Ein Jahresrückblick in lustigen Literaturkritikmomenten

„Zwischen den Jahren“, wie man so schön sagt, sieht ja die gesamtgesellschaftliche Konvention vor, dass man folgende Dinge tut: Auf dem Sofa sitzen, alte Plätzchen essen, über die eigene Gewichtszunahme sinnieren, mal „in sich gehen“ und „das Jahr Revue passieren lassen“. „Zwischen den Jahren“ ist also ein hervorragender Zeitpunkt, um das zu machen, was die meisten von uns ohnehin pausenlos tun: Auf dem Sofa sitzen, komisches Zeug essen, Nabelschau betreiben und sich noch einmal genüsslich all die seit dem 1.1.2016 verpassten Chancen und Möglichkeiten vor Augen führen. Und 2017 wird dann alles besser, bis darauf, dass wir uns alle wieder wochenlang gegenseitig erzählen werden, dass wir uns „hups, verschrieben“ haben, weil wir immer noch „2016“ statt „2017“ schreiben, obwohl wir ja so froh sind, dass dieses Jahr endlich vorbei ist. Will sagen: 2017 wird mit einer großen Menge Spaß beginnen, wie jedes Jahr eben. Und ja, seid euch ganz sicher: Das Jahr verläuft immer so, wie es anfängt. Jedes Jahr. Immer.

Aber bis es so weit ist, möchte ich kurz all den Spaß Revue passieren lassen, den wir dieses Jahr hatten, in literaturkritischer Hinsicht. Ich bin keine sehr zuverlässige Beobachterin der professionellen Literaturkritik in Presse und Fernsehen, habe also einfach mal einen willkürlich ausgewählten Blumenstrauß meiner Highlights zusammengestellt, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen. Hier also meine drei liebsten Literaturkritikmomente 2016:

Platz 3: Eigentlich ist egal, ob das Buch gelungen ist, solange der Autor gut aussieht. Eine Doppelplatzierung.

Ijoma Mangold ist nicht zufrieden mit Abbas Khiders Roman „Ohrfeige“, die Erzählkonstruktion „klingt wie aus dem Bastelbuch“ und man wundert sich, wie aus dem Stoff „ein so langweiliger Roman werden konnte“. Aber Mangold ist ein freundlicher Kritiker, er zerreißt nicht, ohne gleichzeitig zu trösten, und so ist es eben auch nicht so schlimm, wenn „Ohrfeige“ kein so toller Roman ist, denn: „Weil Khider ein wahnsinnig charmanter, charismatischer und umwerfend gut aussehender Schriftsteller ist, wird seine Lesereise – und dagegen ist auch weiter nichts zu sagen – gewiss ein großer Erfolg werden.“ Und wer diese Form der Literaturkritik nicht schon lustig genug findet, muss vielleicht spätestens beim Lesen dieses Kommentars auf perlentaucher zu Mangolds Kritik lachen: „Aber Khiders Charme und  „umwerfend gutes“ Aussehen wird es beim deutschen Leser schon richten, glaubt Mangold, der mit diesem Satz zeigt, dass er dem Autor an Unausgegorenheit nicht nachsteht.“

Aber auch für Hannah Lühmann sind die Grenzen zwischen „Literaturkritik“ und „den Autor attraktiv finden“ eher so fließend. Auf welt.de wurden Anfang Juli zehn Bücher für den Sommer empfohlen – mit dabei: „Der Jonas-Komplex“ von Thomas Glavinic, und mit diesem Autor hat Hannah Lühmann, die das Buch empfiehlt, ein Problem: „Mein Problem mit dem Wiener Schriftsteller Thomas Glavinic ist, dass ich ihn so unendlich attraktiv finde, dass ich darüber jede Objektivität für seine Bücher verliere“, so der erste Satz der kurzen Empfehlung. Es folgen Ausführungen über Glavinics Glatze, seine Mundpartie und abschließend sogar zwei Sätze zum Roman selbst. Frau Lühmann gesteht zumindest: „[J]edenfalls setzt da irgendwas bei mir aus.“ Man möchte antworten: Merkt man fast gar nicht.

Und man muss der Vollständigkeit halber schon anmerken: Ginge es hier um Autorinnen, hätte es (hoffentlich) eine Welle der Empörung gegeben. Eine Anmerkung über das Aussehen der/des Autorin/s hat in einer Buchkritik nichts verloren. Auch nicht dann, wenn der Autor männlich ist.

Platz 2: Erst mal ordentlich Deutsch lernen mit dem Bachmannpreis.

Ich habe mich über diese unmögliche Jurydiskussion zu Tomer Gardis Text „Broken German“ bei den diesjährigen Tagen der deutschen Literatur ja schon einmal ausführlich geäußert, finde aber nach wie vor, dass diese Diskussion definitiv ein Fremdscham-Highlight der diesjährigen Literaturkritik ist. Zur Erinnerung: Der Autor las einen grammatikalisch wie orthographisch fehlerhaften Text von einer poetischen, stellenweise lyrischen Qualität, die eigentlich augenfällig war. Nach einem recht kurzen Gespräch über den Text stritt die Jury dann sehr lange über die Frage, ob ein Text in fehlerfreiem Deutsch geschrieben sein muss, um zum Bachmannpreis zugelassen zu werden. Dass man über die Ästhetik dieser Sprache hätte nachdenken können, über ihre poetische Gestaltungskraft, kam nicht in den Sinn, das ein oder andere Jurymitglied gefiel sich lieber darin, den Autor für so dumm zu halten, dass er diese Sprache eben nicht als Gestaltungsmittel, sondern nur aufgrund mangelnder Fähigkeiten eingesetzt habe, ohne sich darüber Gedanken gemacht zu haben. Es ist schon lustig, wenn man in der Jury des Bachmannpreises sitzt und anscheinend denkt, die AutorInnen, die da lesen, würden Texte einreichen, über die sie höchstens fünf Minuten nachgedacht haben. Aber das ist ja auch alles nur Symptom eines Problems, das der Bachmannpreis generell hat: Nicht selten hat man in den Jurydiskussionen ja das Gefühl, es gehe nicht um die Texte, sondern eher um Befindlichkeiten und die Selbstinszenierung der Jury. Mitunter hat man den Eindruck, dass einige Jurymitglieder sich gegenseitig so wenig leiden können, dass sie die KandidatInnen des anderen schon von vornherein ablehnen. Für den Bachmannpreis 2017 würde ich mir wünschen, dass es einfach mal um die Texte und die AutorInnen geht. Und nicht so sehr um die Jury und witzige Pointen.

Platz 1: Denis Schecks „Causa Kracht“ – oder vielmehr: Die Reaktionen darauf.

Dieser „Skandal“ ist ja zumindest denen, die die Literaturkritik ein bisschen beobachten, bestimmt noch in guter Erinnerung: Anfang September war Jürgen Kaube von der FAZ sehr traurig, weil Christian Kracht ihn nicht anlässlich der bald anstehenden Veröffentlichung seines neuen Romans „Die Toten“ zu Rindertartar eingeladen hatte. „Publikumstäuschung“ und „Verkaufshilfe“ warf Kaube daraufhin insbesondere Denis Scheck vor (auch Ijoma Mangold, der wird aber interessanterweise namentlich nicht genannt, und dem wird auch seither keine „Causa Kracht“ vorgehalten), denn die Formulierung „Lügenpresse!“ hat für das Feuilleton dann doch zu viel Matschgeruch – gemeint ist aber natürlich eigentlich dasselbe. Der Vorwurf, der insbesondere eben gegen Scheck erhoben wurde und insbesondere an diesem seither haftet (und eben interessanterweise viel weniger an Mangold), ist: Scheck und Kracht sind befreundet, weswegen Scheck eben das Buch von Kracht über den grünen Klee hinaus gelobt habe – das sei keine ehrliche Literaturkritik mehr, sondern Käuflichkeit, ein Freundschaftsdienst, Vetternwirtschaft, Publikumstäuschung, der Literaturkritiker verkomme hier zur Werbefläche. Und tatsächlich war Scheck ja auch malwieder mit seinen Superlativen etwas übereifrig, zum Superlativ neigt er ja aber immer, nicht nur bei Kracht. Natürlich war auch die Behauptung, Krachts Roman sei für die deutsche Literatur so revolutionär wie der Tonfilm für den Stummfilm, sehr albern. Noch alberner als das ist aber die Eifrigkeit, mit der jetzt alle, die Scheck aus irgendeinem Grund schon immer doof fanden, das aufgreifen, zu einem „Skandal“ aus der „Causa Kracht“ machen, wegen der man Scheck ja nun „endgültig als Kritiker nicht mehr ernst nehmen“ könne, weil der ja Bücher nur empfiehlt, weil er mit irgendwem befreundet ist, das ist ja jetzt bewiesen („Lügenpresse, Lügenpresse“). Die Möglichkeit, dass einfach Scheck tatsächlich den Roman von Kracht sehr gut gefunden haben könnte – mit dieser Meinung wäre er ja nicht einmal allein – scheint unvorstellbar. Anscheinend darf man Romane von Menschen, die man persönlich kennt, bestenfalls mittelmäßig finden, sonst ist man unglaubwürdig. Völlig unvorstellbar ist auch, dass Scheck vielleicht noch viele andere Schriftsteller kennen könnte, nachdem er ja schon seit Jahren im Literaturbetrieb unterwegs ist, von denen er einige vielleicht sogar ab und an verreißt – nur dass da dann eben kein beleidigter Jürgen Kaube einen Artikel drüber schreibt. Ja, auch ich würde mir wünschen, dass sich die gesamte Buchbranche – von der Werbung bis zur Kritik – 2017 weniger in Superlativen ergeht. Scheck ist auch damit ja nicht allein. Und ja, man darf und muss sogar Kollegen, die die Sperrfrist nicht einhalten, dafür kritisieren dürfen. Aber Scheck dafür belächeln, weil er mit einem sehr guten Autor, dessen Buch ihm sehr gefallen hat, befreundet ist und ihm vorsätzliche Publikumstäuschung zu unterstellen, das ist schon recht albern. Wie viele deutschsprachige Gegenwartsautoren vom der Qualität und der internationalen Bedeutung Christian Krachts gibt es denn zur Zeit so? Und dann muss man ein Fass aufmachen, wenn hier der Superlativ bemüht wird? Ich glaube nicht. Das ist genauso albern, wie die Tatsache, dass sich viel mehr Leute über Scheck aufregen, weil er „Bücher wegwirft“, und man sich da an die „Bücherverbrennung der Nazis“ erinnert fühlt, es fehle ja nur noch, dass er die Bücher auch anzünde, als sich Leute finden, die sich über Schecks Blackfacing aufgeregt haben. Mal abgesehen davon, dass diese Scheck-Kritiker ja den gar nicht so nebensächlichen Unterschied zwischen Scheck, der Bücher wegschmeißt, die er schlecht fand, und den Nationalsozialisten, die aus ideologischen Gründen Bücher verboten haben, nivellieren. Und dafür bekommt man jetzt auch nicht eben die „schlaue Kritik“-Ehrenanstecknadel. Dieser Buch-Stummfilm-Tonfilm-Vergleich, den Scheck da hergestellt hat, der geht auch in meinen Schatz völlig überzogener und damit alberner Lobhudeleien ein, und seid drauf gefasst: Ich werde ihn zu gegebener Zeit einsetzen und ich werde dabei sehr lachen. Aber die Aufregung um diese ganze „Causa Kracht“, die ist nun wirklich noch alberner als dieses Lob.

 

 

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8 Gedanken zu „Ein Jahresrückblick in lustigen Literaturkritikmomenten

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Ein Jahresrückblick in lustigen Literaturkritikmomenten – #Literatur

  2. dagmaregeroffel

    Sehr gut, interessanter Rückblick, musste bei den ersten beiden dauernd Schmunzeln, beim dritten Teil blieb mir kurz das Lachen im Halse stecken, aber wirklich, Stummfilm-Tonfilm-Vergleich, das muss bei Gelegenheit herhalten. Vielen Dank für diese herrliche Zusammenfassung aus der Literaturkritik!

    Antwort
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