Blogbuster – Warum machst du da eigentlich mit?

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Die Frage wurde mir doch öfter gestellt, ich verstehe das, andere fragen sich, warum ich überhaupt gefragt wurde mitzumachen, das verstehe ich noch besser, ich finde auch, dass ich eigentlich nur mäßig zur Gruppe passe, schon allein aufgrund offensichtlicher Unterschiede (Reichweite, Bekanntheitsgrad, dergleichen). Damit ich das nicht ständig persönlich erklären muss, hier als Diskussionsanstoß meine Begründung, die tatsächlich nur meine ist, ich spreche damit für keine der anderen beteiligten Personen, schon gar nicht für das Projekt als Ganzes.

Mir gefällt das Projekt aus mehreren Gründen: Es ist – soweit ich das sehe – das erste Mal, dass ein Projekt in der Größenordnung von einem Blogger organisiert und ins Leben gerufen wurde. Tobias Nazemi von Buchrevier hat die Idee gehabt, er hat die Partner gefunden, er hat die BloggerInnen angefragt. Es ist also nicht so, dass hier ein Verlag oder etablierter Veranstalter auf BloggerInnen zugegangen ist, sondern hier ist ein Blogger auf den Betrieb zugegangen und hat das alles organisiert. Dahinter steht viel Arbeit und wie ich finde auch Mut, schließlich kann die Arbeit auch umsonst sein. Zudem ist es ein Schritt in eine, wie ich finde, wichtige Richtung: Mir geht es nicht darum, das ich persönlich einen Platz im Literaturbetrieb habe mit meinem Blog. Mit ist es nach wie vor piepegal, ob mein Blog und ich ernst genommen werden. Aber was mir wichtig ist – und ich habe das schon mehrfach auf meinem Blog dargelegt – ist die Auflösung von literaturbetriebseigenen Ausschließungsstrukturen.

Als Bloggerin verstehe ich mich schlichtweg als Leserin, der das Lesen so wichtig ist, dass sie darüber auch noch das Internet vollmüllt. Also: Ich bin (Freizeit-)Leserin, die mit dem Lesen nicht ihren Lebensunterhalt bestreitet – ich bin Teil des Zielpublikums des Literaturbetriebs, und nur darüber Teil des Betriebs selbst. Nun machen (Freizeit-)LeserInnen, also nicht genuin literaturbetriebseigene Personen, sondern dessen „Endverbraucher“, ja tatsächlich den ganzen Literaturzirkus erst möglich, habe ich gehört. Und welche Stimme haben sie? Ja, eigentlich keine halt.

Augenfällig und symbolisch wurde das in der Raumarchitektur des diesjährigen Bachmannpreises. Wir erinnern uns: Hier die/der Autor/in, dort gegenüber die Jury, am Rand, außerhalb des Blickfeldes von Autor/in und Jury, das Publikum. Die Jury sitzt der/m Autor/in wie ein Gericht dem Angeklagten gegenüber, das Publikum darf zugucken, ohne selbst im Blick zu sein – wenn das der symbolische Ausdruck des Selbstverständnisses der Literaturkritik ist, dann finde ich das ein klitzekleines bisschen abgehoben, und zwar sowohl der/dem AutorIn als auch dem Publikum gegenüber.

Was unterscheidet jetzt das Projekt „Blogbuster“ davon? Das Publikum – repräsentiert durch LeserInnen, die über ihr Lesen das Internet vollmüllen, also BloggerInnen – treten in das Blickfeld der Jury und zwar auf der Seite der Autoren. Jeder Blog, der teilnimmt, wählt sich einen Text aus, für den er eintritt. Ich möchte eben kein Urteil darüber fällen, wer am Ende „gewinnt“, weil ich diese Rolle nicht einnehmen möchte. Aber mich mit einer/m Autor/in hinstellen und dafür einstehen, dass ich den gut finde, diese Rolle finde ich ganz gut. Und damit macht der Blogbuster-Preis für mein Verständnis eben etwas, was anderen Preisen bestenfalls per Publikumspreis eigen ist: Er nimmt die LeserInnen mit ins Blickfeld. Und er schafft eine Brücke zwischen (allmächtiger) Jury und (der/m ausgelieferten/m) Autor/in.

Und: Das Projekt gesteht LeserInnen (also BloggerInnen) zu, dass sie auch eine Stimme im Literaturbetrieb haben dürfen, einfach nur deswegen, weil sie darüber im Internet schreiben und das mehr oder weniger gut machen. Ich sehe das durchaus im Sinne einer politisch gemeinten Demokratisierung: Am Ende des Tages finde ich es wichtig, dass jeder, der gerne liest, sich einen Blog zulegen kann und mitreden darf – ohne, dass damit Qualität über Bord geworfen würde, ich hoffe einfach, dass ein guter Blog auch eben viele LeserInnen findet. Ich bin nicht für die Abschaffung von Expertise, aber wenn jemand sich lesenswert über Literatur äußert, sollte er auch mitreden dürfen, unabhängig von Alter, Abstammung, Bildungshintergrund, platz-da-hier-komm-ich-Gehabe. Und das „Blogbuster“-Projekt ist ein erster kleiner Schritt in diese Richtung, ein erster kleiner Schritt hin zu einem Durchlässigmachen von Ausschließungsmechanismen und ein kleiner Angriff auf die Allmacht der Fachjury gegenüber AutorInnen und LeserInnen. Wie ungewohnt das die-Leser-in-den-Blick-Nehmen anscheinend doch noch für einige ist, sieht man an einer Interviewfrage wie „Blogs richten sich in erster Linie an Leser. Sind sie der richtige Kanal zur Akquise von Autoren?“, die ich ja wirr finde: Wenn sich Blogs an Leser richten, weswegen in Frage steht, ob sie Autoren auswählen können – an wen richten sich denn dann eigentlich Literaturkritiker, die in Jurys sitzen, und Lektoren? An den hegelschen Weltgeist?

Natürlich ist es nur ein „kleiner“ Schritt. Natürlich hat das Projekt letztlich eine konventionelle Struktur: Irgendwer schlägt Texte vor, am Ende entscheidet eine etablierte Fachjury. Das halte ich für den Anfang für wichtig, denn das Urteil von LeserInnen/BloggerInnen wird von der etablierten Literaturkritik nicht ernst genommen, und das hätte Auswirkungen auf die Laufbahn einer/s Schriftstellerin/s. Würde sie/er nur von BloggerInnen/LeserInnen gewählt werden, würde er nicht ernst genommen werden (das Schicksal haben ja auch die Publikumspreise anderer Literaturpreise) – sitzt da am Ende eine Fachjury, sieht das ganze hoffentlich anders aus. Am Ende muss ja da ein realer Nutzen für die Autorin/den Autor stehen, sonst hat man da jemanden verheizt, um ein Bloggerprojekt durchzuziehen. Wie geschrieben: Es ist ein kleiner Schritt, aber ich hoffe, einer in die richtige Richtung. In eine Richtung von weniger Dünkel, weniger Distinktion, mehr Zusammenarbeit von Kritik, Lesern und Autoren.

Ich hoffe sehr, dass die erste Runde gut geht, dass am Ende ein toller Text gefunden und verlegt wird. Ich hoffe sehr, dass das Projekt wiederholt werden kann, vielleicht dann wieder einen kleinen Schritt progressiver. Ich hoffe sehr, dass ich dann nicht mehr dabei bin, dass statt mir dafür jemand dabei ist, der Anfang 20, vielleicht sogar unter 20 ist, und trotzdem bei Literatur mitreden darf, weil sie/er ein gutes Urteilsvermögen hat. Ich hoffe, dass die Runde bunter wird, diverser. Das Projekt kann schon in der ersten Runde schief gehen, es kann nichts von dem bringen, was ich erhoffe, aber wenn man es nicht probiert hat, braucht man auch nicht meckern.

Es geht mir weder um Aufmerksamkeit (die bekommen, wie ich hoffe, mit gutem Grund die Blogs mit mehr Reichweite), noch um einen Preis (wobei ich 1 Berg Money schon nehmen würde, mit dem ich dann 1 Berg Burger kaufe), noch um Reichweite, das hat mich alles nie interessiert, wird mich auch weiterhin nicht interessieren. Ich schreibe auch weiterhin mal monatelang gar nichts und dann wieder ganz viel, benutze zu wenig Absätze, mache zu lange Sätze, schreibe Blogbeiträge, die fünf Seiten lang sind, weswegen sie keiner liest, und dann Blogbeiträge, die nur eine Seite lang und bar jeder Aussagekraft sind, und mache auch sonst alles falsch, was man im Sinne einer „Professionalisierung“ falsch machen kann. Aber es geht mir nach wie vor, wie schon lange, darum, Ausschließungsmechanismen aufzulösen. Es geht mir nach wie vor um Texte, die ich mag. Und um den Spaß an der Sache, nebenbei, ich bin nämlich wirklich gespannt, was ich so für Texte bekomme und freue mich darauf, mit einer/m Autorin/en zusammenzuarbeiten. Ich will nicht etablierter Teil des Literaturbetriebes werden (dafür müsste ich mich wohl auch anders benehmen und anders schreiben, dafür müssten mich auch andere Dinge interessieren), sondern ich will einen kleinen Schritt in eine Richtung gehen, die tatsächlich demokratischer ist, im politischen Sinne, und die diverser ist. Andere beteiligte BloggerInnen haben schätzungsweise andere Gründe, da mitzumachen, ich habe sie nicht gefragt, aber das hier sind meine Gründe.

Und ich hoffe wirklich, es wird noch mehr lustige Leute geben, die sich ernsthaft am Vergleich des Blogbuster-Projekts mit einer „Castingshow“ stören, weil das ihren Dünkel triggert, und die sich vormachen, der Literaturbetrieb wäre kein kapitalistischer und es ginge nicht auch darum, Produkte zu verkaufen, weswegen er popkulturellen Betrieben aller Art überlegen sei. Willkommen im 21. Jahrhundert, ihr Kulturmenschen, ihr könnt nicht deswegen bedröbbelt sein, weil sog. „anspruchsvolle“ Literatur an Geltung verliert und weiterhin auf althergebrachte distinktive Strukturen setzen. Wenn man weiterhin darauf besteht, Leute auszuschließen, wird sich das Publikum nicht eben vergrößern, und: Auch Marcel Reich-Ranicki, der so oft wieder herbeigewünscht wird, würde vermutlich heute nicht mehr funktionieren – so wenig wie die Sketche von Loriot, auch wenn ich beides wirklich bedaure. Mag sein, dass sich einige immer noch den großen Welterklärer, den großen Oberlehrer wünschen, der ihnen sagt, was lesenswert ist und was nicht. Ich fürchte aber, die meisten anderen entscheiden lieber selber und holen sich dazu erst Tipps von unterschiedlichen Seiten – so, wie man heute, bevor man einen Fernseher kauft oder ein Hotel bucht, auch erst im Internet Tests und Rezensionen vergleicht. Wenn die Zahl der Sternchen auf Amazon mehr Einfluss auf die Buchverkäufe hat als die schönen Texte der Literaturkritiker, wird es vielleicht Zeit, die Leute, die die Sternchen verteilen, wenigstens nicht mehr auszublenden. Auch dann, wenn die es irgendwie schaffen sollten, RTL und Gegenwartsliteratur gleichzeitig zu mögen, und deswegen unter der Würde distinktionsbedachter Naserümpfer sind.

P.S.: Die meisten Akademiker, die ich kenne, schauen ab und an Castingshows – und amüsieren sich dabei.

P.P.S.: Wehe ihr schickt mir keine superduper Texte!

P.P.P.S.: Alles Weitere zum Verfahren des Preises erfährt man Ende des Monats auf der Homepage.

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