Tom Müller – Die jüngsten Tage

[Obacht, dieser Beitrag ist voller Spoiler – was, glaube ich, nicht so schlimm ist, da dieser Roman meiner Ansicht nach eher von dem lebt, wie er erzählt, als von dem, was er erzählt.]

Wer trauert, macht eine banale, aber in der Regel besonders surreal und schmerzhaft empfundene Feststellung: Dass die Welt nicht stehen bleibt, wenn etwas in der eigenen Welt stehen bleibt. Wer trauert, fällt aus der Gegenwart und findet sich in ihr nicht mehr zurecht. Dieses Fallen aus der Welt und aus der Zeit ist natürlich ein Motiv, das auch künstlerisch mehrfach bearbeitet worden ist, eines der bekanntesten Beispiele sind vielleicht die von Gustav Mahler vertonten „Kindertotenlieder“ von Friedrich Rückert, und unter diesen das erste Lied:

„Nun will die Sonn‘ so hell aufgeh’n
Als sei kein Unglück die Nacht gescheh’n
Das Unglück geschah nur mir allein
Die Sonne, die Sonne sie scheinet allgemein“

All das ist, wie wir inzwischen dank unterschiedlicher Phasenmodelle zum Trauerprozess von Verena Kast oder Yorick Spiegel wissen, ganz normal für den menschlichen Umgang mit Verlust. Spiegel etwa unterscheidet eine Phase der Verleugnung der Realität, auf die eine kontrollierte Phase folgt, in der Trauernde kontrolliert eine Fassade des Weiterfunktionierens aufrecht erhalten, darauf folgt eine Folge der Regression, des Rückzugs aus der Welt, in der schrittweise die Realität verarbeitet wird und entsprechend die Emotionalität stark erhöht ist, darauf folgt eine Phase der erneuten Anpassung an die Welt, in der der Trauernde wieder Beziehungen aufnimmt und in die Gegenwart zurückkehrt.

Mueller Die juengsten TageTom Müllers Debütroman „Die jüngsten Tage“ könnte man als alles Mögliche lesen: Als eine Coming of Age-Geschichte vor dem Hintergrund der Wende, als ein Buch über die Krise von Männlichkeit, als Roman über eine Beziehung. Man kann ihn aber auch als einen Roman über Trauer lesen, und das in zweifacher, aber eng miteinander verbundener Hinsicht: Indem es vor allem ein Roman über die Trauer um Strippe, den Jugendfreund des Protagonisten Jonathan, ist, ist es auch ein Roman über die Trauer um die Jugend. Beide Verluste fallen in eins und reißen Jonathan aus seiner Gegenwart, bedrohen dabei insbesondere die zentrale und eigentlich einzige Beziehung, die er zu der realen Gegenwart – und damit auch zur Zukunft – hat: Zu seiner Freundin Elena. Es ist dieses Aus-der-Zeit-Fallen, das Tom Müller erzählerisch und dadurch atmosphärisch ganz fantastisch festhält:

„Am Morgen ist Elena aufgestanden, ich sah sie vor dem Kleiderschrank stehen, auf einem Bein balancierend, das andere zog sie zu sich heran, um mit dem Fuß in die Strumpfhose zu schlüpfen. Sie schwankte, und ich wünschte, dass alles stillhielte, die Wolken am Himmel, die Blätter der Kastanie, die rasende Zeit.
Strippe ist tot. Es gibt nichts mehr zu retten außer uns.
Ich sah zu, wie Elena über ihre Haut eine zweite zog, die perfekt passte, von den Zehen über die Ferse, hoch zu den Knöcheln. Aber von weitem, vom Bett aus, wirkte es, als würde sie nichts drüberziehen, sondern eine tiefere Schicht freilegen, die nicht milchweiß, sondern schwarz war. Ich sah ihr zu und dachte an nichts. Oder so was wie: Ach guck, so ist das, so fühlt sich das an.“ (S. 10)

Trauer um die Jugend

Indem Jonathan seine Trauer um Strippe verarbeitet, arbeitet er auch die gemeinsame Jugendgeschichte durch: Die beiden kannten sich von Kindesbeinen an, waren in den Jahren der gefühlten Anarchie nach der Wende in Berlin die führenden Köpfe einer Clique Jugendlicher, die sich ihr Taschengeld mit Hehlerei verdient haben, lasen D’Annunzio, nannten ihr Revier „Imperium von Nichts“, und scheuten deswegen keine Gefahr und kein Risiko, weil sie sich nur so lebendig fühlten.

Doch diese Zeit der Freiheit, der Regellosigkeit nach der Wende fand ein so ruhmloses wie unspektakuläres Ende: Der Club „Gebürge“, den Jonathan, Strippe und einige Freunde besetzten, um so seine Schließung zu verhindern, wurde ausgerechnet an 9/11 geräumt – mit 9/11 endete die Sorglosigkeit der 90er. Und die Räumung des „Gebürges“ ging nicht, wie von Jonathan erträumt, mit einer heldenhaften Straßenschlacht einher – sondern letztlich ging man irgendwann einfach nach Hause, weil man wusste, dass man verloren hatte, dass es auch nichts mehr gab, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Jonathans Jugendträume sind schlicht an der Realität, am kapitalistischen Realismus der 00er-Jahre zerschellt, an der allgegenwärtigen Idee der Alternativlosigkeit.

„Elena, ich habe sie besucht, und wir schauten nach Westen, wo früher die Mauer war, dann ein paar Jahre offenes Feld und heute die Autobahn. Sie verläuft direkt auf dem alten Grenzstreifen.“ (S. 171)

Nicht mal aussteigen kann man in einer Welt, in der es immer wieder heißt, es gäbe keine Alternative, denn jede Entscheidung, die man zu fällen meint, wird längst von einem anderen Ort aus gesteuert. So träumt Jonathan beispielsweise nur sehr kurz davon, Leuchtturmwärter zu werden:

„Ich könnte ein Niemand sein, frei von Erwartung, eigener, fremder. Ich hätte nur eine Aufgabe: nachts zu leuchten, rundherum.
Mach dir nichts vor, es gibt keine Leuchtturmwächter mehr, das Licht ist automatisiert. Die Schalter werden in großer Entfernung bedient.“ (S. 134)

Während Strippe und die anderen Freunde von Jonathan diesen Verlust verwinden konnten, den ganzen Trauerprozess mit all seinen Phasen durchlaufen haben, hing Jonathan irgendwo in der Phase der Regression fest. Zuerst funktionierte er nach der Räumung des „Gebürge“, nach 9/11, kontrolliert weiter, studierte, wurde Lehrer, bis er plötzlich alles hinschmiss und die alte Regellosigkeit der Jugend zurück wollte. Aber die war nicht mehr zu haben – zumindest nicht mehr mit Strippe, der in der Gegenwart lebte, sogar eine Familie gegründet hatte.

Trauer um Strippe

Es kam zum Streit – und kurz auf diesen Streit, ohne die Möglichkeit zur Versöhnung, zu Strippes plötzlichem Tod. Am Anfang des Romans hängt Jonathan hoffnungslos in Verleugnung und Vergangenheit fest, romantisiert und idealisiert die Jugend, verweigert die Auseinandersetzung mit der Realität, ein Treffen mit Strippes Mutter und entfernt sich damit weit von Elena, die in der Realität, in der Gegenwart lebt. Jonathan ist in der Vergangenheit gefangen, in der eigentlich gar kein Platz für Elena als eigenständige Person ist, auch nicht für ihre Vergangenheit – er kreist um sich und um seine Trauer. Als Elena und Jonathan gemeinsam an einen Ort fahren, der in Elenas Kindheit eine Bedeutung hatte, lässt Jonathan ihr dort denkbar wenig Platz für ihre Gefühle und ihre Vergangenheit. Überhaupt ist Jonathan eine unerträgliche Nervensäge über weite Strecken des Buches in seiner kindlichen Ich-Fixiertheit, man möchte ihn als Leser schütteln und ihm sagen, er solle mal klarkommen. Man ärgert sich wahnsinnig über ihn.

Und gerade das ist vielleicht die größte Stärke dieses Romans: Dass hier Trauer so erzählt wird, dass es für den Lesenden schwer zu ertragen ist – diese Regression, diese Realitätsverweigerung, dieser trauernde Narzissmus. Und dass man beim Lesen davon zurücktreten kann und weiterlesen kann und verstehen kann, wie selbstgerecht man als Lesender ist, wenn man von einer trauernden Figur fordert, sich doch gefälligst mal zusammenzureißen und klar zu kommen. Wie verhärtet ist man als Mensch, wenn man Trauer nicht ertragen kann – das ist eine Erkenntnis, die zumindest ich beim Lesen von „Die jüngsten Tage“ hatte. Dieser Jonathan, der ständig pinkeln muss, ist mir zwischendrin fürchterlich auf die Nerven gegangen, zwischendrin habe ich diesen Roman wirklich nicht gerne gelesen. Zum Glück hat er das getan und zum Glück war das so, denn tatsächlich ist nicht Jonathan als Figur falsch gewickelt, wenn er mir mit seiner Regression auf die Nerven geht, sondern ich bin auf meine Verhärtung gestoßen in diesem Punkt. Und das ist doch großartig, dass und wenn Literatur so etwas kann, und ich bin froh, diesen Roman gelesen zu haben, auch wenn ich ihn zwischendrin nicht gerne gelesen habe.

Jonathan arbeitet also seine Vergangenheit und seine Trauer um Strippe durch. Er stößt irgendwann auch Elena von sich, zieht sich vollständig in die Vergangenheit, in seine Wohnung zurück. Verfällt in Psychosen, ihm erscheint ein anderer Held seiner Jugend, der Dichter D’Annunzio, an dem sich Jonathan nun abarbeitet, denn er erkennt an ihm, vor allem in seiner Erinnerung an eine Besichtigung von dessen Haus, die fatalen Folgen des völligen Rückzugs aus der Gegenwart: D’Annunzio hat sich in seinem Haus sein eigenes Fantasiereich in der bloßen Vergangenheit erschaffen, schließlich hat er sein Haus nicht mehr verlassen.

„Wie konnte ein Mensch achtzehn Jahre hinter den Mauern eines solchen Hauses leben, ausgerechnet D’Annunzio, für den öffentliche Anerkennung wie Atemluft gewesen war. Es kam mir vor, als hätte er sich selbst zum Komparsen gemacht in einem Lager von Requisiten, die zu keiner Aufführung mehr taugten. War alle das nötig, um die Grenzen zu spüren, um nicht zu vergessen, dass es kein Entkommen gab, keinen Weg heraus aus dem eigenen Wahn?“ (S. 190)

Und schließlich ist der imaginierte Streit mit D’Annunzio, mit dem Jonathan in seinem Trauer-Wahn sich die Wohnung zu teilen meint, der Punkt, über den er in die Realität zurückfindet. D’Annunzio verschwindet, Jonathan verlässt seine Wohnung wieder, und öffnet sich wieder für Beziehungen in der Gegenwart und der Zukunft:

„In Gedanken streiche ich ihn durch, stelle mir den Tag vor, an dem ich hier vorbeikomme, mit Frau und Kind und Hund. Ich sage: Schau, hier hab ich mal gewohnt. Eine schwere Zeit, werde ich denken und lächeln.“ (S. 224)

Jonathan, dessen Name schon früh im Buch mit der Jona-Geschichte aus der Bibel verbunden wird, war tatsächlich gefangen im Bauch eines Wals: der Trauer. Auch wenn die theologische Verweisebene für mich nicht so ganz aufgeht und gerade weil mir dieser Roman, wie geschrieben, zwischenzeitlich echt auf die Nerven ging, ist „Die jüngsten Tage“ ein fantastischer Roman über Trauer. Wer sich darauf einlassen kann, geht mit dieser Figur durch die schmerzhaftesten, dumpfsten Phasen des Trauerprozesses. Und wie toll ist es, dass Literatur so etwas kann.

(Beitragsbild von Mike Labrum auf unsplash.com)


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