My life is (not) a movie (Selim Özdoğan – Der die Träume hört; Tobias Wilhelm – Weißer Asphalt)

Selim Özdoğan – Der die Träume hört

Irgendwas bleibt immer. Egal, wie sehr man sich verändern, wie sehr man sich zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens selbst bestimmt und neu erfunden hat, wie sehr man vom Dorf in die Stadt oder anders herum gezogen ist, die eigene Herkunft, die ersten Sozialisationserfahrungen sind weiter da. Diese Erfahrung macht auch Nizar Benali: Er ist schon vor Jahren aus dem sozialen Brennpunkt Westmarkt weggezogen, in dem er so perspektivlos aufgewachsen ist wie die anderen Kinder in seinem Alter, auch die Frau, die ihm eine Mutter ist, Sevgi, hat er zum Umzug überredet.

Doch genauso, wie Sevgi weiter nach Westmarkt geht, um alte Freunde und Nachbarn zu treffen, kommt auch Nizar nicht von diesem Viertel los, auch wenn er sich mehr darum bemüht: Denn zum einen erfährt er nach Jahren davon, dass er Vater eins Teenagers ist, von dessen Existenz er nichts wusste, und sein Sohn Lesane lebt nicht nur in Westmarkt, er dealt auch und handelt sich damit nicht unerheblichen Ärger ein. Sondern zum anderen führt ihn auch sein Beruf wieder in dieses Viertel zurück. Nizar ist Privatdetektiv, spezialisiert auf Onlinekriminalität, und für einen neuen, wichtigen Klienten soll er Toni_meow, einen Darknet-Dealer, ausfindig machen. Auf das Geld, das mit diesem Auftrag verbunden ist, ist Nizar dabei dringend angewiesen, denn Lesane steckt in Schwierigkeiten.

Das spannende an „Der die Träume hört“ von Selim Özdoğan ist nun, dass es sich nicht nur um einen „Kriminalroman“ handelt, wie das Buchcover ankündigt. Natürlich gibt es auch eine Kriminalhandlung, Nizar ist ja Detektiv – und man erfährt hier allerlei über Drogenhandel im Darknet, über das Dealen im Allgemeinen und über andere größere und kleinere Delikte, die man im Internet begehen kann, insbesondere Mobbing spielt auch eine wichtige Nebenrolle. Daneben ist der Roman aber auch eine Geschichte über Rap und seine Bedeutung, eine Sozialstudie, eine Coming of age-Geschichte und ein Roman über sozialen Aufstieg, seine Kosten und die ständige Gefahr des erneuten Abstiegs. Denn eigentlich wird die Spannung in „Der die Träume hört“ gar nicht primär über den Kriminalfall selbst erzeugt, so spannend dieser ist. Die Spannung entsteht vorwiegend durch die immer drängender werdende Frage, ob Nizar seinem Sohn Lesane bei seinen Problemen wird helfen können oder ob er von diesen selbst wieder zurückgezogen wird in eine Vergangenheit, die er mühsam hinter sich gelassen hat und die geprägt war von Gewalt, Leid und Kriminalität.

Wie hatte ich es aus Westmarkt rausgeschafft? Nicht, indem ich etwas fand, das mir gefiel. Ich hatte weg gewollt von dem Schmerz und ich hatte weg gewollt von der Gefahr, jemals wieder in Arrest zu landen. Ich hatte nie jemandem davon erzählt. Nicht Kamber, nicht Rahel, niemandem. Wie ich in dieser Zelle gesessen hatte und wie groß diese Angst auf einmal gewesen war, dass da draußen vielleicht niemand mehr ist. Dass einfach alle verschwinden, Sevgi, Kamber, die Jungs, vielleicht sogar ganz Westmarkt. Dass ich rauskomme und nichts ist mehr da. Ich hatte Angst. (S. 93f.)

„Der die Träume hört“ ist auch ein Roman über race, class und gender, erzählt vom Zusammenwirken unterschiedlicher Diskriminierungsstrukturen: Lesane gerät auch deswegen in illegale Geschäfte und Schwierigkeiten, weil der Dealer, dem er nun Geld schuldet, ihm als einziger etwas zuzutrauen scheint – sonst rennt er immer gegen verschlossene Türen, gegen die Hauptschulempfehlungen der Lehrer, die Verdächtigung der Polizei, die Vorurteile, hört immer nur von seinen Defiziten. Und auch Nizar weiß aus eigener Erfahrung, dass man auch deswegen anfängt, Mist zu bauen, weil man das Gefühl hat, sich nicht bewegen zu können. Wenn es keine Perspektive gibt, keinen Weg vorwärts, dann macht man Fehler, nur um überhaupt etwas tun zu können. Und der Weg nach vorn ist voller Fallstricke, von deren Existenz Menschen anderer Milieus nicht einmal ahnen. So erinnert sich Nizar an seine langjährige Freundin Rahel, eine Deutsche aus der Mittelschicht, und einen Besuch bei ihren Eltern:

Ich erinnerte mich daran, wie wir mal ganz am Anfang zu ihr gegangen waren, nachdem wir im Freibad waren. Das war das erste Mal gewesen, dass ich im Freibad Eintritt bezahlt hatte. Ihre Mutter hatte mir etwas von dem selbstgebackenen Hefezopf angeboten. Ich wusste nicht, was ein Hefezopf ist, aber ich sah ihn ja. Dann sagte sie: Genier dich nicht. Ich wusste nicht, was genieren heißt, ich hörte das Wort zum ersten Mal und ich lehnte ab. Später habe ich noch viele neue Worte gelernt, Worte, von denen ich vorher glaubte, dass sie nur Spacken benutzen, um klug zu klingen, Worte, die niemand brauchte, temporär, intersubjektiv, relevant, veritabel, geringfügig, Skandalon. Und Worte für Dinge, die ich gar nicht kannte, Pesto, Parmesanreibe, Balsamico, Akkuschrauber, Souffleur, Abgießhilfe, Konvertit, Studienrat, Rendite. Bei Rahel zu Hause wurde ein ganz anderes Deutsch gesprochen, als ich es gelernt hatte, und ich hatte immer eine Zwei in Deutsch gehabt. (S. 78)

Es ist auch ein Roman über falsche Männlichkeitsideale, die Unfähigkeit von Nizar und seinem besten Jugendfreund Kamber, über ihre Gefühle zu sprechen. Eine Kritik an der Romantisierung der Straße, am erfundenen Mythos des Gangsters, erzeugt von der Musikindustrie und verbreitet auch in Gangsterfilmen, der gerade das Leben derer beschädigt, die nicht über die Ressourcen verfügen, es zu hinterfragen:

Irgendwie hatte uns das gesagt, dass es okay war. Man wurde drogensüchtig, größenwahnsinnig, man kam ins Gefängnis, man verlor seine Freunde, seine Frau, das Vertrauen, man stand im Kugelhagel und starb, aber irgendetwas schien man damit bewiesen zu haben. Irgendeine Form von Größe. Irgendetwas mit Romantik. Mit Ehrlichkeit. Mit Authentizität. Mit Reinheit. Mit echtem Leben. Mit Geschichte. Mit Trost.
Unterhaltung. Das war alles zur Unterhaltung gedacht gewesen. Unser Leben aber nicht. (S. 200)

Und ganz nebenbei wird durch die Figuren, insbesondere durch Lesane mit seinem Pragmatismus und Hedonismus einerseits und Sevgi mit ihren Prinzipien und ihrem Einfordern von Haltung auch die Frage danach gestellt, woran man sein Leben ausrichten und orientieren kann. Man kann diesem Roman, der weit mehr ist als ein Krimi, vorwerfen, hin und wieder etwas zu stark auf Nizars Nachdenken aufzubauen, also ab und zu zu viel zu erklären statt es durch Handlung zu zeigen, wenn man dieses Ideal an Erzählen überhaupt teilen möchte. Dieser Überschuss an Reflexion beschwert den Roman aber kaum, die Figuren und die Handlung sind trotzdem plastisch und, ja, wachsen einem ans Herz (sorry, ich bin Bloggerin, ich darf das), man hört Nizar einfach wirklich gerne beim Nachdenken zu.

Es gibt wenige Autor/innen im Bereich der Gegenwartsliteratur, deren Schreiben so klar von einem Ideal der Menschlichkeit geprägt ist. Alle Figuren in den Werken von Özdoğan werden mit Sympathie, aber nicht unkritisch gezeichnet. Allen Figuren wird Verständnis entgegen gebracht. Und immer wieder stehen die wichtigsten der Figuren doch auch genau für das: für Humanität, für Verstehen. Selim Özdoğan ist vielleicht einer der am sträflichsten unterbewerteten Autoren der Gegenwart, in jedem Falls einer von denen, die völlig zu Unrecht viel zu wenig Anerkennung und Aufmerksamkeit bekommen. „Der die Träume hört“ ist mehr als nur ein Krimi – und bestimmt in den Mechanismen und Strukturen, die er kritisiert, alles andere als leichte Kost. Dürrenmatt, der bekanntlich schließlich Krimis schrieb, behauptete: „Die Literatur muß so leicht werden, daß sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nicht mehr wiegt: Nur so wird sie wieder gewichtig.“ Und vielleicht trifft das ja auch aus Özdoğans Krimi zu.

Tobias Wilhelm – Weißer Asphalt

Was Literatur allerdings vielleicht nicht passieren sollte, ist allerdings, dass sie derart leicht wird, dass sie unüberlegt, mäßig recherchiert und schlecht geschrieben wirkt. Genau das ist leider in Tobias Wilhelms Debütroman „Weißer Asphalt“ passiert, und es ist leider wirklich das schlechteste Buch, das ich seit Takis Würgers „Stella“ gelesen habe, wenn „Weißer Asphalt“ auch inhaltlich natürlich weniger problematisch ist als „Stella“, so hat der Autor hier doch immerhin das Kunstwerk vollbracht, einen Roman zu schreiben, der wirklich noch schlechter geschrieben ist und das aus ähnlichen Gründen.

Die Handlung von „Weißer Asphalt“ ist thematisch der von „Der die Träume hört“ nicht unähnlich: Es handelt sich um eine Coming of age-Geschichte. Man begleitet den namenlosen Protagonisten und seine Freunde, allesamt haben sie einen Migrationshintergrund und leben in einer wenig wohlhabenden Gegend, bei ihrem Weg durch Gewalt, Kleinkriminalität und schließlich Dealen im ganz großen Stil, was dann den Ausstieg aus der Kriminalität ermöglicht, zumindest für zwei der vier Freunde. Einer hat sich schon früher ins Ausland abgesetzt, ein anderer ist nach einem Unfall ein Pflegefall.

Alles ist hier Klischee. Nichts wird hinterfragt oder auch nur reflektiert, nichts wird kritisiert, vor allem nicht die Gesellschaft. Es interessiert den Autor gar nicht, warum die Figuren leben, wie sie leben. Er verzichtet schlicht vollständig darauf, plastische Figuren zu entwerfen, diese bleiben völlig flach. Er verzichtet auch auf jede plausible Handlungsentwicklung, jede zusätzliche Bedeutungsebene, jede Handlungsmotivation.

Der Trick dabei: Weder Verlag noch der Autor haben sich anscheinend Gedanken darüber gemacht, dass es einen medialen Unterschied zwischen Buch und Film geben könnte. „Weißer Asphalt“ liest sich so, als würde jemand einen mäßig einfallsreichen Film beschreiben. Die Sprache ist dabei bewusst reduziert, sie soll ja schließlich hart wirken, geht ja um Straße, auf innere Handlung wird nahezu vollständig verzichtet. Wenn sich der Protagonist etwa im Streit von seiner Freundin trennt, liest sich das so:

„Ich bin ein paar Tage in Frankfurt ab morgen. Schau mir da einige WG-Zimmer an.“
„O.k.“
Sie sah mich lange an. „Ist ja nicht so weit.“
Ich nickte. Sie sah mich immer noch an.
„Was ist?“, fragte ich, als ich ihren Blick nicht mehr aushielt.
„Ich dachte, du willst vielleicht noch was sagen.“
„Was denn?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Wenn ich mein Abi hab, studier ich auch in Frankfurt, dann können wir da zusammenwohnen. Oder: Kannst du nicht trotzdem hier wohnen bleiben? Sind ja nur vierzig Minuten mit dem Zug.“
Sie wirkte wütend, ich hatte keine Lust auf Streit, stand auf und ging ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa holte ich das Gras aus meiner Bauchtasche, begann einen zu bauen. Dana stellt sich in den Türrahmen.
„Du wolltest langsamer machen!“
Ich packte das Gras wieder weg. „Was willst du?“
Sie schüttelte nur den Kopf.
„Ich kann nicht mitkommen, wegen der Schule.“
Doch sie schüttelte den Kopf nur noch heftiger.
„Du verstehst gar nichts, oder?“ Sie starrte mich wütend an, ging dann ins Bad, schmiss die Tür hinter sich zu.
Ich stand auf, nahm den Hund an die Leine. Als wir wiederkamen, war Dana nicht mehr da.

 

Dicke, nasse Schneeflocken fielen auf uns herab, als ich mit Sascha durch endlose Reihen gebrauchter Autos ging. Die Heizung des Mercedes war vor einigen Tagen ausgefallen, und wir brauchten dringend Ersatz, da wir uns seither den Arsch bei der Arbeit abfroren. (S. 56f.)

Es ist schon erstaunlich, dass ein solcher Roman, den der Verlag vielleicht besser mit dem Kommentar „Spannende erste Rohfassung, jetzt mach doch bitte noch einen Roman daraus“ an den Autor zurückgegeben hätte, wirklich gedruckt worden ist. All die Probleme, die hier angeschnitten werden können, werden weder erzählerisch genutzt, noch um irgendwas plausibel zu machen oder kritisch zu verdeutlichen. Das prekäre Leben der vier Freunde, ihr Migrationshintergrund, die Brutalität – alles wird bloß zum Effekt. Am Ende geht natürlich alles gut aus, sonst hätte man was kritisieren oder erklären müssen. Natürlich machen auch alle ganz problemlos neben ihrer Dealerei das Abitur und studieren dann, aber nur so nebenher, am Ende macht man lieber einen Imbiss auf. All die Fragen über Herkunft, von denen man hier hätte erzählen können, werden nicht einmal angeschnitten. Wäre das ein Film, wäre es einfach ein abgedroschener Milieustreifen.

Dazu kommen Fehler: Da die Polizei den Protagonisten und seinen Freund verdächtigt, mit Drogen zu dealen, kommt es zu einer Hausdurchsuchung. Dabei werden angeblich der Fernseher auseinandergebaut und die Sofas aufgeschlitzt – wer nun Hausdurchsuchungen nicht nur aus Blockbustern kennt, weiß, dass die Polizei natürlich so nicht vorgeht, sie hat Drogenspürhunde dabei, erst wenn diese anschlagen, werden Sitzmöbel aufgeschnitten oder Geräte demontiert, das wäre ja sonst auch schlicht mutwillige Sachbeschädigung. Liefe es anders, wäre das ein Fall für den Anwalt – gerade weil sehr unwahrscheinlich ist, dass der Protagonist hier das Geld hat, um sich einfach ein neues Sofa zu kaufen, aber anscheinend ist das hier kein Problem. Das interessiert Autor und Verlag also ebenso wenig wie die Frage, wie es sein kann, dass der Protagonist den Hund seines Nachbarn zur Pflege übernimmt, da dieser ins Krankenhaus muss, dass dieser Hund dann aber, als dieser Nachbar im Zuge dieses Krankenhausaufenthalts stirbt, plötzlich in Trauer verfällt. Woher soll der Hund denn das wissen, wenn er zu dem Zeitpunkt schon seit Wochen nicht mehr bei seinem Besitzer, sondern eben beim Protagonisten lebt? Aber natürlich: Schöner Effekt, so rührselig, so sind sie eben, diese Hunde.

Im Gefängnis schreibt der Protagonist dann auch Briefe, hier hat man sich anscheinend aber keine Gedanken darüber gemacht, wie Leute eigentlich Briefe schreiben. So schreibt er etwa an seinen Freund Adriano und erinnert diesen an ein gemeinsames Erlebnis in der Vergangenheit, das er ausführlicher und genauer erzählt, als der ganze Roman sonst erzählt ist, obwohl er doch wissen müsste, dass sein Adressat über genau dieses Wissen verfügt, da er ja dabei war:

Du hattest eine Reisetasche mit dem ganzen Angelzeug dabei, und wir haben zusammen alles aufgebaut. Nachdem wir die Ruten ausgeworfen hatten, hast du eine Flasche aus der Hosentasche gezogen, den ersten Schluck genommen, sie dann mir hingehalten. Ich habe erst an ihr gerochen, musste schon vom Geruch fast kotzen, Jägermeister, und gab sie an Sascha weiter. Auf dem Wasser waren die Containerschiffe geräuschlos vorübergeglitten, ab und zu war zwischen ihnen ein Sportboot vorbeigedröhnt. Vom anderen Ufer wehten Musik und Gelächter von irgendeinem Fest herüber.
Sascha hatte ein paar Bierdosen ins Wasser gestellt, ich war durstig und holte mir eine, obwohl ich Bier fast genauso wenig mochte wie Jägermeister. Du hast deine Digitalkamera aus der Hosentasche gezogen, sie mir hingehalten. (S. 168)

Abgesehen davon, dass auch diese Passage die sprachliche Gestaltung des Romans ganz gut deutlich werden lässt, auch hier nutzt man gerne abgelutschte Formulierungen, schreibt wirklich kein Mensch Briefe als wären sie Erzählungen. Aber was kümmert einen schon Plausibilität, wenn man anscheinend schreibt, als würde man einen Film, keinen Roman schreiben, wenn man mehr auf Effekt schreibt als auf irgendetwas anderes. Pures Klischee auch die Schilderungen aus dem psychiatrischen Klinikum und der betreuten Wohngemeinschaft, in der einer der Freunde nach seinem Unfall leben muss:

Die Eingangstür öffnete sich automatisch, ich kam in einen Gruppenraum voller Krüppel und Geisteskranker. Ein Mann, dem der Sabber aus dem Mund tropfte, sprang auf allen vieren auf einem Sofa herum, gab kreischende Laute von sich, ein anderer schlich wie eine Katze zwischen den Sesseln und Stühlen umher. (S. 66)

Pures Klischee auch der Aufenthalt im Gefängnis:

Irgendwo ein Schrei, ein dumpfes Geräusch. Stille.
Ich drückte den letzten Rest der Zigarette in den Aschenbecher. Wieder hatte ich ohne Filter gedreht, wieder hatte es mir nicht geschmeckt. (S. 159)

Natürlich hängt an der Wand das Foto des eigenen Kindes, das in der Zwischenzeit geboren wurde. Natürlich hat das Kind Locken und große Augen. Was sonst. An einer Stelle wird ganz ausführlich erzählt, wie eine Figur einem Mädchen eine ganze Dose Pfefferspray direkt in den Mund gesprüht hat, wie diese danach kotzt und würgt und wie er annahm, dass sie daran sterben würde (S. 86). Für die Handlung hat diese Szene keinerlei Relevanz. Aber prima Effekt. So brutal. Echt Straße eben. Über die Straße und das Leben in prekären Umständen erfährt man dabei nichts, aber alles ist genauso ~ hart ~ wie man sich das halt so vorstellt, wenn man nicht nachdenkt.

Ich weiß nicht, warum man solche Bücher schreibt und verlegt. Dieses Buch wird insbesondere denen gefallen, die das Milieu, das hier beschrieben wird, nicht kennen – denn genau so, wie es hier beschrieben wird, erwarten sie es, und auf keinen Fall muss der Lesende hier bei der Lektüre befürchten, in irgendeiner Weise in seinem Denken und in seiner Einstellung hinterfragt oder kritisiert zu werden, ja auch überhaupt nur nachdenken zu müssen. Es ist alles bloßer Effekt.

Fast witzig ist es dann, wenn man liest, dass der Autor tatsächlich Drehbuchautor ist, was erklärt, warum sich der Roman so filmisch liest, und dass er es außerdem eher gefährlich findet, sich gezielt einzulesen. Ja, schade, merkt man. Der Verlag allerdings hätte es besser wissen können und müssen – es ist nicht dem Autor vorzuwerfen, dass das Lektorat hier nicht daran gearbeitet hat, mit dem Autor zusammen das Buch zu schreiben, das er vielleicht hätte schreiben können, sondern anscheinend beschlossen hat, das das so veröffentlicht werden muss.

Lest Selim Özdoğans „Der die Träume hört“. Und lasst das andere liegen.

[Das Beitragsbild stammt von Vek Labs auf unsplash.com]


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