Glied zwischen all diesen Figuren und Kapiteln ist Samuel, der als Sohn, Enkel, Partner, Freund und Vater in den Blick genommen wird. Sein erzählerisches Konzept verrät der Roman dabei erst am Ende, wenn Livia, Samuels Tochter, zu dem jungen Mann, den sie liebt und der sich wünscht, sich einmal von außen betrachten zu können, sagt:

„Das kannst du doch […] Durch die Menschen um dich herum. Sie alle sehen dich, jeder auf seine Weise.“ (S. 210f.)

Durch jedes Kapitel soll also ein anderer Blick auf Samuel, auf die Familiengeschichte und durch diese hindurch auf die Geschichte selbst geworden werden, mit all den tragischen und großen Ereignissen, die die Geschichte Rumäniens – und die der Bundesrepublik, die auch immer wieder in den Blick kommt – zu bieten hat. Verbunden wird dabei der Roman nicht nur durch die Figur Samuels, sondern auch durch unterschiedliche Motive, etwa das von Wasser und Ertrinken, und zumindest das ist an diesem Roman auch wirklich sehr schön gelungen: Dass er, in der Vielfalt seiner Perspektiven, dennoch ein sehr geschlossenes erzählerisches Werk darstellt.

Dafür zahlt der Roman aber einen hohen Preis auf mehreren Ebenen, der vorwiegend auf die von vielen hochgelobte Sprache, die zu einem schwebenden, ganz leichten Erzählen führt, zurückzuführen ist. Denn eben diese Sprache überdeckt alle Figuren und alle Handlung und führt dazu, dass hier eben wirklich alles am Leser vorbeischwebt. Es passiert hier – dem Zeitraum und dem erzählerischen Raum entsprechend – wahnsinnig viel, auch sehr Tragisches. Aber nichts hat Gewicht oder Bedeutung, weil zum einen alles gleichermaßen bedeutungsschwanger aufgeladen wird, zum anderen eben alles sprachlich schwebend am Lesenden vorbeizieht. Da ertrinken Figuren und als Lesender zuckt man vor lauter sprachlichem Schweben dabei die Schultern. Es gibt keine Risse, keine Brüche, die Sprache verkleistert alles mit bedeutungsschwerem Zuckerguss.

Entsprechend sind die Figuren letztlich kaum zu unterscheiden, sie sind alle irgendwie verschwiegen, dabei aber auch sehr schön – vor allem die Männer –, irgendwie ein bisschen traurig. Die einzigen beiden Figuren, die tatsächlich ein eigenes Profil gewinnen, sind die Großmutter Karline als Anhängerin überkommener Werte und der Monarchie, und der sozialistische Spitzel Konstanty. Alle anderen schweben schweigsam, dabei aber immer sehr vielsagend, mehr oder weniger unglücklich und sehr schön so durch den Handlungsraum.

Und dass es an Gewicht fehlt, an Schwerpunkten oder Brüchen, liegt daran, dass man von dieser Sprache eingelullt wird, die ihren poetischen Effekt unter anderem daraus bezieht, dass die Autorin alles dreimal hintereinander schreibt, obwohl beim ersten Mal schon alles klar war. Die Worte werden nicht genau gewählt, sondern sie werden nebulös angehäuft:

„Etwas kann so oft und eindrücklich erzählt werden, dass man meint, sich selbst daran zu erinnern. Einige Geschichten werden immer wieder erzählt, Sinnzusammenhänge erneuern sich, bislang unbekannte Deutungen tauchen auf – und mit jedem Erzählen verändert sie sich, stetig, unmerklich. Einzelheiten werden hinzugefügt, andere ausgelassen. Irgendwo wächst die Unbestimmtheit, etwas rückt immer weiter fort, bis es ganz vergessen ist. An anderer Stelle wird etwas immer deutlicher, als sähe man durch blankes Glas.

Wie Livia einen Schritt tat, war eine dieser Geschichten.

Es war einer jener Tage, an denen der Sommer ausklang. Davon gab es mehrere, mitunter waren es Wochen, und erst im Nachhinein würde man sagen können: Das, genau das war er, der Tag, an dem der Sommer abseitig wurde, etwas Verbrauchtes hatte. Die Blätter trocken, die Wiesen ausgetreten, zwischen den Sträuchern Verschwiegenheit. Was einmal Wärme gewesen war und Licht, begann zu erstarren, loderte nicht mehr, war schon Vorgeschmack von Abschied. Und wie man etwas hinter sich lässt und doch aufhebt, weiß man mit einem Mal, dass es zu spät ist für Sommerträume.“ (S. 183)

Ich hätte mir sehr gewünscht, dass Seiten wie diese auf ein Drittel, das präzise und stark ist, zusammengekürzt worden wäre. Das ist nicht passiert. Stattdessen ist hier eine bedeutungsschwangere, andeutungsreiche, vor allem aber sehr redundante Sprache entstanden, die alles – die Handlungen, die Figuren, die Dramaturgie – unter sich begräbt. Die meisten Figuren hier sind wortkarg, einige – etwa Florentine – haben ein großes Misstrauen gegenüber Sprache:

„Florentine spürte Worten gegenüber ein nie ganz aufzulösendes Unbehagen. Die Unschärfe der Aussagen verunsicherte sie. Wie sehr sie sich auch bemühte: Sprechen reichte nicht an die Wirklichkeit der Erfahrung heran.“ (S. 22)

Vielleicht ist es ein genialer poetischer Schachzug, dass der gesamte Roman genau das sprachlich spiegelt: Ein Misstrauen gegenüber genauen, scharf gewählten Worten, weswegen man lieber noch drei mehr benutzt, die irgendwie etwas Ähnliches aussagen. Ich hätte das gerne so verstanden, aber dazwischen gibt es Stellen, die sind einfach kitschig, und wozu das künstlerisch dienen soll, bleibt zumindest für mich offen:

„Wie weit entfernt alles war.
Oder war sie entfernt von allem?“ (S. 90)

„Samuel hatte, ohne es zu wissen, die Landkarte ihres Körpers für sich eingenommen“ (S. 101)

„ihr Herz fiel aus dem Brustkorb und schlug jetzt dort“ (S. 109)

Diese Sprache ist für mich rein atmosphärischer Kitsch (es gibt auch inhaltlichen Kitsch, wie den Lesekitsch auf S. 154-156, wenn ein Buchhändler keine Bücher verleiht, weil geliehene Bücher zu lesen wie Sex ohne Nacktheit sei), die alles zu einem großen, effektvollen, herumraunenden Handlungsbrei plattstampft, da können nicht einmal Wellen gegen ein Boot schlagen, ohne dies in einem „eigenwillig-mahnende[n] Rhythmus“ (S. 184) zu tun.

Gerne hätte ich etwas Positives über diesen Roman geschrieben, auf den ich mich sehr gefreut hatte und den gut zu finden ich mich wirklich bemüht habe. Aber es wird wohl sein wie bei Wagner-Opern: Es gibt Leute, in denen berührt diese Sprache irgendetwas, und es gibt Leute, für die funktioniert sie einfach nicht. Ich gehöre leider zu letzteren. Die Sprache dieses Romans ist so laut, dass man die Figuren und die Handlung darunter nicht mehr hören kann.

(Der Roman wurde mir vom Verlag unverlangt als Rezensionsexemplar zugesandt, trotz allem vielen Dank dafür.)

[Das Beitragsbild stammt von Ricardo Gomez Angel auf unsplash.com]


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