Terézia Mora – Auf dem Seil

Mora Auf dem Seil„Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien.“

Mit dem Hinweis auf diesen Vorwurf beginnt die berühmte Vorrede Adalbert Stifters zu „Bunte Steine“. Von Terézia Mora erfuhr ich viel zu spät und doch zu früh, nämlich 2010, als sie den Chamisso-Preis erhielt. Über einen Freund war ich auf die Preisverleihung gelangt, Mora antwortete dort auf irgendeine Frage des Moderators, sie habe in „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ über einen „jedermann“ schreiben wollen. Und das hat sie getan, in allen drei Bänden der Trilogie, die von Darius Kopp, einem Jedermann der Gegenwart, erzählen: Er ist ein Durchschnittsbürger, sieht durchschnittlich aus, hat durchschnittlich viele Freunde, ein durchschnittliches Maß an Glück und Unglück, ist durchschnittlich erfolgreich, an ihm ist nichts außergewöhnlich. Zumindest bis die Trilogie einsetzt: Seinen Job in der IT-Branche verliert er in „Der einzige Mann auf dem Kontinent“, vor allem aber verliert er seine Frau. In „Das Ungeheuer“ trauert Darius Kopp um seine Frau und setzt sich, indem er ihre Tagebücher liest, mit einer Seite seiner Frau auseinander, die sie vor ihm immer verborgen hat: ihren Depressionen. Darius Kopp wird zum Aussteiger, irrt durch Europa, Georgien, Armenien, bleibt schließlich auf Sizilien hängen. Hier trifft man ihn in „Auf dem Seil“ wieder, dem letzten Band der Trilogie, der von Darius Kopps Weg zurück in die Gesellschaft und nach Berlin erzählt.

Darius Kopp, der sich auf Sizilien ein bescheidenes Leben als Pizzabäcker aufgebaut hat, wird von seiner Vergangenheit eingeholt: Erst steht plötzlich seine Schwester vor ihm, die ihren Urlaub auf Sizilien verbringt. Später ist es seine 17-jährige Nichte, die – von der Familie in ähnlicher Weise abschätzig behandelt und verstoßen wie Darius Kopp selbst – bei ihm Unterschlupf sucht und ihn so wieder in die sozialen Netze verwickelt, aus denen er sich drei Jahre zuvor mühsam herausgerissen hat. Sie braucht seine Hilfe, seine Unterstützung, und erst unbewusst, dann aber immer bewusster braucht Darius Kopp auch sie, die ihm zur Tochter, zur Familie wird.

Doch in der Zeit auf Reisen und dann auf Sizilien hat sich Darius Kopp verändert. Schon am Anfang des Romans sitzt er, der noch in „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ nichts mit Natur anzufangen wusste, am Strand, und weiß, wie das geht mit dem Glück. Es kommt darauf an, wohin man schaut:

„Dieses Ufer ist ekelerregend, aber man kann auch so schauen, dass man mehr schöne Teile sieht.“ (S. 21)

Und das ist der Zugang zum Leben, um den Darius Kopp in diesem Roman ringt. Der Weg zurück in die Familie und in den Berliner Alltag ist alles andere als leicht. Gerade auch die anderen Menschen sind nicht leicht – auch seine Nichte Lore macht es ihm nicht immer leicht. Und Darius Kopp selbst ist nicht leicht für sich (und andere). Immer wieder muss er Tiefschläge hinnehmen. Er muss sich wieder mit der Familie auseinandersetzen, in die sich die ganze deutsche Geschichte eingeschrieben hat – der Umgang der Mutter mit ihm ist geprägt durch die Kälte und Härte nationalsozialistischer Erziehung, die Familie, die in Ostdeutschland gelebt hat, ist mit der Wende auseinandergefallen. Auch dahingehend ist Darius Kopp ein deutscher Jedermann. Einer, wie es viele gibt.

Darius Kopp lebt auf dem Seil, zwischen Leben und Tod, zwischen dem Blick auf das Schöne, das Glück, um den er immer wieder neu ringen muss, wenn das Leben ihn umgeworfen hat, und dem Blick auf das Hässliche, Kalte. In Gedanken sagt er zu seiner verstorbenen Frau:

„Das wäre ein nicht unerwartetes Ende meiner Geschichte. Seitdem du mich verlassen hast, war das mit drin im Paket. Dass ich irgendwo auf die Erde falle und dort bleibe. Auch ich schwebte im Grenzbereich zwischen Leben und Tod, nicht nur du! Mehr noch, ich tue es immer noch, während du?“ (S. 276)

Er lernt, dass das, was einerseits eine extreme Belastung und auch Gefährdung darstellt – Freunde, Familie, andere gern zu haben – auch das ist, was einen trägt, wenn es darauf ankommt. War in den vorherigen Bänden der Trilogie das soziale Netz für Darius Kopp ein Spinnennetz, in dem er sich ständig verheddert hat und festgeklebt ist, aus dem er sich befreien musste, so ist jetzt sein soziales Netz ein Netz, das ihn trägt, wenn es darauf ankommt. Er konzentriert sich auf die paar echten Freunde und seine Familie – und das trägt. Nicht ohne Probleme, nicht ohne Rückschläge, aber doch. Und auch, wenn ihm wieder einmal alles genommen worden ist,

„stellte er fest, dass er, wieder einmal, anfing glücklich zu werden. Diese zehn Sekunden am Tag, die gibt es immer.“ (S. 349f.)

Das ist es, wovon dieser Roman erzählt – von diesen zehn Sekunden am Tag eines Mannes, wie es viele gibt. Von etwas ganz Kleinem, Gewöhnlichem. Und davon erzählt Terézia Mora ganz ruhig und langsam, mit dem Blick auf das Kleine, auf den Alltag gerichtet – würde Adalbert Stifter heute schreiben, er würde vielleicht so schreiben. Mora bricht dabei immer wieder die Erzählperspektive, springt zwischen personalem Erzähler und Ich-Erzähler, unterbricht dabei so sanft wie humorvoll nicht nur das Denken ihrer Figur, sondern auch das des Lesers. Es ist ein Jammer, dass ich, als ich „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ gelesen habe, anscheinend noch ein wenig zu blöd war, um diesen Roman zu verstehen. Und was für ein Glück, dass Papier geduldig ist und dass man älter wird und irgendwann besser versteht. „Das Ungeheuer“ ist ein ganz großartiger Roman, vielleicht der stärkste der Trilogie, aber auch „Auf dem Seil“ ist ganz fantastisch – und ich bin mir sicher, dass ich ihn vor ein paar Jahren genauso wenig verstanden hätte wie „Der einzige Mann auf dem Kontinent“. Weil man sich auf diesen Blick auf das Kleine, auf das Alltägliche, auf das Langsame und auf die kleinen Effekte statt dem großen Knall einlassen können muss.

Man sollte einfach viel mehr Terézia Mora lesen. Alle sollten viel mehr Terézia Mora lesen. All dieses ältere und neuere Schreiben von großen Taten, Gefühlsausbrüchen, gefährlichem Leben hier oder in irgendeinem (anti)utopischen Paralleluniversium, das sagt mir nichts, ich glaube dem nicht, ich glaube nicht, dass es darum geht, dass das echt ist. Aber das hier, das halte ich für – ja, was soll’s, wegen mir: wahr, gut, schön. Adalbert Stifter hat in seiner Vorrede zu „Bunte Steine“ sein poetologisches Programm benannt: Er schreibt vom Kleinen, weil es das Große ist, er schreibt, um das sanfte Gesetz sichtbar zu machen:

„Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesmäßigkeit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren gelassenen Streben, halte ich für groß; mächtige Bewegung des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind […]. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. Es gibt Kräfte, die nach dem Bestehen des Einzelnen zielen. Sie nehmen alles und verwenden es, was zum Bestehen und zum Entwickeln desselben notwendig ist. Sie sichern den Bestand des einen und dadurch den aller.“

Am Ende ist damit das Gesetz beschrieben, nach dem Darius Kopp lebt und zehn Sekunden am Tag glücklich zu sein versucht. Er versucht, realistisch auf das Leben zu blicken, das Schöne zu sehen, ohne überzogene Erwartungen und Bitterkeit, vor allem auch ohne schlecht über andere zu denken oder ihnen zu schaden. „Sag nicht, das wäre nichts.“ (S. 359), so heißt es am Ende von „Auf dem Seil“. Nein, das ist nicht nichts. Das ist eigentlich alles, worum es geht.

Ja, gut, vielleicht ist das der kitschigste Beitrag, den ich je geschrieben habe (Oder?). Lest das Buch trotzdem, es ist sehr gut.

(Das Beitragsbild stammt von Dustan Woodhouse auf unsplash.com)


12 Gedanken zu “Terézia Mora – Auf dem Seil

  1. Ich habe ja im Sommer mit Moras „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ begonnen mit dem Ziel, mich bis zum Herbst mit den anderen beiden Darius-Kopp-Romanen zu befassen. Da hat mein Zeitplan doch schon wieder nicht so richtig funktioniert. So wie mir seit Wochen sowieso die ganze Leserei ständig durch irgendeine ganz wichtige Arbeit vermasselt wird. Aber: beide Romane liegen hier schon und ich freue mich riesig, sie bei dem passenden Lesefreiraum auch endlich lesen zu können. Und du hast die Vorfreude jetzt noch viiiieeelll größer gemacht.
    Viele Grüße!

  2. Wow, was für ein schöner Text und überhaupt nicht kitschig. Du hast mir gerade alle drei Bücher von Terezia Mora verkauft, von der ich noch gar nichts gelesen habe, weil sie so gehypt wurde – nun dafür kann sie nichts, außer dass sie wohl echt gut schreibt 😉 – und weil, tja, weil halt.
    Scheinbar ähnlich wie Kent Haruf, den, solltest Du ihn noch nicht kennen, ich Dir heiß empfehle, oder Stoner von John Williams, der ja auch so ein Allerweltsmensch ist … diese Bücher sind für mich Seelentröster, all-time-favs und so will ich mich also bald mit Moras Trilogie auseinandersetzen und hoffe, ähnliches zu finden. Hab vielen Dank!! Bri

  3. Welch schöne und stupend kenntnisreiche Besprechung einer Autorin, die mir wie so viele bislang entgangen ist. „Das Ungeheuer“ von ihr erschien mir ob der Konstruktion etwas anstrengend, mich höchstwahrscheinlich sogar überfordernd. Aber ich mag ja das Durchschnittliche in der Literatur, der Versuch, Normalität schriftstellerisch abzubilden. Ich sollte ihr wohl auf alle Fälle eine Chance geben, wenn ich in 14 Jahren mal dazu komme!

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